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Madbulls Passion

Madbulls Referat übers Radfahren im Allgemeinen und das Fixen im Speziellen:

[Passion, Leidenschaft, Enthusiasmus]
“Im heutigen allgemeinen Sprachgebrauch hat Enthusiasmus seine spezielle religiöse Bedeutung verloren und bezeichnet vielmehr eine uneingeschränkte emotionale Hingabe an ein Ideal, eine Sache; bzw. Mühe oder Verfolgung. Manchmal bezeichnet der Ausdruck abwertend eine parteiische Hingabe, die sich den Schwierigkeiten und Einwänden verschließt.

Auch der Ausdruck Leidenschaft, urspr. zurückgehend auf Passion lässt sich heute gemeinhin als Synonym des Begriffs Enthusiasmus verstehen.

siehe auch Ekstase, Fanatismus, Eifer.”

Freitag

Winter.
Winterabend.
Dunkelheit, Kälte, Schnee.
Und zur Abwechslung mal wieder Sturm.

Ich habe mein Tageswerk beendet, sitze in der warmen Stube.
Was tun?
Was macht germanus officinalis an einem Freitagabend?
Flimmerkiste. Jauch wohl die meisten. Ewig nicht gesehen, immer dasselbe.
Disco und Co. Da werden heute Nacht wieder
einige vollbesetzte motorbetriebene Vehikel an unschuldige Bäume gesetzt werden.
Normal ey, weissu? Nein…

Nein. Ich kann es kaum mehr erwarten.

Das innere Auge fokussiert schon jetzt schnell im Lichtkegel unter mir hinwegrauschenden Schotter…

Die Kette ist noch links, das muss ich noch zurücktauschen.
Irgendetwas klapperte während der zwei Fahrten in dieser Konstellation.
Wie so oft nicht reproduzierbar, nicht lokalisierbar.
Und das Blatt ist mir zu nah an der Kettenstrebe.
Außerdem… Es fühlt sich komisch an. Nicht richtig.
Falsch, unharmonisch, fast kippelig.

Endlich Start.
Es schneit. Harter, trockener Schnee, vom Winde verweht, meist waagerecht.
Es hat gerade angefangen, der gefrorene Boden ist erst von einer leichten Puderschicht bedeckt.
Mehr überall, wo sich Wehen bilden können.
Kleine, sehr kleine Schneewehen. Wehwehchen sozusagen…

Kurbeln. Stille. Der Schnee schluckt jedes Geräusch, schon diese dünne Decke.

Kaum jemand unterwegs – gut.
Bleibt hinter den erleuchteten, warmen Augen eurer Schneckenhäuser, Kulisse meines Weges,
Randkontraste an Ende und Anfang meines Abends…

Überschuhe vergessen! Zurück, macht nichts,
der klitzekleine Trail durch das Waldstück vor meiner Haustür lohnt sich auch mehrfach…
Zurück auf der Straße ist diese gestreut. Verdammt, ab auf den Fußweg, ungestreut, unbenutzt.

Der Niendorfer Hafen. Dort wird gebaut,
der schmale Weg direkt am Bauzaun ist im Schnee nicht zu erkennen.

Linke Hand zehn Zentimeter von den Stahlstäben – guter Anhaltspunkt.
Die Strandpromenade, leer, weiß.
Ich rieche den Schnee, spüre ihn im Gesicht,
schmecke ihn mit rissigen Lippen und trockener Zunge.
Die Dunkelheit vor mir kommt näher,
in unsichtbarer Stille meine wahren Freuden hinüberschreiend,
von Schnee und Wind verweht…
Mein Herz hört ihn immer, überall, diesen Ruf, der Leben heißt…

Der Einstieg, ein Holzsteg.
Enge Kurve, direkt die kurze Kinderwagenrampe einer Treppe hinauf.
Aus dem Stand fast heute, die Holzbohlen sind rutschig. Passt.
Uphill zum Ufer, die letzten Asphaltmeter, der Weg ein Tunnel hier,
mich ausspeiend aus der geteerten, bewohnten, gestreuten Scheinwelt in das Reich der Elemente…

Fix und Fixer. Fixie und Fixed Gear Biker.
Es gibt keine innigere Verbindung von Fahrrad und Mensch.

