Hamburg-Berlin mal nüchtern betrachtet

Hatten wir 2010 mit den Unbilden des Wetters zu kämpfen (siehe „Twobeers kaputt“), machte uns 2011 vor allem die Übel- und Planlosigkeit zu schaffen, die wir uns allerdings selbst zuzuschreiben hatten („kein Plan oder was?“). Schuld war der vorausgegangene Abend im griechischen Restaurant, der eine explosive Mischung im Leib und einen Pelz von Ouzo und Tzaziki auf der Zunge hinterließ und insgesamt der ganzen Unternehmnung nicht besonders förderlich war. Auch auf den Bildern von 2011 wirke ich nicht so frisch….

Start 2011, ein Hauch von Ouzo liegt in meinem Gesicht.

Dieses jahr sollte alles besser werden, es fing schon mal damit an, daß wir auf trainierende ausfahrten weitgehend verzichteten. Vor allem lange strecken wurden von uns gemieden, waren wir uns doch sicher, daß Alter und Erfahrung uns weiterhelfen würden. Außerdem sollte auf Alkohol in größeren Mengen oder zumindest in ungewohnten Darreichungsformen im unmittelbaren Vorfeld verzichtet werden.

So trafen wir uns am Freitag 17:00 am Berliner Hauptbahnhof zu einer Reise in den Norden. Die Wetterprognosen waren in den letzten Tagen fast stündlich stark verändert worden, nichts war sicher. Der EC hatte in den Vorjahren noch ein Fahrradabteil, da waren wir uns sicher. Diesmal hatte er keines, die Räder wurden in die mitgebrachten karierten Markttaschen verpackt und im Türbereich abgestellt. Ein kurzer Blick der drei mit den gemeinsamen Initialen TK in die augen der anderen, ein einvernähmliches Nicken und die ersten Kronenverschlüsse verließen gut gekühlte Bierflaschen. Dazu wurde eine frische Großpizza gereicht, die bei den Mitreisenden großen Neid hervorrief. In Wittenberge waren die gekühlten 6 Warsteiner alle, wir haben aber auch noch 6 warme Augustiner dabei. Dazu gabs auch noch gesalzene Erdnüsse, die Ernährungshinweise waren dabei interessant. 100g liefern 31% des täglichen Energiebedarfes, also sollte die Zufuhr mit Erdnüssen während einer Langstreckenfahrt deutlich besser sein als diese alberne Kosmonautennahrung.

Hamburg, 19:30, unser Zug kommt pünktlich an, nachdem wir zwei Stunden durch heftigen Regen gefahren sind. wir waren zu unserer Verwunderung übrigens die einzigen Radfahrer in dem Zug, in den letzten Jahren war viel Konkurrenz mit an Bord. Am Holstenstand (ich war mir sicher, daß das in den letzten Jahren ein Holstenstand war) gibts Hasseröder! Welch traurige Botschaft für die Brauwirtschaft der Freien Und Hansestadt. Janibal umarmt uns, der Außenposten HH ist vollständig anwesend, zur Begrüßung ein Bier vom Hahn. Dann mit der S-Bahn bis Wilhelmsburg, weiter mit den Rädern zu unserem Nachtquartier durch den Regen.

Hasseröder in Hamburg

Im Gedenken ans Vorjahr wenden wir uns in diesem Jahr dem Kupferkessel zu und lassen uns deutsche Küche und Astra servieren. Kroppi will mir gegen Mitternacht noch die Geheimnisse seiner Videosammlung präsentieren -dabei trinken wir noch ein Budweiser- doch die unheilige Verbindung der vielen dazu nötigen Elektrogeräte kommt nicht so recht in Schwung. auch gut, bleiben vier Stunden Nachtschlaf.

