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Leb wohl, Kreuzpeilung!

Südniedersachsen im späten September. Nebel steigt von den feuchten Wiesen auf, auf der Straße liegen einige bunte Blätter. Zwei Männer erklimmen schweigend und nebeneinander auf ihren Rennmaschinen eine Anhöhe. Der Lack der Rahmen ist mit Raureif beschlagen. Unter dem Heimkehrerdenkmal in Friedland will das Jungschwein sogleich wieder Fahrt aufnehmen, doch mit einer Handbewegung bedeutet der Veteran ihm, stehen zu bleiben.

Mit der Faust presst er sich in die Rippen, mühsam ringt er um Atem. “Meister? Geht es Dir nicht gut?” Das Jungschwein will ihm zu Hilfe kommen. Doch der zerfurchte Kämpe macht eine abwehrende Geste. “Es ist nichts. Gleich geht es wieder!” Dann richtet er sich auf und spricht: “Jan, ich habe Dir etwas mitzuteilen. Lies das!”. er reicht seinem Schüler einen Umschlag. Zögernd nimmt das Jungschwein ihn an, dann öffnet er ihn mit zittrigen Fingern und nimmt die Urkunde heraus.


Eisenschweinkader
Zentrale Führung

Eisenschwein Kreuzpeilung,
Sie werden hiermit angewiesen, sich am Freitag, den 29. 09. 2006 in der Kaderschule des Eisenschweinkaders, Berlin, zum Kaderaufbaulehrgang mit anschließender Verwendungsprüfung zu melden.

Mit vorzüglicher Hochachtung
Im Auftrag
Unterschrift (unleserlich)

Verwundert liest der Jüngling den Brief, seine Stirn in Falten. Nochmal fliegt sein Blick über die Zeilen, dann zu seinem Meister. “Aber Meister, ich… wir….”
“Jan,” sagt der Alte, “Du wusstest, dass dieser Tag kommen würde. Ich kann Dir nun nichts mehr beibringen. Ich habe dich das Fahren von Marathons gelehrt, das Rennradfahren brachte ich Dir bei, ja das Saufen konntest Du bei mir abgucken. Zusammen haben wir dafür gesorgt, dass Du ein ordentliches Handwerk lernst und dabei so manchen Kaffee getrunken und viele Schnitzel vertilgt. Die Zeit ist nun reif, dass Du hinaus gehst und Deinen Platz in der Welt findest!”
“Du wirst doch mit mir gehen, oder wenigstens nachkommen, Meister?” fragte der treue Jüngling mit banger Stimme. “…Meister?”
Der Alte spricht (dabei fährt die Hand mit großer Geste über die weiten Lande): “Dieses Land habe ich befriedet, als ich ein Jungschwein war, so wie Du jetzt. Für unseren herrlichen Kader und zum Wohl von Mensch und Tier. Du wirst es an einer anderen Stelle genau so tun, wie ich es einst tat. Und Du wirst manches besser machen.
Ich aber bin müde geworden, der Herbst ist angebrochen und ich sehne mich nach Frieden und einem warmen Platz am Herd. Geh jetzt. Lass mich hier zurück. Und ich möchte, dass Du das hier trägst!” “Aber Meister, Deine unverwüstliche Radhose mit dem verglasten Polster!” “Ich weiß, dass Du Ihrer würdig bist.” Tränen laufen über die rauhen Wangen der beiden Kämpen. Dann wendet sich der Alte ab und fährt langsam den Weg hinab. Der Junge sieht im eine Weile nach, dann, mit entschlossenem Blick, schwingt er sich in den Sattel und fliegt der Sonne entgegen. Berlin wartet, Göttingen versinkt im Dunst der Vergangenheit.

Mach es gut Jan, Du alter Rabauke! Du wirst mir fehlen!

Kp und Onkel

8 Kommentare

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  • Eine gute Frage! Dummerweise ist dies nicht überliefert. Aber ich hatte eigentlich eher so eine Übergabe des gefalteten Relikts (ausnahmsweise nicht vom alten Meister getragen) vor augen. So ist das eben…

  • Gut, dass du nochmal ein Foto beigepackt hast, wir hatten gestern schon überlegt, wie sieht die Kreuzpeilung eigentlich aus? Na dann kann der Jüngling mal kommen. Frischfleisch ist immer herzlich willkommen in unserem triesten rauhen Alltag!

  • Tränen der Rührung verhinderten bisher, dass ich einen leserlichen Text tippen konnte. Doch nun, da die Augen wieder trocken sind, freue ich mich auf das Schwein, dass da kommen wird. Kommen wird, in das Land wo Milch und Honig fließen, für die, die sich schinden wollen. Die, welche bereit sind ihre Mütter zu verkaufen, um richtig harte Eisenschweine zu werden. Willkommen Kreuzpeilung, Willkommen daheim.

    Onkel,
    halte bitte die Augen nach weiteren Talenten offen, auch wenn sie schon fast gebrochen.

  • Bestimmt! Außerdem sind ja auch meine Tage in Göttingen sicher bald gezählt, ich werde es verwinden können, wenn es auch hart wird. und außerdem:

    Lieben heißt loslassen können! 😉

    Ich werde die Zeit die mir noch bleibt ganz in Jockels Sinne mit dem Neuaufbau von Talenten verbringen.

  • Uff, das rührt mich zu tiefst, auch wenn es auf dem Foto eher nach dem Gegenteil aussieht. Tja, war leider im Sachen job auf nem Bewerbertag in Stuttgart, weswegen ich gestern nicht vorbei kommen konnte.
    Sobald alle Behörden und Umzugsformalitäten erledigt sind, will ich mich mal dem Ingangsetzen der Drahtesel widmen.
    Schon mal als Vorwarnung an Arthur:Ich liebe es, tagelang in Fahrradläden rumzulungern.

    Aber Meister sei nicht allzu traurig, denn zu ein oder zwei Rennen des KSGC bist du fest eingeplant.
    Und da kannst du dem gesamten Kader nochmal zeigen wo der Hammer hängt, so auf deine alten Tage.
    Kannst ja jetzt jeden Tag trainieren nachdem du deine 7 h für die Diss. runtergerissen hast und wir wissen ja jetzt auch alle, dass man epo nicht mehr nachweisen kann, nachdem einem ein wenig Waschpulver in den Plastikbecher gefallen ist.

    Berlin : I freu mi

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