Mit der Concorde nach Amsterdam

Der diesjährige Sommerurlaub führte die Familie ins Salzkammergut, aufgrund kurzfristiger Verschiebungen mußte der sorgsam ausgetüfftelte Plan der getrennten Anreise mit verschiedenen Verkehrsmitteln und die dadurch mögliche Mitnahme mehrerer Fahrräder aufgegeben werden. So entschied ich mich für die Concorde, kann ich doch jegliche Schwäche meines Körpers auf das historische Material schieben.


In gut zwei Wochen konnte ich das Rad nicht einmal vernünftig in der Ebene rollen lassen. Selbst der Ausflug auf dem Leihrad ins Gelände (zum ersten Mal mit Scheibenbremsen und auch zum ersten Mal auf einem 29er) war ein einziges Auf und Ab. Doch wenigstens war ich auf der WM-Strecke allein und mußte mich nicht von tausenden Bergflöhen peinigen lassen…

Nach einem Ortswechsel ins Münsterland hielt ich es nicht mehr aus, ein unbeschwerter Tag auf dem Rad mußte her. Da mir die Gegend wenig geläufig ist, suchte ich mir ein attraktives Ziel in der Nähe und beschloß, nach Amsterdam zu fahren. Um die 260km schlug der Routenplaner vor, ich notierte ca. 20 Ortsnamen auf kleinen Zetteln und setzte auf die Heimfahrt um 19:01 ab Amsterdam mit dem Zug. Die Nacht vor dem Start brachte wegen des Gewitters wenig Schlaf, den Start selbst verschob ich ob des andauernden Regens um eine Stunde. Um 7:00 endlich hörte der Regen auf und auf abtrocknenden Straßen fuhr ich gen NordWest, die Schlote des Ruhrpotts immer linker Hand.

Schon immer hatte ich mich gefragt, wie dieses Oer-Erkenschwick wohl aussehen würde…Der Ruhrpott ist anscheinend grüner als erwartet!

Am Niederrhein gab es ein erstes Frühstück, nachdem mir die irreführende Wegbeschilderung zwischen Marl und Dorsten die ersten zusätzlichen 15 km eingebracht hatte.

Entlang des Flusses wurde nach wenigen Stunden Emmerich am Rhein erreicht. Von der Festung konnte ich einen ersten Blick auf Holland werfen.

Mittlerweile war es hochsommerlich warm, als großzügig bemessenen Proviant hatte ich eine Trinkflasche und einen Riegel dabei. Die Flasche war leer, der Riegel für den späteren Notfall. Der Grenzübertritt gestaltete sich problemlos, ich führte nichtmal ein amtliches Personaldokument mit. Eine Ankündigung „Niederlande 1000m“ war alles, dann änderten sich plötzlich die Straßenschilder. In Zevenaar bekam ich ein prima „Appelflap“, einen fast gefrorenen Eistee und eine gefüllte Flasche in einer wirklich niedlichen Fußgängerzone.

Beim Kreuzbuben hatte ich von den Radwegeknoten gelesen, leider hatte ich diese Information etwas verdrängt, doch hier kam sie wieder zum Vorschein. Jedenfalls ging es auf wirklich ausgezeichneteten Radwegen gen Arnheim.

Die aus dem Film bekannte Brücken von Arnheim wurde passiert (obwohl der Drehort die IJssel-Brücke in Deventer war) und ich stand vor der völligen Orientierungslosigkeit. Das hatte folgenden Hintergrund: bei der Routenplanung am Telefon musste ich ob der Größe Arnheims den Maßstab am Bildschirm verändern und die nächste Ortschaft, die ich erblicken konnte, war Otterlo (ca. 20km weg). Doch keine Ausschilderung in Arnheim wies in diese Richtung. Hilfesuchend blickte ich in alle Richtungen, als die Trainingsgruppe des ADELAAR APPELDORN die Brücke passierte. Leider bogen sie 100m entfernt von mir ab, ich sprintete hinterher.

Nach mittlerweile 170km auf der uhr fiel das Sprinten nicht mehr besonders leicht. In einer deutschen Stadt hätte eine rote Ampel den Sprint beendet, in Holland waren die Radwege ampelfrei. Doch irgendwann war ich dran und konnte mit schwerem Atem nach dem Weg fragen. Und kein anderer als Henk Lubberding bot mir die Mitfahrt an, er würde mir sagen, wann ich abbiegen müßte. Das noch andere Heroen des niederländischen Radsports mitfuhren (Teun Mulder und Kenny van Hummel fielen ob ihrer fremden Trikots auf), hätte mich stutzig machen sollen, auch kannte ich nicht die Regel für Trainingsausfahrten
„De snelheid van de groep wordt niet aan banden gelegd doch wel in overeenstemming met de verkeerssituatie is (richtsnelheid 38 km/uur en meer).“

Es ging also flott durch und aus Arnheim Richtung Apeldorn, ich wurde ob meines alten Rades und der nicht ganz frisch rasierten Waden argwöhnisch beäugt, konnte das Tempo aber gut mitgehen, das (extra für mich?) noch etwas angezogen wurde. Bei der Wedstrijd groep heißt der Klappspaten: „Er wordt in principe niet gewacht op rijders die lekrijden of pech hebben, tenzij zij hulp nodig hebben.“ Und wirklich kam Henk Lubberding kurz vor einer Kreuzung zu mir, wies mir die Richtung und wünschte eine gute Weiterfahrt.

