Westalpen: von Bern ans Mittelmeer

Der Morgen war kalt und neblig. Ohne Frühstück ging’s rauf auf’s Rad und die letzten 300 Höhenmeter zum Mittelbergpass wurden in Angriff genommen. Heute sollte hier in der Region ein Radrennen stattfinden, so war auf der Passhöhe auf 1600m ein Zielbogen aufgespannt. Erster! Ganz klar.


Mittelbergpass (1600m)

Die ersten schnellen Höhenmeter dieser Tour hinab auf schmalem Teerband nach Saanen, Gstaad. Dann auf größerer Straße leicht bergan nach Gsteig und zur Seilbahnstation. Ja richtig, ich wollte mit der Seilbahn abkürzen. War aber von langer hand geplant, um die Gesamtstrecke in der angedachten Zeit zu schaffen. Steil und mit flauem Magen flog die Gondel hinauf zum Sanetsch-Stausee. Oben gab es erstmal einen Cappuccino in der Sonne, ehe es noch etwa 250hm hinauf zum Col du Sanetsch (2252m) ging.


Blick aus der Seilbahn auf Gsteig


Sanetsch-Stausee


Col du Sanetsch (2252m)

Ewiglange Abfahrt tief ins Tal. Unter schon mediterranes Flair mit in vollem Saft stehenden Weinhängen. Mehrmals verfahren inklusive Fusswanderung quer durch die Rebstöcke. Im Talboden auf breiter Straße 20 unglaublich anstrengende Kilometer bei sturmartigem Gegenwind. Selbst im drittkleisten Gang im Wiegetritt leicht talabwärts(!) zeitweise kaum mehr als Schrittgeschwindigkeit. Flüche vom Sturm verschluckt. In der Ortschaft Martigny schon später als geplant (14:30). Nun nurnoch die reizvolle Strecke über den Stausee Lac Champex in das Nachbartal. Hätte ich mich mal besser vorbereitet. In der Nachmittagshitze warteten unglaublich steile 24 Serpentinen und über 900hm auf mich. Rückblickend die härtesten Kilometer der ganzen Tour. Der Schweiß lief in Stränen. Und dann hatte die höchste Stelle oben am See nichtmal eine Passbezeichung. Oben Hungerast. 16:30 und bisher nur einen Kaffee und zwei Riegel den ganzen Tag. Spaghetti Bolo und aufziehende Wolken. Wieder 800hm bergab. Kalt. Die letzten Kilometer recht flach im Tal bergan und dennoch nur im kleinsten Gang und unter großen Anstrengungen.


Auffahrt im Ferret-Tal

Später als geplant, immerhin, erreiche ich in die kleine Ortschaft La Fouly. Hotel, nein danke. Örtliche Herberge, ausgebucht. Die Wanderkarte im Ort zeigt eine Berghütte zwei Kilometer talaufwärts und etwas von der Straße weg. Ohne Kenntnis und nach letzten 100hm auf Schotter sowie bei Nieselregen erreiche ich die winzigkleine Hütte. 2×10 Bettenlager, zum Abendbrot Käsefondue, Vorspeise Pilzsuppe und somit zum ersten Mal im Leben Pilze gegessen. Sehr nette Hüttenwirtin, nur eine andere Wandergruppe. Duschen, Bierchen teuer. Die Wanderer lassen mich mit französischen Liedern in den Schlaf sinken.

Tag 2: Ablänschen – La Fouly: ~100km / 2500hm (ohne Seilbahn)


Cabane Lechere, La Fouly

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13 Antworten auf “Westalpen: von Bern ans Mittelmeer”


  • Robsen, du bist schon ein grandioser Spinner! Haste fein gemacht Großer.

  • Rob, du coole Sau! Gern wäre ich an deiner Seite gewesen, hätte Ausblicke, Abfahrten, Gewitter, Sonnenbrand und Wein mit dir geteilt! Ein tolle Tour und ein toller Bericht! Wirklich Rob, vielen Dank für die Eindrücke, die Motivation und die Inspiration! Ja, da ist er wieder – der Herr Stelzenacker, der einsame Held staubiger Landstraßen!

    Hut ab, ergebens, dein Herr Kemper

  • Toll Rob! Heldenhaft, cool, wunderbar :)
    Vielen Dank für die grandiosen Fotos und den schönen Bericht.

  • Jojojo, echt großen Respekt vor der Leistung und Deiner zähen Beharrlichkeit unbedingt draußen schlafen zu wollen. Bett und Dusche am Abend sind das absolute Muss für mich bei einer solchen Tour. Und bei der nächtlichen Aktion in Verona wäre ich wahrscheinlich schon nach 10 Minuten ins Hilton für 250,-€… ;-)))

  • Rob, ich bin einfach nur sprachlos! Nach 2 Tagen im Sattel und ein paar Höhenmetern ohne Gepäck ist mein Körper schon ziemlich am Ende. Grandioser Bericht, jetzt muß ich mir erstmal in Ruhe die Bilder ansehen.

  • Rob, danke für diesen grandiosen Bericht und Respekt für dieses Unterfangen!

    Ampel

  • Rob, haste fein gemacht. Falls du mal einen nicht murrenden Partner für solch ein Abenteuer brauchst und die Familie mir frei gibt bin ich zu allen Schandtaten. bereit. Bei dem Bericht verblassen natürlich unsere mini Schotterpassagen der letzten 2 Tage in Harz und Kyffhäusergebirge.

  • Wow! Ich gehöre ja auch zu denen, die abends ein Kopfkissen unter dem Haupt wünschen und fließend Warmwasser. Das erhöht meinen Respekt vor Deiner Erlebnistour. Nur nachmachen möchte ich es nicht, solange der Kreditkarte noch etwas abzupressen ist… ;-) Besten Dank für die schönen Impressionen.

  • Geiler Ritt Rob! Und Mümmeltüte war die richtige Entscheidung für die Nacht, oder?
    Wenn die Partner noch einigermaßen auf hartem Boden nächtigen können findet sich der Rest dann auch.

  • Sprachlos!
    Ich wünschte, ich würde mich auch mal so was trauen.
    Großen Respekt, Rob!

  • Stefan (Team Erbeskopfmarathon)

    Hey Rob, absoluten Respekt. Würde mir selbst die Zeit, die Kondition und den Mut für ein solches Unterfangen wünschen. Auf die Annehmlichkeiten der modernen Welt (wie z.B. Matratzen, Kissen, Seife :-) …) könnte ich für ein solches Erlebnis locker verzichten. Bin selbst ab und zu der Typ für solche „Alleine-Touren“, bei denen man alle Eindrücke ungestört in sich aufsaugen kann. Manchmal (nicht immer) sind Ruhe und überwältigende Gefühle wichtiger als immer alles zu „teilen“. Deswegen ist Deine Leistung nicht weniger „wert“. Dein Bericht ist alles andere als langweilig. Ich hoffe, Du fühlst Dich großartig !!

  • Habe mir erlaubt, einige dieser für Sterbliche unerreichbaren Pässe abzuspeichern, damit ich sie, immer wenn ich mich für einen guten Radfahrer halte, als Hintergrundbild aufleuchten lassen kann. 5 Sterne!

  • Toller Bericht, tolle Fahrt, und viel Respekt für die Alleinfahrt

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