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Didi A. Senftenberg im Privatarchiv

„Der gefahrvolle Beruf der Dauerfahrer hat manches Opfer gefordert, aber man darf diese bedauerliche Begleiterscheinung des Sports nicht zu tragisch nehmen, denn jeder Sport bringt eine Gefahr mit sich. In der Ueberwindung der Gefahr liegt der Reiz beim Sport, und wie der Krieg die höchsten Mannestugenden auf dem Felde der Ehre auslöst, so löst der Sport im friedlichen Kampfe um die Ehre gleichfalls Tugenden aus, die am Manne am höchsten geschätzt werden.“

Vor Senftenberg liegt das Sport-Album der Rad-Welt 1907, 6. Jg., Berlin 1908, S. 53. Sein Kopf hängt herab, seine Hände zittern. Was sind wohl seine Tugenden, die am meisten geschätzt werden? Dass er sich wie ein Terrier an Themen verbeißen kann? Dass er ohne Schlaf und Essen bis an die Grenzen des körperlichen Zusammenbruchs arbeitet? Dass er der lebende Beweis dafür ist, dass ein Leben nur mit Alkohol und Tabak praktisch möglich ist?

Paule tröstet ihn. “Is ja jut. Ick weeß, wie de Dir fühlen tust.”
“Dit weeßte?”
“Nach so ville Jahre in der Kneipe weeßte allet! Da is dir nüscht menschlichet mehr fremd.”
“Erzähl vom lustjen Franz.”
“Na jut, kann aba dauern.”
Senftenberg lehnt sich zurück, während Paule unter der Eckbank kramt. Das ist sein Schrank, seine Bibliothek, sein Hab und Gut. Und in 90 Jahren hat er vor allem Zeitungen und Zeitschriften gesammelt, Artikel ausgeschnitten und sortiert.

In einem Nachruf auf Franz Krupkat steht:
“Schau die uralten, vergilbten Fotos. Sieh die Kerle mit ernsten, blassen
Gesichtern voller Angst am Start stehen. Das waren Steher. Männer, die morgens nicht
wussten, ob sie heile den Abend erleben. Weit entfernt von Arbeitsfreude.
Nur ein halbgarer mit suizidalen Zügen hatte Spass an dem ‘Roulette des
Todes’. Der wartete, unterdrückt kichernd und mit einem Schalk in den Augen, auf
den Startschuß. ‘Lustiger Franz’ nannten sie ihn. Aber das Lachen
verging ihm. Bei einem albernen Abendkurs in Leipzig verunglückte Franz Krupkat.”

“Mit 12 hat er anjefangen mitte Lehre als Schmied. Mussta durch de janze Stadt imma nach Schöneweide. Issa mitn Rad jefahrn und kam imma in Treptow an der Rennbahn vorbei. Und schnell wollt er och Rennfahra werdn. Und issa denn ja och jewordn. Der hat die janzen Leute am Start varrückt jemacht mit seinem ständijen Jekicher und Jegacker. Nichmal beim Komiss wollten se ihn behalten, ham ihn von da flämischen Westfront 1916 wieda nach Hause jeschickt. Als Militärradfahrer hatta denn Berlin-Cottbus-Berlin jewonnen. 1917 isser denn dit erste Mal als Steher jefahrn. In 2 Jahrn hatta 25 Rennen jewonnen und kassierte dabei sechzigtausend Goldmark.”

Senftenberg muss schlucken. Goldmark. Was war damals so eine Goldmark wert?

“Na jedenfalls hatta jut vadient. Und denn hatta, wie der Kriech vorbei war, uffm Friedhof ne Säule uffstelln lassn für 12 jefallne Radsportler aus Berlin. Ick kann ma nich so jenau erinnern, aba Bruno Demke war jedenfall einer von denen. Naja, und Franz is imma Rennen jefahrn. Wie it hier nichmehr richtich Jeld jab, isser och mal mitm Rütt rüber nach Amerika, Madison Square Garden und so. Und denn der große Knall, wie er mit Huschke den Weltrekord uffjestellt hat.”

“Mit Huschke?”
“Sach ich doch. Mit Richard. Der Adolf war ja schon 23 bei Rund-um-Berlin jestorben. Warn allet feine Arbeiterjungs. Krupkat ausm Wedding, Hushckes vom Prenzlauer Berch. Wart mal, irjendwo hier ha’ick nochn altet Adressbuch…”

Und dann sieht es Senftenberg schwarz auf weiß. Adressbuch von Groß-Berlin, 1924.

“Krupkat, Franz, Rennfahrer, N90, Reinickendorfer Str. 108, I.T.,Wd 3675”

“Tja” sagt Paule, “inne Bellétasch hatta gewohnt. Schöne 6 Zimmers für sich, die Emmi, und dit kleene. Dit Herrnzimma stand imma voll mit Rädern, da hatta lieba jeschraubt wie im Hof.”
Senftenberg blättert weiter.

“Huschke, Richard, Rennfahrer, N113, Bornholmer Str. 93”

“Da isser erst hinjezogn in den Jahr. Hat für den 6-Tage-Sieg so ville Jeld jemacht, da isser ooch schön inne Bellétasch. Vorher hatta inne 92 jewohnt, Hintahaus.”
“Und sein Bruder? Adolf?”
“Christianiastrasse ooch 93. Witzich, wa? Is heute die Osloer. Und beede stehen im Jahr vorher noch als Klempner drin, dit war ihr richtja Beruf. Die beeden als Klempna und Franz als Schmied, da konnten se allet am Rad selba machen. Naja, bei Adolf isset denn ja schiefjejangen mit die leichte Jabel.”

Senftenberg muß schlucken, Tränen steigen in ihm auf.

“Und Franz? Wie is der jestorben?”
“Reifenplatza bei Tempo 90 in Leipzig, fuhr wie immer hinter Walter Gedamke. Schädelbruch wie Huschke.”

Am 1.September findet die nächste Huschke-Gedenkausfahrt statt.

twobeers

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