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Auf der Suche nach fehlenden Sekunden

Nur noch wenige Tage sind es bis zur großen Veranstaltung des ESK Einzelzeitfahrens. Die Vorbereitungen sind im vollen Gange und das große Ziel lautet den Pokal zurück in die eigenen Reihen zu holen. Diese Schmach entstand in einem Moment der personellen Schwäche. Hier wagte es ein Höhlenterrorist im Kampf gegen die Uhr und den ESK sich einen Klumpen Stein unter den Nagel zu reißen.

Das soll und kann so nicht bleiben. In akribischer Feinarbeit wurde Stärken/Schwächen-, Strecken- und Materialanalysen vorgenommen. An der Strecke konnte nicht viel rumgefeilt werden, die Analyse der Bremspunkte ergab nur marginale Zeitverbesserungen.

Am Gerät wurden die Gänge berechnet, die für eine Siegfahrt in Frage kommen und die Kette entsprechend eingekürzt, um auch das letzte Gramm am Kohlenstoffboliden einzusparen. Der Vorbau wurde um seinen Spacerturm gebracht und damit die Aerodynamik erheblich verbessert. Ein ADAC-Test hat mich dann noch auf die Idee gebracht, meine abstehende Beinbehaarung nicht etwa durch eine Rasur zu entledigen, sondern durch eine Damenstrumpfhose unter Kontrolle zu bringen. Wenn bei Autos die momentan in Mode gekommen Staatsbeflaggung einen Spritmehrverbrauch von bis 20% ausmacht, dann kann bei meinem Trainingszustand eine Zeitverbesserung im ähnlichen Bereich durchaus meine Siegchancen erhöhen.

Apropos Trainingszustand: In Ermangelung an Zeit versuchte ich meine mentale Stärke auszubauen und blieb Veranstaltungen, in denen ich zur Zeit nur miserabel abschneiden würde, fern. Manch einer nennt mich deswegen eine Pfeife, weil ich mit einigen Leuten nichts mehr unternehme. Aber diese sind mir einfach zu schnell. Ich suche mir daher Leute die deutlich langsamer sind oder fahre alleine. Schließlich trainiere ich für ein Einzelzeitfahren.

Am letzten Sonnabend hatte ich mich mal wieder entschlossen mit so einer langsamen Truppe zu fahren, um mir zu zeigen wie gut ich bin. So eine Tour muss ja auch nicht unendlich lang sein, aber in schöner Umgebung und mit seinen besten Kumpels kann einem schon mal die Zeit wie im Fluge vergehen. Dazu fährt man einfach los, fährt und fährt und fährt. In Gedanken versunken, sitze ich auf dem Boden starre drei blutige Taschentücher an und frage mich was hier los ist. Wo sind wir eigentlich losgefahren, und warum. Wieso ist alles so verschwommen, ah, meine Brille sitzt nicht da wo sie sein soll, aber egal, schließlich weiß ich auch nicht mehr wo ich eigentlich hinwollte und in den Taschentüchern steht es auch nicht. Ich glaube G. versucht gerade mit irgendeiner Hotline zu telefonieren, vermutlich weil er auch nicht weiß, wo wir sind. Der Ampel tüdelt irgendwas was an mein Rad rum, ach da ist meine Brille. Ich setze sie auf, aber es wird trotzdem irgendwie nicht klarer. Das zu große Telefon an Boerges Rad versucht mit Boerge zu sprechen oder ist es umgedreht, ich verstehe sie nicht.

Irgendwann stelle ich fest, dass ich neben meinem Rad laufe, da alle anderen auch laufen, gehe ich davon aus, dass das in Ordnung ist. Vermutlich ist die Strecke für die anderen nicht fahrbar. Um sie nicht zu debütieren, tue ich es ihnen gleich. Dann machen wir schon wieder Pause. Ich setze mich in die Sonne und versuche zu erforschen, wie lange wir eigentlich schon unterwegs sind, es gelingt mit nicht. Ich fürchte, dass mein Tempo zu hoch war und die anderen jetzt eher nach Hause wollen. Irgendwer hat ein Taxi bestellt. Anscheinend sind wir doch schon erheblich weiter gefahren, als alle wollten, denn das Taxi hat nicht übliche besch-gelbe Farbe, sondern ist rot-weiß angemalt. Rot-weiß? Ah Polen, ich habe die Grenzkontrollen gar nicht mitbekommen. Ich glaube jetzt will der Taxi-Fahrer aber meinen Ausweis sehen, warum G. ihm mein Krankenkarte hinreicht ist mir nicht ganz klar. Ich befürchte wie bei meiner letzten Polentour, dass ich gleich nach Warschau geschickt werde und mir einen Ersatzausweis bei der deutschen Botschaft ausstellen lassen muss. Nach dem Gerumpel der Straße zu urteilen sind wir kurz vor Warschau. Irgendwann werde ich in horizontaler Lage aus dem Taxi getragen, vermutlich weil ich nicht noch mal illegal polnischen Boden berühren soll. Dann werde ich nach meinem Namen gefragt und soll vermutlich Passbilder machen lassen, die freundliche Dame vom Fotostudio kann sehr gut deutsch. Sie macht ein Bild vom Profil und von vorne. Das alberne Schürzchen, was ich mir in den Schritt halten soll, ist hoffentlich auf dem Foto nicht zu sehen. Dann werde ich auf ein Zimmer geschoben, wo ich auf weitere Botschaften warten soll. Irgendwann kommt der Botschafter und sagt etwas von 48h. Ich versuche ihm klarzumachen, dass selbst 24h für einige zu hart ist, aber er meint nur 24h ist nur was für Affen und kleine Kinder.

