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Erlebnisse einer Spielerfrau

In der Rhön mit Glücksgefühl in den ESK aufgenommen, begab ich mich – um dem Namen gerecht zu werden und um mir weitere Fähigkeiten anzueignen – freiwillig auf die Insel mit der höchsten Fahrraddichte. Auch wenn hier – nach Ansicht einiger ESKler – mehr „falsche“ Radfahrer unterwegs sind. Mir als Jungschwein war das vorerst egal. Ging es doch darum, der Härte und Ausdauerkraft eines echten Eisenschweins näher zu kommen.

Nachdem ich in der 1. Lektion des Umerziehungslagers gelernt habe, dass Eisenschweine die Götter unter den Radfahrern sind, wurde ich mit adäquatem Trainingswerkzeug, einem Zeus, ausgestattet. Schon ging es auf die erste Tour. Etwas verunsichert blieb ich vorerst auf den Hauptstraßen, für den Fall einer Reifen- oder ähnlichen Panne (ergab sich doch noch nie die Notwendigkeit einen Schlauch selb-ständig wechseln zu müssen), die ein eigenständiges Fortkommen verhindert hätten. Sollte mich doch mein Begleitteam, welches im Kaderquartier stationiert war, ohne große Navigationskenntnisse aufnehmen können. Das erste Städtchen Sant Joan lies ich schnell hinter mir. Fröhlich pfeifend fuhr ich an läutenden Ziegenherden, hellgelben, z.T. abgeernteten, Kornfeldern mit bunten Blumentupfern vorbei. Es war zwar nicht die Mark Brandenburg, aber auch wunderschön. In der Ferne konnte ich schon das nächste Etappenziel ausmachen. Hoch über der Stadt thronte die Kirche von Sineu. Nicht das sich die Kirchen in den mallorquinischen Orten unterscheiden würden. Sie sind alle an der höchsten Stelle, im selben Baustil und ähnlich großer Dimension errichtet. Ohne Stop ging es weiter nach Llubi. Immer rauf und runter. Ebene Streckenabschnitte gab es nur selten. In Llubi wurden die Straßen immer befahrener und die Gegend eintöniger. So nahm ich all meinen Mut zusammen – hatte etwa 30 km Zeit gehabt, Vertrauen in meinen neuen Untersatz zu gewinnen – und bog in einen geteerten, nicht ausgeschilderten Landwirtschaftsweg ein, der natürlich auch nicht auf der Karte verzeichnet war. Ich entsann mich der kürzlich in der Rhön erlernten Fähigkeiten, die Orientierung über Sonnenstand, Wetterseiten u.ä. zu suchen, und hielt mich südlich Richtung Sineu. Dort angekommen studierte ich die Karte nach neuen Etappenzielen, da ich von meiner ursprünglich geplanten Route schon lange abgekommen war. Llloret des Vista de Allegre und Pina sollten noch erstürmt werden, bevor der Rückzug angetreten wurde. Nach ca. 60 km kam ich – ohne anderen Radfahrern begegnet zu sein – wieder im Kaderlader an.

