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Flandern in Flammen

RVV 2011

Die Ronde van Vlaanderen gehört zu prestigeträchtigsten Eintagesklassikern im Radsport, am ersten Wochenende im April dreht sich in Flandern alles um die Rundfahrt. Die Begeisterung der Flamen für den Radsport und das Rennen lässt sich kaum beschreiben – ein Volk feiert sich und seine Helden.

Eindrücke der Jedermann und Profi-Veranstaltung aus dem Land der Hellingen en Kasseien gibt es auf den nächsten Seiten.

Einer alten Kader-Weisheit zufolge “fährt man echte Klassiker nur in Belgien”, soso. Das gilt es zu überprüfen!

Nach einer sternenklaren Nacht ist die Luft noch frisch, als ich das kleine Hotel in der Altstadt von Brugge verlasse. Neben meinen Mitstreitern Nic “The Crow” und dem Italiener Pantannini sind bereits unzählige Radler aus allen Herren Ländern ebenfalls auf den Beinen. Ein Sprachenwirrwarr erfüllt die Kopfsteinpflastergassen mit Leben wie zur besten Einkaufszeit am Mittag. In einer schier endlosen Schlange von Rennradlern warten wir geduldig auf die Freigabe des Starts.

Vor dem Start am Marktplatz in Brugge
Vor dem Start am Marktplatz in Brugge

Aber noch mehr Radler, wahrscheinlich Einheimische, interessiert das wenig und sie ziehen an uns und der Absperrung einfach in Richtung Marktplatz vorbei. Nach einer halben Stunde im Stau wissen auch wir warum – Es gibt schlichtweg kein geordnetes Startprozedere! Jeder startet einfach so wie er Lust hat, ob mit oder ohne Kontrollkarte, Startnummer, etc…

Eule vor dem Start
Eule vor dem Start

Endlich auf dem Rad und in Bewegung, die frische Luft tut gut, die Sonne geht langsam auf und färbt den Himmel von dunkelblau in hellblau. Wir rollen auf einem Radweg entlang eines Kanals gen Süden. Bald tauschen wir den Kanal gegen Radwege entlang der Straße. Über Oostkamp, Hille, Ingelmunster und Izegem erreichen wir Kortrijk. Von dort ist es nicht mehr weit bis zur ersten VP, wir kommen gegen halb 10 an. Erschreckt stellen wir fest, dass erst 65km und nicht ein Helling oder Kasseie hinter uns liegen.

Bislang ist die Tour geprägt durch große Gruppen, nervöse Fahrer mit schlechten Fahrkünsten, noch schlechteren Radwegen, gefährlichen Randsteinen, Pollern und Verkehrsinseln. Scheinbar wollen die Flamen so das Feld bereits vor dem ersten Anstieg dezimieren. Die Radwegebenutzungpflicht in Belgien wird selbst bei so einem Event von vielen Ernst genommen. Aber ob Radweg oder Straße, der Belag ist bei beiden in miserablem Zustand. Trotzdem haben wir es bisher ohne Sturz und Panne überlebt und sind froh darüber.

Bevoorrading 1
Bevoorrading 1

Kurz nach der ersten Bevoorrading kommt endlich die erste Helling – der Tiegemberg. Ein leichter Hügel, im großen Blatt fahrbar und schell erklommen. Nach dem zweiten Helling, dem Nokereberg, wird es zunächst wieder lange flach, bevor es bei KM 125 endlich richtig losgeht. Und mit richtig ist auch RICHTIG gemeint!
Die erste Hälfte ist ein Vorgeplänkel bei dem es Kräfte zu schonen gilt und man sich in keine Stürze verwickeln lässt. Aber dann kracht es unendwegt, Kasseien auf Kasseien, Helling auf Helling.

