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Der größte Lauf der Erde oder Tobias, wie blöde bist Du eigentlich?

Ich weiß nicht was passiert ist, ich weiß nur, es ist passiert!!!

Am Donnerstag den 02.06.2005 versammelten sich in den Häuserschluchten Mainhattens tausende von mehr oder weniger sportlichen Subjekten der Gattung Mensch. Sie alle gehören in irgendeiner Form zu einem Unternehmen / einer Firma, welche es sich in den meisten Fällen zum Ziel gesetzt hat, die Welt auszubeuten und den uneingeschränkten Kapitalismus voranzutreiben.

Ich weiß nicht was passiert ist, ich weiß nur, es ist passiert!!!

Am Donnerstag den 02.06.2005 versammelten sich in den Häuserschluchten Mainhattens tausende von mehr oder weniger sportlichen Subjekten der Gattung Mensch. Sie alle gehören in irgendeiner Form zu einem Unternehmen / einer Firma, welche es sich in den meisten Fällen zum Ziel gesetzt hat, die Welt auszubeuten und den uneingeschränkten Kapitalismus voranzutreiben.

Nichts desto trotz verspüren an diesem Tag alle eine unglaubliche Gemeinschaft, schütten unzählige Glückshormone aus und betreiben gnadenlosen Raubbau an ihrer Gesundheit. Abertausende säumen die Strecke und schreien sich die Seele aus dem Leib, um ihren Kollegen/Kolleginnen/Freunden/Freundinnen/Verwandten das Gefühl zu geben, etwas einzigartiges zu leisten. Plakate werden in die Luft gehalten, mit Kreide und Farbe werden die Straßen bemalt, fetzige Musik dringt aus unzähligen Boxen, Atmosphäre zum Gänsehaut bekommen.

Worüber spricht Eule da die ganze Zeit, zuviel schlechtes Gras geraucht???

Bei der Veranstaltung handelt es sich um die JP Morgan Chase Corporate Challenge, kurz JPMCCC Frankfurt 2005. Es ist ein Firmenlauf, an dem alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der teilnehmenden Unternehmen (Es kann jedes Unternehmen teilnehmen) ihre Sportlichkeit auf einer 5,6 Kilometer langen Strecke unter Beweis stellen dürfen. Tatsächlich sind in diesem Jahr 58467 Teilnehmer von 2018 Unternehmen an den Start gegangen.

Die Strecke startet an zwei Punkten zentral in der Innenstadt, an der Alten Oper und an der Hauptwache. Von dort führt die Strecke leicht ansteigend in nördlicher Richtung ca. 2km die breiteste Ausfallstraße hoch. Abzweig nach links und über den Reuterweg abfallend an der Alten Oper vorbei in südlicher Richtung Bahnhof. An den Glaspalästen der Deutschen Bank (Soll und Haben), der Zentrale der DG Bank und anderen Finanztürmen vorbei geht es am Platz der Republik rechts auf die Fritz-Ebert-Anlage in westlicher Richtung zur Messe. Ab hier sind es noch 1,6km und ab der Messe geht es wieder leicht bergauf zur Bockenheimer Warte.

Nachdem meine Kollegen mich im letzten Jahr bereits extrem nervten und zu einer Teilnahme übereden wollten, ich zu diesem Zeitpunkt aber erst einmal in meinem Leben joggen waren, war ich in diesem Jahr “weichgeklopft”. Wochenlang absolvierte ich geheime Trainingseinheiten um mich der Herausforderung der 5,6 Kilometer zu stellen. Schnell erkannte ich bei meinen Vorbereitungen, daß nicht die Streckenlänge das Problem werden sollte, sondern vielmehr die Anzahl der Teilnehmer. Von bereits erfahrenen Mitläufern erfuhr ich einiges über Gedränge, Geschiebe, Stau und halbstündiges Warten um überhaupt die Startlinie zu sichten. Ich stellte die Theorie auf, das es ganz vorne ja leer sein müsse, da vor der ersten Reihe ja niemand laufen würde. Da wurde ich regelmäßig ungläubig bestaunt und mein jugendlicher Leichtsinn zurechtgewiesen, “dann mußt Du aber auch das Tempo der Profis mitgehen”.

Nun gut, dies erkannte ich auch und folglich erhöhte ich meinen Trainigseinsatz. Ein letzter harter Leistungstest Freitag vor einer Woche brachte dann ein hartes Schicksal. Mein sonst so intakter Körper (auch liebevoll “Maschine” genannt) versagte urplötzlich seinen von mir geforderten Dienst. Mitten in schnellster Laufbewegung verweigerte das rechte Knie und ließ mich mit schmerzerfülltem Blick abstoppen. Was war passiert? Ich weiß es bis heute nicht, will es eigentlich auch nicht wissen, denn beim Biken verspüre ich keinerlei Probleme. Ich salbte die defekte Körperstelle die folgenden Tage und zitterte mit Ungewißheit dem entscheidenden Tag entgegen.

