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Der alte Mann und das Berg

Gut, den ersten Huegel hatten wir also gemeistert. Bleiben zwei Tage zur Erholung und mentalen Einstimmung auf den Giro.
Der Obi-Wan wollte in die Hoehentrainingskammer auf knapp 3000m (Bergwanderung). Mir war eher nach einer Runde Kurz und flach um den Reschensee, viel rumliegen, essen, relaxen. Am Nachmittag kehrt Andreas zurueck, Schienbein mit zwei Stichen genaeht – mit Turnschuhen uebern Gletscher. So fern war der Winter ja noch nicht. Aber wir sind ja nicht aus Zuckerwatte also schnell noch ne kleine Runde mit dem Rad rumrollen. Ausserdem waren ja unsere zwei Mitstreiter zwischenzeitlich eingetroffen, und die wollten schliesslich auch noch ein wenig Hoehenluft schnuppern.

Am Samstag stand die Anmeldung auf dem Programm. 2012 war das mit 100m langen Warteschlangen verbunden. Diesmal gings wesentlich flotter. Das sich gg. 09.45 nur ein kleines Grueppchen vor den noch geschlossenen Schaltern eingefunden hatte, nahm ich die Gelegenheit war um das ganze fuer unsere Truppe zu erledigen. Nebenan war ein Haendler mit dem Aufbau seines Verkaufsstandes beschaeftigt und da noch nicht fertig wechselt ein Satz Ksyrium Elite fuer nen Hunni (eigentlich fuer Kost und Logis) in meinen Besitz.
Der Rest des Tages wird mit Essen und Relaxen verbracht. Mit Raeder praeparieren, Pastapartie und ein Besuch beim NightRace (Kriterium) um sich ein wenig in Stimmung zu bringen, beenden wir den Tag.
Sonntag 04.45 Uhr versuchen sich drei Wecker zu uebertoenen. Das Handy gewinnt. Morgentoilette und Bettenbau, Fruehstueck und ab an den Start.
Es gibt nur einen Startblock und wer zuerst kommt steht vorn. (Und natuerlich gibt es noch einen kleinen Block davor.) 06.10 Uhr mische ich mich unter die Wartenden. Der Obi-Wan draegelt mich zwei Plaetze nach vorn. Bleiben also nur noch 298 bis zum Licht. Am Samstag Nachmittag hatte es noch kraeftig geregnet. Jetzt war aber bestes Rennwetter. 14 Grad mit Aussicht auf mehr. Am Start
06.30 Uhr Startschuss und so langsam setzt sich der Pulk in Bewegung. Bis zum Reschenpass sind es 10 km und 250 Hm. Vollgas. Die Beine fuehlen sich irgendwie verbleit an und der Puls will scheinbar auch nicht dahin, wo er richtig erholt, hin gehoert. Und das Hirn beschaeftigt sich auch noch mit Sachen, von denen es nichts versteht – Denken. Kann das nicht mal Sauerstoff sparen? Ich erwische mich beim Blick auf den Pulsmesser.
Die Spitzengruppe ist in Sichtweite und kurz hinter dem Reschensee habe ich den Kontakt hergestellt. Der Obi-Wan ist weg, der war nie da. Die Aufholjagd kostet Koerner und ca. 500Hm. Aber letzteres trifft alle. Zum Verschnaufen und Lutschen bleibt nicht viel Zeit, denn nach Prad geht es unmittelbar in den Anstieg zum Stelvio. Und da reisst natuerlich alles auseinander. Mittlerweile ist auch die Pumpe erwacht. 07.30 Uhr, Guten Morgen, hat etwas gedauert.
Der Anstieg zum Stelvio laesst sich recht gut fahren. Die Steigung ist meist unter 10 Prozent und nur hin und wieder eine kleine Rampe mit max. 14 Prozent. Und alle 48 Kurven schoen uebersichtlich nummeriert. Die Gruppe mit den jungen Heisspornen lasse ich ziehen und sehe zu ein altersgemaesses Tempo anzuschlagen. In Trafoi gibt es die erste Verpflegungsstelle. Im Vorbeifahren greife ich einen Becher Iso, Anhalten ist nicht.
Ein Stueck weiter des Wegs bringt mich noch das 21er Ritzel. Den Rest darf das 24er werkeln. Das 27er welches beim Gletscherkaiser half, bleibt als Gedankenstuetze. Ueber der Baumgrenze empfaengt mich Sonne und ein genialer Ausblick. Noch 22 Kehren und am Sattel ist auch schon das Rondell zu sehen. Meine erste Trinkflasche ist leer und darf sichs in der Sonne gemuetlich machen. Die Reste des Winters, der noch die Giro-Ankunft verhindert hatte, bilden die Kulisse fuer die letzten Kehren. Stilfser Joch Nervig nur die Vespas (gefuehlte 87 an der Zahl), die ausgerechnet am Sonntagmorgen auch hier hoch muessen. In Kehre 1 die zweite Verpflegungsstation lasse ich komplett aus, denn das letzte Stueck bis zum Joch faehrt sich schlecht mit nem Becher in der Hand und nem gelben Bioriegel zwischen den Zaehnen. Das ging letztes Jahr besser.
Endlich oben, aber keine Zeit zum Verschnaufen schnell die Weste (Der gelbe Sack lebt noch!) uebergezogen und Sturzflug Richtung Schweiz. Die Strassen sind leider nicht komplett gesperrt und so muss man schon aufpassen, was einem entgegen kommt. Aber so frueh ist noch kaum Verkehr hier oben. Ueber den Umbrailpass geht es nach Sta. Maria. In der Abfahrt kommt noch das beruechtigte Stueck unbefestigte Strasse. Im letzten Jahr noch schoen lehmglatt ist es jetzt mit Feinschotter ueberzogen. HighSpeed fuer Downhill-Bikes, Eierei mit dem Dackelschneider und in den zwei steilen Kurven moecht man das Rad am liebsten rumheben. Umbrailpass
Zwischenzeitlich hatte ich mir ein Gel aus dem Trikot geangelt, die naechste Kurve war aber schneller. Also zurueck damit in die Tasche.
Nach Sta. Maria entledige ich mich der Weste. Die befoerdert allerdings das zuvor hektisch eingestecke Gel mit lautem Platschen auf den Asphalt. Vor mir taucht eine Vierergruppe auf, zu der ich aufschliessen kann. In den folgenden Abfahrten koennen oder wollen sie jedoch nicht mithalten und ich gehe den Ofenpass allein an. Dieser macht seinem Namen wieder alle Ehre. Es ist heiss. Vier Kurven vor oben schlaegt dann das boese Tier zu. Krampf im Oberschenkel. Zaehne zusammenbeissen, Wiegetritt, das Vieh lockert seinen Biss ein wenig. Das muss reichen.
Blick zurueck, 2 Kurven hinter mir die Vierergruppe. Ich entkomme knapp ueber den Pass und fliege meinen Verfolgern wieder davon. Jetzt geht es weitestgehen nur noch bergab. Richtig ins Rollen komme ich allerdings nicht im Inntal herrscht heftiger Gegenwind. Im letzten Jahr hatte ich mir hier fast nen Krampf in der Hand geholt. Der Umwerfer war fuer die Verwendung des kleinsten Ritzels einfach zu knapp eingestellt und ich hatte ihn zur Nervenschonung per Schalthebel die letzten Zehntel weggedruecken muessen. Diesmal gings nur zaeh vorwaerts und irgendwann waren wir wieder zu fuenft.
Allerdings fuenf, von denen nur zweieinhalb zu vernuenftiger Tempoarbeit bereit waren. Kein Problem, solange nach hinten ausreichend Luft ist. War aber nur bis 10 km vor Schluss. Dann hatte eine weitere Fuenfergruppe Anschluss hergestellt.
Wir kommen nach Martina und vor uns liegt nur noch der Anstieg zur Norbertshoehe. Davor die letzte Verpflegung. Meine Trinkflaschen sind leer. Ich halte an, goenne mir 2 Becher Cola und etwas Wasser in die Flasche. Sieben Mann aus unserer Gruppe sind durchgefahren. Zwei hole ich im Anstieg wieder, also insgesamt kein grosser Verlust.
Nach 165km die Norbertshoehe und der herrliche Ausblick auf Nauders unter mir. Drei Minuten Schussfahrt ins Ziel zum Geniesen. Vergessen die Schmerzen und der leise Zweifel am Ofenpass. Ich glaube ich komme wieder. Ziel
Geht doch!