Bereits bei KM 113/115 empfängt uns eine Doppelpassage Kopfsteinpflaster, die Kasseien Padestraat und Lippenhovestraat zusammen fast 4km lang. Mit Kategorie 3 gehören diese noch nicht einmal zu den fiesesten Abschnitten der Ronde. Wir stellen in den Kasseien bei uns selbst eine gewisse Abhärtung fest – irgendwann glaubt man den Lenker nicht mehr in den Händen zu halten, man tritt lediglich schneller und härter und hofft auf das Ende und Asphalt. Unsere Taktik zur Schonung der Muskelatur grundsätzlich das große Blatt zu treten geht auf, nur selten werden wir überholt.

Aber zurück zu den Hellingen, Rekelberg, Kaperij, Kruisberg und Knokteberg sind die nächsten Hindernisse auf dem Weg nach Ninove. Am Knokteberg knallt die Sonne schön vom Himmel, mein wärmendes Unterhemd hat seine Dienste geleistet und mit kurz-kurz geht es weiter. Die Muskelatur meldet sich zum ersten Mal mit leichtem Zucken in den Oberschenkeln. Vorsichtig fahre ich weiter, zusammen mit dem Bekleidungswechsel verliere ich meine Mitstreiter aus den Augen und muss mich bis zur nächsten Helling alleine durch den immer noch starken Gegenwind kämpfen.

Technische bijstand nach dem Rekelberg
Technische bijstand nach dem Rekelberg

Als nächste Hürde wartet der Oude Kwaremont, ein absoluter Klassiker auf der Ronde. Diese Helling ist seit Beginn der Ronde fast immer im Programm. Mit einer Länge von 2,2km und einer Höhendifferenz von knapp 100m ein echtes Highlight. Natürlich bedarf es kaum einer Erwähnung das der überwiegende Teil nicht asphaltiert ist. Habe ich fast vergessen, noch besser als Helling oder Kasseien ist Kasseienhelling – richtig – Hügel mit Kopfsteinpflaster. Von 18 Hellingen sind lediglich 6 mit schwarzer Masse bedeckt, der Rest kommt klassisch daher.

Kaum drei Kilometer später der nächste Knaller: Paterberg. Auf nur 360m Länge überwindet man 46hm, dass bedeutet 13% im Schnitt und über 20% in der Spitze. Wenn es heute nicht trocken sondern nass gewesen wäre, schieben, klettern, krabbeln wäre angesagt gewesen. Im Ernst, auf nassem Untergrund kommt man mit Klickschuhen hier nur unter großen Mühen hoch. Und weil es so schön ist, gibt es nur 7km später mit dem berühmten Koppenberg sozusagen Nachtisch.

Unten am Koppenberg
Die Krähe und der Italiener unten am Koppenberg

Tja, der Koppenberg ist einer der Lieblingsberge der Flamen, unzählige Besucher schon bei uns Jedermännern, Bierzelte, Volksfeststimmung. Die technischen Daten: 600m Länge, 11,6% Schnitt und sage und schreibe 22% in der Spitze. Natürlich Kasseienhelling…

Koppenberg
Koppenberg – einfach geradeaus bitte

Eule Koppenberg
Von unten sah es so einfach aus und jetzt diese Qualen am Koppenberg

Trotz meiner muskulären Schwächephase bin ich beide Anstiege komplett fahrend hochgekommen. Zahlreiche andere Fahrer haben nicht das Glück und müssen laufen. Wer aber anschließend an “Ausruhen” gedacht hat, liegt falsch. Zur Belohnung kommen zwei ultrabrutale Kasseien mit dem Mariaborrestraat und dem Holleweg, Kategorie 4 – Hors Categorie. Dazwischen liegen drei Hellingen: Steenbeekdries, Taaienberg und Eikenberg – allesamt natürlich Kasseienhellinge.

Gefühlt fährt man seit Stunden nur noch auf dem heiligen “Flüsterasphalt”, ist wahrscheinlich auch so. Am Molenberg, Helling 13, erwischt es mich dann. Heftige Krämpfe links und rechts in den Oberschenkeln zwingen mich zum Laufen. Verdomme!

