Die vielen Welten Boliviens – erste Eindruecke

Mittlerweile bin ich gute zwei Wochen in Bolivien, habe mich etwas eingelebt und etliches erlebt. Einiges davon will euch schildern. Leider gibt es dazu erstmal keine Bilder, da ich, trotz vergeblicher Muehe, keinen Fotoladen in Tarija finden konnte, der meinen Film auf Foto-CD entwickelt. Aber ich bekomme das in den naechsten Wochen noch geregelt.

Die Stadt Tarija, im aeussersten Sueden Boliviens gelegen, ist gaenzlich untypisch fuer dieses Land. Es ist zum einen die sauberste Stadt Boliviens, hat Unmengen und mit viel Aufwand gepflegte Gruenanlagen und wirkt vom Erscheinungsbild her recht argentinisch. Zum anderen scheint die Stadt etwas fortschrittlicher und wohlhabender als der Rest des Landes. Aber, und das macht sie auch sehr angenehm, ist sie sehr entspannt. Manchmal fast zu tranquilo, so fahren die Busse hier beinahe Schrittgeschwindigkeit. Viel vom Nachtleben hab ich noch nicht mitbekommen koennen, da ich die Wochenenden bisher immer unterwegs war. Aber im besten Restaurant am Platz mixen sie nen unverschaemt guten White Russian (hier im “Supermarkt” gibts sogar den originalen Kaluha Kaffeelikoer – wenn mein Kuelschrank wieder geht und mir Eis spendiert, werde ich mir mal nen Flaeschchen goennen).

Aber fangen wir mal vorne an:

Am Freitagabend den 13.5. bin ich von Mendoza aus gen Bolivien gefahren. Am Abend zuvor haben wir ein bischen einen auf Abschied gemacht und dabei sogar eine Bar entdeckt in der man arabische Wasserpfeife rauchen konnte (Orangentabak) – sehr witzig. Nun, die Fahrt mit dem Bus war mit mehr Umstiegen versehen als gedacht. Von Mendoza gings bis kurz vor Salta (19h), von kurz vor Salta gings dann nach Salta rein. Von Salta bin ich eine Stunde spaeter nach Orán gefahren und von dort noch am Abend bis an die Grenze zu Bolivien nach Aguas Blancas. Und bei den ganzen Umsteigeorgien immer mein Fahrrad am Mann. In Orán hab ich auf dem Busbahnhof ein wenig mit einem jungen Argentinier gequatscht und der hat sogleich nen Bildchen vom mir mit Sack und Pack und Rad gemacht und mir anschliessend zugemailt. Hier das Resultat:

aufm busbahnhof in oran (nordargentinien)

Vom Grenzort Aguas Blancas musste man mit dem Boot ueber den Rio Bermejo uebersetzen, um auf die bolivianische Seite nach Bermejo zu kommen. Dort habe ich mir nen Hotelzimmerchen genommen. Die Nacht war laut. Von 24 bis 2Uhr war ein unglaubliches und lautstarkes Gewusel in den grossen, halligen Hotel – und gegen 06:30 gings wieder los. Na um zehn am Sonntagmorgen bin ich dann mit dem Bus nach Tarija und wurde dort am Busbahnhof abgeholt. Es ging dann zu der deutschen Frau (Conny), bei der ich das Praktikum mache, nach Hause. Sie hat einen bolivianischen Mann und zwei Soehne und ich konnte dort die erste Zeit wohnen (im Fernsehzimmer mit Deutsche Welle TV).

