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7 – Eine Reise durch sieben Bundesländer

IRN Frankfurt. Beim Stöbern auf dem Dachboden fand der Frankfurter Radsportler Turgau kürzlich eine verstaubte Kiste mit altem Kartenmaterial und Bildern. Das Studium selbiger brachte erstaunliches zu Tage, so sei es möglich an einem Tage sieben deutsche Bundesländer per Pedale zu bereisen. Einst hatten die bekannten Heroen Siggi Staub und Dieter Kemper diese abenteuerliche Tortur auf sich genommen. In diesem Jahr hatten die zwei ihre Körner bereits im toskanischen Gaiole verschossen, so dass der Weg frei schien für zwei unerschrockene Fahrer aus dem Team Schwalbe International.

Eigentlich war geplant gleich drei Fahrer ins legendäre Zeitfahren Hamburg – Berlin zu schicken. Der englische Sprintspezialist Nic „the Crow“ Cavendish fiel jedoch einem heimtückischen Anschlag zum Opfer. An beiden Knien plagen ihn seit Wochen merkwürdige Schmerzen, die eines Morgens urplötzlich auftauchten. Die Mediziner vor Ort vermuten eine gezielte Plutoniumvergiftung seines wertvollen Bewegungsapparates.

Aber nicht nur das Team Schwalbe International war von Ausfällen gezeichnet, auch einen Fahrer der Berliner Fraktion, den Ausdauerathleten Zweibier von Schultheiss erwischte es heftig. Lediglich dem jungen, hoch aufgeschossenen C. Hans Hamburg blieb es übrig, die Farben des Berliner Kaders zu vertreten. Begleitet wurde er von einer schnellen Gruppe aus seiner Wahlheimat Hamburg. Lesen Sie hier den unzensierten Augenzeugenbericht von Didi Turgau in voller Länge:

Zu zweit reisen L. Pantaninni und ich per Bahn über Hamburg nach Bergedorf. Von dort können die letzten Kilometer mit dem Bus nach Geesthacht zurückgelegt werden. Unsere Radtaschen erweisen sich als durchaus praktisch, kein Problem im ICE und anderen öffentlichen Verkehrsmitteln.

Pantaninni und Turgau bei der Abfahrt in Frankfurt

Wir schlagen unser Quartier für eine Nacht in einem kleinen unscheinbaren Hotel auf. Abends essen wir leckeren Hamburger Pannfisch gemeinsam mit ChristianHH und FrenkHenk. Ersterer war bereits im letzten Jahr am Start und konnte nur positives berichten. Entsprechend gering sind meine Befürchtungen, selbst ein letzter Blick in die Wettervorhersagen verspricht einen einigermaßen akzeptablen Tag.

Als am nächsten Morgen um 515 unser Wecker klingelt und wir das Fenster öffnen, trauen wir unseren Ohren und Augen kaum. Es prasselt eine Sinnflut hernieder, es gießt aus Eimern, es schüttet. Wir beschließen bei diesen Bedingungen auf keinen Fall zu starten. Noch bleiben gut 90 Minuten bis zu unserer Startzeit und wir machen uns fertig zum Aufbruch. Mittels Taxi lassen wir uns im Gegensatz zu einigen anderen Hotelgästen trocken zum Startort nach Altengamme transportieren. Wenigstens trocken starten ist unsere Hoffnung.

Turgau vor dem Start

Pantaninni vor dem Start

Und tatsächlich, je näher wir dem Fährhaus in Altengamme kommen, umso weniger wird der Regen. Wir frühstücken erst einmal, immer noch 30 Minuten bis zum Start. Plötzlich vergehen die Minuten wie im Flug, ich packe mein Rad aus der Reisetasche, gebe mein Gepäck bei Christians Team ab und schon ruft jemand „Eisenschweinkader als nächster am Start“. Die letzten Einstellarbeiten sind noch nicht beendet und wir verlieren knapp 2 Minuten. Aber egal, besser jetzt alles in Ordnung, als später Probleme.

Um 645 rollen wir endlich los, kaum sind wir unterwegs fängt der Regen doch tatsächlich wieder an stärker zu werden. Aber es kommt noch besser, nach 920 Metern hat Lorenzo seinen ersten Platten. Wir halten an und beheben das Problem, verlieren weitere 10 Minuten. Doch dann geht es endlich los, wir fahren.

