La Primavera – die Fahrt in den Frühling

Nach Flandern 2011 und Paris-Roubaix 2012 steht in diesem Jahr der italienische Frühjahrsklassiker Mailand – San Remo auf dem Speiseplan unserer Monumentetour. Satte 296km soll die Strecke lang sein und durch die malerische Po-Ebene, anschließend entlang der ursprünglichen und romantischen Riviera führen. Vor Genua liegt mit dem Passo del Turchino der einzig nennenswerte Berg (532m ü. NN), dann folgen noch einige Capos und am Ende kurz vor Remo die klassischen Anstiege Cipressa und Poggio. Alles in allem etwa 1600 Höhenmeter, eigentlich kein Problem und lösbar.
San Remo

Ja, wenn da nicht der Trainings- und allgemeine Fitnesszustand wären. Der phänomenale Winter und ein nicht existenter Frühling lassen eine ausgiebige Vorbereitung kaum zu. Erst ewig Kälte und Schnee, dann Kälte und Regen, dazu eine kräftige Portion Arbeit – eigentlich bin ich gefühlt kaum zum Fahren gekommen. Trotzdem zeigt mein Radcomputer am Tag der Abreise nach Italien etwa 2500km für das Jahr 2013 an. Allerdings habe ich diese Distanz von 300km an einem Tag noch nie zurückgelegt und steige mit gemischten Gefühlen in den Zug in Richtung Milano. Zum Glück erwartet mich bei meiner Ankunft schönes Wetter (noch…) und hervoragende medizinische Versorgung.
Schönes Wetter und Dr. Ferrari
Schönes Wetter und Dr. Ferrari…

Meine Mitstreiter sind die bereits bekannten Lorenzo Pantannini und Nic „the Crow“ (auch Italiener und Amerikaner genannt). Die beiden reisen mit dem Auto und den Rädern an und so treffen wir uns Freitagabend in Lorenzos Heimatstadt. Samstags holen wir unsere Startunterlagen ab und machen noch ein wenig Sightseeing an den bekannten Plätzen.
Anmeldung
Anmeldeprozeder

DomMilano
Sightseeing in Milano

Die traditionelle italienische Küche wird ausgiebig getestet und mit Pasta und Pizza gestärkt, steht uns eine kurze Nacht bevor.
The Crow
Gute Vorbereitung ist alles

Um Punkt 500 klingelt der Wecker, Frühstück, Vorbereitung und ab zum Start in den Süden Mailands. Dort sind bereits die anderen 1300 Starter versammelt und als wir einrollen ertönt der Startschuss. Schön das man extra damit auf uns gewartet hat. Wir drängeln uns irgendwie in das hintere Drittel des testosterongeschwängerten Feldes. Über die Transponder-Matte sind wir mit den Rädern drüber, aber irgendetwas scheint nicht zu funktionieren. Doch dazu später mehr.
Am Start
Das Trio Infernale am Start

Pünktlich zum Start ziehen dunkle Wolken über uns und es beginnt dicke Tropfen zu regnen. Willkommen bei der Primavera… Der Beginn ist hektisch, nervös und vor allem unglaublich schnell. Der Tacho zeigt konstant um die 38 km/h an, manchmal steht auch die 4. Unsere Gruppe ist nicht besonders groß, nach einigen Scharmützeln finden wir uns mit vier weiteren in einem 7 köpfigen Gruppetto zusammen. Gefühlt hat jeder der 1300 Starter sein eigenes Begleitfahrzeug. Eine schier endlose Blechkarawane begleitet die Radler und führt an Kreuzungen und Ampeln immer wieder zu kleinerem und größerem Chaos. Fast zum Glück müssen wir nicht durch alle Ortschaften und „dürfen“ über malerische Umgehungsstraßen.

Hier zeigt sich die wahre Schönheit des Nordens von seiner besten Seite. Industriegebiete, stinkende Äcker, alles was das Herz begehrt. Der Asphalt ist durch den langen Winter äußerst wechselhaft. Immer wieder zwingen tückische Schlaglöcher von Kindskopfgröße zu gefährlichen Ausweichmanövern und Defekten. So viele Schläuche und Trinkflaschen habe ich eigentlich nur bei MTB-Veranstaltungen am Wegesrand gesehen. Ab und an steht ein Ambulanzfahrzeug und lädt verunfallte Sportler ein. Ein Massaker vor dem Herrn!

