L’Eroica 2008 – Interview mit S. Staub – Teil II

IRN Berlin. Guten Morgen ihr Radsportbegeisterten!
IRN präsentiert Ihnen in der heutigen Ausgabe den zweiten Teil des Interviews mit Siggi Staub zur L’Eroica 2008.
Unser Mann Didi A. Senftenberg traf den L’Eroica-Veteranen vergangenes Wochenende in der Haupstadt.


Siegfried Staub

IRN: Herr Staub, wenn ich das richtig verstanden habe, dann griff Kemper in der Steigung hoch nach Montalcino an und Sie konnten nicht mitgehen.

STAUB: „Um ehrlich zu sein, war mir nicht danach. Zunächst wartete ich darauf, das der Italiener, der sich zu diesem Zeitpunkt in unserer kleinen Gruppe befand, das Loch zu Kemper zufuhr. Mein Mann war schließlich vorne.
Doch der Vorsprung von Kemper wurde größer und größer, bis ich Ihn in den folgenden sehr steilen Serpentinen aus den Augen verlor.
„Jetzt geht es ans Bezahlen für die ersten guten Stunden“ dachte ich so bei mir und schraubte mich diese nicht enden wollenden Schotter- und Lehmserpentinen hinauf. Hier zahlte der gute alte Siggi Staub mächtig drauf. Ich musste den Italiener ziehen lassen und führ fortan alleine.“

IRN: Haben Sie den Berg unterschätzt?

STAUB: „Dieses Monstrum wollte einfach nicht aufhören. Immer wenn ich dachte oben zu sein, kam nur wieder ein kleines Flachstück und hinter einer Biegung die nächste steile Rampe. Zeitweise hatte ich den Eindruck, ich bin im Hochgebirge. Ja, ich habe diesen Berg unterschätz. Das Ding ging bis in den Himmel.“

IRN: Kemper vor Ihnen, Stelzenacker hinter Ihnen. Haben Sie daran gedacht, Stelzenacker könnte in diesem Terrain wieder ins Rennen finden und zu Ihnen aufschliessen.

STAUB: „Eigentlich dachte ich immer, er fliegt jeden Moment an mir vorbei. Dies war sein Terrain. Dafür haben wir Ihn in die Mannschaft geholt. Doch er kam nicht und ich orientierte mich nach vorne.
Schliesslich erreichte ich die Passhöhe, das Finalgon brannte auf den Beinen und ich hatte Hunger und Durst.
In stiller Hoffnung auf die zweite Verpflegungsstelle stürzte ich mich in die Abfahrt.“

IRN: Es gibt Gerüchte, die besagen, dass Sie nie an der 2. Verpflegungsstelle gesehen worden sind?

STAUB: „Sie lag wohl etwas abseits der Strecke und ich bin in der Abfahrt daran vorbeigeschossen.“

IRN: Dann haben Sie auch nichts gegessen und getrunken?

STAUB: „Das ist richtig. In dieser Rennphase war ich in großen Schwierigkeiten. Ich wühlte in meinen Trikottaschen nach etwas Essbarem und fand nur diese amerikanische Astronautennahrung, die mir ein amerikanischer Freund kurz vor dem Rennen zusteckte. Eigentlich habe ich das Zeug nur mitgenommen, weil ich dachte, man könne damit sicher gut Schläuche flicken. Nun war es mir egal und ich drückte mir die Tube rein. Ich hätte mit dem Zeug wohl doch eher Schläuche flicken sollen…“

IRN: Das klingt ein bisschen so, als wenn Sie den Errungenschaften modernster Technik und Ernährungswissenschaften ein wenig skeptisch gegenüberstehen?

STAUB: „Das ist richtig. Wir sind Rennfahrer und da sollte man an dem bewährten Gesamtsystem nicht viel verändern. Schliesslich fahren wir auch nicht zum Mond. Es geht lediglich darum schnell Rad zu fahren und dem Gegner die Beine aufzureissen. Neumodischer Kram hat ein Rad noch nie schnell gemacht. Je länger ich fahre, desto klarer wird mir, die Kraft, die ein Rad beschleunigt, kommt von sehr weit innen und hat nichts mit Nahrung aus der Tube zu tun. Ich bin da wohl eher konservativ.“

STAUB: „Ich kann Ihnen ein weiteres Beispiel geben, dass deutlich zeigen wird, warum ein Radrennfahrer nur Dinge verwenden sollte, die er schon immer benutzt hat und die vor ihm vielleicht sogar schon sein Vater benutzt hat:
Kam doch kurz vor dem Rennen dieser Amerikaner mit einer neumodischen, sehr leichten Trinkflasche mit Schnelltrinkverschluss auf mich zu und fragte mich, ob ich die nicht im Rennen einsetzen wolle. Man könne Sie mit nur einer Hand bedienen, was sicher in den Schotterabfahrten von Vorteil wäre.
So legte ich meine bewährte Alu-Flasche mit dem Korkenverschluss zur Seite und steckte mir dieses Stück Kunstoff ans Rad. Kemper lachte sich übrigens halb tot.
Es kam, wie es kommen musste: auf einer dieser ruppigen Abfahrten polterte mir diese Errungenschaft modernster Einhandtrinktechnik vom Rad und mein Hinterreifen zerfetzte das Fläschen.
So stand ich nun bei Kilometer 110 und hatte keine Trinkflasche mehr und Durst wie eine Bergziege im Sommer. Meine alte Alu-Trinkflasche wäre vielleicht verbeult und ich wäre gestürtzt, aber man hätte sie weiterhin benutzen können. So war ich in grossen Schwierigkeiten.

Didi A. Senftenberg für © IRN Berlin (Investigated Racing News Berlin)

3 Kommentare

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .

  • Mann – ich liiiiieeeeeebe die Interviews mit Staub und dem ollen Senftenberg! Ohmann – ist ja so geil diese Zeilen zu lesen! Ich flippe gleich total aus! Wirklich… menis

  • Ach ist es schön, das Erlebte aus dem Munde eines Rennsportathleten wahrer Größe zu hören. Immerhin sind wir nun schon bei Km 110. Auf was darf sich der begeisterte Leser noch freuen?
    Ich frage mich schon seit dem Ende der L’Eroica, ob die Herren Kemper und Staub nicht eventuell auch für eine Autogrammstunde in einer der Berliner Szenekneipen bereit stünden, angeblich sollen sich beide ja derzeit in der Hauptstadt auf die 6-Tage-Saison vorbereiten…

  • Wird das Wetter halten? Verdurstet Staub? Wo bleibt Senftenberg? Kann Kemper noch um den Sieg fahren? Fragen über Fragen, deren Beantwortung ich fiebernd erwarte…

Archiv

Archive