An der Elbbrücke die ersten Irritationen bezüglich der Strecke. Wir können in der Dunkelheit bei mittlerweile wieder strömendem Regen kaum etwas erkennen und biegen zu früh, an einem Kanal wieder ab. Doch mit einem Einzelstarter finden wir zu dritt wieder zurück. Nach vielleicht 10 Kilometern will ich aufgeben, ich bin komplett durchgeweicht, mir ist eiskalt und ich verspüre nicht die geringste Lust dieses Gefühl eines Feuchtbiotops in meinen Schuhen die nächsten zwölf Stunden zu ertragen.

Lorenzo muntert mich auf, schließlich sind wir nass und mehr kann es kaum werden. Wir rollen weiter. Ich halte mich mit den Blicken auf die Bushaltestellen des HVV (Hamburger Verkehrsverbund) am Leben. Später als diese verschwunden sind, denke ich an meine in Lüneburg lebende Schwester, abholen kann die mich ja. Und als Lüneburg von den Wegweisern verschwunden ist, denke ich an den Transporter aus Hamburg, der muss ja in Dömitz auch noch durch.

Mittlerweile ist es hell geworden, es regnet nur noch ab und zu und an der Elbuferstraße zwischen Bleckede und Hitzacker kann man sich an den einzigen Hügeln des ganzen Tages tatsächlich etwas warm fahren. Doch jedes Mal wenn meine Schuhe etwas abgetrocknet scheinen, kommt wieder ein Schauer von oben und unten. In Hitzacker kauft sich Lorenzo eine Regenhose, wir warten einen Schauer im Laden ab und sehen einige Teams an uns vorbei ziehen.

Im Gegensatz zu scheinbar allen anderen, entscheiden wir uns gegen den von den Organisatoren vorgeschlagenen Elbuferradweg und wählen eine Nebenstraße über Seerau und Pisselberg nach Dannenberg. Von dort noch ein paar Kilometer bis zum einzigen Kontrollpunkt des Tages – dem mecklenburgischen Dömitz. Die belegten Brote und Brötchen sind ein Traum, der heiße Tee wirkt Wunder. Ich bemerke bereits seit Dannenberg das bei mir der Knoten geplatzt ist. Nach 75 wehleidigen Kilometern im Windschatten, na eher in der Regengischt meines Mitfahrers, fahre ich nun vorne.

Regenbogenkrieger
Regenbogenkrieger bei der Elbbrücke von Dömitz

Dafür geht es bei Lorenzo mit den ersten Krämpfen los. Ich bin endlich warm und wir rollen entlang des nördlichen Elbufers durch die herrliche Landschaft des Biosphärenreservates. Wir kommen durch mal mehr, mal weniger schöne Dörfer. In Lenzen wählen wir erneut eine Alternative und fahren über den Elbuferradweg bis Cumlosen. In Wittenberge zwingt uns und die meisten anderen eine fiese Baustelle zum Crossen. Leider ist die Brücke nach Garsedow unpassierbar und wir weichen zwangsweise über Groß-Breese, Kuhblank und Klein Lüben aus.

Während der Großteil des Feldes wohl über Bad Wilsnack und Quitztöbel in Richtung Havelberg fährt, gönnen wir uns etwas fürs Auge. Wir steuern direkt auf den Gnevsdorfer Vorfluter zu und nehmen den Damm zwischen Havel und Elbe. Über 20 km Einsamkeit und Natur pur, echt eine tolle Alternative. Der Weg ist zunächst asphaltiert, später dann mit gutfahrbaren Betonplatten belegt. Südlich von Havelberg fahren wir entlang der Havel weiter gen Rhinow.

Einsamkeit auf dem Gnevsdorfer Damm zwischen Elbe und Havel

Dort stärken wir uns am lokalen Nahkauf, den Verkäufern ist deutlich anzumerken, dass wir nicht die ersten völlig fertigen Radler an diesem Tag im Laden sind. An diesem Punkt ist mir endgültig klar, dass wir es schaffen werden. Trotzdem machen mir die gesundheitlichen Probleme meines Mitfahrers und der enge Zeitplan am Ziel etwas Sorgen. Passieren darf nicht mehr viel, ein Platten oder stärker werdende Krämpfe können das Aus bedeuten. Ich sehe wie er leidet, aber ist tapfer und beißt auf die Zähne.

