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Bezwinge den Erbeskopf

Und hier noch der Rennbericht von gretli. Erstes Rennen in der dritten Saison auf dem Rad… ūüôā
Bilder haben Eule und Mischi schon geliefert, daher hier nur Prosa:

Nach meinem letztj√§hrigen ersten Versuchen mit Mehrtagestouren wurde ich dieses Jahr zur Teilnahme an einem Rennen √ľberredet. Naja, √ľberredet ist relativ, wenn man eine Email eines unbekannten Absenders erh√§lt mit dem Inhalt: Herzlichen Gl√ľckwunsch zur Teilnahme am Erbeskopfmarathon! Und dabei seinen geliebten Partner anschaut und dieser einen wissend angrinst. Freie Entscheidungen im -Bereich sind √ľberbewertet:-).

Aber nichtsdestotrotz sind wir gemeinsam dann zum 10j√§hrigen Jubil√§um des sagenumwobenen Rennens (lt. Eule eines der anspruchsvollsten -Rennen) ohne nennenswertes Training aufgebrochen. Sehr angenehm war die Variante der Anreise am Vortag und der wirklich sehr nette Empfang in Thalfang. Diese Menschen dort sind einfach umwerfend freundlich. Sehr zu empfehlen. Eule hatte auch ein nettes Quartier organisiert und nach √úberzeugungsarbeit zwecks Alkoholkonsum liefen wir auch zur Startnummernvergabe. Das erste Mal eine Startnummer f√ľr mein Rad und dann gleich 1003 – also als Nummer 3 im Felde der Halbmarathoner. Uiih – 67km und 1700hm soll ich fahren. Schwer vorstellbar, aber ich bin ja schon mehr an einem Tag gefahren. Wird schon!

Da mein Begleiter wegen technischer Probleme eines nichtwilligen Schaltwerkes zum Singlespeeder wurde, hatte ich (zum Gl√ľck im Nachhinein) einen treuen Begleiter w√§hrend meines (Schnecken-)Rennens. Also st√§rkten wir uns am Abend vorweg mit leckerem Bierchen, Mousse au chocolat und Kohlenhydraten. Soll ja helfen – als ehemaliger Langstreckenschwimmer konnte ich das bejahen. Dann wurde fr√ľh der Zapfenstreich geblasen und ich schlief besser, als es meine Aufregung eigentlich zuliess. Am n√§chsten Tage – Gametime – alles war schon vorbereitet und gerichtet f√ľr mich. Mir wurden sehr viele Grundlagen der Sportlerern√§hrung nahe gebracht: wann welcher Riegel zu essen war und wann welches P√ľlverchen (Anm: Magnesium). Am liebsten h√§tte ich den empfohlenen Speiseplan mitgenommen. Wer soll sich das denn alles merken?? Ich packte brav alles ein und harrte der Dinge, die da kommen werden.

Am Start angekommen, hatten wir viel Zeit um sportlichen Ehrgeiz und merkw√ľrdige Ausw√ľchse des -Sports zu begutachten und dar√ľber zu l√§stern. Im Startfeld ganz hinten verstanden wir leider auch gar nicht, welche Ansagen der Startsprecher machte, aber wir sind ja nicht in der W√ľste. Wenn was passieren sollte, findet uns auch jemand im Hunsr√ľck. Nur wurde immer wieder per Rennsprecher betont, dass wir beide auf Flitterwochen sind und jetzt unsere Zeit hier verbringen – Toll!! Noch mehr Scheinwerferlicht auf meine aufgeregte Seele brauchte ich nicht. Ich war eh schon schwei√ügebadet ohne eine Kurbelumdrehung getan zu haben. Was kommt da jetzt auf mich zu?! Der Startschuss fiel und es war ein tolles Gef√ľhl an den applaudierenden Menschen vorbei zu fahren. Man f√ľhlt sich wirklich als ganz gro√üer Sportler. Dann ging es rein in das Rennen.