Am naechsten Tag sollte mein erster Arbeitstag sein, doch anstatt ins Buero zu fahren, wurde ich direkt in den Lebensalltag auf dem Land katapultiert – und das sind wirklich zwei vollkommen verschiedene Welten! Zum einen von der Natur her: Tarija liegt auf 1860m Hoehe und ist sehr trocken und das Umland fast vegetationslos. Im andinen Chaco ca. 100km oestlich ist es hingegen deutlich feuchter, sehr waldig und gruen. Zum anderen von den Lebensumstaenden her. Die laendlichen Regionen sind sehr durch indigene Bevoelkerungen gekennzeichnet (hier die Guaraní) und recht unterentwickelt. In der Region in der wir eine Woche verweilten war es noch richtig gut, hier gab es Strom und fliessend Wasser, aber in vielen anderen Gebieten sieht es noch schlechter aus. Das Projektgebiet der Organistation bei der ich mein Praktikum mache (CER-DET) heisst Itaka Guasu und ist ein historisches Siedlungsgebiet der Guaraní. Wir haben in dem Oertchen Timboy uebernachtet. Dort gab es an zwei Tagen ein Seminar fuer Vertreter aus den umliegenden Siedlungen in denen verschiedene Sachen partizipativ eroertert wurden (Aenderung und Veramrung der Anbaukulturen, Organisationstrukturen, Ernaehrung etc). Eine Entwicklungsarbeit direkt an der Basis die sehr viel Geduld benoetigt. Desweiteren sind wir zu ein paar anderen Doerfern gefahren und Conny hat dort ein paar Kontakte gepflegt, Saatgut verteilt etc.
Nun die Woche ging rum und am Freitagabend wollten wir zunaechst nach Entre Rios, wo Conny und ihr Mann noch einen kleinen Hof haben. Doch es verzoegerte sich, weil von einen Nachbardorf (1,5h Autofahrt auf buckeligen Waldwegen) ein Maedchen abgeholt werden sollte die seit Tagen starke Schmerzen der Nieren hatte. Man haette sicher schon frueher mit ihr ins 2h entfernte Krankenhaus gesollt, aber es wurde zunaechst auf den Heilerfaehigkeiten der Grossmutter vertraut. Noch in der Nacht sind wir dann mit dem 12-jaehrigen Maedchen und der Familie hinten auf der Ladeflaeche des Pick-up nach Entre Rios gefahren. Aber anstatt ins Krankenhaus wollten sie zu einem anderen Heiler. Noch in der selben Nacht ist das Maedchen gestorben. So geht das oft hier, wenn das Geld fuer den Arzt fehlt und man doch eher auf die traditionellen Heilermethoden setzt…
Am Samstag sind wir dann zurueck nach Tarija.

Seit einer guten Woche sitzte ich nun jeden Tag von 0830-1230 und 1500-1830 im Buero. Zunaechst werde ich mich mit der demographischen Situation der indigenen Bevoelkerung des Projektgebietes beschaeftigen, Daten zusammentragen, auswerten, nen Bericht schreiben. Das ist recht wichtig, weil gerade auch auf dieser Grundlage die Gebietsansprueche der Guaraní gruenden. Mal sehen wie lange mich das beschaeftigt – aber ich ueberarbeite mich ja auch nicht ;)
Ich bin mittlerweile auch umgezogen und wohne in meinem eigenen kleinen Haeuschen! Nur gute fuenf Fahrradminuten von Zetrum entfernt, mit eingerichteter Kueche, Bad, korrektem Garten mit grosser Palme und so. Also wenn ihr Bock auf nen Spontanurlaub im hoechstgelegenen Weinanbaugebiet der Welt habt, dann ignoriert die Reisewarnungen und ihr seid herzlich eingeladen :) Telefon hab ich auch (Nummer siehe ganz unten, geh z.Z. aber noch nicht!, aber wenn mich jemand anrufen wollen sollte, so muss er die sechs Stunden Zeitdifferenz beachten. Und zu erreichen bin ich am besten 8uhr morgens, also 14uhr deutsche Zeit).