Wieder allein unterwegs konnte ich gut Kilometer machen, an die Ausschilderung hatte ich mich gewöhnt, das ländliche Holland zeigte sich mit Mastanlagen für allerlei Vieh und roch entsprechend. In Nijkerk lernte ich nach 230km einen netten Motorradfahrer kennen, der gerade eine Landkarte studierte. Schnell war der Weg nach Almere gefunden, endlich ging es entlang verschiedener Meere (Eemmeer, Gooimeer). Als am Horizont die ersten Türme und Regenwolken auftauchten, gab es endlich den lang erwarteten Hinweis:

Noch eine Stunde gegen den Wind, dann wäre ich am Ziel! Ein Mofa üerholte mich auf dem Uferradweg, ich konnte mich für 5km ranhängen. Zwar nur bei Tempo 34, doch auch das war schön. In Almere fragte ich an einem Imbiss nach Wasser der Chef zeigt einen Trinkwasserspender auf der anderen Straßenseite. Was für ein Labsal!

Die Überfahrt nach Muiderberg erwies sich wieder als Überraschung. Die Autobahnbrücke hatte extra Auffahrten und Spuren für Fahrräder! Wieder lernte ich einen netten Holländer kennen, Eric. Auf dem Rennrad Richtung Amsterdam unterwegs zum Speedscating-Wettkampf, nahm er mich mit. Ich hatte mir den Weg zum Hauptbahnhof einfacher vorgestellt, mit einem Local wurde die Einfahrt zum Fest. Er brachte mich bis in Sichtweite des Bahnhofs, Danke dafür. Und dann war ich am Tagesziel, 18:30, knapp 300km.

Doch das große Abenteuer sollte erst noch kommen. Auf der Suche nach einer fahrkahrt ging ich in den Bahnhof, internationale Tickets gibts am anderen Ende. Ok, weiter. Dort werde ich abgewiesen, kein Zutritt mit Fahrrädern ins Office.
„Aber gute Frau, ich bin mit dem Rad von Deutschland gekommen und will mit dem Rad in der Bahn zurück.“
„Das Rad bleibt draußen!“
„Kann ich ein Ticket am Automaten kaufen?“
„Keins fürs Rad.“
„Im Zug?“
„Im Zug werden keine Tickets verkauft.“

Mit einem kräftigen „Da haben Sie aber einige Probleme!“ verabschiedete ich mich. Oder hätte der geneigte Leser sein Rad hier abgestellt?

Ich stieg also ohne Ticket ins Fahrradabteil des Zuges, einzige Verpflegung waren 2 Mars-Riegel, die ich für mein letztes Kleingeld am Automaten ziehen konnte. Eigentlich hatte ich meinen Besuch in Amsterdam mit Heineken und Matjes, Frikadeln und Poffertjes feiern wollen….Ich stieg also in den Zug und der sehr nette Zugbegleiter verstand mein Problem und übertrat das Verbot des verkaufs von Tickets in der Bahn und stellte mir eines aus. 34,-€ bis Enschede, dort beim Umsteigen solle ich am dortigen Automaten der Deutschen Bahn ein weiteres Ticket lösen. Gut gelaunt genoss ich die Fahrt in den Sonnenuntergang und nahm ein oppulentes Mahl aus dem Speisewagen für 14,30€.

Durchsage: „….Personenschaden……Schienenersatzverkehr….“

Mist! Wir der Ersatzverkehr mein Rad mitnehmen? Der erste Bus noch nicht, der zweite dann schon. Ab mit dem Rad ins Kofferabteil unterm Bus, fertig. Von Almelo nach Hengelo knapp eine Stunde, was solls. In Hengelo fährt nach knapp einer Stunde genau der Zug ein, den ich 2 Stunden zuvor verlassen hatte. Der Zugbegleiter begrüßte mich wieder genauso freundlich. Die Frage, ob noch ein Zug weiter Richtung Münster fahren würde, wurde negativ beantwortet. Gut, dann hätte ich gerne einen Hotelgutschein. Der Zugbegleiter telefoniert mit Freddie, dem Bahnhofsvorsteher in Enschede. An den soll ich mich wenden, wenn ich dort wäre.

23:00 Enschede. Eine chinesische Touristin ergibt sich in ihr Schicksl und setzt sich auf eine Bank umd auf den nächsten Zug in knapp 5 stunden zu warten.
„Hui Freddie, schönen Grüße von Tom, ich komme wegen des Hotelgutscheins.“
„Ah warte mal, ich telefoniere.“
Zwei Mexikanerinnen stehen hinter mir und wir warten gespannt. Die beiden wollen weiter nach Bochum.
„Wisst Ihr was? in 25 Minuten kommt ein Taxi und bringt Euch nach Hause. Schreibt mal hier die Adressen auf.“

Kurz vor Mitternacht, das Taxi ist eine Mercedes E-Klasse, kein Kombi. Vorder- und Hinterrad raus, das Rad passt in den Kofferraum. Wir steigen zu dritt ein. Deutsche Autobahn. Die Mexikanerinnen fotografieren den Tacho bei Tempo 200 und posten diesen Wahnsinn sofort in alle Welt, unvorstellbar und erlaubt.

1:20. Ich trinke frisch geduscht noch ein kaltes Bier und gehe ins Bett. Abends 80km Beine locker fahren mit den Jungs vom RSC Werne. Schön wars.

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