Die Po-Ebene wird auch der Arsch Italiens genannt, meiner Meinung nach völlig zu Recht. Irgendwann nach über 100km machen wir einen ersten Stop. Pinkelpause muss sein und Essensvorräte auffüllen, die erste offizielle VP kommt erst bei KM 135 und so lange können wir nicht mehr warten. Wir verlieren unsere Mitstreiter und rollen zunächst alleine weiter. Plötzlich überholt uns eine größere Gruppe Holländer und zieht uns dankenswerter Weise bis zur Verpflegungsstelle.
Begleitfahrzeug
Das Begleitfahrzeug der Holländer oder auch die rollende Apotheke, ähm Epotheke…

Endlich hält die Strecke mit dem Anstieg zum Turchino etwas Abwechslung parat. Gemütlich geht es die 350 Höhenmeter bis zur Passhöhe rauf. Dort in einen schmalen einspurigen Tunnel und auf der anderen Seite steil runter bis Genua ans Meer. Zum Glück ist die Abfahrt im Gegensatz zu unseren Klamotten und Schuhen trocken. Der schnelle Downhill ist mein persönliches Highlight, fast kein einziges Auto und freie Fahrt bis nach unten. Der Moment in dem das Meer endlich zu sehen ist, hat schon etwas Bewegendes. Nur weiß man auch genau, dass jetzt noch mal 145km warten.

Das körperliche Befinden ist etwas schlechter als noch heute Morgen, aber was hilft es. Jetzt wird es richtig interessant und es heißt aufpassen was das Zeug hält. Trotz des schlechten Wetters ist an der Küstenstraße an einem Sonntag viel los und ständig gehen Autotüren auf, Fußgänger treten unvermittelt auf die Straße oder irgendein Autofahrer meint spontan die Straße kreuzen zu müssen. Hier und da sperrt auch mal ein Polizist die Kreuzung und winkt uns durch. Das ist aber nicht die Regel und verlassen kann man sich nicht darauf. Die Ambulanz ist wieder häufiger unterwegs.

Einen ziemlich hässlichen Unfall muss es kurz vor unserer Durchfahrt an einer Ampel gegeben haben. Die Heckscheibe eines Kombis war zerstört und hinter dem Fahrzeug eine riesige Blutlache und aufgeregte Personen, Polizei, etc. Sah sehr nach Ulles Trainingsunfall mal vor der Tour aus. Ich denke mir bloß nicht hinschauen, nicht drüber nachdenken und weiter. Jede kleine Unaufmerksamkeit kann hier die letzte sein. Das Italiener auch mit Gegenverkehr gerne überholen weiß ich nun. Unfassbar wie knapp wir mehrfach an einer Katastrophe vorbei gekommen sind.

Von der Riviera habe ich ehrlich gesagt nahezu nichts mitbekommen. Die Konzentration war voll auf den Verkehr gerichtet, Schade eigentlich. Zwischen den Dörfern entlang der Küste sind immer wieder kleine Anstiege zu bewältigen. Diese führen um die Felsen zwischen den Buchten herum und nennen sich Capo. Ein paar davon sind Capo Coletta, Capo Piani d’Invrea, Capo di Noli, Capo Mele, Capo Cervo und Capo Berta. Alles nur kleine Hügel mit 50 bis 100 Höhenmetern, aber ab KM 200 tun die richtig weh.
Am Meer
Kurze Verpflegungspause an einem Capo

Etwa zwanzig Kilometer vor dem Ziel wartet dann der berühmte Anstieg ins Dörfchen Cipressa. Hier gilt es fast 240 Höhenmeter zu klettern und auch die Steigung ist etwas härter, als an den Capos. Wir sind mittlerweile nur noch zu zweit. Der Italiener musste mit Krämpfen zurück gelassen werden, aber als Kundiger der Landessprache sollte das zu schaffen sein. Nachdem es zwischendurch fast sonnig und schön wurde, zieht genau im Anstieg ein heftiges Unwetter auf. Vor dem „leichten“ Gewitter wurde sogar noch am Morgen im Wetterbericht gewarnt. Wir haben es eigentlich eine Stunde später erwartet.

Unter zuckenden Blitzen und grollendem Donner fahren Nic und ich gemeinsam über die Zeitkontrolle auf der Kuppe. Heftige Windböen hauen uns fast vom Rad, aber die Blitzeinschläge in unmittelbarer Nähe motivieren mich zur zügigen Weiterfahrt. Noch halbwegs trocken kommen wir unten an, wir stellen uns kurz unter und erkennen, dass das keinen Sinn macht. Der Regen prasselt ergiebig auf uns nieder und in kürzester Zeit ist alles wieder komplett aufgeweicht.

