Das blaue Andreaskreuz – Kreditkartentour auf dem Kammweg

Im Februar kündigte ich an, im Sommer ein paar Tage auf dem Kammweg, welcher von Zittau nach Wernigerode führt, zu fahren. Ohne Gepäck, nur mit Kreditkarte und Zahnbürste. Und mit dem Geländerad, wer hätte das von mir gedacht. Doch das Rad war neu und die Fahrt im Gelände machte Spaß. Viele Kader zeigten Interesse, einige sagten stürmisch zu, waren aber schlussendlich verhindert, am Ende fuhren Boerge und ich.

Kreditkartenkammtour

Fährt man zu zweit, kann man auch die Anreise mit dem ICE wagen, über Leipzig nach Saalfeld. Also wurden die Räder in karierte Taschen verpackt, und es ging am 14.8. ab Südkreuz zuerst nach Leipzig. Wir stiegen in den letzten Waggon, stellten die Taschen in ein Sechserabteil mit einem Laptoparbeiter und warteten auf den Zugbegleiter. Der kam wenig später mit den Worten „So geht das nicht!“ Auf die liebevolle Nachfrage, wo wir unser Gepäck verstauen sollten, wurde uns das Zugende zugewiesen, außerdem noch die Anweisung, die Räder in den Taschen zusammenzuklappen. Wir taten wie uns geheißen und gut.

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In Leipzig die Räder wieder aus den Taschen und zur Erfurter Bahn. Dort wurden wir gut gelaunt vom Zugbegleiter begrüßt, die Mitnahme der Fahrräder stelle selbstverständlich kein Problem dar und sei auch in allen Zügen kostenfrei. Der Busfahrer des Schienenersatzverkehres um Gera würde informiert werden, damit auch dort die Räder mitgenommen werden, leider kommen wir erst eine Stunde später an, tut uns leid. Der Zugbegleiter erwies sich außerdem als Geländefahrer, der das letzte Wochenende auf dem Rennsteig verbracht hatte. Er gab uns noch ein paar Tipps und wünschte eine gute Fahrt.

In Gera wurde Jcoop kontaktiert, der konnte aber nicht für eine Mittagspause mit Freunden die Werkbank verlassen. In Saalfeld mußte die Entscheidung getroffen werden, ob wir noch 2 Stunden bis Blankenstein mit der Bahn fahren würden oder gleich aufs Rad. Wir entschieden uns für Variante 2. Und Saalfeld entließ uns Richtung Rennsteig auf einer fast autofreien Bundesstrasse, dafür aber sofort mit deutlich zweistelligen Steigungsprozenten. Eine 3gängige Simson S50 lieferte sich ein Rennen mit mir, es ging unentschieden aus. Nach 30km und über 800Hm erreichten wir Neuhaus am Rennweg. Die Frage an einen jungen Einheimischen mit Kinderwagen, wo denn nun der Rennsteig wäre, wurde mit „Der ist groß. Kann man nicht so sagen, wo der ist. Am besten auf die Karte sehen.“ beantwortet. Und plötzlich war da zum ersten Mal das große R und es ging auf Schotter. Dort war es auch nicht mehr so heiß, auf der Strasse waren über 30°C.

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Rifli war eigentlich für diese Tour fest eingeplant und erst 24 Stunden zuvor verhindert worden. Also mußte jemand seinen Part übernehmen. In der ersten Abfahrt verließ also die Luft meinen vorderen Pneu, die Fuhre konnte aber ordentlich gebremst werden. Die Karkasse hatte einen Riss direkt über dem Felgenhorn, der Latex war nach draußen gekrochen. Der Butylersatz blieb drin, zusammen mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend. Über die Werraquelle kamen wir abends nach Masserberg, wo uns ein freundliches Hotel empfing. Am Glanzlicht war die Fußbekleidung für müde Wanderer.

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Nun ließ mir der perforierte Reifen keine Ruhe und Tante google wurde gefragt, wo denn der nächste Fahrradladen wäre. Mindestens 10km weg… Doch die Nachfrage beim Wirt verwies auf das Sportgeschäft May auf der anderen Strassenseite. Am nächsten Morgen konnte ich dort vielfältige Sport- und Wandermode bewundern, aber auch den einzigen verhandenen Reifen (Conti Mountain King 2,2 Draht) erwerben.

Der Rennsteig erwies sich im folgenden als hervorragend ausgeschildert, oft tauchte auch das blaue Andreakreuz des Kammweges unter dem R auf, weshalb mich eine Sache sehr verwunderte: 28 von 30 Teilnehmern des Rennsteig-Etappenlaufes hatten die Strecke gefunden, 2 hatten sich verlaufen. Jedenfalls verstehe ich jetzt die Überlegungen, den Rennsteig komplett oder bei Nacht oder sonstwie fahren zu wollen, Kartenmaterial ist praktisch nicht nötig. Um Stützerbach hatte allerdings die Holzernte Spuren im Wald und auf Deutschlands bekanntestem Wanderweg hinterlassen, es sah aus wie 1917 um Verdun. Über das Skistadion Oberhof, den Großen Inselsberg, die bekannte Gegend um Steinbach wurde nachmittags die Werra erreicht, Schuhe aus und Füße ins Wasser. Dazu kaufte ich 2 Bier bei einer privaten Grillveranstaltung. Hörschel erwies sich als wenig einladend, führt doch die ICE-Strecke durchs tal und die A4 darüber. So gings noch weiter im Werratal Richtung Creuzburg.