Also ich weiss ja nicht wieviel man davon in Deutschland mitbekommt, aber in Bolivien geht es zur Zeit ziemlich zur Sache. Das Volk ist unzufrieden mit der Politik und rebelliert. In der Hauptstadt La Paz gibt es taeglich Demonstrationen, Steinewuerfe, Polizeieinsaetze. Alle gehen auf die Strasse: die Mienenarbeiter, die Lehrer, die Bauern etc. Viele Hauptverkehrsstrassen werden oft tagelang blockiert, dann geht garnichts mehr. Dann gibt es keinen Gueterverkehr, keine Busse fahren, nichts. Der Busbahnhof in La Paz, der groesste und wichtigste des Landes war tagelang geschlossen, und das, obwohl der Ueberlandbus in Bolivien fast das einzigste Transportmittel ist. Und die Fluege gehen auch nur dann, wenn die Fluglotsen nicht streiken. Man stelle sich mal vor, in Deutschland waeren die 10 wichtigsten Autobahnen mehrere Tage gesperrt und zusaetzlich wuerde keine Bahnen fahren. Chaos!
Deswegen ist es immer wieder ein Wunder, DAS und WIE dieses Land ueberhaupt funktioniert. Keiner kann einem diese Frage beantworten und auch fuer die Bolivianer selber scheint es ein Mysterium zu sein. In Tarija sind die Zustaende zum Glueck nicht so wild, ist alles noch ruhig und beschaulich.
Aber wegen der unsicher Zustaende bringt halt auch jeder, der etwas Geld hat, seine Kohle ausser Landes in Sicherheit. Neben der Korruption sind fehlende Investitionen das groesste Problem Boliviens. Industrie ist sogut wie nicht vorhanden, fast alles was man kauft wird im Ausland produziert. Ich glaube Bolivien ist Importweltmeister. Selbst an der einfachsten Industrie fehlt es: Holz wird nach Argentinien exportiert, dort verarbeitet und teuer in Form von Papier importiert, Erdoel wird nach Chile exportiert, dort veredelt und teuer in Form von Benzin importiert, Kaffee wird roh nach Peru exportiert, dort gemahlen und in Form von Nescafe teuer wieder importiert – so geht das mit allem, ist schon komsich…

Nun, ich bin gespannt was die naechste Zeit so bringt und ob ich mich hier etwas heimisch fuehlen werde, schliesslich hab ich noch zwei Monate in diesem beschaulichen Staedtchen.

Sodenn, ich freue mich auf Meldungen eurerseits, viele Gruesse, robert

11 Antworten auf “Die vielen Welten Boliviens – erste Eindruecke”


  • ach die telefonnummer:

    00591-4-6634384

    wird aber wohl erst in ein paar tagen oder 2 wochen freigeschaltet sein…

  • bin auch mal gespannt was da in sachen politik so abgeht die nächsten tage! über 2-3 ecken (aus sicherer quelle wie man meinem arbeitskollegen sagte) hiess es das militär wird bald putschen…und heute kam im fernsehen, dass die bloqueos jetzt auch nach santa cruz verlagert werden sollen. :x das war bis jetzt ein recht beschauliches plätzchen (vom letzten putsch hat man hier so gut wie nix gemerkt)…abgefahrenst auch: „die leute“ wollen zum relativ großen teil auch das endlich wieder „eine starke hand“ das ruder übernimmt!
    bleibt nur zu hoffen dass die uns dann wieder aus dem land lassen :]
    ps: meine fon# 0051-3-3576316

  • Hei du alter Radler- und Feschdlekamerad… Schoen zu hoeren dass es dir gut geht in Bolivien. Bin auch mal gespannt, wie sich die Lage in Bolivien so macht. Deine Arbeit hoert sich ja auch nicht schlecht an. Seit du weg bist bin ich, zu meiner Schande, fast kein Rad mehr gefahren. nur einmal- und als ich durch ein Barrio in Mendoza gefahren bin, hat mich die Polizei angehalten und mir nahegelegt umzukehren, weil es zu gefaehrlich sei… Sag mal, gibt es in tarija wirklich noch so viele schoene Maedchen, wie hier in Argentinien? Und hei, unsere Reiseroute nach Brasilien im Juli steht noch nicht ganz fest. Es ist zwar etwas ausserhalb von der Route, aber vielleicht laesst sich ein Besuch in tarija irgendwie unterbringen.
    Entonces, suerte, cuidate y mas…

  • Wir hören zwar jeden Tag in den Nachrichten, was du so in Bolivien treibst, aber der getarnte Bericht liest sich auch nicht schlecht. Deine 14-tägige Ausbildung im letzten Jahr scheint ja einiges gebracht zu haben…
    Ne, mal in ernst: Jedes Mal wenn die in den Nachrichten von Bolivien und Unruhen was bringen, denke ich immer: Rob komm mir bloß heile wieder, sonst muß ich da runter und den Jungs die Ohren lang ziehen.

