ESK, eine Insel in Biolin

Eine Band singt über Biolin:

*Meine Kleidung unterstreicht meinen Charakter Meine Brille ist nicht
Vintage, verdammt die ist Retro!*

*Undercut und Jutebeutel, ich trinke Club Mate oder gibts den Café Latte
auch mit Sojamilch? – I like! Die große Frage: Schreibt mich irgendjemand
auf die Gästeliste? – Eh, naja – Bitte, bitte, bitte!*

*(Refrain)*

*Doch auch wenn andere Städte scheiße sind.. Ich will nicht nach Berlin!
Und ich damit komplett alleine bin.. Ich will nicht nach Berlin! Auch wenn
dort alle meine Freunde sind.. Ich will nicht nach Berlin! *

Und doch fahre ich nach BIOlin. Das Üblich, verspäteter Zug ab Hamburg,
fast leer. Die Bahn will mir erste Klasse Tickets verkaufen, doch auch die
sind zu spät. Bis Budapest geht der Zug. Manchmal denke ich, ich bin schon
in Budapest. Kahle Ländereien und trostlose verlassene Dörfer blicken grau
durch das Fenster. Dann das Ortsschild und so unverhofft wie BIOlin kommt
auch der Hauptbahnhof. Keine Ansage schürt die weihnachtliche Stimmung der
Überraschung.

Keine Überraschung wird der zweite Lauf des KlausStörtebeckerGedächtnisCups
KSGC vom meinem Kader, dem Eisenschweinkader ESK. Schon vor zwei Jahren war
der Rodelberg an der Troplitzer Strasse die Austragungsstelle eines KSGC.
Neu wird die Streckenführung sein. Das Wetter ist auch nicht normal. Die
BIOsphäre hat sich trotz der Klimaziele von Paris erwärmt. Der Dezember
2015 wird der dunkelste Sommermonat seit Beginn der Wetteraufzeichnungen
werden. So rolle ich mit meinem neuen atomstromgeschalteten Crosser zum
Rodelberg.

Das Komitee hat schon die Strecke der ToBIOgraphie angepasst. Bekannte
Stücke fahre ich schon mal ab, folge dem Sägemehl aus dem BIOprodukt Holz.
Erst als eine nicht zu vernachlässigenden Zahl Freiwilliger nach der
Strecke fragt, wird klar, da ist eine Abfahrt dabei, die Mut verlangt.
Besonders mit dem Degen, wie die Crosser beim ESK heißen. Breitschwerter
(Bergräder) haben es da einfacher. So drehe ich beim ersten Mal ab und
schaue zu, wie andere da runter fahren.

Dann Unterlenker und runter, geht gut, die BIOtanik in der Kurve springt
auch nicht auf die Ideallinie. So rolle ich ein paar Runden, auch an den
Müllhaufen vorbei der zum größten Teil aus AntiBIOtika besteht und die
Einfahrt zum Sportplatz schwer macht. Mittlerweile ist auch die Schar der
Funktionäre eingetroffen. Liste malen und Zugangssoll abführen. Dann noch
eine Proberunde und Start auf der nahen grünen Wiese. Ganz unkompliziert
wird ein Strich gestrichen und bei Drei geht es los. Für die Seeräuberinnen
früher, steht am Ende der Startgeraden ein Tor als Engpass, was
unweigerlich zu viel Nähe führt. Es wird raus gezählt: Alpha, BIO, gamma
und los. Wie immer fahre ich mit BIOdiesel. Keinen Rums am Start und gegen
Ende erst auf Betriebstemperatur. Die Jungs mit Kerosin und Superverbleit
sind schon lange weg, als ich den Weg ums Tor finde. Jetzt mal Kopf aus und
einfach fahren.

Die Regeln sind einfach. Strecke folgen und der Letzte wird in jeder Runde
aus dem Verkehr gezogen. 2Bier regelt das ganz erfahren, sagt sogar
Zwischenstände an. Ein paar Runden Vollgas und irgendwann darf ich hinter
Rob in die Abfahrt fahren. Na ja, er springt und ich bremse. So passen
Welten zwischen uns am Ausgang des Gefälles. Zu meinem Glück gibt es auch
Geraden, wo der Degen einfach schneller als das Breitschwert ist und Rob
wird passiert. Mitstreiter droht mit Überrundung. Noch mal etwas nachzünden
und auf Anstand halten. Entweder schaff ich das oder Mitstreiter gönnt sich
eine kleine Verschnaufpause. Als 10 winkt mich 2Bier an den Glühwein, ohne
Überrundung. Umtrunk ist ein schöne Gewohnheit vom ESK.

