Westalpen: von Bern ans Mittelmeer

Ernüchterung machte sich breit, als ich an meinem Ziel, der Italienischen Mittelmeerküste, ankam. Doch nicht nur beim Blick auf die Weiten des Wassers und die glitzernden Wogen, auch unterwegs übermannte mich manchmal ein nüchternes Gefühl der Sinnlosigkeit eines solchen Unterfangens. Es hatte etwas mit der Einsamkeit zu tun, denn ich habe diese Strecke ja ohne Begleitung zurückgelegt. Gerne unternehme ich alleine eine Radtour, man ist mit sich und der Umwelt, trifft eigenständig Entscheidungen und kann seine Gedanken in Ruhe schweifen lassen. Was mich aber bei dieser Reise mit der Zeit immer mehr störte, war, dass ich die großartigen Eindrücke nicht mit Gleichgesinnten teilen konnte.

Ich hatte das Gefühl, dass sie dadurch an Bedeutung verloren. Zu jeder Tageszeit wird man von Bergpanoramen überschüttet, von Ausblicken, Einblicken, von tollen Serpentinenanstiegen und atemberaubenden Abfahrten, von begeisternden Details an der Strecke. Doch man wird dessen fast satt. Noch ein heroischer Pass, und noch einer. Und hinzu kommt warscheinlich noch der Fakt, ohne diesem Reisebericht im Vorhinein die Spannung nehmen zu wollen, dass fast alles perfekt gelaufen ist. Obwohl ich eine derartige Tour noch nie gemacht habe und zum ersten Mal auch mit Schlafsack im Gepäck unterwes war, hat alles hingehauen. Die Etappen- und Streckenplanung, das tolle Wetter, die Verpflegung, keine Defekte am Rad oder Stürze, meine Kondition, die Übernachtungen. Nahezu jedes Detail war perfekt. Also gibt es eigentlich kaum was zu erzählen, Leute. Soviel zur ernüchternden Langeweile.


Das gute alte Somec mit Gepäckträger, 28er Bergritzel, MTB-Klickpedalen und nagelneuer Continental Grand Prix Classic Bereifung statt anfälliger Schlauchreifen

Vor ein paar Monaten hielt ich eine Reliefkarte von Frankreich in der Hand. Ein wunderschönes Land und eine wunderschöne, wenn auch teufliche Sprache. Nach einer Weile fiel mein Fokus auf diese vielen Spitzen und Erhebungen in der französisch-italienisches Grenzregion. Einmal durch dies Westalpen, all die bekannten und berüchtigten Passstraßen der Tour der France fahren und dann am Mittelmeer aufschlagen, das muss großartig sein! Und so reifte dann auch die Planung. Das Ziel war also gesetzt, fehlte nurnoch der Startort. Da ich gerne Eisenbahn fahre, war dieser schnell ermittelt. Nur einen halben Tag sollte die Fahrt mit der Deutschen Bahn nach Bern in der Schweiz dauern. Das machte sich gut.
Eine Neuerung bei der diesjährigen Rennrad-Alpentour sollte sein, dass ich, gutes Wetter vorausgesetzt, alternativ draußen statt in Hotel oder Pension übernachten wollte. Das hält die Tourplanung flexibel und beinhaltet ja auch einen gewissen Abenteuerfaktor. Außerdem ist es deutlich günstiger.
Dennoch ergänzte ich meine Ausrüstung, wie sie sich im Vorjahr erprobt hatte, lediglich um eine Satteltasche sowie einen kleinen Schlafsack, einen sehr leichten dünnen Biwaksack und eine faltbare Aluminiumisomatte – kein Zelt. Das Zusatzgepäck wurde auf einem leichten Gepäckträger hinten am Rad befestigt. Der ganze Rest musste in meinem altgedienten Rucksack (20l) Platz finden. Wie erhofft war die Witterungssituation in den Westalpen für die ganze Woche stabil gut vorhergesagt, typisch für Anfang September. So musste ich mich bei Packen nicht auf sieben Tage Dauerregen einstellen.