Als wir in Friesack die B5 queren und nicht wie andere nach Süden abbiegen, kommen Lorenzo Zweifel. Ich beruhige ihn, mit meiner zuvor geplanten Strecke ist alles im Plan. Über Vietznitz, Warsow und Jahnberge kommen wir nach Lobeosfund. Dort sind tausende Kraniche und Gänse auf den Feldern und stärken sich für ihre Winterreise in den warmen Süden. Welch ein faszinierendes Naturschauspiel!

Über Königshorst, Deutschhof und Dreibrück fahren wir weiter, absolutes Niemandsland. Jetzt kommt ein Teil, von dem mir bereits bei der Planung klar war, hier kann das Projekt scheitern. Aber auch 5km Feldweg können uns nicht stoppen, an der Waldsiedlung Weinberg queren wir die B 273 und rollen direkt nach Falkensee.

Jetzt kommen mir Zweifel, wie lange 16km doch sein können. Ich verzweifele fast, als einfach nicht das gelbe Schild kommen will. Doch dann endlich ist Falkensee da, der Verkehr nimmt zu. Die lange Gerade von Falkensee nach Spandau hat unzählige Ampeln, starken Verkehr und keinen brauchbaren Radweg. Ich bin genervt. Doch da der Abzweig, wir biegen rechts ab. Nun immer südlich „Am Kiesteich“, überholen eine große Gruppe, queren die Heerstraße und rollen weiter auf dem Magistratsweg.

Mittlerweile ist es wieder stockfinster, so wie heute morgen, zwölf Stunden zuvor am Start. Nur der Regen fehlt. Dann sehe ich endlich die Gatower Straße am Horizont. Lorenzo ist so schwach, dass er für die letzten 2km noch ein Gel benötigt. Eine letzte Welle, dann heißt die Straße „Alt-Gatow“ und auf der linken Seite sehe ich das Wassersportheim. Wir rollen nach knapp 12 Stunden im Ziel ein.

Und wer erwartet uns da? Niemand geringeres als der alte Stelzenacker! Mit einer Kanne heißen Tee mit Wodka bringt er die Lebensgeister zurück in unsere nassen, kalten und völlig ausgelaugten Körper. Danke Stelze!!!

Der Italiener und Stelzenacker im Ziel in Gatow

Eine schöne Veranstaltung, sollte jeder mal mitgemacht haben. Und es gibt auch sonst in Deutschland kaum die Gelegenheit 7 Bundesländer an einem Tag mit dem Rad zu befahren. Der Reihe nach kamen wir durch Hamburg, Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, erneut Brandenburg und natürlich Berlin.

darkdesigner

6 Kommentare

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  • Alter Schalter, mit der 7 hast du mich echt fast verzweifeln lassen, aber zum Glück kam unten die Auflösung. Danke an Pantaninni das er dem Turgau in den Arsch getreten hat, sonst hätte der Bericht schon nach 10km geendet. Vielleicht bin ich nächstes Jahr dabei….

  • Super Bericht. Da habt ihr ja echt die Zähne zusammengebissen, ich meine nur nach 900m schon einen Platten und anschließend gleich verfahren. Aber bei der Witterung auch kein Wunder. Ich denke wir haben uns auf der Elbbrücke oder auch Stauwehr für das KKK (Kernkraftwerk Krümmel) nicht verfahren weil wir einfach Heimvorteil gehabt haben. Ich habe zuar nicht umbedingt im Ziel auf dich gewartet, da wir die Räder im Bus verstaut haben, aber da war ich trotzdem. gruß

  • Ich bemerke bereits seit Dannenberg das bei mir der Knoten geplatzt ist. Nach 75 wehleidigen Kilometern im Windschatten, na eher in der Regengischt meines Mitfahrers, fahre ich nun vorne.

    Hut ab, und überhaupt eine großartige Leistung im norddeutschen Flachland.

    Grúß stw

  • Respekt an die beiden tapferen Fahrer! Was für eine ewig elendige Strapaze bei solchem Sauwetter. Und nochmals Danke für den schönen Bericht.

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