Obwohl ich H√∂henprofile als unwichtig erachtet – weil eh nicht genau verstehend – habe, wu√üte ich aber, dass die ersten km uns wieder an den Start brachten. Also auf in die ersten KM. Nur irgendwie wollten meine Beine nicht, was mein ICH wollte und mein Kopf setzte auch aus. Ich fuhr wie ein Schneckerl dahin. Komisch. Radfahren ist eigentlich einfach. Der erste Trail kam – den schob ich erstmal mangels eigenem Vertrauen in das K√∂nnen. Dann wieder in den Start-Zielbereich und ab auf die Strecke. Yo Gomez schaute sich die ganze Zeit um und ich dachte mir nur: Fahr doch, ich komm schon alleine klar! Aber die Beine wollten nicht. Und dann springt da noch so ein komischer Fotograf in der Gegend rum. Konnte ich gar nicht brauchen. Wie war das im Schwimmen – irgendwann wird alles besser! Daran versuchte ich zu glauben und st√ľrzte prompt im ersten Wurzeltrail – ich hatte alles verlernt und mit den blauen Flecken laboriere ich 10Tage sp√§ter immer noch rum. Dann das unweigerliche – die Kette sprang runter. Alles nichts dramatisches, aber meiner Stimmung entsprechend. Wir fahren weiter durch eine wirklich sch√∂ne Landschaft und sehr abwechslungsreiche Strecken. Das drang aber nicht zu mir durch! Habe ich nicht wirklich mitbekommen. Am ersten steilen Berg schob ich hoch und dachte nur, dass h√§ltst Du nie durch. Mein Begleiter probierte es mit Motivationspr√ľchen: „nur noch 1km bis zur Verpflegungsstation“, „Du bist schon mehr gefahren“ – half alles nicht. Nach einem fiesen Trail mit vorbeirasenden, mich aus der Spur dr√§ngenden und staubschleudernden Marathonern (Anm: Die Spitzengruppe der Langstrecke) war die hei√ü ersehnte Verpflegungsstation da.

Juhu – aber mir wurde bewu√üt, durch meine Bummelei waren wir letzter. Nicht f√∂rderlich f√ľr die Motivation. Aber ich beschloss weiter zu machen. Dann ging es auch langsam besser durch nette W√§lder, mal Feldweg, mal kleine aber fahrbare Trails. Bergauf mehr als Bergab und immer wieder schossen Marathonfahrer an mir vorbei. Wo nehmen die nur diese Geschwindigkeit und die Kraft her? Einziger Gedanke bei mir: ich muss mehr radfahren und ich bin ein Weichei. Nach einem weiteren H√ľgel (einen Berg konnte man das im R√ľckblick nicht mal wohlwollend nennen) war die Luft auf der Kuppe weg. Akute Atemnot und das Gesicht meines Begleiters machten mir Angst. Ruhig bleiben ist alles und dann war die Luft auch wieder da und auf einmal auch die Lust weiterzumachen. Aufh√∂ren ist was f√ľr Anf√§nger. Also ab auf die Piste und es ging immer besser weiter! Ich war so stolz auf mich, welche Trails ich fuhr – und das machte riesig Spass! Selbst das Schild 150hm die n√§chsten 2km schreckte mich nicht ab – wer sein Rad liebt, der schiebt ab dem Punkt, wenn er vom Rad kippt wegen mangelnder Geschwindigkeit. Sitzt aber wieder auf und f√§hrt weiter. So erzwang auch ich den Erbeskopf.

Mit den Kurzstrecklern pr√ľgelte ich mich auf den letzten Metern Weg zum Gipfel besagten Berges und dann ging es ab, die Skipiste runter! Vor und hinter mir m√∂rderisch quietschende Bremsen liessen auch mich vorsichtig den Berg runter fahren. Spr√ľche von der Seite: „Lass laufen, M√§del“ ignorierte ich mit dem Bewu√ütsein, dass ich das Rennen gerne zu Ende fahren w√ľrde – am St√ľck! Denn genau in dieser Stelle probierte sich dann ja sp√§ter Mischi als Vermessungs- und Saltoakrobat. Am n√§chsten Verpflegungspunkt bekam ich zu h√∂ren, dass ich zu wenig trinke und auch was essen sollte. Das nicht vorhandene Hungergef√ľhl ignorierend und brav auf erfahrene Bergbezwinger h√∂rend, vertilgte ich den Kuchen. Lecker! Dann sprachen uns andere Fahrer an, dass ein Kollege von uns am Berg sein Rad per √úberschlag verlassen hat. Oje – was war da passiert.? Aber Mischi kam dann ganz entspannt aber sehr angeschlagen an und wollte erstmal eine rauchen. Eule traf auch ein und packte sein Salamibr√∂tchen zu einer gem√ľtlichen Vesper aus – Sportlernahrung ist was anderes! Wir fuhren nach Check von Mischi weiter und machten uns auf die n√§chsten Kilometer. Der n√§chste Streckenabschnitt war mein liebster – bergab, Trails (Stolzgef√ľhl stieg), leichte Steigungen. So kann es weitergehen. Pustekuchen!