Samstag, 4:30. Die Rennkluft wird angelegt, abgestimmt auf die aktualisierte Wetterprognose, es ist nicht so kalt wie an den letzten Tagen, regnen soll es auch nicht. Dazu schmiert die Frau des Gastgebers leckere stullen mit Omas Konfitüre. Lecker und eine gute Grundlage, danke dafür. Der Taxifahrer ist ein Glücksfall des letzten Jahres, er fährt selber Rennrad. 5 Räder, 5 Rucksäcke und 5 Personen passen in sein Auto, wir sind eine gute halbe Stunde vor dem Start in Altengamme. Das gasthaus ist brechend voll, 2010 konnten wir noch sitzen. Der Stress ist vielen Anwesenden anzumerken, unverschuldete Zusammenstöße in der Enge füren zu geballten Fäusten. Da gehe ich lieber zum Außenbuffet, da ist es leer.

Wir treffen unsere Mifahrer, Anneke und Uwe haben wir bei unserer Regenfahrt 2010 kennengelernt. Frierend und erschöpft nahmen sie uns damals nach gut 120km in ihrer Gruppe auf und geleiteten uns die nächsten 150km nach Berlin. Seitdem haben wir Kontakt und wollen diesmal gemeinsam auf die Strecken gehen, wenn auch getrennt gemeldet. Das zweite ESK-Team soll uns auffahren.

6:32, Team Eisenschweinkader ab! Im Gegensatz zu den letzten Jahren geht es nicht sofort auf Höchsttempo, wir fahren uns locker ein und über die Elbbrücke. Entlang der Elbe gibt Janibal die Marschrichtung für den Rest des Tages aus, bei etwas über 32 pendelt sich der Tacho ein. Toni fährt hinter Anneke und damit fast ohne Windschatten, dafür mit schöner Aussicht. Wir wechseln ruhig durch, nach einer Stunde Nachtfahrt unter sternklarem Himmel auf nassen Strassen geht glutrot die Sonne auf. Hunderte Gänse fliegen auf, wir genießen den erwachenden Tag, bis kurz vor Hitzacker oder so Anneke platt fährt. Ich nutze die kurze Pause für einen Anruf daheim, meine Frau liegt mit Fieber im Bett, die Kinder nutzen diesen glücklichen Umstand für ausgibieges Fernsehen…

Einzelne zuvor Überholte fahren an uns vorbei, alle bieten Hilfe an oder bringen einen frotzelnden Spruch, das ist der Unterschied zwischen einer schönen Ausfahrt und einem Rennen um die goldene Ananas. Wir rollen weiter und holen die meisten wieder ein, zwischen Hitzacker und Dömitz fahren wir auf verdreckten Wirtschaftswegen, hoffentlich ist der spritzende Matsch keine Kuhscheisse.

als erste in Dömitz!

An der einzigen Kotrollstelle sind wir die ersten, laben uns an der reichen Auswahl und warten auf die nächsten Ankömmlinge, sind wir doch verwundert, daß uns noch keiner aufgefahren hat. Nach 10 Minuten kommt ESK2, kurze Besprechung, wir fahren ob unserer Tempovorstellungen getrennt weiter. Nach den Stürzen der letzten Jahre kurz nach Dömitz gehen wir vorsichtiger wieder auf die Reise, insgesamt sind wir eine Gemeinschaft von 15 Leuten, die meisten kennen wir aus den letzten Jahren. Der Wind kommt unangenehm von rechts vorne, bereits die vierte Position von vorne ist schon wieder undankbar weil voll im Wind. Doch das tut der Stimmung keinen Abbruch, wissen wir doch, in welchem Zustand wir die letzten beide Male Wittenberge erreicht haben. Gerne würde ich mal wieder den Radweg zwischen Havel und Elbe fahren, doch der ist schmal und mit Pollern versehen, dafür ist unsere Gruppe zu groß. Wir sehen Kraniche, Grau- und Silberreiher.

