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25h Hunsrück

20:30 Uhr, Samstagabend, endlich sind alle häuslichen Pflichten erledigt und das Auto steht mit Rad und Klamotten beladen vor der Tür. Kurz entschlossen reisen wir, Nic „the Crow“ und ich, doch am Abend vor dem großen Rennen an. Vielmehr ist es eine Flucht vor zig-tausenden Ironmännern und -frauen und den damit verbundenen Streckensperrungen rund um Frankfurt, welche eine termingerechte Ankunft im Startbereich unseres Events unsicher erscheinen lassen. Welches große Rennen? Welch Event? Erbeskopfmarathon 2018 steht an, Langdistanz, ja, genau die, die ich nie, niemals wieder fahren wollte…
Weit ist das Land

Mit der negativen Erinnerung an 9h14min bei meiner 10. und damit geplant letzten Teilnahme, an Schmerzen ohne Ende und einem allerletzten Platz des Teilnehmerfelds 2016 konnte und wollte ich nicht abtreten. Seit Februar fahre ich ein körperliches Entschlackungsprogramm und fühlte mich bereits Ende März soweit, um in grenzenloser Selbstüberschätzung erneut eine Teilnahme an der Langstrecke zu erwägen. Den Klick anstelle 65km bei 110km zu machen, geht schnell – weniger schnell ist dann die Absolvierung des Ganzen.

Gegen 22:30 Uhr schlagen wir in Thalfang am Start- und Zielbereich auf. Ein Häuflein Tapferer vom Orgateam bereitet sich mental auf den anstrengenden Sonntag vor und wir begrüßen bekannte Gesichter. Ein Einschlafbier und ein paar alte Geschichten später liegen wir bei unserem Gastgeber im Bett. Danke an Stefan vom Erbeskopfteam für die spontane Herberge, einsame Spitze!

Am nächsten Morgen das übliche Prozedere, Frühstück, Toilette, Startnummer anbringen, Flaschen füllen und los zum Start. Zeitoptimiert rollen wir direkt in Reihe 3 und kurze Augenblicke später erfolgt der Startschuss. Los geht’s!

Nummer 1, aber nur am Start....

Die Trockenheit der vergangenen Wochen hat die Strecke unglaublich schnell gemacht. Sofort im ersten Anstieg werden wir gefühlt vom ganzen Feld überholt. Ich frage mich wirklich, welch Training ich noch absolvieren muss, um auch nur annähernd mit dem ganzen Rudel mithalten zu können? Bevor die Beine bei KM 5 platzen, nehme ich raus und versuche mein Tempo zu finden.

Die erste Rennstunde vergeht wie im Flug, es geht auf und ab, steile Rampen, schnelle Abfahrten – wir haben einen Schnitt von 22km/h nach einer Stunde. Kurz beginne ich zu träumen, wenn wir wenigstens 17km/h halten können, ja dann wäre das eine Superzeit….

Vergiss es, von Stunde zu Stunde werden wir langsamer. Wie so oft, läuft es zunächst bis KM 30 bei mir nicht wirklich gut. Bis KM 70 ist dann meine Zeit und danach hilft sowieso nur noch beißen. In einer Trailabfahrt kontrolliere ich kurz den Untergrund, die heraneilenden Streckenposten kann ich aber rasch beruhigen. Der Waldboden ist weich und die umliegenden Äste und Steine gnädig zu Körper und Rad. Die Fahrt kann weiter gehen.
Im zweiten Drittel warten dann längere Anstiege im Gegensatz zu den kurzen Rampen des ersten Drittels auf das Fahrerfeld. „Kommt uns als Rennradfahrer ja entgegen“, so mein Mitfahrer Nic. Naja, ob mit 8 oder 9km/h, damit gewinnen wir jedenfalls keinen Blumentopf. Aber da wir eh nicht um irgendwelche Positionen fahren (außer vielleicht nicht letzter werden zu wollen), spielt das auch keine Rolle.

Leider darf der schöne Trail vor der Erbeskopfabfahrt aus ökologischen Gründen nicht mehr befahren werden. Wir nehmen ein paar extra Höhenmeter natürlich gern in Kauf, lediglich die Auswahl der alternativen Anfahrt zur höchsten Erhebung Rheinland-Pfalz begeistert wenig. Bitte im nächsten Jahr anders planen, Danke Paddy!

Nach der Abfahrt vom Erbeskopf stärken wir uns für das letzte Drittel des Rennens. An der Verpflegungsstelle sehen wir auch mal wieder ein paar andere Fahrer. Wir sind also noch nicht letzter. Wie so oft in der Vergangenheit, habe ich auch diesmal ab KM 75 mein persönliches Tief. Es dauert eine ganze Weile, bis ich mich wieder erholt und motiviert habe. Spätestens beim Maggi und seiner illustren Trinkerrunde am Schwenker kehrt das Lächeln ins Gesicht zurück.

Blick auf den Erbeskopf

Jetzt geht es ans Eingemachte, nach der letzten Verpflegung in Deuselbach bei KM 95 dreht mein Mitfahrer plötzlich auf. Auf meine Frage was das nun schon wieder soll, entgegnet er mir „Noch 10km, dann sind wir im Ziel“. Mhm, ich hatte ihm vergessen mitzuteilen, welche Insiderinfo ich am gestrigen Abend von den Veranstaltern erhalten habe. Diesmal sind es 116km und ca. 300 Höhenmeter mehr wie üblich. Seine Planung löst sich in der Nachmittagssonne wie ein Eiswürfel im Gin Tonic auf. Klong, klong macht es im Kopf und den Beinen…

Nach einer supersteilen Abfahrt warten die letzten fiesen Stiche auf uns, erst der „Grevenberg“ (so oder so ähnlich) und dann die berüchtigte „Immerter Qual“. Irgendwie scheint sie in diesem Jahr leichter zu sein, ob es am trockenen Untergrund, an unserer verbesserten Fitness oder beidem liegt?

Letzte Stärkung

Kurz vor Immert sehen wir einen Fahrer alleine vor uns, endlich die lang ersehnte Motivation. Wie ein ausgehungertes Raubtier nähern wir uns von hinten langsam unserem Opfer. Kurz versucht er an uns dran zu bleiben und tatsächlich schlägt er sich wacker. Aber im letzten Anstieg nach Bäsch schütteln wir ihn ab. Und da, kurz vor der finalen Steigung an der Brücke über die Bundesstraße noch einer. Auch der Kollege wird „gesammelt“, großes Blatt und Vollgas ins Ziel.

Nach 8h8min erreichen wir wieder den Start- und Zielbereich, für die 7 Stunden-Zeit hat es irgendwie heute nicht gelangt. Motivation fürs kommende Jahr! Am Ende stehen 113km und 3250 Höhenmeter auf dem Tacho, Danke an alle Organisatoren, Helfer und Freunde in und um Thalfang!!! Eure Leistung und Gastfreundschaft ist immer wieder einsame Spitze, macht bitte weiter!

Wir lassen den Tag mit dem Orgateam noch einmal Revue passieren, duschen bei unserem Gastgeber, packen das Auto und treten die Heimreise an. Sonntagabend, 21:30 Uhr, zurück in Frankfurt – 25h Hunsrück, bis zum nächsten Mal.

darkdesigner

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