7 auf einen Streich oder Ein Spätsommertraum

Das solls wirklich schon gewesen sein? Der Sommer 2014? Ab jetzt wirds nur noch kälter und dunkler? Da müssen die letzten warmen Tage aber genutzt werden, arbeiten kann man auch später noch genug. So fiel der Zeitplan auf den 17./18. september, nur ein Ziel war gefragt. Was könnte man in zwei Tagen abfahren, wo waren wir noch nicht? Ein Blick auf die Karte der Bismarcktürme und ein Abgleich mit den Etappenzielen der „Unendlichen Rundfahrt“ führte schnell zu folgendem Entschluß: Acht Türme in zwei Tagen! Der Fairness halber benachrichtigten wir den Kreuzbuben von unserem Vorhaben, damit er eine ehrliche Chance hätte. Er allerdings zog es vor, den Turm von Sangerhausen getrennt von uns anzufahren und diesen kampflos zu nehmen.

Blieben für uns noch sieben Türme. Und beginnen sollte das alles mit einer Zugfahrt nach Magdeburg am Morgen. Ein Sparticket wurde uns zuteil, ein Ticket für die Räder wurde zugunsten einer Verpackung weggelassen. Doch Frau Müller von der Bahn erkannte die Räder im Bettbezug und wollte uns dann doch lieber ein Ticket verkaufen. Na gut.

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9:00, Magdeburg. Die Glocken läuten, wir finden den Dom, den ersten Krönungsdom Deutschlands, Grabstätte des ersten deutschen Kaisers, erster gotischer Dom Deutschlands…Superlative, doch eine verschlossene Tür lässt nur eine Besichtigung der Außenmauern zu.

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Twobeers vor Dom

Turm 1.

Schönebeck an der Elbe. Wir nähern uns von Osten, wahrscheinlich der Stadtteil, in den die Lepra- und Pestkranken abgeschoben wurden. Bemerkenswert auch die nachgewiesenen 30 Hexen, die in Schönebeck gerichtet wurden…Durch die Stadt gehts zum Bierer Berg, vorbei an einem Gradierwerk, welches mal mit 1837m Länge das größte Gradierwerk war, heute sind die 320m immernoch sehr imposant. Und wem Elektrolyte fehlen, kann mal einen Schluck der Sole nehmen…

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Von dort sind es nur ein paar hundert Meter zum BieRer Berg, eine Kastanienallee für auf den Berg, aus gemütlicher Fahrt wird ein Bergsprint. Oben auf dem Berg steht der Bismarckturm, umgeben allerdings vom Tierpark. Doch der Eintritt kostet nichts, ein letzter Sprint.

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Doch was ist das? Auf der Bismarckhöhe gibts nicht nur einen Bismarckturm (den Twobeers nimmt) sondern auch eine Bismarcksäule, die Toni zuerst erreicht. Also Gleichstand nach einer Etappe.
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Twobeers 1, Toni 1

Turm 2.

Von Schönebeck nach Calbe ist es nicht weit. Und über Biere (was für ein herrlicher Name!) und Großmühlingen käme man auch rasch nach Kleinmühlingen zum Friedensfahrtmuseum. Doch das heben wir uns für einen anderen Ausflug auf, wir verlassen die asphaltierten Straßen und fahren über Feldwege, rechts und links bestanden mit Obstbäumen, die ihre reifen Früchte feilbieten.

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Der Wartenberg war schon bei den Germanen ein Heiligtum, klar, dass auch dort ein Bismarckturm hinmuß. Er versteckt sich hinter Bäumen, ein gerader schmaler Weg führt hinauf, Twobeers kann den Turm zuerst erreichen.

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Twobeers 2, Toni 1

 

Turm 3.
Hinab geht es einen Singletrail, glatt und verwurzelt ist es ein Traum auf unseren Rädern. Solcherlei Wege ahnend, hatten wir auf Rennsprotkohlefaser und Luftfahrtaluminium verzichtet und setzten auf bewehrte Materialien aus Wehr- und Werkzeugindustrie (Titan und Stahl), die ihr Vertrauen rechtfertigten.