Starrer Hinterbau, starre Gabel.
Es gibt keine engere Verbindung mit dem Trail…
Fixie, Fixer, Gelände… Harmonie, rauschhaft, ekstatisch…
Kein Zurück, nicht einmal ein Gedanke daran…
Das Bike nicht mehr nur Werkzeug der Fortbewegung, zu beherrschendes Instrument, sondern viel mehr…
Verlängerung des Körpers und der Sinne, aller Glieder und geistigen Fühler…
Beschleunigen, Verzögern, Vorankommen, Federn, Kontrolle – Beine…
Lenken, Federn, Kontrolle – Arme…
Bremsen mit den Fingern ist so… – ja, ein Umweg…

Und unnatürlich – zwei Finger, vielfach verstärkt, all diese Energie abbremsend…
Das ist so sehr… Automobil-haft…
Nicht ich auf dem Bike fliege über die Wege, sondern die Einheit aus mir und dem Rad…
Konzentration, jede Sekunde, nie unangenehm werdend,
vielmehr wie eine Droge aufgesaugt in jedem verdammten Moment…
Intuition… Fahren nach Gefühl, sofort und richtig auf alles reagierend,
das Bike als Fühler des Körpers, Tentakel eines den Trail aufsaugenden Bike-Biker-Oktopus…

Travemünde, Umkehrpunkt. Der Leuchtturm am Ende der Mole.
Auge einer Viper, ins Meer hinausschlängelnd,
lächerlicher Beton- und Asphaltstachel von Menschenhand,
von den brausenden Gewalten der See belächelt…
Aber ein ästhetischer Anblick, nichtsdestotrotz…


Das beste Bild, das ich je geschossen habe… Hier als Wallpaper… 1024×768

Zurück.
Der Wind von hinten zuerst, mich tragend zum Ufer, mich den steilen Uphill hochtreibend.
Geschafft, trotz Schneeglätte, knapp, aber eine Kurbelumdrehung geht immer noch,
ein Quentchen mehr Druck auf dem Untergrund ist auch bei Schnee noch drin…
Das letzte Stück hoch wieder etwas flacher, beschleunigen…
Rechts auf das Trailstück direkt an der Kante, jungfräulich weiß noch, alle Wurzeln bedeckend…

Ich kenne dich… Fliege hinüber…

Südsüdweststurm. Seitlich, ganz leicht von vorne.
Die gesamte linke Gesichtshälfte ist sofort taub, fast wie beim Zahnarzt.
Mit dem Unterschied, dass es schmerzt, sehr schmerzt…
Breites Grinsen, noch schnelleres Treten, ich öffne den Mund,
drehe den Kopf in den tosenden Wind, als wollte ich diese Elemente in mich aufsaugen,
verinnerlichen, nie mehr rauslassen, immer in mir tragen…

Jedes Mal bleibt ein wenig haften, den Funken in meiner Brust,
der Leben heißt, verstärkend, freilegend, bereichernd…

Der Weg teilweise schneefrei, die Flocken waagerecht hinfortgeweht, zur See,
irgendwann wild tanzend von einer Woge geschluckt, in ihr ans Steilufer schlagend,
es formend, bildend… Kreislauf der Elemente, ewig…
Nur meine Spur von eben bleibt, festgefahren, eine einsame weiße Linie, einem Faden gleich,
den ich aufspulend verfolge auf meinem Weg zurück in den Rest…

Irgendwann…
Der zweite Umkehrpunkt, in Timmendorf, die Maritim Seebrücke…
Geradewegs in die See fahren, die Häuser und Lichter hinter sich lassend, ein Gefühl wie…
Ja!
Die Arme weit offen, den Wind umarmend, auf meine einsame Laterne am Ende der Brücke zu…

