Westalpen: von Bern ans Mittelmeer

Wieder ein Morgen ohne Frühstück. Aber die Sonne lacht. Also nix wie los. Die Fernverkehrsstraße von Demonte nach Borgo war noch frei von Fernverkehr, sodass ich recht zügig und entspannt in Borgo ankam. Kurze Stadtrundfahrt, dann Käffchen und Frühstück. Dann noch an einer Tanke Luft aufgepumpt und PENG!! Ungeschickterweise zuviel Luft auf den Hinerreifen gegeben, sodass dieser sofort von der Felge knallte. Schlauchwechsel und weiter (ich werte das nicht als Defekt) hinauf zum Pass. Das tägliche Spiel. Bis nach Limone viel Verkehr, danach weniger. Seit Jahrzehnten gibt es hier einen Tunnel unter dem Bergkamm durch nach Frankreich rein. Die alte Passstraße wird nicht mehr genutzt und ist auch nicht ausgeschildertert. So benötigte ich drei Versuche, die richtige Straße zu finden. Relativ unspektakulär schlängelte sich die Straße hinauf. Die Beine waren auch schwach. Nur die letzten Höhenmeter waren spannenderweise geschottert. Ich erreichte die Passhöhe auf knapp 1900m. Der Colle di Tende ist der höchste, südliche Alpenpass. Aber seit langer Zeit für den Verkehr gesperrt. Ist die italienische Nordseite noch gut asphaltiert, so ist die französische Südweite nur eine enorm steile, grobschlächtig geschotterte, schmale Piste. In unzähligen engen Serpentinen geht der Fahrweg bergab. Ein irres spektakel. Dennoch dauert die Abfahrt recht lange, nur sehr langsam komme ich auf dem unberechenbaren Belag voran. Die Strade Bianchi auf der L’Eroica ist ein Spass dagegen, Leute! Mehr als die Hälfte der deutlich über 30 Serpentinen ging es auf Schotter bergab. Wooow, was für ein Spektakel! Ich treffe auf die Fernstraße und rolle in den nächsten Ort.


In Borgo


Colle di Tenda

In Tende gibt es erstmal Mittagessen – um drei Uhr. Zuvor hatte mich ein Schauer erwischt. Schon auf der Abfahrt hat es stark gedonnert und es schien, als ob sich die Wolken, vom Mittelmeer her landeinwärts ziehend, hier in den Bergen festhängen sollten. Während der Mittagspause schwoll das Donnergrollen an, nicht im Minuten- sondern Sekundentakt donnerte und raune und gröhlte es in den Bergen ringsum und dunkelgrau hing der Himmel. Ich studierte die Karte. Die Zeit war schon vorangeschritten und meinen Plan, wieder in Berge hinein zu fahren, um auf einer Schotterpiste noch 1000 Höhenmeter über den Ligurischen Grenzkamm hochzuspulen, verwarf ich. Keine Ortschaften mehr, keine Unterkünfte, nur Schotterstraßen, unberechenbares Wetter, Zeit vorangeschritten. Das wäre zuviel des Abenteuers. Warum also nicht gleich schon runter als Mittelmeer, einen halben Tag zu früh? Der Fluss, dem die Straße folgte, mündet natürlich im Meer. Ich konnte also ohne zusätzlichen Pass in gut 50km die See erreichen. Sehr verlockend.
Gedacht, getan. Die Strecke war zudem sehr ansprechend und es gab kaum nervigen Verkehr. Es rollte und rollte. Raus aus den Wolken, dem Sonnenschein entgegen. Schroffe Schluchten, steil gefaltete Berge, Tunnel und Brücken. Dann erreichte ich Ventimiglia, quasi zwischen Monaco und Sanremo gelegen. Es war warm und schwül. Ich kaufte mir eine kühle Büchse Bier und da- schon erspähte ich den ersten Blick auf das Mittelmeer. Zisch.
Ich kämfte mich noch durch die vielbefahrene Stadt. Am Meer gen Osten fand ich einen Ort weiter einen Campingplatz in Strandnähe, buchte für 8Euro einen Pennplatz, legte an und ging zu Wasser. Baden im Mittelmeer. Yeah!