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Uber Staßfurt gehts nach Aschersleben, Industrieruinen erzählen das Märchen der blühenden Landschaften. Wer kommt auf die Idee, hier eine Dönerbutze zu eröffnen? Der Imbiss beim Fleischer ist nicht der Knaller, doch das Wetter ist hochsommerlich. Nach einiger Suche in Ballenstedt finden wir einen schmalen Pfad, der Mönchsweg wird zur steilen Himmelsleiter, hinauf gehts auf den Stahlsberg. Genau das richtige für Eisenschweine, MTB-Schuhe machen sich bezahlt, denn an Fahren ist nicht zu denken. Der Pfad ist schmal, das Gestrüpp dornig, wer unten vorne ist, bleibt es bis oben und so kann Twobeers einen weiteren Etappensieg einfahren.

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Twobeers 3, Toni 1

Turm 4.

Die Abfahrt ist wieder was für Geländeräder, wir kommen aber heile durch. Vielleicht liegt meine Fahrtechnik am Material?

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Auf dem Weg nach Quedlinburg kommen wir an einem Born vorbei, einer Quelle, die mitten auf der Straße entspringt. Die darüber gebaute Schwengelpumpe lässt sich nicht mehr bewegen, doch der Born erfrischt uns. Eiskalt und lecker. Ein Fenster öffnet sich und eine Frau warnt uns vor dem genuss des Wassers wegen der Nitratbelastung. Sie füllt unsere Flaschen mit Leitungswasser, das ist nicht so kalt und nicht so lecker. Hinter Gernrode steht plötzlich ein zum Teil eingerüsteter Turm an der Straße. Ein Bismarkturm? Es steht nichts dran, ein Beweisphoto, wir widmen diesen Turm unserem Reichskanzler a.D. Wie sich auf Nachfrage herausstellt ist es der aus dem 14. Jahrhundert stammende Lethturm, eine Feldwarte. Bismarckturm hört sich besser an…

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Turm 5.
Es geht nach Quedlinburg, Welterbe, Domberg, Domschatz, Grablege Heinrichs I. Doch wir sind auf der Suche nach dem Bismarckturm, dessen genaue Adresse wir nicht kennen, wir folgen den Hinweisen des elektronischen Wegweisers an Tonis Lenker. Und wir folgen den Hinweisen so lange, bis wir in Halberstadt sind. Nun den, auch dort soll ein Bismarckturm sein. Dieser ist bei der Spiegelsburg, auf dem Blankenburger Kopf. Auch dort ist seit 1660 ein Landschaftspark mit Tieren, wieder gehts über Stock und Stein, Toni ist zuerst am Turm. Halberstadt stand Schönebeck in Sachen Hexenverfolgung in nichts nach, bedeutsam ist der Fall des Dr. Johann Macholdt, der vom Bürgermeister wegen eines Erbschaftsstreites der Zauberei beschuldigt wurde. Halberstadt hat in der Reihe der Bismarckorte eine besondere Rolle, war doch Bismarck selbst Angehöriger des Kürassier-Regiments „von Seydlitz“ (Magdeburgisches) Nr. 7 und später sogar dessen Chef.

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Twobeers 3, Toni 2

Turm 6.
Den Turm Quedlinburg haben wir offenbar verfehlt, doch wir lassen uns nicht abschrecken und versuchen es erneut. Wieder lassen wir die Altstadt unbesichtigt, Grund genug, die Gegend nochmal zu besuchen. Wir finden die Stresemannstraße – da waren wir doch vorhin schon mal! Wir finden den Johannishain – auch da sind wir schon vorbeigefahren! Am Eingang zum Johannishain steht eine Hinweistafel, mehrere Wege führen zum „Bismarckthurm“ auf dem Bleichberg.

