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Didi A. Senftenberg beim Magendoktor

Hicks!

Hicks!

Seit Stunden Schluckauf und immer noch das Geschmackstrio aus Mampe Halb&Halb, Rollmops und Hackepeter, ungewürzt. Ein Lächeln zuckt um Didi A. Senftenbergs Lippen, als er an die Fleischersfrau denkt. Wie die so mit dem Haumesser vor ihm stand, das hatte was. Und was hatte die noch erzählt von früher? Irgendwas war mit so einem bekloppten Radfahrer, doch so richtig kann er sich nicht erinnern.

Hicks!

Jetzt erstmal einen Magenbitter.
“Magendoktor, das wars!” schießt es ihm durch den Kopf und schon kann er den Sonntag mit einem ordentlichen Frühschoppen beginnen und die Bewirtungsbelege dienstlich abrechnen. Nur ein paar Schritte bis zum S-Bahnhof Wedding und er steht vorm Magendoktor.

Aus der Helle des Vormittags tritt er das wohlige Schummerlicht einer Kneipe, die niemals schließt. Einer schläft mit dem Kopf auf dem Tresen, die Glut seiner Zigarette berührt schon fast die Finger. Er zuckt auf, drückt die Zigarette nach einem letzten Zug aus, nimmt ein schluck von seinem schalen Schultheiss und schläft wieder ein.

“Schultheiss?” fragt die Wirtin und Didi A. Senftenberg nickt. “Mit Beifahrer!”

Nach einem ersten tiefen Schluck haben sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt und Didi A. Senftenberg sieht sich um. An den Wänden hängen Jagdtrophäen, ausgestopfte Vögel, ein Wildschweinkopf, ein Geweih, ein Lorbeerkranz. Ein Siegerkranz?
Didi A. Senftenberg wird unruhig und bestellt sich lieber noch eine Runde.

“Sach ma,” spricht er die Wirtin an “wat issen dit fürn Kranz?”
“Weeß ick nich, der war schon vor meener Zeit da. Aba frach mal Paule, der is schon hia wie icke. Den da hinten.”

Didi A. Senftenberg bilckt in die hintere Ecke, dicht beim Durchgang zu den Klos. Da sitzt keiner. Doch, bei genauem Hinsehen sieht er was. Gelblichgraue Haare, ein graues, fast durchscheinendes Gesicht, eine Strickjacke, die wohl mal beige war und jetzt Löcher an den Ellenbogen hat. Die ganze Erscheinung hebt sich nicht von der Wand ab, ist fast unsichtbar.

“Sach ma, weeßt Du wat dit fürn Kranz is?” sagt Didi A. Senftenberg, der sich neuen Getränken an Paules Tisch setzt.
“Klar weeß ick dit! Großa Preis der Extraklasse sach ick nur! Der Rekord steht bis heute.”

Den ältesten Rekord, an den sich Didi A. Senftenberg erinnert, ist der von Natalja Benediktowna Lissowskaja im Kugelstoßen. “Was für ein Weib!” denkt Senftenberg. “Was wohl aus uns geworden wäre, wenn ich damals beim Interview nicht umgekippt wäre?” Versonnen trinkt er die Neige und winkt nach der nächsten Runde.

“Bis heute? Gloob ick nich!”
“Klar! Im Winter werdens 90 Jahre!”
“Wat solln dit jewesen sein?”
“Mensch, der lustje Franz und König Richard sind damals mehr wie 4500km jefahrn! Bein 6-Tage-Rennen, hier in Berlin.”
“Der lustje Franz?”
“Krupkat. Hat jejenüba jewohnt. Ick hab ihm als Steppke imma dit Rad jeputzt. Und wie er den Weltrekord jebrochen hat, man war dit ne Sause! 3 Tage hamse hier jefeiert.”
Er holt ein vergilbtes Photo aus seiner Tasche.

Senftenberg staunt, als er den Kranz wiedererkennt.
“3 Tage durchjefeiert?” fragt er?
“Naja” Paule fängt an zu grinsen “dit war so. Der lustje Franz hatte also jewonnen und war plötzlich stinkereich. Kam also rinn hier in die Kneipe und nachts hatta denn jesacht ‘Wer jetze hier iss, der kann uff mein Deckel essen und trinken, bis er jeht.’ Und war ja schlechte Zeit damals, 8 Jeschwista hatt icke. Also bin ick hier jebliebn. Bin einjepennt, wieda wach jeworden und jab jleich wieda zu essen. War bessa wie zu Hause. Naja, und seitdem sitz ick hier.”
“Seit fast 90 Jahren?”
“Seit fast 90 Jahre. Nich einen Tag war ick draußen.”

Senftenberg schüttelt ungläubig den Kopf, als die Wirtin mit der nächsten Runde kommt.
“Den Paule hab ick übanommen. Der war schon imma hier. Irre Jeschichte, jibts aba schriftlich. So lange wie er nich rausjeht, jeht allet uffn alten Deckel. Eenmal im Jahr kommt da son Anwalt vorbei und zahlt dit Janze. Der Krupkat hat damals wem Geld jeborgt und davon wird dit bezahlt.”

Am 1.September findet die nächste Huschke-Gedenkausfahrt statt.

twobeers

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