Der Blick in der ersehnten Berge

Nach einem morgendlichem Umweg über den Radladen (ich hatte mein Handy in der bude liegenlassen) fuhr der ICE mit mir um halb sechs in Berlin los, um, wegen eines „Personenschadens im Gleis“ kurz hinter Hannover, mit einer Stunde Verspätung in Bern um 15:30 anzukommen. Noch schnell einen Dürüm Döner geklinkt und endlich konnte es losgehen auf die große Fahrt.
Die Idee war (was natürlich auch gut geklappt hatte), am ersten Tag etwas mehr Strecke zu fahren als geplant, um auf den nächsten, schwereren Etappen etwas Luft zu haben. Ein paar unbedeutende Hügel summierten sich zu einigen hundert Höhenmetern, ich passierte Fribourg und später ging es am Abend in den ersten richtigen Anstieg hinauf Richtung Jaunpass. Hinter der Ortschaft Jaun jedoch schwengte ich rechts ab auf eine schmale Nebenstraße, die sich bergan zum Mittelbergpass schlängelte. Doch es dämmerte schon sehr und wurde empindlich kühl. Also nutzte ich die kleine Bergsiedlung Abländschen, um mir ein Abendquartier zu suchen. Die erste Nacht wollte ich unter freiem Himmel verbringen. Ich fand überhalb der Straße einen alten Heuschober, dessen Front nach Süden ausgerichtet war (Sonnenaufgang) und mit ein paar Holzplanken versehen war, auf denen sich die Isomatte gut ausbreiten ließ. Zu Essen gab es in Berlin gekauftes Brot, Käse und Oliven. Als ich in den Schlafsack kroch, war es schon finster und der Sternenhimmel leuchtete grandios.


Die nächtliche Ruhestätte am nächsten Morgen

Tag 1: Bern – Abländschen: ~90km / 900hm

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13 Antworten auf “Westalpen: von Bern ans Mittelmeer”


  • Robsen, du bist schon ein grandioser Spinner! Haste fein gemacht Großer.

  • Rob, du coole Sau! Gern wäre ich an deiner Seite gewesen, hätte Ausblicke, Abfahrten, Gewitter, Sonnenbrand und Wein mit dir geteilt! Ein tolle Tour und ein toller Bericht! Wirklich Rob, vielen Dank für die Eindrücke, die Motivation und die Inspiration! Ja, da ist er wieder – der Herr Stelzenacker, der einsame Held staubiger Landstraßen!

    Hut ab, ergebens, dein Herr Kemper

  • Toll Rob! Heldenhaft, cool, wunderbar :)
    Vielen Dank für die grandiosen Fotos und den schönen Bericht.

  • Jojojo, echt großen Respekt vor der Leistung und Deiner zähen Beharrlichkeit unbedingt draußen schlafen zu wollen. Bett und Dusche am Abend sind das absolute Muss für mich bei einer solchen Tour. Und bei der nächtlichen Aktion in Verona wäre ich wahrscheinlich schon nach 10 Minuten ins Hilton für 250,-€… ;-)))

  • Rob, ich bin einfach nur sprachlos! Nach 2 Tagen im Sattel und ein paar Höhenmetern ohne Gepäck ist mein Körper schon ziemlich am Ende. Grandioser Bericht, jetzt muß ich mir erstmal in Ruhe die Bilder ansehen.

  • Rob, danke für diesen grandiosen Bericht und Respekt für dieses Unterfangen!

    Ampel

  • Rob, haste fein gemacht. Falls du mal einen nicht murrenden Partner für solch ein Abenteuer brauchst und die Familie mir frei gibt bin ich zu allen Schandtaten. bereit. Bei dem Bericht verblassen natürlich unsere mini Schotterpassagen der letzten 2 Tage in Harz und Kyffhäusergebirge.

  • Wow! Ich gehöre ja auch zu denen, die abends ein Kopfkissen unter dem Haupt wünschen und fließend Warmwasser. Das erhöht meinen Respekt vor Deiner Erlebnistour. Nur nachmachen möchte ich es nicht, solange der Kreditkarte noch etwas abzupressen ist… ;-) Besten Dank für die schönen Impressionen.

  • Geiler Ritt Rob! Und Mümmeltüte war die richtige Entscheidung für die Nacht, oder?
    Wenn die Partner noch einigermaßen auf hartem Boden nächtigen können findet sich der Rest dann auch.

  • Sprachlos!
    Ich wünschte, ich würde mich auch mal so was trauen.
    Großen Respekt, Rob!

  • Stefan (Team Erbeskopfmarathon)

    Hey Rob, absoluten Respekt. Würde mir selbst die Zeit, die Kondition und den Mut für ein solches Unterfangen wünschen. Auf die Annehmlichkeiten der modernen Welt (wie z.B. Matratzen, Kissen, Seife :-) …) könnte ich für ein solches Erlebnis locker verzichten. Bin selbst ab und zu der Typ für solche „Alleine-Touren“, bei denen man alle Eindrücke ungestört in sich aufsaugen kann. Manchmal (nicht immer) sind Ruhe und überwältigende Gefühle wichtiger als immer alles zu „teilen“. Deswegen ist Deine Leistung nicht weniger „wert“. Dein Bericht ist alles andere als langweilig. Ich hoffe, Du fühlst Dich großartig !!

  • Habe mir erlaubt, einige dieser für Sterbliche unerreichbaren Pässe abzuspeichern, damit ich sie, immer wenn ich mich für einen guten Radfahrer halte, als Hintergrundbild aufleuchten lassen kann. 5 Sterne!

  • Toller Bericht, tolle Fahrt, und viel Respekt für die Alleinfahrt

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