In der Nacht spielte der aufkommende Sturm mit sämtlichem Outdoormobiliar, um es in seinem eigenen Stil neu zu drappieren. Sonnenschirm halb im Pool, Stühle ineinander, sich fast umarmend etc. Folgendes Gewitter und Regen hielten bis zum nächsten Vormittag an, und ich sah meine nächste Tour glatt ins Wasser fallen. Doch nichts geht hier so schnell – vor allem nicht Spanier bei geschäftlichen Aktivitäten im Supermarkt o.ä. – wie Wetteränderungen. Kaum hatte ich das Frühstück beendet, strahlte mich die Sonne von blauem Himmel an. Lernte ich in der Rhön fahren bei – sorry für den Ausdruck – Sauwetter, stand hier das andere Extremprogramm an: Fahren bei mind. 30 Grad im Schatten, Jungschweintrainingswetter eben. Im lauen Frühjahr die Insel befahren können T-Mobile-Fahrer oder andere Kader. Den Reifestatus werde ich noch lange nicht erreicht haben. Aufgrund der Wetterlage und der karg bewaldeten Strecken (hier sind -Fahrer oft im klaren Vorteil) peilte ich heute nur Felanitx als Ziel an. Der geübte Fahrer würde das Profil sicherlich als leicht wellig bezeichnen, für mich waren einige Streckenabschnitte schon eher hügelig. Während ich bergab von einem leichten Fahrtwind umspielt wurde, stand bergan eine heiße Wand vor mir, die mir den Schweiß aus allen Pooren drückte. Kein Baum, kein Strauch, nur Wiesen und Felder. Auf halber Strecke traf ich dann auch die ersten Mitstreiter, leider mir entgegenkommend. Kein wie auch immer gearteter Schatten, an den ich mich hätte anklampen können. Aber ich schaffte es noch, mit freundlichem Gruß den Rücken gerade zu machen und die Brust herauszustrecken, um die Zugehörigkeit zum Kader der Eisenschweine zu demonstrieren. Kurze Zeit später erschien die obligatorische Kirche leicht erhoben am Horizont, wo ich gleich eine Cola zur Stärkung einnehmen sollte. Nach kurzer Befahrung der Innenstadt wurde der Heimweg angetreten. Tagespensum ca. 50 km. Ziel des Nachmittags war es nun, die frisch eingefangene „Anfängerkante (Pro-fikante zu sagen, wäre bei meinem Status vermessen) loszuwerden. Mit einem Wechsel von Sonnencreme mit LSF 30 und 8 gelang das auch etwas. Weil schön ist das doch nicht …

