L’Eroica 2009 – Die deutsche A-Mannschaft mit Anfahrtsschwierigkeiten

Die L’Eroica war seit Beginn an, bis auf einige ausländische Individualisten, eine rein von italienischen Rennfahrern geprägte Veranstaltung. Doch im Jahr 2008 ging zum ersten Mal eine lose um den mehrmaligen Teilnehmer Dieter Kemper herum zusammengestellte Truppe deutscher Rennfahrer an den Start. In diesem Jahr sollte demnach als Novum der L’Eroica eine offizielle deutsche A-Auswahl in Italien präsent sein. Zu der recht kleinen Mannschaft zählten neben Dieter Kemper noch Siegfried Staub und Robert Stelzenacker.

Alle drei Rennfahrer standen auch bei der letztjährigen L’Eroica am Start, doch aufgrund der zunächst losen Zusammenstellung der Gruppe konnte von einer Mannschaft noch nicht die Rede sein. Vor allem aber war es der enormen Eiseskälte beim frühmorgendlichen Start verschuldet, dass keine rechte Mannschaftsstimmung aufkommen wollte und jeder der deutschen Fahrer schnell auf sich alleine gestellt waren.
Dies sollte in diesem Jahr anders sein – so war es jedenfalls geplant.

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Staub und Stelzenacker bei letzten Vorbereitungen in der heimischen Werkstatt

Die gemeinsame Vorbereitung war jedoch spärlich gesäht. Kemper sollte als Vorjahressieger und mit seinen vielseitigen Rennfahrerqualitäten – sowohl am Berg als auch im Flachen gilt er als einer der besten deutschen Fahrer seiner Zeit – als Mannschaftsführer fest stehen. Doch Siegfried Staub konnte in diesem Jahr mit einigen sehr guten Resultaten und einer bestechenden Form glänzen. Außerdem verfügt gerade Staub über die Leidensqualitäten eines Langsteckenfahrers, die es ihm erlauben auch schwere Rennen mit hohem Einsatz bis zum Ende durchzustehen, was gerade bei der langen Distanz der L’Eroica von unschätzbarem Vorteil ist. Als große Unbekannte der Dreiergruppe galt auch in diesem Jahr Stelzenacker. Stelze konnte sich glücklich schätzen, Teil der Mannschaft zu sein, obwohl er mit keinen großen Siegen glänzen konnte. Der junge, leichte Fahrer ist auch eher als ausgewiesener Kletterspezialist denn als Langstreckenfahrer bekannt. Angenommen Kemper wäre eher ein Rennfahrer mit den Qualitäten eines Bartallis, so hätte man Stelze mit Coppi vergleichen können, der so wie Coppi nicht unbedingt für sehr lange und ermüdende Rennen gemacht war – ein “gläsener Rennfahrer”. Der Vergleich mit Letzterem hinkt zweifelsohne, fehlt es Stelze doch an den zahlreichen Erfolgen eines ruhmreichen Coppi.

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Die Rennmaschinen von Kemper (RU-FA) und Staub (Peugot)

Ein Vorteil der deutschen Mannschaft aber sollte es sein, dass sie von großer Geschlossenheit geprägt war. Einer hätte für den anderen Sterben oder zumindest mit dem eigenen Vorderrad aushelfen können. Die Italiener im eigenen Land hingegen waren ein wilder Haufen von Individualisten. Hier vermochte man es nicht, eine harmonische Mannschaft zusammen zu stellen. Wie im letzten Jahr bei Kempers heroischem Sieg, könnte die Übermacht der Italiener also wieder durch deren Individualistentum aufgewogen werden.

Trotzdem genoss die deutsche Mannschaft wenig Vertrauen des heimischen Verbandes und konnte sich keiner großen Unterstützung gewiss sein. Dies beginnt mit der Anreise in die weit entfernte Toskana, welche die drei Rennfahrer komplett selber organisieren mussten.
Mit einem Bus, der sowohl reines Transportmittel als auch Unterkunft für fünf Tage war, mussten die drei Fahrer eigenständig eine Nacht und einen Tag über die Alpen nach Italien fahren. Das dies bei der Entfernung nicht problemlos ablaufen konnte, schien fast vorprogrammiert.

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Kapitän Kemper mit Navigator Stelze bei nächtlicher Fahrt

Am Abend des 31. Septembers, einem Mittwoch 4 Tage vor dem Rennen, bepackten und bestiegen Kemper, Staub und Stelze den Bus. Zur Erlösung wurde eine Flasche Chianti geöffnet und auf den erhofften Erfolg angestoßen. Abwechselnd fahrend erreichten die drei im Morgengrauen die Schweiz. Gemächlich wie ein Lastkahn kletterte der Bus die Paßstraße hinauf zum San Bernadino.
Einen Umweg auf der Fahrt in die Toskana nahmen die deutschen Rennfahrer jedoch in Kauf. Sie wollten vor der L’Eroica der Kapelle der Madonna del Ghisallo einen Besuch abstatten. Genau wie Bartalli seiner Zeit hofften sie dort hoch oben über dem Lago di Como auf himmlischen Beistand und Segen für die bevorstehenden Strapazen. Doch der Weg dorthin war noch lang.

