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Kreditkartentour 2014

“Du, ich fahr mit den Kindern Ostermontag ein paar Tage zu meiner Mutter. Mach doch was schönes, fahr eine Tour!” sagte meine Frau im Winter. Und schon setzten die Überlegungen ein, das berüchtigte Aprilwetter immer vor Augen.

Anfragen in die Runde brachten keinen Zuspruch und so entschied ich mich für folgende Variante: sollte das Wetter gut sein, würde ich mit dem Zug nach Wernigerode fahren und von dort mit dem Rad nach Werne an der Lippe und dort die Familie überraschen. Als Reiseroute konnte ich den Fernradweg R1 wählen, der von Berlin durch Wernigerode nach Münster führt. Dies jedoch mit einigen Umwegen und auf unbekanntem Untergrund. Nachfragen in Foren halfen nur partiell weiter, ich entschied mich für 28mm Conti 4 Seasons im Cannondale, was eine Freiheit von etwa einem Millimeter in der Gabel bedeutet. Als Gepäck sollte ein 9l-Rucksack mit einer Garnitur reichen, schließlich waren knapp 20°C und nur geringe Gewitterneigung prophezeit worden. Als Orientierungshilfe würde mir eine ADAC-Karte im Maßstab 1:200.000 dienen.

Ostermontag, der Berlin-Harz-Express bringt mich gut gelaunt durch den sonnigen Morgen nach Wernigerode und um 10:30 sitze ich auf dem Rad. Den R1 finde ich schnell, nach Ilsenburg gehts auf einem schönen Radweg entlang der Straße, in Drübeck und Ilsenburg gehts zum Kloster.

Und weil der R1 bisher so gut funktioniert, folge ich der Ausschilderung nach Bad Harzburg. Nach wenigen Metern auf dem vom letzten Regen schlammigen Forstweg sind Socken und Sitzpolster nass und der Freiraum zwischen Gabel und Reifen ist zugespachtelt. Ich hoffe auf Besserung des Weges, doch die nächsten 8km bleiben so.


Da ist die Fahrt auf sonnigen Straßen gen Goslar schon wieder schön, talwärts rausche ich in die Welterbestadt und rechne nicht mit der Reaktionslosigkeit von Rentnerinnen am Lenkrad. Sehenden Auges beschleißt die Dame, den beschlossenen Ausparkvorgang fortzusetzen, auch wenn ich da zufällig komme. Das Verhindern des Zusammenstoßes kostet mich wahrscheinlich die Hälfte der Bremsgummis….

Jetzt ist eine Karte von 1:200.000 wirklich nicht für eine Stadterkundung geeignet und ich befinde mich plötzlich auf der Brücke einer Kraftfahrstraße, unten eine kleinere Straße. Ich überwinde die Leiplanke und versuche die Böschung hinab zu klettern, rutsche jedoch sofort aus. Mühsam kann ich die 2m nach oben wieder erklimmen, die restlichen 15m nach unten lasse ich lieber und rolle dann 200m bis zur nächsten Ausfahrt.


In Goslar bewundere ich Stadt und Glockenspiel und im Gasthaus Goslar bekomme ich eine helle und eine dunkle Gose. Erstaunt bin ich ob der 0,1l-Gläser, das passt heute mal gut.

Auf der fast autofreien Bundesstraße gehts nach Hahnenklee, sogar 2 Spitzkehren müssen bewältigt werden, bevor die Höhenmeter Richtung Seesen wieder vernichtet werden.

Mittlerweile wird der Himmel dunkler, erste Tropfen fallen. Ich finde zwischen den Zubringern der A7 kleine Straßen und Dörfer und quere die Blechlawine auf der A7, froh, nicht mit der Familie im Stau zu stecken. In Bad Gandersheim allerdings herrscht Gewitter. Der Blitz zuckt, ich zähle “einund” und der Donner ist schon da. Gottseidank auch eine Bushaltestelle mit Häuschen, die Hagelkörner sind groß wie Haselnüsse und drohen das Oberrohr zu perforieren. Ich fahre kurz-kurz, um abends trockene Sachen zu haben. Leider sind von den angekündigten 19-21° nur 12 übrig…

Als das gewitter in normalen Landregen übergeht, fahr ich weiter gen Einbeck. Vielleicht liegts am Wetter, ich finde keine einladende Schankstube, dafür aber die Brauerei. Naja, gehts eben ohne Bier weiter. Und es geht in Solling und Vogler, ein mir bis dahin selbst vom Namen unbekanntes Gebiet. Aber schön ist es dort, Wald, Hügel, es ist das zweitgrößte Mittelgebirge Niedersachsens. Dann sind die Hügel also auch Berge. Jedenfalls läßt es sich dort ganz fabelhaft fahren, der Regen stört nur noch mäßig, einzig der Blick auf die nicht wasserfeste Karte darf nur unter einem Dach erfolgen.