Nach weiteren 10km ging es wieder steiler rauf. Das vorher angebrachte Schild ignorierte ich, weil ich es nicht wahrhaben wollte. Aber leider war es Realit√§t. Bergauf, Bergauf, Bergauf – Trails, Feldwege, Wurzeln. Da war es wohl Zeit f√ľr komische Powerbarriegel und komische Gels. Ekelhaftes Zeug, aber es wirkt! Meine Beine sind gewillt noch ein wenig mehr Engergie abzugeben und in Tretbewegungen umzusetzen. Wie in jeder Ausdauersportart wird nun irgendwann alles im Kopf entschieden. Immer weiter treten und treten – oh man, war das schwer. Zum zunehmenden M√ľdigkeitsgef√ľhl kam auch noch schlechteres Wetter. Regen floss in den Kragen, aber machte meiner inzwischen guten Stimmung keinen Abriss. Irgendwann werde ich schon ankommen. Auf einem steilen Wurzeltrail – Yo Gomez fuhr diesen locker hoch – hatte ich das erste Mal Muskelzucken. Spooky, wenn der Oberschenkelmuskel beschliesst, sich unabh√§ngig vom K√∂rper zu bewegen! Ein Pulverchen aus meinem Vorrat bezwang aber auch den Willen des eigenwilligen Muskels und ich kam oben an. Und bewunderte einfach Single Speeder, wie diese (fast) jeden Berg locker bezwingen und dabei auch noch schnell sind. Ich bekam durch meine Geschwindigkeit ja nicht mit, das man oben erstmal ein Sauerstoffzelt braucht. Bis ich aufschloss, war mein Begleiter immer schon wieder fit!

Die Devise war weiterhin: den ersten Halbmarathon durchhalten und weitermachen. Wir sind am letzten Verpflegungspunkt angekommen und ich a√ü den besten Butterkuchen ever (Anm: Rezept siehe anderer Artikel)! Welche Kleinigkeiten der K√∂rper als genussvoll erachtet nach k√∂rperlicher Anstrengung. Das beste Streckenschild des Tages war: noch 7,5km – also fast da. 150hm konnten nicht so viel sein, was ich revidieren musste. Wir kamen aus dem Wald raus und da f√ľhrte rechts ein weiterer Pfeil f√ľr eine Streckenf√ľhrung weg. H√§√§h? – Achja, das waren die armen Marathoner, die dann noch 15km fahren mussten. Also schnell nach links abbiegen. Und wenn Asphaltstrassen anstrengend werden, ist es besser anzukommen. Auf einmal erkannte ich die Strecke wieder – Juhu, wir waren auf der Einf√ľhrungsrunde und ich wu√üte, welche km noch kommen. Dann ging es fast von alleine bis zum Ziel – Kopfkino!

Kurz vor dem Ziel holte uns Eule noch ein vom und wir √ľberquerten gemeinsam die Ziellinie. Keine tosenden Menschenmassen, keine kreischenden Leute – nur der Veranstalter, der meinte: Ich dachte alle von der Mittelstrecke sind schon durch! Danke f√ľr die Motivation und W√ľrdigung meines ersten Rennens (Anm: Das wurde aber schnell mit einem super hilfsbereiten Zielbier wieder wettgemacht). Egal – ich bin angekommen und hab mich an mehreren Punkten selbst besiegt und gewonnen. Das verabreichte Bier verdampfte direkt – isotonisch. Ich war angekommen, nur das z√§hlte. Das weitere ist schnell erz√§hlt. Streckenstories wurden ausgetauscht, Leiden mitgeteilt, um Mitleid gebeten, Versprechungen abgegeben, dass man nieeeeeeeeee wieder so eine Strecke f√§hrt, Mischi wieder aufgenommen am St√ľck inkl Verband und Kratzern und die Heimfahrt angetreten.

Auf dem Heimweg stellte ich fest, dass doch alles gar nicht so schlimm war. Im Rennen war ich der festen √úberzeugung, ich mach das nicht nochmal – jetzt sehe ich das schon gelassener. Auf jeden Fall h√§tte ich das nicht gemacht und geschafft ohne meinen treuen Gef√§hrten, der wohl mehrfach am Ende seiner Weisheit und seiner Geduld mit mir war. Danke f√ľrs mich Ertragen und Durchhalten! Bis zum n√§chsten Jahr?!

yo gomez

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