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Nervenaufreibende Fahrt auf der modernen Paßstraße über den San Bernadino

Die steile Abfahrt hinunter von den Alpen sollte ansich kein Problem für den treuen Bus sein. Doch anscheinend wurden den drei Deutschen schon hier, auf der Anfahrt zur L’Eroica, Steine in Weg gelegt wie einst unliebsamen Rennfahrern Nadeln und Reißzwecken. Denn der Gestank den die drei wahrnahmen schien eindeutig aus dem Bus zu kommen. Ein Halt entlüftete das Geheimnis. Vom rechten hinteren Reifen stieg pechschwarzer Qualm empor. Schnell wurde das Fahrzeug aufgebockt und das Rad demontiert – wie auch im Rennen waren die drei hierbei auf ihre eigenen wenigen Mittel beschränkt.

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Reperatur der Bremssabotage. Kemper diesmal nicht auf, sondern unter der Maschine.

Die Diagnose schien eindeutig: Jemand hatte sich an der Bremsanlage des Busses zu schaffen gemacht, sodass diese bei der langen Abfahrt in den Alpen ihren Geist aufgeben sollte und die drei, wenn sie nicht dem Tod in Arme fallen hätten können, doch wenigstens nicht die Toskana zu erreichen in der Lage gewesen wären. Eine Hinterlist also, die nicht vor den verbrecherischsten Maßnahmen zurückschreckte.
Natürliche machte man sich Gedanken, wer dazu in der Lage hätte sein können. Waren es die Italiener selber? Oder doch jemand aus der Gruppe um Turgau und den Amerikaner, welche auch im letzten Jahr einer Sabotage an den Rennräder der Deutschen überführt werden konnten? Eigentlich hatte man sich mit ihnen ausgesöhnt. Eine Antwort bleibt hier wohl noch offen.

Doch die drei deutschen Rennfahrer ließen sich dadurch nicht beirren, reparierten den Schaden und setzten ihre Fahrt einige Stunden später fort. Diese sollte sie noch am Nachmittag des Donnerstags an das Ufer des Lago die Lugano führen, wo sie sich in geringer Entfernung zum Lago die Como auf einem malerische Zeltplatz einfanden.

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“Nurnoch drei Flaschen übrig für heute abend.” Staub in Sorge.

Diese Gegend schien wie geschaffen, um die Seelen der drei Rennfahrer bei einigen Flaschen Rotwein baumeln zu lassen sowie am kommenden Tag eine kleine Rundfahrt entlang der Seen zu unternehmen und sich dem guten Zustand der Beine gewiss zu werden. Denn frei nach Bobke sollte es heißen: Bein oder nicht Bein! Wo ein Bein ist, ist auch ein Weg. Nein, es hieß bei ihm wortwörtlich: „Ich bin meine Beine!“.

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Die deutsche A-Mannschaft im Freizeitdress für 2009 in Position: Stelze, Staub und Kemper.

4 Antworten auf “L’Eroica 2009 – Die deutsche A-Mannschaft mit Anfahrtsschwierigkeiten”


  • hervorragend aufgestellte mannschaft. bestens trainiert und mental gestählt. was könnte da den grandiosen sieg gefährden? doch was muss der geneigte radportfreund lesen? schon wieder manipulationen im deutschen team! es werden nicht nur die rennmaschinen, nein, auch köpfe werden rollen müssen!

  • ohgottohgottohgott…meine nägel sind abgekaut……die spannung steigt…….schnell mehr davon

    lg coffee

  • Unglaublich, wie spannend bereits die Anreise geriet. Und dazu diese Bilder… Beeindruckend, mit welch wilder Entschlossenheit Kemper den schweren Wagen ins ferne Italien steuert!

    Nur eins muss ich als Bianchi-Fahrer und zunehmender Coppi-Fan korrigieren: Der “Campionissimo” hatte zwar “gläserne” Knochen, die bei fast jedem Sturz brachen. Und Bartali, der – im Gegensatz zu Kemper… ;-) – erst bei echtem Sauwetter so richtig aufdrehte, war sicher körperlich robuster. Aber Coppi war gerade bei “sehr langen und ermüdenden Rennen” erfolgreich: Milano-Sanremo (fast 300 km) gewann er dreimal, die Tour de France zweimal, den Giro d‘Italia fünfmal. Zur Legende wurde er am 10.6.1949, als er auf der 254 km langen Giro-Etappe von Cuneo nach Pinerolo bereits am ersten Pass, dem Col della Maddalena, ausriss und – “un uomo solo al comando” – ein 192-km-Solo über Col de Vars, Izoard, Monginevio und Sestriere hinlegte. Bergkönig Bartali hatte als Zweiter 12 Minuten Rückstand.

    Der begnadete Zeitfahrer Coppi gewann die Hälfte seiner 118 Straßen-Siege als einsamer Ausreißer und ist ein ausgezeichnetes Vorbild für einen Langstreckenfahrer – eine gute Wahl, Stelze! In Italien wird Fausto Coppi noch heute wie kein Zweiter verehrt. Zum bevorstehenden 50. Todestag haben sie in seinem Heimatort Castellania (das war meine Zwischenstation auf dem Weg nach Gaiole…) fast jedes Haus mit überlebensgroßen Coppi-Bilder „tapeziert“!

  • Ein wunderschöner Bericht, nur waren wir nicht schon immer eine Deutsche Mannschaft? Mir war so, als ob ich im letzten Jahr im gleichen Team wie ihr unterwegs war. Wie dem auch sei, ich habe mich weit entfernt in Böhmen aufgehalten und kann somit nichts mit den Manipulationen zu tun haben.
    Euer Didi

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