Der Abend rückt näher und auch das Etappenziel Höxter. Dort ist extra für mich eine Kirmes, vielleicht ist die am Weserufer auch immer zu Ostern. Das Hotel Corveyer Hof bietet eine Garage für die Räder, treffen sich doch dort mehrere große Radwege. Ich dusche so lange heiß, bis kein warmes Wasser mehr kommt. Dann in die trockenen Klamotten und auf Socken runter ins Restaurant. Die fragenden Blicke der anderen Gäste beantworte ich direkt mit dem Verweis auf meine nassen Schuhe und ernte Verständnis. Die Portionen sind Radfernreisenden angepasst riesig, die Preise moderat, das Bett warm. Und die Heizung trocknet selbst die Schuhe in wenigen Stunden. Einzig die ältere Dame, die das Kommando über das Frühstücksbuffet reagiert unwirsch, als ich die Häfte des bereitgestellten Backwerkes für mich beanspruche…

Bei Nebel und Kühle geht es um 8:30 zum Bahnhof und mein freund Daniel aus Werne steigt aus dem Zug. Er kennt zumindest den Streckenteil ab Altenbeken wie seine Westentasche und ich brauche mich nicht mit der groben Karte rumschlagen. Überschlagen habe ich die zweite Etappe mit 160km. Die Ausschilderung der Radwege ist so gut, daß wir uns darauf verlassen und auch prompt in einem matschigen Feldweg landen, wieder klebt ein Zentner Dreck an meinem Rad und die Räder drehen sich lautstark. Wir wenden und fahren lieber auf der Straße, die auch einen Radweg hat. Nochmal ein ordentlicher Höhenzug, mittlerweile sind wir in Ostwestfalen. Ab Bad Lippspringe könnten wir die Römer-Lippe-Route fahren (www.roemerlipperoute.de/), die war mir bisher unbekannt. Nicht alles ist asphaltiert, doch Daniel hat genauso wenig Probleme mit kurzen Schotterstücken wie ich. Dazu hat er auch keine Probleme mit seiner 500ml-Flasche und Riegel braucht er auch nicht. Nach 90km erinnere ich ihn, daß ich dringend etwas bräuchte und er vertröstet mich auf eine Rast in 20km. Wegen einer Baustelle fahren wir einen kleinen Umweg und aus den 20 werden 40km, als wir den Bäcker in Geseke erreichen. Sonnenschein und Wärme, kaum Wind, sehr schön.

Die Gegend ist vollkommen anders als in Brandenburg, die Felder sind winzig, überall Bauernhöfe, die durch bestens asphaltierte Wirtschaftswege verbunden sind. Doch die Sonne hält nicht, irgendwann ist der Himmel wolkenverhangen und ich kann die Richtung anhand der Sonne nicht mehr bestimmen. Dieses Problem nach mehreren Rechts- und noch mehr Linkskurven schildere ich daniel an einer T-Kreuzung und er stellt fest, daß wir falsch fahren. Egal, die andere Richtung ist auch schön. Uralte Kulturlandschaften, Reste von Römerlagern, Hörste seit 881. Kurz vor hamm erwischt es uns, ein Gewitter geht runter. Doch nur kurz, es bleibt warm, wir haben nur noch eine gute Stunde. Nach 190km erreichen wir Werne, doch wir nehmen noch einen Schlenker, um die 200 voll zu machen. Sonnenschein, später Nachmittag, ich klingele bei der Schwiegermutter. Die Familie freut sich, eine Kiste Bier steht kalt, Schrippen werden geschmiert.

Danke an Daniel für die Begleitung, die Tour fahre ich auf jeden Fall noch mal.

twobeers

6 Kommentare

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  • Nach meinen Berechnungen ist die Kreditkarte nicht einmal in Beschlag genommen worden. Oder irre ich mich da?!? Das waren doch alles Bargeschäfte. Hat sich alles sehr billig, bis auf die Strecke, die Prosa und die km angehört

  • Hört sich nach einer schönen Strecke an – bei schönem Wetter…

    Dass sich unterwegs winzige Felder mit einem asphaltierten Wegenetz finden, dürfte dem Fehlen der früheren ostdeutschen LPGs geschuldet sein. Kleinparzellig betriebene Landwirtschaft mit Kleinbauern bringt dieses Wegenetz mit sich. Da musste ja jeder zu seinem Feld kommen und nicht der Erntekapitän mit der Riesenlandmaschine soweit das Auge reicht über die Felder rumpeln.

    So gab’s bei mir zu Hause schon immer Radwege von Dorf zu Dorf – bevor es Radwege gab.

  • Na, dann hat die Tour ja gehalten, was sie versprochen hat: unberechenbare
    Radwanderwege und ein niedersächsischer April. 😉
    28 mm 4seasons waren sicher die beste Entscheidung…

    Meine alte Heimatstadt Goslar ist schon schön, das muss ich immer wieder zugeben – du hast mit den beiden Bildern einen treffenden EIndruck bekommen.

    Hätte dich gern ein Stück zwischen Harz und Solling begleitet, aber ich habe mir meine Regengüsse die Tage davor auf anderen Strecken in der Gegend dort gegönnt.
    Wenn sich’s nochmal einrichten lässt, fahren wir eben mal zusammen eine Forumsrunde durch Harz oder Weserbergland. Ist beides wirklich schön und du brauchst auch ganz sicher keine Karte.

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