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Toni rechts lang, Twobeers links lang, der linke Weg ist der kürzere, Toni hält noch einen Schwatz mit einer einheimischen Schönheit.

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Twobeers 4, Toni 2

Der Türme sind genug erreicht für einen Tag, wir fahren über Bad Suderode nach Güntersberge. Da liegt ein wunderbarer Anstieg von 8km im Weg, immer schön gleichmäßig 5-6% Steigung. Toni braucht dringend ein Gel zwischendurch, Twobeers hofft auf die letzten Kilometer bis zur Herberge.

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Das Harzhotel und deren Bedienung Ronny (er ist auch Dachdecker von Beruf) nehmen uns erst nicht wahr und dann nicht für voll.

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Die anwesenden Gäste haben das Buffet leer geräumt, der Rest reicht nicht für uns, wir fahren zur Bahnhofskneipe. Eine heiße Brühe, Bauernfrühstück. Wir warten auf den Kreuzbuben, der nach seiner Runde rund um die Hainleite noch auf ein Bier vorbeikommen möchte. Er kommt, bekommt das warmgehaltene Bauernfrühstück und wir haben noch eine Stunde, bis auch diese Einkehr schließt. Der Sternenhimmel im Harz ist für einen Großstädter unbeschreiblich….

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Tag 2 / Turm 7

Kurz nach 8 Uhr, 13 Grad, Sonnenschein. Wir fahren ab nach Stolberg, einen wunderschönen Städtchen mit dem Hotel „Zum Kanzler“ – gibts dafür einen Sonderwertungspunkt?

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Stolberg ist Geburtsort von Thomas Müntzer, einige werden sich an den 5-Mark-Schein erinnern.

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Toni füllt das Stadttor vollständig aus.

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Plötzlich sind wir raus aus dem Harz, das Helmetal oder Thyratal leigt vor uns, der Bismarckturm von Auleben ist das nächste Ziel. Schon am Orteingang finden wir eine tafel mit den Wanderwegen, der Turm ist eingezeichnet, doch weitere Hinweise gibt es nicht. Fragend ziehen wir durch den Ort und begeben uns auf den Anstieg.

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Ähnlichkeiten mit den Big Waves der Toscana kommen auf, der Reifen rutscht auf dem feuchten Lehm durch.

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Toni hat die bessere Fahrtechnik und kann davonziehen. Er kann den Vorsprung halten bis zum Turm, der zwischen den Bäumen erst im letzten Augenblick zu sehen ist.

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Twobeers 4 Toni 3

Turm 8
Der weitere Weg führt erstmal steil bergab. Eine Schotterstrecke weit über 10% Gefälle bringt Mann und Material an die Grenzen, doch die Abenteuerburschen wollen es ja so und müssen weiter zum Kyffhäuser, der am Horizont schon erkennbar ist.

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Am Fuße des Kyffhäusers der Bikertreff „36“, steht für die 36 Kurven auf knapp 5km. Toni hadert mit seiner Form am Berg, das will er in den nächsten Jahren dringend ändern. Allerdings hat er nicht nur minitool und Letherman im Rucksack, sondern eine komplette Feldschmiede der Ruhmreichen Sowjetarmee. Während Twobeers also die 36 Kurven nimmt und am Fuße des Kyffhäuser-Denkmals wartet, gleitet Tonis Blick über die Anzeige seines Navigationsgerätes. Und nach 32 Kurven biegt er einfach ab zur Rothenburg! Während er also Twobeers zum Kyffhäuser-Denkmal schickt (von Bismarck ist dort nicht die Rede), kann er in Ruhe den letzten Turm bezwingen. Doch die Gerechtigkeit ist unbestechlich in Form eines Wachmannes, der Toni den Zugang zur Baustelle der Rothenburg verweigert.

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So bleibt diese Etappe bis zum Abschluß der Bauarbeiten ungefahren. Zusammen besichtigen wir dann noch das große Denkmal, 2 Thüringer Bratwürste für jeden, ein Bier dazu.