Gute Stimmung und schmale Wege
Gute Stimmung und schmale Wege in Vlaanderen

Irgendwie kann ich mich trotz den 4er Kasseien Kergate (km195) und Haaghoek (km 211) erholen und bezwinge den Leberg wieder im Sattel. Bis zum Tenbosse sind es dann blos noch ein paar Kilometer und die Ronde geht in die entscheidende Schlussphase. Naja, vielleicht bei den Profis. Bei mir geht es mittlerweile nur noch ums ankommen. Tenbosse ist zur Abwechselung mal wieder asphaltiert gewesen und ich schnuppere Morgenluft.

Endlich erreichen wir Geraardsbergen und der Kult-Helling schlechthin wartet auf uns – die Muur-Kapelmuur!
Die Zuschauer stehen wie bei den Profis einen Tag später im Spalier am Wegesrand und feuern die Teilnehmer lauthals an. Jetzt anhalten und vom Rad steigen, ist bei der Begeisterung eigentlich unmöglich. Man tritt sein verdammtes Pedal Umdrehung für Umdrehung und hofft endlich die Kapelle zu sehen. Nach jeder Kurve betet man für den Anblick und dann sieht man sie.

Eule Kappelmuur
Auf dem Weg zur Kappelmuur

Kurz darauf wartet noch der nicht minder bekannte Bosberg, traditionell der letzte Helling der Ronde vor Ninove. Nach dem meine Mitfahrer sich an der Muur ein knappes Duell liefern, ist bei beiden ein wenig die Luft raus und wir kommen gemeinsam zu dritt oben an. Als besonderes Schmankerl dürfen die Jedermänner die Original-Profizielgerade in Meerbeke überqueren, ehe es zum eigentlichen Ziel in Ninove geht.

Nach knapp 11h erreichen wir Ninove um kurz nach 18 Uhr.
Zielfoto
So sehen Sieger, ähm, Finisher aus

Wie auf dem Profil zu sehen ist, nicht alle Hellingen haben Namen und nicht alle Kasseien werden offziell als solche ausgezeichnet.

Profil
Profil der Ronde van Vlaanderen 2011

Warum wir die Ronde nicht mehr fahren werden und eigentlich niemandem empfehlen können, ist auf der nächsten Seite zu lesen.

darkdesigner

13 Kommentare

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  • Schön das es wenigstens be Euch geklappt hat und schade, das wir uns nicht vor Ort treffen konnten. Ich habe mir das noch nicht durchgelesen. Dazu fehlt mir noch die innere Stärke aber wenn diese kleine Phase überwunden ist, werde ich mit Freude Deine Zeilen lesen um aus erster Hand zu sehen, was wir so alles verpasst haben…

  • Eule, das las sich wie ganz großer Radsport. Damit bist Du der erste Kader, der eines der Radsportmonumente in den gesegneten Knochen hat. Ich will mindestens 10 Kinder von Dir. Toller Bericht übrigens!

  • Hammergeil, Herr Eule! Schade, dass es nicht geregenet hat, aber scheinbar ist das auch so schon gaaanz schön anstrengend. Will auch mal machen! Klasse! Grüße die beiden anderen Penner! Also die Italiener und den Amerikaner. Bis bald…D.K.

  • es war nicht nur eine freude, es war FEST deine zeilen zu lesen, eule. toll, dass ihr das zu dritt durchgezogen habt. ich habe zwar nur bahnhof (hellingen) und bahnhof (kasseien) verstanden, aber es scheint schon etwas sehr besonders gewesen zu sein.
    und nicht unerwähnt scheint mir, dass sich die ganzen fiesen stiche auf den 255 kilometern immerhin zu fast 2000 höhenmetern summierten. ein hartes stück arbeit und ein sehr schöner bericht. respekt!

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