Krücke und der Sportpalast

Reinhold Franz Habisch wurde 1889 geboren, am Straußberger Platz. Kein gutes Pflaster damals. Das Fahrrad begann zu dieser Zeit seinen Siegeszug, erstmals wurden Rennen ausgetragen, Tausende säumten die Strasse beim ersten „Rund um Berlin“ 1896. Diesem Sog konnte sich auch der junge Reinhold nicht entziehen, auch er wollte ein gefeierter Held wie Josef Fischer werden, der 1896 die Premiere von Pairs-Roubaix gewann. Er besorgte sich ein Rad und trainierte, meist im Nudeltopp von Treptow (heute steht da ein Mediamarkt). Doch 1905, Walter Rütt nahm gerade an seinem ersten 6-Tage-Rennen im Madison Square Garden teil, hatte der 16-jährige Habisch einen Unfall. Noch schnell vor der Straßenbahn rum wollte er auf dem Rad, stürzte auf der schmierigen Fahrbahn und wurde von der Bahn überfahren. Das linke Bein blieb wegen der durchtrennten Sehnen unbeweglich, die Radsportkarriere musste er anderen überlassen.

Trotzdem hing er weiter bei den Kumpels am Nudeltopp ab. Den Spitznamen „Krücke“ bekommt er übrigens, als er in Treptow mit Kumpels Skat im Freien kloppt. Man spielt und trinkt, trinkt und spielt. So vergehen die Stunden. „Lediglich eine dringende Forderung, die sich anmeldete, brachte mich von meinem Sitz hoch.“ Reinhold muss aufs Klo. Doch wo steckt die verdammte Krücke? „Ich geriet in peinlichste Nöte. In letzter Verzweiflung begann ich zu schreien: ,Meine Krücke, meine Krücke, gebt mir meine Krücke.'“ Irgendwann sind die Mitspieler so genervt, dass sie auf einen Fahnenmast zeigen. Hoch oben, in fünfundzwanzig Meter Höhe, hängt Krückes Krücke. Ab jetzt hat er den Spitznamen weg. (Aus „Deutschlands Original Krücke. Auf Rennbahnen unter Rennfahrern“, Reinhold Habisch, 1950)

Doch er blieb den Radrennen treu und wurde zu einer festen Größe im Berliner Sportpalast. Seit 1911 gab es dort 6-Tage-Rennen, Walter Rütt gewann die erste Austragung. Ab 1923 wurde der Wiener Praterwalzer gespielt, komponiert von Siegfried Translateur. Eigentlich nichts besonderes. Doch Krücke legt zwei Finger in den Mund und pfeift mit. Der Sportpalast-Walzer ist geboren, Krücke wird zum Star des Heubodens, der billigen Plätze unterm Dach. Von dort macht er Stimmung mit einer Flüstertüte für seine derben Sprüche. Manchmal setzt es dafür Prügel, da ist es gut, dass er eine Krücke zum Austeilen hat. Betritt Prominenz den Saal, kommentiert er das vom Heuboden, ermutigt die Wohlhabenden zu neuen Prämienfahrten, lässt auch mal am Bindfaden die Sammelbüchse für Freibier nach unten. Gekleidet ist er mittlerweile nur noch in Werbepullover wie „Früher oder später trinken alle Wurzelpeter“

„Einmal wird es dem Pressechef des Sportpalastes, Fredy Budzinski, zu bunt. „Der Beifall, den ,Krücke‘ nach jedem Pfeifkonzert empfing, machte den zum Original herangereiften Mann so übermütig, daß er meine Ermahnungen zu Anstand und guter Sitte fallen ließ und eines Abends seine Zwischenrufe etwas zu berlinerisch gestaltete.“

Auch berühmte Schauspieler sind vor seinen „etwas ordinären“ Zwischenrufen nicht gefeit. Die Folge – Krücke bekommt Hausverbot. Doch nicht lange. In einem Schreiben drohen „Die Apachen von Berlin“ dem Pressechef an, ihn öffentlich aufzuhängen und den Sportpalast in Schutt und Asche zu legen, wenn das Hausverbot nicht aufgehoben werde. Postwendend erhält Krücke seine Dauerkarte zurück.“ (Berliner Morgenpost, 21.1.2014)