Seit dem sitze ich hier und warte schon mehr als eine Nacht und einen Tag auf meine Ausreise. Dabei überlege ich, wie ich diesen Vorgang beim Zeitfahren wiederholen und umkehren kann, dass zwischen Start und Ziel mehr Zeit in Wirklichkeit vergeht als im eigenen Kopf. Wenn ich es schaffe diese Zeit-Raum-Krümmung beim Einzelzeitfahren gezielt einzusetzen, dann ja dann habe ich endlich einen Weg gefunden, wo man zu viele Sekunden einfach so verschwinden lassen kann ohne dem 2Bier diese verflixte Wurzel in die Speichen zu hauen, die er mir da hinterhältig hingelegt hat.

ritzelflitzer

14 Kommentare

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  • Mensch Ritzel, müssen wir uns ernsthaft Sorgen machen, oder wird man Dich vielleicht irgendwann wieder heim in die Mark lassen?

    Gute Besserung
    stw

  • Am letzten Sonnabend hatte ich mich mal wieder entschlossen mit so einer langsamen Truppe zu fahren, um mir zu zeigen wie gut ich bin.

    Rifli, es passierte Gestern am Sonntag , nicht am Sonnabend;)

    Gute Besserung!

    Ampel

  • Mensch Rifli, gib mir 2Bier aus und wir können über alles reden! Ein Paradoxon im Raum-Zeit-Kontinuum ist eine ernste Sache, da sollte man einen ordentlichen FLUX-Kompensator dabeihaben. Gute Besserung, wir sehen uns am Sonntag.

  • …und das Taxi war gelb, wenn auch mit etwas rot. Aber es war gelb!!!

    Noch ein Tipp: Rifli, die Löwen! Du hast die Löwen vergessen!

  • Oh Gott, er lebt! Und immerhin kann er Hirn und Finger mobilisieren.

    Im Übrigen halte ich TwoBeers noch bis Sonntag Abend in meinem Keller fest. Seiner Frau habe ich erzählt, wir sind auf einer Bootstour im Spreewald.

    Gute Besserung!

  • Fakt ist jedenfalls eins: Wenn man sicher sein könnte, dass mehr oder weniger starke Schläge auf Riflis Schädel zu derlei prosaischen Höhenflügen führen, muss man sich für die Zukunft etwas einfallen lassen…

  • Noch ein Tipp: Rifli, die Löwen! Du hast die Löwen vergessen!

    Leider auch die 350 Tacken, die das Taxi gekostet hat!
    Gottseidank hat er sich doch nicht “die Lichter ausgeschossen wie noch nie!”
    Glaubt mir, wir haben alle riesiges Glück!

  • Nach allen Informationen, die ich erhalten habe, müsstest Du doch noch im Krankenhaus im Kittel (und in Damenstrumpfhosen) sitzen und viele komplizierte Untersuchungen erdulden. Bist Du schon wieder daheme? Und steht irgendwo in diesem Bericht, in einem Zeilenzwischenraum, den ich nicht finde, dass Du gesund und heile bist? Kannst Du überhaupt noch klar sprechen oder wirst Du von nun an so reden wie Du gerade schreibst? Fragen über Fragen. Ick hoffe, Du bist jesund!

  • Außer ein paar heftige Nackenschmerzen und die fehlenden Sekunden, die sich mittlerweile durch Recherchen auf Minuten ausgedehnt haben, ist alles ok. Danke an alle die mich da rausgeholt haben, im Krankenhaus besucht haben und an mich gedacht haben.

    Falls jemand auf die Idee kommt, es mir gleich zu tun, lasst euch nicht mehr in diesem Jahr im Rüdersdorf einliefern, wartet lieber die Eröffnung des Neubaus ab. Es sei den er möchte zusätzlich zum Blackout eine Reise in die Vergangenheit machen und den Ostalgie-Charme eines heruntergekommen Krankenhauses bewußt erleben.

    Und wenn einer die Episode von Werner Brösel im Krankenhaus kennt, ich weiß jetzt sie war keine Fiktion sondern harte Realität: 5:55 Uhr GUUUUTEN MOOOOORGEN, AAAAUFSTEEEEEHN, WASCHI WASCHI…..
    Wenn ich Folgeschäden habe, dann durch diese morgendlichen Weckmethoden.

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