Die dritte Tour am darauffolgenden Tag brachte mir Begegnungen mit Sencelles und Costitx. Sie verlief ohne Vorkommnisse. Ich traf vereinzelt auf entgegenkommende Radfahrer. Überholte jedoch keinen dieser Spezies, wurde aber auf den ca. 45 km nicht überholt.
Auch wenn ich das Rad nur für 5 Tage gemietet hatte, gönnte ich mir am darauffolgenden Tag einen Ruhetag. Es war einfach schon um 8.00 Uhr morgens zu heiß. Außerdem sollte am nächsten Tag die Königsetappe folgen. 9.00 Uhr war Aufbruch. Es war glücklicherweise ein bedeckter Tag. Ich hatte mir eine ca. 70 km-Tour vorgenommen, mit der Option bei Randa das Kloster Cura auf dem Berg zu erklimmen. Das wollte ich aber von meiner Form und den Temperaturen abhängig machen. Meine Tour startete über Montuiri. Kurz hinter diesem Ort stand ich vor einer Leitplanke einer Hauptverkehrsstraße. Auf der anderen Seite ging mein Weg nach Randa weiter. Aber wie dieses Hindernis überwinden? Ich überlegte kurz, ob ich das Rad über die Schultern und die Beine in die Hand nehme und die vierspurige Straße mit Mittelbeeten quere. Entschied mich dann aber doch für Plan B und nahm alle meine Spanischkenntnisse zusammen und fragte einen Bauern. Er verstand komischerweise mich und ich komischerweise ihn, so dass ich die Hürde mit einem kleinen Umweg meistern konnte. Ich hatte eine Route gewählt, auf der ich schon von Anfang an die ersten Höhenmeter Richtung Kloster nahm. Allerdings ging es hinauf, um anschließend 1/3 der gerade mühsam erklommenen Meter wieder abwärts zu fahren. Ich haderte die gesamte Zeit mit mir, ob ich in Randa den Weg direkt nach Llucmayor nehmen oder den Anstieg wagen sollte. Ich war zwischenzeitlich relativ sicher, dass ich kneifen würde. In Randa angekommen vollführten meine Beine und Arme ein Eigen(williges)Leben. Sie nahmen den Abzweig zum Kloster. Okay, jetzt hieß es, auch den Kopf darauf einzustellen. Der Anstieg beginnt relativ steil, erstmal in den Wiegetritt. Der Kopf denkt mittlerweile, okay, bis zur nächsten Biege können wir uns das ja mal anschauen. Umdrehen geht immer noch. Beine kurbeln. Kopf denkt, wenn dir der Radvermieter schon eine Dreifach-Schaltung zuerkannt hat, dann kannst du nun verdammt noch mal auf das kleinste Blatt schalten. Ups, geht ja auf einmal wieder viel einfacher. Kurbeln, kurbeln. Sonne kommt jetzt auch raus. Luft wird knapp. Egal. Nicht nach vorn bzw. oben schauen. Einfach nach unten und nur kurbeln. Noch einen Gang runter? Schalten? Viele Gänge sind nicht mehr übrig. Haushal-ten, mindesten einen Gang aufheben, keine Ahnung was noch kommt. Erst 1 von 5 km geschafft. Und nur noch zwei Gänge übrig. Ein Radfahrer kommt mir entgegen. Ich denke, der Glückliche ist auf dem Rückweg. Hab aber das Gefühl, er schaut etwas erstaunt oder bewundernd, dass ich es als Frau hier hoch wage. Vermutlich nur Einbildung, aber eine Motivation die mich über die nächsten Meter brachte. Also weiterkurbeln. Die nächste Krise bahnte sich an. Umdrehen? Geht doch nicht, hätte ich mir gleich mein ESK vom Leib reißen und geläutert austreten müssen. Weiterkurbeln. Schalten, nur noch ein Gang übrig. Auto überholt mich, Vater, Mutter Kind als Insassen. Auch hier bilde ich mir wieder ein, dass der Vater mir anerkennend und aufmunternd zunickt. Gelungene Abwechslung beim Kurbeln. Aber nur kurzzeitig. Da ist sie schon wieder, die innere Stimme, die mir rät, die Qualen zu beenden, einfach umzudrehen, hat doch keiner gesehen. Ich mache einen kurzen Linksschlenker zum U-Turn. Da sehe ich den mahnenden Finger von Saufkopp: Die 3,5 verbleibenden km wirst du wohl schaffen. Wovon willst du sonst im Forum berichten? Okay, ich schalte mich ein. Kompromiss. Kurze Verschnaufpause als Fototermin getarnt. Soll ja ein bebilderter Bericht werden. Kurz Kraft gesammelt und wieder angetreten. Noch 3,3 km. Kurbeln. Habe mittlerweile gemerkt, dass nach einer steilen Serpentine der nachfolgende Anstieg quasi ein Spaziergang ist. Man fühlt sich fast wie auf der Ebene und kann mühelos einige Gänge zurückgewinnen. Auch wenn diese schnell wieder drauf gehen. Kurbeln. Hecheln. Kurbeln. Leise fluchen. Gedanken und Bilder im Kopf: Ich am Pool. Bin ich eigentlich verrückt? Hätte mir jemand vor zwei Jahren erzählt, dass ich freiwillig ein derartiges Unternehmen starte … Ich hätte mir eine Zigarette angezündet und ihn für verrückt erklärt. Kurbeln. Nach meinem Tacho hatte ich schon wieder einen km geschafft. Aber was ist das? Ein neuer Wegweise rückt das Ziel schon wieder in 3,4 km Entfernung. Bin ich in ein Zeit- oder Raumloch gefallen? Wo ist der hart erkämpfte letzte km hin? Kurbeln? Ne, umdrehen. Jetzt reicht es. Aber da kommen Gedanken wie: Vielleicht ist das Schlimmste schon vorbei? Vielleicht wird alles gleich einfacher? Okay, schnell noch einen Fototermin dazwischen geschoben. Dann Kurbeln. Mist kein Gang mehr übrig. Kurbeln. Fluchen. Kurbeln. Noch zwei km. Der Anstieg wird flacher. Langsam beginne ich den Ausblick ins weite Land unter mir zu genießen.

Ein offener Jeep überholt mich. 4 Jungs winken mir zu. Wiegetritt. Kurbeln. Alles wird zunehmend leichter. Wirre Gedanken wie „Red Bull verleiht Flügel“ gehen durch meinen Kopf. Stickstoffnarkose auf dem Fahrrad? Die kugelartige Radarstation, die ich die gesamte Zeit weit weg und von unten auf der Bergspitze gesehen habe, ist fast zum Greifen nahe. Als ich diese passiere, rolle ich über eine rote Ziellinie. Keine Ahnung, welcher Kader mir diese Motivations-Endorphin-Ausschüttungslinie dorthin gemalt hat. Ich reiße die Arme nach oben. Hole Ackes Foto aus der Trikottasche und küsse es. Breit grinsend mit ESK-geschwellter Brust rolle ich in das Klosterrestaurant. Die dort sitzende Reisegesellschaft jubelt mir Jungschwein zu.

Spielerfrau

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