Am Donnerstag den 02.06. war es dann soweit. Nach einem kurzen Unibesuch begann ich ab 13 Uhr mit Meditation und nahm letzte Energien zu mir. Wie den Erzählungen der Teilnehmer vergangener Jahre zu entnehmen war, sollte man sich frühzeitig zur Startaufstellung begeben. Ich tat dies dann gegen 17Uhr.

Mein Team war natürlich die Deutsche Bahn AG und so suchte ich erstmal den Stand in der Nähe der Alten Oper. Flugs erhielt ich ein T-Shirt, welches an Kreativität und Schönheit kaum zu unterbieten war. Baumwolle? Ich will Funktionsfaser! Ich heftete meine Startnummer ans Shirt, holte mir noch eine Flasche Wasser und begab mich zum Startblock. Ach was erzähle ich von Startblock, ganze Straßenzüge waren Startblöcke, die Dimension überraschte mich doch. Die ersten 500m waren den Profis vorbehalten, danach reihten sich die Blöcke nach den im Vorfeld zu nennenden zu erwartenden Lauftzeiten. Da ich zum Zeitpunkt der Anmeldung noch nicht so fit war, ließ ich es mit 25 Minuten ruhig angehen. Aber auch dies hielten meine Kollegen schon für sehr gewagt, wenn nicht gar übermütig. Als Profis gelten die Läufer welche Laufzeiten unter 20 Minuten schaffen.

Als erster Teilnehmer stand ich also nun um 17:30 Uhr genau zwei Stunden vor dem Start direkt hinter den Pros im “Startblock 20-25min”. Ich fragte mich langsam ob ich nicht doch etwas zu hoch pokern würde, jedoch war mein Mut ungebrochen. Leider war da immernoch mein rechtes Knie, welches immer wieder stechende Zeichen von sich gab. Nach und nach füllte sich die Straße und plötzlich war ich dicht an dicht mit tausenden anderen im Gatter des Blocks eingefercht. Kaum drehen und wenden konnte man sich, aber ich begriff schnell auch hier wird mit Ellenbogen gekämpft.

Die Zeit verging zäh, aber zum Glück kam noch ein Kollege in meine Nähe und wir unterhielten uns über dies und das. 25 Minuten vor dem Start wurde dann der Profikäfig geöffnet und nur die ersten 2-3 Reihen waren nun tatsächlich den Meistern vorbehalten. Ich stand eine viertel Stunde vor dem Start in der 5.Reihe und hinter mir 58.000 andere. Was tat ich da??? Eins war klar, Du mußt so schnell wie möglich angehen um nicht von hinten überrannt zu werden. 5,6km sollten nicht das Problem werden, trainierte ich doch schon seit Wochen 15km pro Einheit. Aber hatte ich auch die Schnelligkeit?

Das Wetter war grandios, 25°C , leichter Wind, blauweißer Himmel, traumhaft…

Die letzten zehn Minuten begannen vor dem Start, alles begann zu hüpfen und sich in irgendeiner Form zu dehnen und warmzumachen. Ich tat gleiches und mein Adrenalin quoll förmlich aus meinen Augen. 10,9,8,…3,2,1,LOS!

Aaaahhhhrr, sofort knallten die Pros los wie die Feuerwehr, ich dahinter, Ellebogen raus und blos nicht ins straucheln kommen. Ich mied die Nähe zu den Bordsteinkanten, dort war zwar mehr Platz, aber die Gefahr eines Umknickens mit Bänderriss durfte ich nur kurze Zeit später bei einem der Pros sehen. Die ersten beiden Kilometer gingen wie bereits erwähnt leicht bergan was mir auf jeden Fall entgegen kam. Ich rannte um mein Leben und die Zuschauer gaben alles um mich ins Jenseits zu beförden. Als wir am höchsten Punkt der Streck um die Ecke bogen war mir klar, jetzt tut es weh. Mein Knie ließ auf dem abfallenden Teil keine Geschwindigkeit zu und ich mußte zu sehen das Tempo zu halten und nicht vor Schmerzen umzufallen.

Kurz vor der Alten Oper wird das Geläuf dann wieder flach und meinem Knie ging es wieder besser. Leider war genau da meine Motivation ziemlich gesunken, war mir doch klar das ich weder unter die ersten 1000 kommen würde, noch unter den magischen 20min zu bleiben. Doch da sah ich am Streckenrand einer riesigen Horde begeisterter Milupa-Mitarbeiter. Milupa ist der Kindernahrungshersteller welcher in den 80ern mal nen riesen Skandal um verfaulte Kinderzähne hatte. Außerdem ist dies eine der traditionsreichsten Firmen aus meiner geliebten Heimatstadt Friedrichsdorf. Letzte Woche war zudem der letzte Produktionstag, da nach Polen ausgelagert wird und viele Mitarbeiter ihre Arbeit verloren. Und trotzdem waren bestimmt 50-60 Leute im Milupa T-Shirt und großen Plakaten am Streckenrand und machten Stimmung.

