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„Jockel an Road“ oder „Eddy wir schaffen das schon“

Zur Wahrnehmung eines Ortstermins in Ribnitz Damgarten, setzte ich gestern mal wieder auf die bewährte Allianz aus Muskelkraft und öffentlichem Personentransport. Bei ersterem gab es jedoch eine Premiere. Denn statt des robusten Waldfahrrades, kam der zierliche Eddy zum Einsatz. Eddy ist Baujahr 1988 und fristet sein Dasein seit geraumer Zeit an der Wand im Flur, setzt Staub an, langweilt sich und ist kürzlich nur sehr knapp einem Verkauf entgangen.


Eddy wartet auf weitere Befehle

Der Grund für meinen Sinneswandel ist das mehr als dünne Wald- und Feldwegenetz in den nördlichen Breiten um Rostock und Stralsund. Hinzu kommt, dass im letzten Jahrzehnt gefühlte 50% der schon dazumal recht spärlich vorhandenen, für die Befahrung mit dem Geländerad geeigneten, Wegstrecken vom Asphalt gefressen wurden. Entweder als „Radwanderweg“ deklariert – wenn die Strecke durch einen Flecken Waldland führt – oder eben als Wirtschaftsweg für die Befahrung mit landwirtschaftlichem Größtgerät. Das mit den asphaltierten Radstrecken kennt man ja auch gut aus Brandenburg, scheint doch das „A“ beim ADFC inzwischen für Asphalt zu stehen. Verständlich, da es ja wirklich Scheiße ist, wenn einem ständig das Körbchen vom Gepäckträger hüpft, wenn man zum Piknicken vom Parkplatz zum See rollt.

Zurück zu Eddy. Ich nahm den Guten von der Wand, entfernte die Staubschicht und befüllte seine inzwischen platten Reifchen mit Luft. Auch die Kette bekam ein Tröpfchen Öl ab. Geschniegelt und gebügelt stand er da und suggerierte mir, ich könne auf ihm überall hin fliegen wie einst im Mai…

Montag, 07:30, Judgementday: Die Kinder müssen heute alleine in die Schule gehen, Papas Zug verlässt bereits 7:46 den Bahnhof Berlin Gesundbrunnen. Pünktlich erreiche ich mit diesem Neustrelitz, schnell umgestiegen und bereits 09:30 stehe ich am Bahnhof der Müritzstadt Waren. Jetzt wird es Ernst, denke ich und schwinge mich in den Sattel. Die schon recht steife Brise weht ausnahmsweise aus der richtigen Richtung und so habe ich die ersten Kilometer Rückenwind. In Höhe des Weilers Lansen beschließe ich leichtsinnigerweise, die Hauptstraße und damit den Rückenwind zu verlassen und mich über die weiter westlich gelegenen Dörfer durchzuschlagen. Die ersten Kilometer in Richtung Westen habe ich den Wind zum ersten Mal direkt auf dem Lenker und meine Durchschnittsgeschwindigkeit sinkt dramatisch. Kurze Kopfsteinpflastereinlagen erinnern mich daran, auf einem Klassiker unterwegs zu sein. Wurde Eddy einst doch gerade zur Bezwingung solcherart Strecken gefertigt (…und hinter den damals noch vorhandenen eisernen Vorhang geliefert). Doch schon kurze Zeit später schwenke ich wieder in Richtung Norden, um Malchin anzusteuern und der Wind unterstützt wieder meinen Vorwärtsdrang.


Eddy, im Gegensatz zur Strecke “Malchin – Dargun” noch nicht stillgelegt

Hinter Malchin beginnt langsam aber stetig das Leiden. Gerade mal 40 Kilometer auf der Uhr , nun aber wieder Wind (welcher vom Wetterbericht auf 30km/h geschätzt wurde) für ca. 2,5km direkt von vorn. Anschließender Schwenk in Richtung Nordost und das Massiv der Mecklenburgischen Schweiz stellt sich mir entgegen. Der Anstieg läuft aber gut und ich habe das Gefühl, im letzten Absatz auch Jacques Anquetil schlagen zu können, wenn dieser noch leben würde.
Zwei Orte weiter wird es zunehmend kälter. 6°C und starker Wind machen mir zu schaffen. Ich zerre die Windstopperweste und die Gummiüberschuhe drüber, mümmele einen Riegel und weiter geht es. Die Landschaft ist geprägt von großer Eintönigkeit. Nicht unbedingt hässlich, aber auch nicht gerade aufregend. Auffallend ist das fast vollständige Nichtvorhandensein von Baumgruppen oder gar Wald. Felder, Felder, leichte Hügel und hin und wieder mal ein Weiler. Wie ausgestorben liegt das Land und selbst der Autoverkehr ist nur sehr spärlich. Hin und wieder sickert ein PKW durchs Panorama, wahrscheinlich auf dem Weg, seinen Insassen dem nächsten Arbeitsamt oder dem zuständigen Hartz-IV-Berater zuzuführen.

Gnoien (ja lacht nur, ich kann nichts dafür, dass die Käffer so heißen) wird erreicht. Sch… wieder ein Schwenk nach Westen. Von genau dort kommt der Wind. Hinter Gnoien geht es erst mal wieder nach Norden auf Bad Sülze zu. Noch so ein komischer Name. Dort – so meine mich inzwischen tragende Hoffnung – werde ich beim Bäcker einkehren, irgendwas heißes trinken und was Leckeres essen. Um dann, gestärkt die letzten 20km bis Ribnitz Damgarten unter die Reifen zu nehmen. Doch es kommt anders. In Bad Sülze sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht. Oder besser gesagt, sie sagten sich gute Nacht. Denn auch diese beiden haben sich wohl aus dem Staub gemacht. Kein Bäcker, kein Café keine Kneipe. Nur der obligatorische Schlecker und am Ortsausgang eine Tanke mit mürrischer Bedienung. Egal ich hatte Knast und Durst und den stillte ich dann eben in der Tanke.