Die Ortschaft Tende


Alter Bahnhof über Straße


Ventimiglia unter Autobahn


Der erste Blick auf das Meer


ohne Worte

Tag 7: Demonte – Ventimiglia: ~135km / 1400hm

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13 Antworten auf “Westalpen: von Bern ans Mittelmeer”


  • Robsen, du bist schon ein grandioser Spinner! Haste fein gemacht Großer.

  • Rob, du coole Sau! Gern wäre ich an deiner Seite gewesen, hätte Ausblicke, Abfahrten, Gewitter, Sonnenbrand und Wein mit dir geteilt! Ein tolle Tour und ein toller Bericht! Wirklich Rob, vielen Dank für die Eindrücke, die Motivation und die Inspiration! Ja, da ist er wieder – der Herr Stelzenacker, der einsame Held staubiger Landstraßen!

    Hut ab, ergebens, dein Herr Kemper

  • Toll Rob! Heldenhaft, cool, wunderbar :)
    Vielen Dank für die grandiosen Fotos und den schönen Bericht.

  • Jojojo, echt großen Respekt vor der Leistung und Deiner zähen Beharrlichkeit unbedingt draußen schlafen zu wollen. Bett und Dusche am Abend sind das absolute Muss für mich bei einer solchen Tour. Und bei der nächtlichen Aktion in Verona wäre ich wahrscheinlich schon nach 10 Minuten ins Hilton für 250,-€… ;-)))

  • Rob, ich bin einfach nur sprachlos! Nach 2 Tagen im Sattel und ein paar Höhenmetern ohne Gepäck ist mein Körper schon ziemlich am Ende. Grandioser Bericht, jetzt muß ich mir erstmal in Ruhe die Bilder ansehen.

  • Rob, danke für diesen grandiosen Bericht und Respekt für dieses Unterfangen!

    Ampel

  • Rob, haste fein gemacht. Falls du mal einen nicht murrenden Partner für solch ein Abenteuer brauchst und die Familie mir frei gibt bin ich zu allen Schandtaten. bereit. Bei dem Bericht verblassen natürlich unsere mini Schotterpassagen der letzten 2 Tage in Harz und Kyffhäusergebirge.

  • Wow! Ich gehöre ja auch zu denen, die abends ein Kopfkissen unter dem Haupt wünschen und fließend Warmwasser. Das erhöht meinen Respekt vor Deiner Erlebnistour. Nur nachmachen möchte ich es nicht, solange der Kreditkarte noch etwas abzupressen ist… ;-) Besten Dank für die schönen Impressionen.

  • Geiler Ritt Rob! Und Mümmeltüte war die richtige Entscheidung für die Nacht, oder?
    Wenn die Partner noch einigermaßen auf hartem Boden nächtigen können findet sich der Rest dann auch.

  • Sprachlos!
    Ich wünschte, ich würde mich auch mal so was trauen.
    Großen Respekt, Rob!

  • Stefan (Team Erbeskopfmarathon)

    Hey Rob, absoluten Respekt. Würde mir selbst die Zeit, die Kondition und den Mut für ein solches Unterfangen wünschen. Auf die Annehmlichkeiten der modernen Welt (wie z.B. Matratzen, Kissen, Seife :-) …) könnte ich für ein solches Erlebnis locker verzichten. Bin selbst ab und zu der Typ für solche „Alleine-Touren“, bei denen man alle Eindrücke ungestört in sich aufsaugen kann. Manchmal (nicht immer) sind Ruhe und überwältigende Gefühle wichtiger als immer alles zu „teilen“. Deswegen ist Deine Leistung nicht weniger „wert“. Dein Bericht ist alles andere als langweilig. Ich hoffe, Du fühlst Dich großartig !!

  • Habe mir erlaubt, einige dieser für Sterbliche unerreichbaren Pässe abzuspeichern, damit ich sie, immer wenn ich mich für einen guten Radfahrer halte, als Hintergrundbild aufleuchten lassen kann. 5 Sterne!

  • Toller Bericht, tolle Fahrt, und viel Respekt für die Alleinfahrt

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