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L’Eroica 2008 – Interview Dieter Kemper

IRN Berlin. IRN präsentiert Ihnen Ausschnitte des Interviews mit Dieter Kemper zur L’Eroica 2008. Kaum acht Stunden nachdem Dieter Kemper die Heilanstalt am Stadtrand Berlins verlies, empfing er Didi A. Senftenberg für ein erstes Gespräch zu Details der frühen Rennphase der L`Eroica 08, in seinem Haus.

Ein noch sichtlich mitgenommener Kemper stand mit Rollkragenpullunder, roten Stricksocken und einer warmen Filzhose vor unserem Journalisten Im Hintergrund prasselte das Kaminfeuer und dampfend heißer Tee stand auf dem gemütlich eingedeckten Tischchen. Frau Kemper servierte selbstgebackene Kekse und setzte sich dann zu den beiden Männern, um mit ihrem Strickwerk – einer weißen Mütze – fortzufahren.

IRN: Herr Kemper, offensichtlich steckt Ihnen das Rennen noch sehr in den Knochen. Wie kann es ein, dass Sie sich offensichtlich, trotz mehrfacher Teilnahme an der L`Eroica, so verkalkulierten?

Kemper: Ist es nicht das, was unseren Sport so spannend macht? Einmal unterwegs, ist man auf sich allein gestellt. Darin liegt Gefahr, aber auch die grenzenlose Freiheit, die jeder Rennfahrer in den langen Minuten der Einsamkeit auf den staubigen Landstraßen schon erlebt hat. Ich muss aber sagen, dass dieses Rennen für mich das Ende bedeutet hätte, wenn nicht Staub und Stelzenacker mich in der ersten Stunden des Rennen unter ihre Fittiche genommen hätten.

IRN: Herr Kemper, nun werden immer wieder die ersten Stunden des Rennens als besondere Härte beschrieben. Was genau ist denn passiert?

Kemper: Herr Seifenberg, Sie können es sich wahrscheinlich nicht vorstellen – Frost, schneidender Wind – die Scheiben der Begleitfahrzeuge vereist! Ich hatte die Situation unterschätzt. Die Amerikaner um Turgau schälten sich in neumodische Fasern, während Stelzenacker, Staub und ich die Gazetta unter das Wolltrikot fummelten. Verdammt ja – es hat doch sonst auch gereicht! Wir sind dann zu Dritt runter an den Start. Kurz vor Gaiole eine scharfe Kurve. Gerade will ich bremsen, da hängen mir nur links und rechts Eisblöcke aus dem Trikot! Da wusste ich – Dieter, da ist was faul, das wird jetzt kernig!

IRN:
Sie wussten also schon vor dem eigentlichen Start dass Sie Probleme bekommen würden?

Kemper: Natürlich! Aber was sollte ich machen!? Stelzenacker und Staub waren tiptop aufgestellt! Die brauchten jetzt kein Gejammer. Die wollten Italien in Schutt und Asche legen. Denen brannte das Feuer unter den Nägeln! Also stehe ich irgendwie die Fahrerregistrierung durch und steige schon im Wahn auf den RU-FA. Staub und Stelze drücken tüchtig drauf und ruckzuck schießen wir wie die Bekloppten an den Italienischen Mannschaften vorbei. Die Amerikaner habe ich nicht mehr gesehen – die tüttelten mit Kapuzen, Handschuhen und sonn Plastikzeug rum. Da liegt kein Segen drauf.

IRN:
Stelzenacker und Staub waren also der Kälte gewachsen?

Kemper: Wissen Sie, Herr Saftenberg, in meinem Alter hangelt man sich noch so von Saison zu Saison. Die Glieder werden nicht geschmeidiger im Alter und ich denke, ich hatte an dem Morgen hart daran zu beißen. Ich habe eigentlich nichts mehr gemerkt. Nur Siggis Rufe doch dran zu bleiben und auch Stelze hat versucht mich aus dem Wind zu halten. Wir sind dann an der Unterkunft vorbei und ich denke noch “Mensch, jetzt aber ab unter die Federn, bevor du hier elendig verreckst!”, doch da waren wir schon vorbei. Auch die ersten Berge, an denen ich sonst immer wieder auftaute, haben nix geholfen. Keine Füße, keine Hände – tot. Aus die Maus… . Hinzu kam, dass der RU-FA von den Technikern auf leicht vorbereitet war. Kein Teil zu schwer – fast unter 11KG die Maschine! Das geht natürlich nicht ohne Abstriche. Der Kahn ist weich wie ein Lämmerschwanz. Das Ding hat unter mir gezittert, dass es mich fast in den Graben gehauen hätte. Dann wäre ich sicher eingeschneit… .

IRN: Wie haben Sie denn wieder zurück ins Rennen gefunden?