Bis Rhinow passieren wir Kiefernwälder, nass und von der Sonne gewärmt duften die gepflügten Felder. Bei der Einkehr im Supermarkt entschleunigen wir uns etwas, sind wir doch immernoch die ersten. 3 Fahrer nutzen die Gunst der Stunde, tuscheln und sondern sich ab. Die verbleibenden 75km wollen sie alleine für den großen Ruhm abreißen. Uns stört das nicht, Kuchen, Salzbrezeln, eigentlich reichen die 200 gefahrenen Kilometern allen. Länger muß eine Fahrt nicht sein. Da taucht auch der Gepäcktransport auf, schneller dürften wir also garnicht sein…Außerdem stellen wir fest, daß die zwei gehörten Schläge von zwei gebrochenen Speichen rührten, beide an Tonis Hinterrad. Die werden mit Tape an andere Speichen gebunden und das Rad ist so gut wie neu.

Und warum sollen wir weiterfahren?
„Und warum sollen wir weiterfahren?“

Drei in Rhinow
Drei in Rhinow.

Durch die Po-Ebene Brandenburgs gehts dem Ziel entgegen, munter schwatzend, wer hat, liegt auf dem Lenkeraufsatz. Eine kleines Mißverständnis bezüglich der Ideallinie zweier nebeneinander fahrender im Kreisverkehr endet mit einer ordentlichen Bremsung, alle sind aufmerksam, nichts passiert. Doch wenige hundert Meter vor dem Ziel -noch immer hat uns nur eine Liegerrad überholt- auf der B5 passiert es. Janibal will plötzlich rechts weg in einen Trampelpfad, Vollbremsung, ich rausche Toni ins Hinterrad und ab auf die Strasse. Dort komme ich zu stehen und glücklicherweise kommt kein Auto, es bleibt beim Schreck.

In Berlin fährt der ESK vorne!
In Berlin fährt der ESK geschlossen vorne (auch wenn wir uns in Spandau nicht auskennen…)!

Und dann Alt Gatow. Ein winkendes Empfangskomitee, wir rollen auf den Hof, auf dem die dreu Ausreißer gerade absteigen. Ein Liegerad ist noch da, ansonsten absolute Leere. Was kann es besseres geben, ähnliches erlebte ich nur bei einem Kontrollpunkt der Leroica im letzten Jahr. Bratwürste liegen auf dem Grill, Bier ist kalt und wir können noch genießen. Midge und Celestina zeigen ihren Nachwuchs, wir fallen uns in die Arme und beglückwünschen uns zu dieser tollen Ausfahrt in einer tollen Truppe. In Anerkenntnis dafür werden erhalten Janibal, Anneke und Condal unsere ESK-Kappen, sie haben keine die sie uns geben könnten. Organisator Burghard ist auch inzwischen da, photographiert, wir danken nochmals für die tolle Veranstaltung. Außerdem steht die Frage nach der Anmeldung fürs nächste Jahr. Kann drei Jahre nacheinander schönes Wetter sein? Falls ja, wären wir dabei, dann aber nach Alu und Carbon mal auf Stahlrädern.


Gemeinsam im Ziel bei Feierlaune.

Uwe denkt, Janibal post, der ESK plant Abenteuer.
Uwe denkt, Janibal knipst sich selbst, der ESK plant neue Abenteuer.

Seh ich da ein klein wenig Bewunderung?
Seh ich da ein klein wenig Bewunderung?

Wegen des familiären Krankheitsfalles wird die Party nach 4 Bier in Gatow abgebrochen und ich fahre statt wie geplant zum Eisbeinessen bei der Dicken Wirtin nach Hause. ESK2 kommt auch gerade ins Ziel. Und endlich erlebe ich mal die andere Perspektive: mit dem Rucksack vom Ziel abreisen, während abgekämpfte Fahrer mir entgegenkommend die letzten Meter machen.

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16 Antworten auf “Hamburg-Berlin mal nüchtern betrachtet”


  • Schöne Geschichte, mal schauen ob ich mich im nächsten Jahr wieder motivieren kann. Für meine Geländevariante braucht es aber robustes Material….

  • Danke Twobeers, netter Bericht. Das Wetter war euch gnädig.
    Und Chapöchen für die Leistung.