Ich mußte nur kurz “Friedrichsdorf” schreien und sie tobten wieder was das Zeug hält und feuerten mich trotz DB-Shirt kräftig an. Mit der Motivationsspritze ging es dann auf die letzten 2.6km, man mir tat alles weh und die Milchsäure kochte in meinen Beinen. Irgendwann entdeckte ich dann zwei Jungs aus Fdorf ein paar Reihen vor mir, ich kämpfte mich ran und lief mit kleinem Abstand hinter ihnen. Als die letzten 600 Meter erreicht waren, setzte ich zum Schlußsprint an. Mit allerletzter Kraft überholte ich bestimmt noch 30 Leute auf den letzten 100 Metern und kam nach 22:54min ins Ziel. Naja, ich war bedient, die Zeit war schon enttäuschend aber dabei sein ist alles und wenn das Knie im nächsten Jahr hält, dann knack ich auch die Marke.

Erstmal hieß es nun zurück zum Startbereich und nachdem ich so langsam wieder runter kam, begriff ich auch garnicht so schlecht gewesen zu sein. Mit den Kollegen wurde dann noch das ein oder andere Bier bei Lauftaktik Gesprächen vernichtet und der Abend klang bei einer riesigen Party in der ganzen Stadt aus. Überall zufriedene und erschöpfte Menschen, echt genial. Jede Firma macht noch irgendetwas und entlang der sonst kalten Geschäftshäuser und Banken entfaltet sich eine einzige Partymeile.

Die letzten sind übrigens erst 50minuten nach dem Start über die Startlinie gelaufen, hammerhart! Da war ich ja schon lange wieder im ziel und der Sieger nach 16:50min schon geduscht und geföhnt. Gestern war ich ziemlich kopfleer und heute haut der Muskelkater in den Waden brutal rein. Mein Knie schmerzt wieder und wird gesalbt, aber ich fahre jetzt erstmal auf eine CTF in den Spessart und werde ausfahren…

Meine Platzierung erfahre ich erst am Montag, reiche sie aber bei Bedarf nach.

Euer
dd “Eule”

darkdesigner

8 Kommentare

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  • Wenn unsereiner ohne sein Vehikel Sport macht, darf man keine Wunder erwarten. Umso heldenhafter, dass Du es getan hast. DA kannst Du mich ja nächsten Monat beim Göttinger Altstadtlauf begleiten, wo ich 10 km zu laufen gedenke!

  • So und jetzt machst du das ganze noch 5x hintereinander und du hast deinen Marathon geschafft. Bist übrigens ganze 50sek schneller als ich auf meinen ersten 5km beim Berlin-Marathon – also da ist noch was drin, wenn das Knie dir nicht ins Gehege kommt.

    Ritzelflitzer

  • ohhhhhhhh wehhhhhhhhhh…gute besserung an dein knie. aber was machst du auch für sachen. du sollst in die pedale treten und nciht laufen. demnächst machst du noch so ein stöckchenlauf *gG*

    grüße coffee

  • ché, reife leistung. aber ich sage dir: auf joggen, da liegt kein segen! also mach deinen koerper nicht kaputt mit dieser komsichen art der fortbewegung!
    trotzdem feine sache. und das die milupa-leute so feiern konnten, auch komisch 🙂

    gruesse, rob

  • Wie Rifli, 9x soll ich laufen, 90sec schneller bei den ersten 9km???

    Ich weiß nicht, schätze Deine Leistung jetzt noch viel höher ein und bin mir garnicht mehr so sicher ob ich das auch mal machen will…

    Hatte eine Laufzeit von 4,09min pro Kilometer, aber das kann ich in keinem Fall auf 42km halten, wären 174,3min, also unter 3 Stunden, mmhhh….

    Denke Robsen und Coffee haben recht, sollte doch (noch) mehr radfahren ;-)))

  • Mein Team war natürlich die Deutsche Bahn AG

    OlèOlèOlèOlèOlèèèè Deutsche Bahn AG Olè!!! Klasse Bericht Eule, bist eine harte Sau. Als Gleicher und Gleichen, schobst Du Deinen schwitzenden Kadaver vorbein an jenen Kultstätten, an welchen dem Mammon gehuldigt wird.
    Ich werde, sollte ich jemals wieder an den Main kommen, den Asphalt küssen, welchen Deine zerlumpten “Laufschuhe” berührten.

  • Also Teamergebnisse werden anscheinend von der Bahn nicht gebildet und Einzelrankings gibt es auch nicht offiziell.

    Aber von den 684 Bahnern bin ich 20. geworden, na immerhin… 😉
    dd

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