Schnell umziehen und sehen, wie gefahren werden kann. Abfahrt mutiger,
Kurven enger und bergauf mit mehr Druck. Und am Start schneller weg kommen.

Die gewohnte Zeremonie für den Störtebecker. Stürz den Becher. Hier zu
beachten, wie die Platzierten in konventioneller Kleidung vom Team Levis
und mit stylische vintagedesign von Team Retro dran geblieben sind. Es
liegt nicht am Material.

Eine sehr schöne Sache in mitten von BIOlin. Frei von Umweltauflagen und
ohne das jemand draußen sich vergiftet hat.

Zurück im Zentrum der BIOlitik. Zur BIOliner Fahrradschau war ich schon in
einem Hostel nahe an allem abgestiegen und so auch jetzt. Keine Einzelhaft
mehr frei, also ab in die Mannschaftskojen. Steht heute Abend doch noch die
Weihnachtsfeier vom ESK an. Immer ein Garant für lustiges Beisammensein.
Den Namen der Kneipe kann ich mir einfach nicht merken, irgendwas mit Mond.

Vorher kommt Mickaela in die Mannschaftsschlafräume. Eine Sprotte aus Kiel
im besten Alter und auf BIOlin tour mit Freundin. Freundin seilt sich aber
heute ab und gestern hat sie das Zimmer im Motel one richtig gut genutzt.
Für 80€ war sie da Zähne putzen. Nach einer Stadtrundfahrt mit historischem
Hintergrund ging es noch in die Hafenkneipe. So sind sie, die von der
Küste. Um 6 Uhr dann Zähne putzen und Frühstück. Jetzt ein preiswertes Bett
und morgen dann zurück nach Kiel mit dem Bus. BIOlin ist so lebendig und
voller Reize, sagt sie und will wieder nach Berlin. Kraftklub sagt ihr
nichts. Aber das Sport im Park möglich ist, zeigt die Freiheit einer
vielseitigen Stadt, meint sie, als ich vom KSGC erzähle. Aber heute Nacht
wird es nicht so spät, das schafft sie nicht noch mal. Mir ist, als kenne
ich jetzt ihr ganze BIOgraphie.

Ich laufe die Friedrichstraße runter/hoch, vorbei an goldenen Schaufenstern
und BIO Currywurstständen, suche Bundeliga im TV mit Bier. Zum Zeitvertreib
bis zur Feier. Werde nicht fündig und gehe in den Mond. Da gibt es
Schwarzwälder Kirschtorte und warmen Kakao, da nach Berliner Bier.

Um 19 Uhr wird es intim. Der ESK trifft sich hinter vorgezogenen Gardinen
zum Wichteln, Gans essen und anstoßen. So viel sei gesagt, der Rob hat die
Wichtellei ganz klasse moderiert, wo die Gans hergekommen ist bleibt ein
Geheimnis, weil zu lecker. Und irgendwann wurde auch noch zu Musik von
Schosse gesungen. Die Zeit war gekommen, zu Mickaela zu gehen.

Die Friedrichstraße hat geschlossen, die Schaufenster beleuchten
Bordsteinschwalben die auf lustige Männer warten. In BIOlin herrscht rund
um die Uhr fröhliches Treiben. Das hat was mit BIOlogie zu tun. Unversehrt
komme ich im Hotel … an. Tatsächlich nutz Michaela ihr Bett und gleich noch
die Bettlampe mit, indem sie sie anlässt. In BIOlin gibt es nur BIOstrom,
der ist gut für die Umwelt, aber das Licht daraus nicht für mich. Sie stört
es nicht, wohl weil ihr BIOrythmus durchgeknallt ist. Die Gezeiten an der
Ostsee werden dem entgegenwirken. Bei Frühzeiten für BIOlin, um 8:30 Uhr
bin ich am Hauptbahnhof zur Weiterfahrt ins Trainingslager, da geht noch
was, habe ich beim KSGC gesehen.

my beautiful self

7 Antworten auf “ESK, eine Insel in Biolin”


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