Krücke hatte den jungen Max Schmeling im Sportpalast gesehen und ihm eine große Zukunft vorausgesagt. Nach seinem Sieg gegen Jack Sharkey in Juni 1930 treffen sich die beiden Sportpalast wieder. „Wir trafen uns nach seiner Rückkehr eines Tages im Vorraum des Sportpalastes, und Max trat mit den Worten auf mich zu: ,Krücke, wieviel brauchst du?‘ Und dann zog er sein Scheckbuch und füllte das nächste Blatt über eine Summer von 3000 Mark für Reinhold Habisch aus.“ Davon kauft er sich einen Zigarrenladen und hat endlich ein Auskommen.

Schlechter werden die Zeiten, als die Nazis an die Macht kommen. Sie vereinheitlichen die Fahrergagen, 6-Tage Dauerfahrten sind verboten, Trikotwerbungen sind verboten. Und die Reichsmusikkammer verbietet den Praterwalzer, der von einem Halbjuden komponiert wurde. Hitler mochte Berlin nie, ein Grund waren die Berliner. Beim letzten 6-Tage-Rennen 1934 stimmt Krücke den Sportpalast-Walzer an und 10.000 pfeifen mit!

Fredy Budzinski arbeitet in den folgenden Jahren als Journalist und Pressechef der Olymischen Spiele 1936.
Siegfried Translateur wird 1944 als Halbjude in Theresienstadt ermordet.
Krücke Habisch bleibt seinen jüdischen Kunden treu und wird in der Folgezeit boykottiert, so dass er seinen Zigarrenladen schon 1935 wieder aufgeben muss.
Der Weltrekord von Richard Huschke und Franz Krupkat steht bis heute. 4544,2km.

Darauf lasst uns wie früher ein Schultheiss trinken und den Sportpalast-Walzer mitpfeifen! Hier das Original: Krücke Pfeift.

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6 Antworten auf “Krücke und der Sportpalast”


  • Das hast Du fein geschrieben, und das was Du geschrieben hat, ist auch eine feine Sache. Das kommt zu rechten Zeit, denn in Kürze schon werde ich in die Hauptstadt aufbrechen, zur langen Nacht beim Sechstagerennen. Selbstredend werde ich mein Glas erheben, auf Budzinski, Translateur, Habisch und alle einst pfeifenden Berliner. Und natürlich auf den leider verhinderten Twobeers, gerne hätte ich mit Dir angestoßen.

  • Dem Lob schließe ich mich gern an und ich trinke noch extra auf meinen Wellensittich Rudi, der einst auf famose Weise den Refrain des Sportpalastwalzers pfiff…

  • Ich freu mich schon auf Dienstag!

  • Pah, „Die Apachen von Berlin“ wurden bereits am 1. November 1930 vom Sozialdemokratischen Pressedienst als „…meist labile, verängstigte und auch verbitterte Existenzen, die halb aus Trotz, halb aus Gewohnheit, aber natürlich auch aus krimineller Veranlassung, immer wieder in Reibung mit vielen Paragraphen des Strafgesetzbuches geraten.“ entlarvt.

    An gleicher Stelle wird von einem Gerichtstag in Moabit berichtet, an dem sich die Hautevolee der Apachen vulgo der Unterwelt des Schlesischen Bahnhofsviertels ein aufgeregtes Stelldichein gibt. Zwei besonders illustre Mitglieder dieser Winnetouverschnitte hatten den Stammtischbürger und Baumeister Dietrich überfallen und mussten sich nun hochnotpeinlichen Befragungen stellen. Die beiden Canaillen hatten es derart bunt getrieben, dass selbst dem ehrwürdigen Ringerverein „Immertreu“ es zu bunt wurde und Platte und Chorodowski fallen gelassen wurden.

    Soviel zu den vermeintlichen Rettern des Berliner Radsports. Die Nachfahren der Apachen allerdings bilden wohl auch heutzutage einen Grossteil des Innenraumpublikums und füllen die mp3-Konserve mit Leben.

    Voll Vorfreude
    Schosse

  • Na!

    Das läßt mich ja hoffen, dass aus einem abgehalftertem Rennfahrer mit Krücke doch noch etwas werden kann! Danke für die Ermutigungen, Twobeers!

    LG – Kemper

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