    Ritzelflitzer

  • Robsen, altem Lebemann,

    habe ich richtig verstanden, daß Dein Urlaub und somit die Gammelzeit jetzt vorbei ist und Du nun bei den deutschen Inquisitoren hart anpacken mußt? Jedenfall habe ich Tausende von Fragen, also komm bald wieder. Mich wird es im kommenden Februar ebenfalls in diese Region verschlagen.

    Schöne Grüße aus der alten Welt…

  • wie ich gerade gehoert habe, haben die strassenblockaden nun auch tarija erreicht. es wurden heute alle stassen die in alle richtungen aus der stadt fuehren blockiert. aber keine sorge, in der stadt selber ist alles chillig und ruhig :) es hat ja auch nichts gewaltaetiges an sich (solamge man nicht versucht die blockaden zu durchbrechen). da kann man gespannt sein wie es weitergeht…
    aber wieviel an den putschgeruechten dran ist, keine ahnung.

    aha, den bauern zieht es auch wieder in ferne laender. wie kommt es denn¿

    rb

  • he, he, he, BolivIen rockt! wolln wa nich hoffen, dass wo die Laender suedamerikas doch langsam auf „rote“ Regierungen setzen, Boliven da den Schritt zurueck macht.
    impresionante esa cosa con la chica, rob, me duele!
    cuande voy por allá?

  • @volker: da, tarija ist nicht nur vom stadtbild her, sondern auch von den maedels sehr argeninisch :D

    @kris: si, un pocito alarmante esa cosa. ¿quando puedes ir por aqui? ¡mire a tu cuenta de correo electronico!

    nos vemos, rob

  • hi robert alter teufel

    sanfte gruesse aus mendoza. unser besuch in deiner temporaeren heimat steht und faellt mit dem kauf eines fahrbaren untersatzes. sind aber drauf und dran irgendeinen mendociner ueber den tisch zu ziehen. ansonsten weiterhin alles entspannt.
    mach keinen bloedsinn bei angespannter politischer lage!
    drueck uns die daumen fuer den autokauf dann steht einem baldigen revival nichts mehr im weg.

    bis dahin, gehab dich wohl
    ben

  • kristin rößler

    Lieber Robert,
    leider habe ich mich bisher noch nicht bei Dir, dem Weltenbummler gemeldet. Wir hören aber viel von Dir und sind in Gedanken oft bei Dir.
    Ein wenig machen wir uns auch Sorgen wegen der politischen Situation um Dich herum.
    Natürlich hoffen wir, dass alles ruhig bleibt und Du wohlbehalten uns Deine Reiseberichte persönlich abgibst.
    In der Heimat ändert sich nichts so leicht. Weisst Du das für September Neuwahlen für den B undestag anstehen. Die SPD ist in die Zwickmühle geraten. Aber die Menschen hier sind trotzdem sehr ruhig und werden wohl Frau Merkel als „bessere Alternative“ wählen.
    Gruss Kristin, Manuel und Marie

  • Zitat: „werden wohl Frau Merkel als “bessere Alternative” wählen.

    Ähem, hüstel, räusper, wer??? Bevor ich der Schreckschraube auch nur den Hauch einer Zweitstimme zukommen lassen würde, gehe ich zum Rob. Mach schon mal die Bude klar, ab September dann in Bolivia…

    Schöner Bericht, was sollen Dich schon die Unruhen kümmern, bist ja auch heil durch die 89’er Revolte in der Zone gekommen ;-)))
    dd

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