[Harzsturm 2016 – Tag 3] Zur Quelle der Weißen Elster

Wie schafft man eigentlich eine geographisch-historische Verlinkung zwischen dem 6310m hohen Chimborazo in Ecuador und der Quelle der Weißen Elster im tschechischen Elstergebirge (Halštrovské Hory)? Die Auflösung folgt…
In diesem Jahr gastierte der Eisenschweinkader im thüringisch-sächsischen Vogtland. Jedoch nicht im sächsischen Limbach-Oberfrohna, sondern eben im vogtländischen „Limbach Ohnefrohna“. Dieses Limbach liegt eingebettet in einer sanften Mittelgebirgslandschaft, welche jedoch immer wieder von tiefen Tälern mit steilen Hängen eingeschnitten wird. Zu nennen wären da unter anderem die Göltzsch mit der berühnten Göltzschtalbrücke oder auch die Weiße Elster, an deren Ufer sich Weltstädte wie Oelsnitz, Plauen und Greiz ausbreiten. Eben wegen dieser vielen Täler und Flußläufe wartet das Vogtland, trotz der eher geringen Höhen, auch für ambitionierte Mountainbiker mit schönen und technisch anspruchsvollen Strecken auf.

Der ESK nistete sich in einem abgelegen Schullandheim ein. Abgesehen von Kleinigkeiten konzentrierten wir uns an den vier Tagen auf Radfahren, Grillen und Lagerfeuer. Auch die zahlreichen Kinder unternahmen mit, wahlweise, Vater oder Mutter eigene Radtouren bzw. wurden im Anhänger durch die Landschaft kutschiert. Morgens und abends packten alle mal mit an, wenn es ums Hinräumen, Aufräumen, Einräumen oder Abräumen ging (O-Ton Nauti: „die extrem friedliche Koexistenz von Nichtsnutzen und Kaderfamilien“), nur die Randsportart „Kuchen-Extrembacken“ ging mit ungefähr 10:0 an Jana.

Nachdem an den ersten beiden Tagen das umliegende Terrain gesichtet, die Täler durchfahren, Talsperren umrundet, Berge erklommen und Sehenswürdigkeiten bestaunt wurden, war der Samstag für die Große Tour vorgesehen. In Ermangelung des Obersts und anderen Tretschweinen der besonders fiesen Art traute ich mir nicht, eine A-Tour auszurufen. Ich meldete also mein Interesse an einer B-plus-Tour an und Darki hatte dazu den perfekten Einfall: mit dem Rad zur Quelle der Weißen Elster auf tschechischem Hoheitsgebiet und zurück mit der Eisenbahn.
Auf vom Vortag bekannten Wegen (Stichworte Indsutriegebiet Treuen und Pärchentreff) stießen wir auf hauptsächlich Asphalt nach Plauen vor. Darki hatte, wie die Tage zuvor, die Tourenplanung an sich gerissen und musste immer mal wieder mit etwas Kritik umzugehen lernen – weniger an den Ideen, sondern mehr an der Durchführung. Aber wir machten es ihm auch nicht leicht. Weiter auszuholen, würde den Rahmen sprengen. Aber auf dem Weg hinein nach Plauen waren diverse Nerven ob der Wegeplanung und Gruppendynamiken im Reißen begriffen. In Plauen erreichten wir endlich die Weiße Elster, doch die Nerven beruhigten sich erst nach einer taktischen Gruppenteilung. Darki wollte auf dem aspahltierten Radweg im Tal „Strecke machen“, alle anderen wollten gerne etwas durch die Berge ballern. Leider kam es nicht zu einem ausgemachten Wiedersehen an der Quelle, da Darki seine Tourenpläne vollends änderte.

Die dezimierte Gruppe erreichte nach einigen Unpässlichlkeiten den Ort Oelsnitz. Die schöne kleine Innenstadt lag leider schon im Sterben, da versetzte wohl die Eröffnung einer Bäckerei/Konditorei/Café/Eisdiele unten an der Bundesstraße dem weiter oben gelegenem Zentrum den finalen Nackenschlag. Nunja, oben Totentanz, unten Eierschecke, Schwedeneisbecher und Cappuchino zu Cafe-Kranzler-Preisen; statt historischem Marktplatz und Blick auf den großen Rathausturm nun Sonnenterrasse mit DIN-Pflaster und Blick auf die B92.
Ab Oelsnitz jedoch wurde unsere B-plus-Tour richtig sportlich. Ab hier folgten wir dem Wegverlauf des VPW – Vogtland-Panorama-Weg, welcher sich, seines Namens aller Ehre machend, stetig an den Hängen des Tales auf- und abmühte. Die Zeit verstrich, das Wasser in den Radflaschen ging zur Neige, dann erreichten wir den Kurort Bad Elster. Nun ging es über die Grenze nach Tschechien. Die Weiße Elster war mitlerweile nur noch ein kleiner Bach geworden.

Auch eine Einkehr mit tschechischen Köstlichkeiten, fest wie flüssig, stand auf unserer Liste ganz oben. In den ersten Orten hinter der Grenze gefielen uns die Lokale aber ganz und garnicht, also war Weiterfahren angesagt. Immer leicht bergan, dem Bachlauf folgend. Nach einiger Zeit erreichten wir den Ort Vernerov, welcher nicht nur wenige Kilometer unterhalb der Quelle des Weißen Elster liegt, sondern auch noch mit einem äußerst ansprechenden, kleinen Restaurace aufwarten kann. Die Zeit war bereits vorangeschritten und auch die Abfahrt des Zuges im deutschen Nachbarort musste mitbedacht werden. Dennoch bestellten wir erstmal Bier und Kofola und Knödel und Schnitzel und alles was Herz begehrte. Schließlich waren wir nach mitlerweile gut 70 Kilometern durstig und hungrig.

Die nächsten Überlegungen beim zweiten Bier in der Sonne in besagtem Restaurant seien durch folgende historische Parallele verdeuchtlicht. Der große Geograph, Entdecker und Universalgelehrte Alexander von Humboldt erklomm Anfang des 19. Jahrhunderts den höchsten Gipfel, der seinerzeit je bestiegen wurde: den Chimborazo in den ecuadorianischen Anden. Er galt damals sogar als der höchste Berg der Welt (da die Erde nicht ganz rund ist, stimmt das auch noch heute, aber nur, wenn man die Höhe nicht vom Meeresspiegel, sondern vom Erdmittelpunkt aus misst). Folgender Dialog wird Humboldt und seinem Begleiter Bonpland nachdedichtet – und die Betonung liegt auf nachgedichtet(!):
„‚Man könnte‘, sagte Bonpland, ‚auch einfach behaupten, man wäre oben gewesen.'[…] ‚Überprüfen kann es ja keiner.‘ sagte Humboldt nachdenklich.“(1)

Möge sich der geneigte Leser selber einen Reim daraus machen, Fotodokumente von der Quelle der Weißen Elster gibt es jedenfalls nicht, dafür war die Zeit zu knapp. Nach einem letzten Anstieg und einer rauschendes Abfahrt gelangten wir in Bad Brambach zum Bahnhof und der Zug geleitete uns direkt zurück nach Limbach. Ein Dank nochmal an Darki für die Idee zur Tour, es war ein wundervoller Tag!

Hier noch ein paar Fotos vom Wochenende:

(1) Daniel Kehlmann: Die Vermessung des Welt (2005)

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