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Und jetzt kommt der wirklich schwierige Teil der Tour. Wir wollen weiter nach Naumburg, dazu müssen wir erstmal nach Tilleda. Auf der Karte ist das nicht weit, einfach nur den Berg runter. Vom Wanderweg wird uns abgeraten, doch ein Forstweg würde ins Tal führen. Auch dieser ist steil und wäre mit dem MTB eine reine Freude, mit schmalen Reifen ist es eine weitere Prüfung für Mensch und Material. Die Fahrtechnik von Twobeers ist allgemein bekannt, genauso wie die Risikofreude von Taucher-Toni. Wir meistern den Abstieg fahrend, bremsend, schlingernd.

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Wir haben noch 70km und nicht mehr viel Zeit bis zur Abfahrt des Zuges in Naumburg. So müssen andere Kulturschätze wie die Arche von Nebra oder das Bauernkriegspanorama von Frankenhausen auf unseren nächsten Besuch hoffen. Wir pflügen über Schotterpisten, die schnurgerade zum Horizont gehen, der Schweiß rinnt, die Flaschen sind fast immer leer. Verlässt man sich auf die ausschilderung oder den Routenplaner? Und warum ist plötzlich so ein Gegenwind? Wir meiden ob des Zeitmangels die Schleifen der Unstrut und fahren die Diretissima nach Laucha. Natürlich sucht sich die Unstrut einen bequemeren Weg als die beiden Eisenschweine, die lieber noch ein paar hundert Höhenmeter kurbeln…Laucha, der Unstrutradweg. Sehr schön, flach, direkt am Wasser, ein Kanurastplatz. Wir kommen zum Ostdeutschen Eck, dem Zusammenfluss von Saale und Unstrut und eine Idee wird formuliert: eine InVeloVeritas der unterschätzten Weingebiete! Von Saale-Unstrut nach Meissen. Wir werden darüber bericht…

Naumburg, der Zug fährt ein. Wir haben etwas Proviant besorgt, über Halle und Dessau kommen wir nach Berlin und sehen noch die letzten Minuten von Voigtes Weltrekordfahrt zusammen mit einer ganzen Eisenschweinrotte.

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8 Antworten auf “7 auf einen Streich oder Ein Spätsommertraum”


  • Schöne Geschichte, bin gespannt auf eure Planungen im Unstruttal…

  • Wenn ich das schon lese, „der kreuzbube allerdings zog es vor“… Nur weil ich nicht weiß, was das ist, „Urlaubstage“? Oder gar „Noch 30 Urlaubstage“?

    Ein wenig schmerzt mich ja der Anblick all der Türme, die ich nicht… aber sie seien euch gegönnt, ich habt sie auf ehrlichen Kilometern erarbeitet. Mein Favorit ist jedoch das Stadttor mit Gulliver drin.

  • Dank, daß ihr diesen überreichen Schatz an Denkmälern gehoben habt! Auf 23ern möchte man vermuten und schüttelt den Kopf. Aber Fahrtechnik ist Fahrtechnik, da beißt die maus kein faden ab.
    Was stellt der Geröllhaufen unter turm 2oder 3 eigentlich dar? Eine Bismarckhalde?
    Cheers!

  • Die bekackten Bismarcktürme klappert Ihr ab, aber an der Himmelsscheibe wird vorbeigebrettert?

    • Wie stehts im Text? „So müssen andere Kulturschätze wie die Arche von Nebra oder das Bauernkriegspanorama von Frankenhausen auf unseren nächsten Besuch hoffen.“ Und ein nächstes Mal gibts auf jeden Fall.

  • Super, und alles im Revier vom Frosch (ESK – Eichsfeld-Suedharz-Kyffhaeuser).
    Geniale Idee mit den Tuermen. Werde aehnliches mal hier bei den Auebikern anregen.
    C.

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