Noch 10km bis zum Ziel, da wartet der letzte Stich. Es geht hoch ins Dorf Poggio oberhalb von Sanremo. Der Anstieg ist mit ca. 150 Höhenmetern bei weitem nicht so giftig wie die Cipressa. Eigentlich war abgemacht, unsere interne Abrechnung oben am Poggio zu machen. Bei den Bedingungen entschließen wir uns das ins Ziel zu verlagern. Kurz vor dem Gipfel dann die gute Tat des Tages. Ein Pärchen aus Irland steht am Straßenrand und fragt nach einer Luftpumpe. Da fahren die 290km auf teilweise übelstem Untergrund und dann holt sich das Mädel so kurz vor dem Ziel einen Plattfuß. Aber keine Pumpe mitzunehmen war grob fahrlässig, aber so tollpatschig sind sie nun mal die lieben Iren.
San Remo
Wann kommt endlich das Ziel?

Völlig unterkühlt vom Stehen im Regen dränge ich zur Weiterfahrt, die letzten Meter rauf zur Kuppe und runter nach Remo. Die Abfahrt gleicht einem Sturzbach, die schmalen Pneus schneiden einen Weg durch das Wasser. Dann das Schild für den letzten Kilometer und ab die Post. Ein letzter Kreisverkehr vor dem Zielbogen erfordert nochmal alle Konzentration. Ein Polizist winkt Autos in die eine Richtung, die Radler in die andere. So richtig funktionieren tut das nicht und ich entkomme knapp einem Kühler, während Nic hinter dem Auto auf die Zielgerade einbiegt.

Mit einer Länge Vorteil zieht er den Sprint an, ich lege ein letztes Mal 53-12 auf und hole auf. Er gibt sich geschlagen und nach knapp über 11 Stunden rollen wir über die Ziellinie. Dort erwartet uns bereits Nics Frau und wir bekommen ein kühles Zielbier. Mit unseren durchgeweichten Klamotten frieren wir noch einen Moment ehe der Italiener etwa 10 Minuten nach uns das Ziel erreicht.
Zielfoto
Trio Infernale im Ziel

Wir sind alle heilfroh ohne Unfall, Sturz, Defekt oder sonst irgendwelche Katastrophen das Ziel erreicht zu haben. Das wir in der offiziellen Ergebnisliste noch nicht aufgeführt wurden, ist zwar schade und uns nicht wirklich erklärbar. Wir sind die komplette Strecke gefahren und haben unserer Ansicht nach auch alle Checkpunkte absolviert. Weit vorne wären wir eh nicht platziert, irgendetwas um die 800… EDIT: Jetzt sind wir drin, Plätze 830, 831 und 847

Die Geschichte geht weiter, auf ein neues 2014 in Belgien!

PS: Ein großes Dankeschön an Nics Frau Mira, die unser „Begleitfahrzeug“ von Milano nach Sanremo steuerte und unser Gepäck sicher von A nach B brachte. Ist ganz schön anstrengend mit drei völlig nervösen Radspinnern….
Und natürlich an Lorenzos Eltern für die gute Bewirtung in Mailand.

Ergebnisse

Profil MSR
Profil der Veranstaltung

6 Antworten auf “La Primavera – die Fahrt in den Frühling”


  • @ Darki, feiner Bericht! Und eine saustarke Leistung von Euch drei Lausejungs!

    Der Bericht von FastTransit ist übrigens auch sehr empfehlenswert (nur Eure Trikots… ich musste an Burlington-Socken denken!), allein die dort geschilderten Stürze der heftigsten Art und Weise halten meinen Neid auf das Erlebnis in Grenzen. Liegt das an der Art, wie Italiener sich im Straßenverkehr verhalten?

  • Starke Leistung!

    @Darki: wat hast’n auf Bild 6 im rechten Hosenbein? Kippen?

  • Italiener verhalten sich nicht im Straßenverkehr. Sie tun intuitiv das, was ihnen am nächsten ist, in der Hoffnung nicht mit irgendetwas anderem zu kollidieren. Lorenzo hat uns von seinen Fahrstunden berichtet, dann weiß man alles…

    @Bo: Sag mal, wo schaust Du eigentlich überall so genau hin?? Ist mein Handy, der Lagerort sollte sich bei den verschiedenen Starkregen, als ungeeignet erweisen. Aber nach 5 Tagen ist es wieder trocken.

  • Supa Darki,
    das muß umbedingt auch mal machen. Und Bier ist wirklich die beste Vorbereitung die man haben kann, da sind nur gute sachen drin ;)

  • „Trio Infernale im Ziel“

    Schön, dass ihr nach 300km locker 5 Jahre jünger ausseht. Eine wahnsinnige Strecke, Hut ab! Schade, dass der tolle Streckenteil am Meer entlang nicht den Genuss brachte, der ihm zusteht.

    Belgien, ja mal sehen, mehr Höhenmeter, das wäre ja was für mich.

    Ihr seid schon echt drei Spinner! :]

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