Kemper: Na – ohne Siegfried und Robert wäre da nix mehr gelaufen! Die haben mir die ganze Zeit was erzählt, weil ich fast wegsackte. Dann irgendwann fuhr ja Stelzenacker platt – habe ich kaum mitbekommen. Siggi war wie entfesselt. Im Unterlenker hat der Feuer gelegt! Ich sage Ihnen, Herr Sentzenberg…

IRN: Senftenberg, bitte…

Kemper: … Staub hat volle Attacke gefahren! Die Italiener sind auseinandergespritzt, als ob man mit der flachen Hand in die Sahnetorte schlägt! Ich hing drin und hab nur noch Sterne gesehen. Dann – irgendwann gegen 9:00, oder so – da scheint die Sonne eben über den Horizont. Langsam sickern ihre Strahlen durch die Frühnebel der Toskana. Hundert, zweihundert Meter vor mir Staub und ein Italiener. Ich musste gerade abreißen lassen. Da schiebt sich – wie die Hand der Geliebten – die wärmende Sonne unter mein Trikot (Anm. d. Red.: Er blinzelt seiner strickenden Ehefrau zu). Plötzlich spüre ich den Hauch des Lebens, das treue Rad unter mir, die Straße, den Staub – die Beine! Ich begreife schlagartig was Siggi da für mich getan hat und ich wusste, dass er von mir mehr erwartete, jetzt wo es hier in Montalcino in die Berge ging. Also raus aus dem Leder und unten angefasst! Der Berg war meine Rettung. Jetzt kam mir das Feilschen um jedes Kilo zu Gute. Wie ein Schmetterling konnte ich über die Hügel drücken. Den Schalthebel habe ich ganz aus den Augen verloren. Kurz vor der zweiten Verpflegung habe ich dann den führenden Italiener eingeholt. Wir sind dann zusammen rein. Die Betreuer waren ganz aufgeregt, haben uns die Räder gehalten und Wein eingeschenkt und so. Perfekte Organisation, hervorragende Verpflegung – einfach eine Klasse für sich! So Herr Sanftenberg, nun muss ich aber… .

IRN: Eine letzte Frage noch Herr Kemper…?!

Kemper: Bitte…

IRN: Denken Sie schon manchmal an Ihren Rücktritt?

Kemper:
Da schneiden Sie was an, Herr Setfenberg! Das Thema würde ich aber gern auf die Fortsetzung unseres Gesprächs verschieben – wenn es Ihnen recht ist.

Didi A. Senftenberg für © IRN Berlin (Investigated Racing News Berlin)

menis

radfahrer

8 Kommentare

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  • Nicht nur die Rennfahrer haben Heldenhaftes geleistet, auch die Berichterstattung übertrifft alles in den anderen Schmierengazetten zusammen Gestopeltes. Ganz, ganz großes Kino, die Herren!

  • Irgendwie kommt mir der Stil bekannt vor…Stefanie steht die ganze Zeit neben mir und bewundert diesen Bericht und die Heldentaten. Und wartet auf die Fortsetzung!

  • grandios, mir fehlen die worte, hochachtung an den schreiberling und an die heldenhaften rennfahrer die dieses erst alles möglich gemacht haben. DANKE

  • Gestern Abend ging es ja bereits durch die TV-Nachrichten: der IRN-Reporter Senftenberg wurde am Nachmittag beim Gassigehen mit seinem Dackel von der Hundeleine erfaßt und schwer verletzt ins Urban-Krankenhaus gebracht, wo er wenige Stunden später seinen Verletzungen erlag…

  • Da wartet man gerade auf den Bus Richtung Lombardai, liest mit Genuss die epischen Berichte über die Heldentaten des ESK in der Toscana – wo ich heuer leider gefehlt habe, mein Mannschaftsführer hat eingesehen, dass das Formtiefs bodenlos war – und leidet und lacht mit den heldenhaften Protagonisten…

    Und dann sowas: Dieter, mein Idol – das kann doch nicht dein Ernst sein: Rücktritt!?! Das bisschen Schnee kann doch nicht soo schlimm gewesen sein? Der alte Bartali hat mit 40 noch große Rennen gewonnen und bei Sauwetter erst so richtig aufgedreht – also reiß dich bitte zusammen und enttäusche deine Fans nicht!

    Egal wie diese Geschichte endet: Hut ab vor euren Leistungen (mit dem zeitgenössischem Material)! Ich freu mich schon auf nächstes Jahr. Dann MÜSSEN Form und Urlaubsplan endlich wieder mal zusammenpassen…

  • Hello,

    Doing some research on my Family and found your page. My last name is Sanftenberg but we are told it was Senftenberg. My Great Grandfather, August Sanftenberg, immigrated to Canada in the mid 1800’s. If anyone knows any history of the Family, please contact… citywide.demo@gmail.com

    thanks for your time,

    Penny

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