Nicht wirklich gestärkt verließ ich den unwirtlichen Ort und gönnte Eddy ein paar klassische Kilometer. Im Ernst, hätte ich die Strecke vorher gekannt, wäre ich lieber 10km gegen den Wind geradelt. Ich alterte auf dem 5km langen Plattenweg zwischen Bad Sülze und Marlow um gefühlte 10 Jahre. Ein ums andere Mal schlug Eddy wie eine Bombe in eines der reichlich vorhandenen Löcher. Es war einfach kein Rhythmus zu finden. Aber der Gedanke an die Altvorderen, welche fast ausschließlich auf solchem Terrain unterwegs waren, hielt mich bei der Stange und bei Laune.

Nach Marlow ging es wieder auf die Straße, wobei ich nicht behaupten möchte, dass die verbleibenden 15 Kilometer leicht von der Hand gingen. Zäher Gegenwind und ein längeres Stück Offroad-Passage dehnten das Finish beinahe ins Unendliche. Doch alles hat ein Ende, auch die schönste Quälerei. Geschafft erreichte ich gegen 15:00 Ribnitz Damgarten. Erledigte, was zu erledigen war und hockte mich für die Heimfahrt einfach in den gemütlichen Zug in Richtung Heimat.


Eddy völlig fertig am ehemaligen Lokschuppen in Ribnitz Damgarten West

PS: Landschaftsbilder gibt es diesmal keine, da schlicht und einfach keine da war. Zumindest erschien es mir eine Zeitlang so. Nur der treue Eddy war da und den habe ich für Euch mal fotografiert.

8 Kommentare

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  • Da hat es der Eddy ja nochmal Glück gehabt, nicht in einer Stahlkocherei zu enden und als Fahrradparkgestänge vor einem ADFC-Laden wiedergeboren zu werden!

    @rifli: Er wird ihn noch verkaufen – wart’s nur ab! 😉

  • Auch wenn es keine bebilderte Schilderung Deiner ‘Route du Nord’ gibt, habe ich diesen Artikel mit Gefallen gelesen. Im Gegensatz zu Dir kann ich mich schon ein wenig mehr mit der lieblich geschwungenen, weiten und weichen, wenn auch baumarmen Region anfreunden, wenn ich Dir in Bezug auf das zunehmende Ungleichverhältnis zwischen Asphaltkilometer und Einwohnern bedrohend wirkt.

    Schöner Bericht, schönes Vorhaben, schönes Rad und schöne Ecke…

  • Lieber Jockel,

    gestern nahm ich aus dem Augenwinkel gewahr, dass ein Bericht von dir, bebildert mit einem der schönsten Klassiker, neu eingestellt auf würdige Leser wartet. Gehetzt, wie es in den letzten Wochen meine Art ist, fühlte ich mich ausser Stande, deinen Zeilen die nötige Ernsthaftigkeit zukommen zu lassen und verschob, mich heimlich auf DEN Moment freuend, den Konsum deines Berichtes auf weiteres.

    Nun sitze ich hier, ein Kaffee dampfend neben mir, und zittere noch etwas, ob der harschen Zeilen eingangs deiner Schilderung: “…und ist kürzlich nur sehr knapp einem Verkauf entgangen”. Das, mein lieber Herr Oberst, sollte dem einzig in Frage kommenden potentiellen Käufer doch wohl eigentlich bekannt sein, oder?!

    Doch zurück zu deinen Zeilen – Wind, flaches Land, kurze Wellen, feuchte Luft, Kopfsteinpflaster und zwischen den Beinen einen Fahrrad vom Format eines Eddy Merckxs! Darf, nein, kann sich ein Mann mehr wünschen? Jockel, gern wäre ich an deiner Seite geritten, doch so wie die Karten liegen wird das ein ewiger Traum bleiben. Ein toller Bericht mitten ins Herz! Danke… menis

  • Sehr schön, Danke für die schönen Zeilen.
    Mußte erst mal den Eddy tätscheln gehen….
    Ich kenne das Zielgebiet durch zahlreiche Ostseeaufenthalte und auch Bad Sülze und Marlow sind mir schon unter die schmalen Reifen gekommen.
    Schöne Gegend, nette Leute!
    Bis dann
    Staubi

  • Sehr schöne abend Unterhaltung Jockel labert von Wind und Asfalt (der ADFC hat gesiegt). Aber wie Checkb schon sagte “ick find die geil, man kann mittten durch den Wald nur Schneller und ohne SAND Trails entgehen einem ja eh nich viele”. Staubi spricht von nette Leute und schöne Landschaften, hoffe doch die Ironie raus gehört zu haben. Danke Leute hab jut gelacht, ma sehen wo es morgen so lang geht. Hört sich ja mehr nach Sightseeing nur schnell an, wird ja mein Panzer herlich fehl am Platz sein.

  • sehr schöner artikel!
    dann nimm “eddy” doch mal zum “SCAN HAUS CUP” (Marlow Rad open) am 21./ 22. April 2007 mit.
    eddy und deine beine werden sich sicher freuen.
    es wird bestimmt kein plattenweg gefahren und mit vielen fahrern macht auch der “stürmische westwind” keine probleme.
    So bleibt genügend zeit, um die hammer landschaft im frühling zu genießen. (je nachdem in welcher kategorie man startet.)

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