  • Danke, Twobeers… danke an die ESK Begleitung… war mir eine Ehre :-) die ESK – Kappe erhält im Rest der gebeutelten Republik einen Ehrenplatz ..,..

  • Großer Bericht von großem Sport bei einer großen Veranstaltung: Ganz groß! Freu mich auf die Brauerei mit Euch!

  • Nach zwei Nächten drüber schlafen, liebäugele ich ja auch schon wieder mit einem Start 2013. Es ist immer wieder ein „schöner“ Abschluss der Strasensaison. Dieses Jahr nahezu perfekt!

    Danke an alle Beteiligten und bleibt heile!

    Besonderen Dank an Christian, Saskia und Bruno!

  • Herrlicher Bericht, großer Sport! Obwohl sich die Erzählung so entspannt und harmonisch liest, als sei man auf Kaffeefahrt gewesen (ersetze XXBier durch Fläschchen Rotkäppchen) ;-)

    Die herzlichsten Genesungswünsche an die Gattin!

  • Das liest sich ja nach einer gehörigen Portion guter Laune. Doch so ein wenig vermisst der Leser schon die sagenumwobenen durchzechten Nächte, dauerhaft besetzten Kloschüsseln und Tretminen aus schon einmal Gegessenem.
    Man hätte nur nicht erwähnen dürfen, von einem Liegerad überholt worden zu sein. :)

  • Diese Liegeräder sehen aus wie UFOs und der uns Überholende hat wohl letztens mit diesem Gefährt 1200km an einem Tag geschafft….

  • Ja sehr schön wars. Und in der Tat gab es in Dömitz erst einmal zwei Käffchen. Ich hoffe der Dirk ist auch wieder hergestellt und der Rückweg nach HH war angenehm. Vielen Dank auch noch einmal von mir. Wenn wir nächstes Jahr fahren, dann in der Tat auf Stahl.

  • Da steht „nüchtern“ in der Überschrift und ich werde schon vom Lesen eures Konsums betrunken! Aber klingt nach jeder Menge Spaß!

  • Ja, ich bin wieder hergestellt. Es war wohl nicht mein Tag . . . Aber das Wetter hat mich motiviert gegen die Schmerzen anzugehen. Ganz besonderen Dank an Peter aus Zehlendorf und den Außenposten ESK HH. Nächstes Jahr stelle ich die Taktik auf mehr Bier um, und dann klappt’s mit der Leistung.

  • Kaum schnupperte Twobeers Berliner Luft, fährt er doch glatt den scheinbar unbezwingbaren Triathleten aus den Puschen (am Bootshaus, Twobeers mit Stolz geschwelter Brust: „Haste jesehen? Haste jesehen!?, wie ick immer so’n paar Zentimetah? Haste jesehen??“). Danach ging es mit der ESK-Dreierformation in Front wie ein Pfeil durch die Berliner Randzone. Großer Schlußakkord einer gemütlichen Ausfahrt!

  • Auch von meiner Seite, war mal wieder schön ne Längere Ausfahrt zu machen und dann bei solchem Wetter.
    Obwohl das Wetter ein Traum war sieht mein Rad aus als währe ich bei „Bauer sucht Frau“ unterwegs gewesen.
    Jederzeit gerne wieder, tolle Veranstalltung zu einer tollen Jahreszeit (manchmal jedenfalls).

  • Super Leistung und klasse Bericht.

  • Hallo Ihr
    Hiermit möchte ich Euch meine Hotelbusse als Transport- und Übernachtungsmöglichkeit für alle möglichen Radevents vorstelln. Ihr reist im Komfortablen Hotelbus, Eure Räder sicher im Kofferhänger verstaut, könnt auch während der Fahrt schlafen und habt Euer Hotel an der Rennstrecke dabei, Küche inclusive. Infos: http://www.travellin-house-tours.de
    Würde mich freuen, von Euch zu hören.
    Frohe Weihnachten und ein erfolgreiches neues Jahr
    jörg hoffmann

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