Hier ein Moment der Ruhe, auf all den Rest zurückblickend…

Kühles herbes Nass in meine lechzende Kehle rinnen lassend,
herunterkommend, besinnend, genießend…
Wissend, dass man lebt… Wofür es sich lohnt zu leben…
Dankend, wem auch immer, es herausgefunden zu haben…

Samstag

Heute eine Tour, durch meine Wälder…
Ja!
Schnee und noch gefrorenen Boden erwartet,
eine Genießertour geplant, etwas ruhiger angegangen.
Nix da.
Schon auf den ersten Metern Strandpromenade,
Schneematsch, Gesichtsdusche, ich schmecke Dreck, Wasser, Leben…

Dann in den Wald.
Vor einigen Wochen dachte ich bei einem Untergrund gefahren zu sein, der schlimmer nicht sein könnte.
Weit gefehlt.
Schneematsch, halb angetaut. Boden, halb angetaut.
Mal tiefer, mal fester. Immer rutschig,
Lenken gleicht eher einer unkontrollierten Schlittenlenkung,
Bike gerade halten, Lenker quer, schliddern…
Bremsen lässt Aquaplaning wie ABS erscheinen…
Traktion gegen Null. Uphilltechnik gleicht Rudern:

Jede Pedalumdrehung mit vollem Körpereinsatz nach vorn unterstützend,
Arme beugend, auf Sattel nach vorn rutschend, alles in jeden Tritt gebend…
Egal, kenne ich ja…
All die tief zertretenen Pferdewege und unzähligen Spurrillen,
trotzdem noch genug gefroren um hart zu bleiben, Hindernis zu sein, Herausforderung zugleich…
Sonst leichte Anstiege, heute nicht schaffbar…
Nichtsdestotrotz natürlich versucht…
Die Pferdehölle. Gehirn aus und durch…

Natürlich wird es nicht locker, nicht mal annähernd.
Ich drücke durch diese Mischung, die sich Untergrund nennt, mit breitem Dauergrinsen,
rutschend, fluchend, jauchzend, mit bald schmerzendem Kopf,
mit vibrierenden Muskelkaterarmen und Beinen, die sich anfühlen,
als könnten sie ein Loch in den Boden treten ohne sich auch nur anstrengen zu müssen…
Ekstase…

Mein Traumtrailwald nahend – die Sonne zeigt sich.
Der Traum wird noch traumhafter, das Herz hüpft vor Freude bald aus der Brust…
Kurz unkonzentriert, und schon ist es passiert…

Ich habe mein Vorderrad gut eingespeicht – immer noch rund.
Weiter geht´s.
Ab in den Riesebusch, auf den längsten und schönsten Trail der ganzen Gegend…

Auf und ab, und rechts und links, alles zugleich, schnell, flow…

Einen Kilometer vor dem Waldrand dann ein Ende der anderen Art…
Der Tod eines Bindungsdrehenden, der auch das Ende dieser Fahrt bedeuten sollte…

Auch der treue Ledermann, immer dabei,
kann nicht verhindern,
dass einseitig pedalierend die nahe Tankstelle nächstes Ziel wird…

Dank meines treu heraneilenden, allzeit bereiten Gefährten Lupi
wurden Fixer und hufkrankes Fix aber motorisiert zurückgebracht…
Danke, Christian – Danke…

24 Stunden im Leben eines Enthusiasten,
Stunden und Stunden frönend der Leidenschaft,
ein weiteres Stück meiner Passion geht zu Ende…
Nur um den nächsten 24 Platz zu machen…
Sonntagabend… Nightride…

Die Leidenschaft ist da draußen, überall…
Und IN dir – ja, DIR…

ICH brauchte ein Fixie, DIESES Fixie, um es wirklich zu erkennen,
beides zu verbinden, und meine Passion zu entdecken, freizulegen und auszuleben…

Wer Schwulst, Geschwafel, und Schwärmerei findet, darf sie behalten und gerne in Poesiealben oder seinem nächsten Trivialroman verwenden…

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