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Die Leiden des (fast noch) jungen Nautilus

Als ich abermals ein Rennen gegen eine Wolke verlor, der Mont Ventoux noch immer nicht in Sicht war und der Tacho bereits 190km zeigte, beschloß ich eine weitere Pause einzulegen. Ich suchte mir einen Busch, kauerte mich in seinen Schatten und fraß was das Zeug hält. Meine Gedanken sprangen wild hin und her. Ich war stolz über das erreichte, hatte aber auch gehörigen Respekt vor dem was noch vor mir lag.

Als ich die nötige Kraft und Zuversicht getankt hatte, machte ich mich wieder auf den Weg. Die ersten Kurbelumdrehungen schmerzten wie tausend Nadelstiche und der verdammte Hügel vor mir schien eine nicht zu erklimmende Hürde zu sein. Doch oben angelangt war er endlich da, mein Mont Ventoux. Ich konnte ihn endlich sehen. Ich konnte nicht anders als meine Freude darüber laut zum Ausdruck zu bringen und mich selber anzufeuern. Irgendwie hat mich der Anblick so angespornt, dass ich mir plötzlich sicher war. ICH WERDE ES SCHAFFEN!!!

Von nun an war der tranceartige Zustand erreicht. Wann immer ein leiser Zweifel aufkam, brauchte ich nur den Kopf in Richtung meines Mont Ventoux zu erheben und schon war sie wieder da, die Gewissheit ICH WERDE ES SCHAFFEN. Spätestens ab Halberstadt wich auch die Angst vor dem Berg der unglaublichen Vorfreude auf den kühlen Wald, welcher mich ab Wernigerode erwarten würde. Ich hatte das Gefühl, in der Sonne dahinzuschmelzen und der Schatten eines jeden Telegrafenmastes welchen ich passierte war bereits ein Wohltat. Ich erreichte also Wernigerode und war sehr zufrieden mit mir. Es lagen bereits über 250km hinter mir, der Durchschnitt lag bei beachtlichen 29,5km/h und Schatten war in greifbarer Nähe.

Als ich dann allerdings die Rampe in Angriff nahm, merkte ich wie wenig Saft noch in meinen Muskeln war. Unendlich langsam drehten sich die Kurbeln und ich verfluchte mich innerlich dafür nicht doch ein drittes Kettenblatt zu haben. Wie gerne hätte ich jetzt die Übersetzung meines MTBs. Aber so kurz vor der Vollendung konnte man doch nicht schwächeln. Kurz vor Drei Annen Hohne kam mir ein Kollege entgegen. Ich hatte das Gefühl, seine mitleidigen Blicke ob meiner Langsamkeit geradezu zu spüren. Guck du nur mitleidig, dachte ich mir. Wenn du wüsstest, dass ich erst heute früh in Berlin gestartet bin würdest du wohl eher vor Erfurcht auf die Knie fallen.

Kurz vor Schierke bog ich dann ab in Richtung Elend. Die eigentlich rasante Abfahrt ging ich allerdings verhalten an. Meine Oberschenkel schmerzten und zitterten, der Blick war geschwächt, jede Bewegung tat weh und ich wollte nun wirklich nicht ein paar Kilometer vor dem Ziel an einer Leitplanke scheitern. Aber jetzt war ich so nah dran, ich währe auch auf allen Vieren bis nach Braunlage gekrochen. Ich passierte Elend, nahm die letzten Hügel in Angriff, fuhr über die nächste Landesgrenze nach Niedersachsen und plötzlich lag es vor mir, das Ortsschild mit der Aufschrift BRAUNLAGE. Hätte ich noch genug Kraft gehabt, ich hätte ein kleines Freudentänzchen aufgeführt. So hielt ich nur kurz an und betrachtete die Schönheit dieses Schildes in andächtiger Stille und mit der tiefen Zufriedenheit: ICH HABS GESCHAFFT.

Wenige Augenblicke später trudelte ich stolz, überglücklich, voll mit Adrenalin bis zum Anschlag, extrem euphorisch und mit der inneren Gewissheit großes Vollbracht zu haben bei meiner Familie ein. Das telefonisch bei meiner Frau vorbestellte Bier schmeckte so gut wie nie und sie hatte sogar schon einen Berg Nudeln vorbereitet welchen ich gierig verschlang. Welch perfekter Empfang nach solch einem perfekten Tag.

Hier noch die Daten der Tour: 272km, Durchschnitt 26,5km/h, 1250 Höhenmeter, Reine Fahrzeit 10Std 13Min, Reisezeit etwa 12Std

P.S. @El und alle anderen die wissen worum es geht: Bitte verzeiht mir, dass ich meinen Sportwagen für diese Gelegenheit eben doch bei John Deere zur Inspektion gegeben habe.

4 Kommentare

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  • Boah…was für eine grandiose Leistung.
    Ich bin so beeindruckt und hab beim lesen ganz nasse Hände und Tränen in den Augen bekommen…ganz großen Respekt.
    Es ist immer wieder ein ganz besonderes Gefühl an seine Grenzen zu gehen.

    Gruß
    S.

  • Nauti Nauti, Mensch bin ich stolz auf Dich. Aber ich durfte mir diesen Bericht ja schon zum Teil leif am Telefon anhören – perfekt!

    Ich bin einfach nur beeindruckt von der Härte, die Du auf diesem Marathon-Ritt gehabt haben mußt. Und eine riesige Portion Neid bleibt auch noch bei mir hängen.

    Gut ab…

  • Ja wenn der Dorfschmied bei John Deere den gleichen sportwagen wie du fährt dann ist es ihm ein leichtes so ne kleine inspektion zwischen Frühstück und Mittag durchzuziehen.

    Nauti du bist echt strange. Ich hätt nicht im traum dran gedacht solch unternehmung durchzuziehen. Verdammt großes mammut was du da erlegt hast. lass es die schmecken

    eL “teilzeitvegetarier”

    p.s. wenn du mal mit dem Männerbike in braunlage bist und der rest vom ESK entweder keine zeit oder wieder RTF´s runterreisst .Dann sag vorher bescheid… dem Dirk auch.
    War ne geile zeit damals im harz

  • nauti, auch ich zoll dir grossen respekt fuer diese leistung. ein riesen ritt, den du da hingelegt hast. ist schon ein wirklich grosses erlebnis, so eine lange distanz an einem tag abgerissen zu haben – da weiss man was man getan hat.

    wow, gruesse, rob

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