chubika

3 Kommentare

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  • Epilog:

    Am Abend stellt sich heraus, dass der Obi-Wan nach 200m hat reissen lassen. Mit zwei Pausen am Stilfser Joch erreichte er nach ca. 8:09h das Ziel. KaPe (mit kuenstlichem Knie) kratzt an der 8-Stunden-Marke und damit 30 Minuten schneller als 2012 und Steffen 7:33h.

    Ich hatte mir vorgenommen bzw. gehofft, meine Zeit aus dem letzten Jahr um 5min zu verbessern. Das ist mir nicht gelungen, obwohl ich das am Stilfser Joch schon fast rausgefahren hatte hatte. Da aber auch die Siegerzeit in diesem Jahr ca. 15min langsamer war als 2012, konnte ich meinen Rueckstand um ueber 10min auf 34min verringern. Und damit bin ich dann doch ganz zufrieden.

    Gesamtwertung Platz 40, AK(68) Platz 6
    Cupwertung (Gletscherkaiser+Giro) gesamt Platz 6

    Gefahren auf Giant TCR, Zweifach-Standard-Kurbel (53/39) und 9 fach (12/27).

    Ciao
    C.

  • Das klingt nach ein Veranstaltung, die mir auch Spass bereiten könnte.

    Toll, chubika, das Du dich mal wieder mit diesen fantastischen Zeilen zu Wort meldest!

    Danke.

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