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Am Wegesrand lag wunderschön idyllisch das alte Gut Wilhelmsglücksbrunn. Tische vor dem Haus und am Teich, scheinbar zufriedene Gäste. Auf Nachfrage bot man uns Zimmer, eine abschließbare Unterkunft für die Räder und Bio-Verköstigung. Küchenschluß wäre 20:30, also noch 2 Stunden Zeit. Nach Körperreinigung und dem Anlegen wärmender Trikotagen setzten wir uns an den Tisch, bekamen auch alsbald die Karte, ich bestellte 2 Weizen für mich und wir harrten der dinge, die da kommen würden. Nach einer guten halben Stunde, die Kinder ringsum waren schon lange über den Punkt und unser Durst langsam unerträglich, verlieh Boerge unserer Bestellung Nachdruck. Und nach einer weiteren Viertelstunde gabs dann auch ein erstes Getränk. Die überforderte Servicekraft war den Tränen nah, selten brachte sie Essen zum einem Tisch, an dem diese auch bestellt worden waren, Chaos komplett, welches wir wohlwollend betrachteten. Der Koch mußte nach Küchenschluss noch weitermachen, aktuell wird eine Servicekraft gesucht (http://www.wilhelmsgluecksbrunn.de/fileadmin/wgb/files/Stellenanzeige_Pauschalkraft.pdf).

Am nächsten Morgen erwachten wir bei Regen. Der war angekündigt und das Regenband sollte bis mittags durchgezogen sein. Nach ausgiebigem Frühstück gings feucht im Werratal auf dem Kammweg lang, der hier eine Tal- und eine Kammvariante hat. Bis zur Ortsmitte Mihla waren häufig die blauen Andreskreuze zu sehen, als die erste Ausfahrt kam nicht mehr. Und so gings aufs Harsbergplateau, obwohl es nicht auf unserem Plan stand. Der nasse Lehm legte einen zentnerschweren Gürtel um die Reifen, einzig begrenzt durch die Rahmenmaße. Vom Harsbergplateau 200Hm durch Matsch und wassergefüllte Spurrillen hinunter (Boerges Kamera verweigerte ob der äußeren Umstände den Dienst) und direkt den nächsten Hang wieder hoch. In diesem Zusammenhang versprach ich Boerge ein T-Shirt mit der Aufschrift „Der Hainich ist ein Arschloch“.

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Spätestens hier erwiesen sich die eigentlich recht genauen Karten (1:30.000) als nicht zutreffend. Wir stocherten also hier und da, verfolgten mal den einen, mal den anderen Weg und folgten damit in etwa der Himmelsrichtung. Der Mühlhäuser Stadtwald war auch recht hübsch, ähnlich wie die Mühlhäuser Innenstadt. Von Fassadenmalern borgen wir uns den Wasserschlauch und reinigen die Räder, dazu noch ein Stück Kuchen. Und jetzt kam die größte Überraschung der Fahrt: der Kammweg oder auch Hauptwanderweg, jedenfalls der mit dem blauen Andreaskreuz, führte direkt über den OBI-Parkplatz! Welche Idylle! Anders in Reiser, wo der Hauptwanderweg auch Pilgerpfad ist und einfach im Nichts verschwindet, nicht ohne noch ein paar Hundert Höhenmeter auf unbefestigtem Feld / Schafweide / Matsch bereitzuhalten. Am anderen Bachufer lief ein hervorragender Wanderweg, doch Pilger sollen büßen! Wir bemühten die Karte im Abstand von wenigen Minuten oder wenigstens alle 500m, Karte und Umgebung glichen sich selten. Doch wenn man sich darauf einstellt, ist es wunderschön. Die Hainleite hat keinen Weg oder Strasse, die nicht von Obstbäumen gesäumt ist. Die Anstiege sind gegen den Hainich lieblich, alte Wirtschafts- und Poststrassen führen durch die Felder. Eine lange Abfahrt spülte uns nach Hainrode, wo uns ein Einheimischer ob unserer Quartiersuche ins Erholungszentrum Teichtal schickte. „Zimmer? Uijuijui, Donnerstag! Hamse reserviert? Ahh, ganzschlecht…“ Letztendliche waren noch ein paar Zimmer frei, die zwei Köchinnen in Kittelschürze legten keinen Wert auf Experimente, statt dessen gab es ein 3-Gangmenü (Soljanka, Würzfleisch, Strammer Max für mich, für Boerge so ähnlich) mit 5 oder 6 halben für 15,80€. Alles bestens, wann gibts Frühstück?

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Letzter Tag, der Zug will erreicht werden. Wir setzen uns Thale als Ziel und rollen erstmal nach Nordhausen. Der örtliche Specialized-Händler bekommt Besuch durch uns, hat aber keine Karte zu verkaufen, borgt mir aber Werkzeug. Ein Karte bekommen wir bei der Touristeninfomation, sie reicht bis Stiege, das soll unser Zwischenziel sein. In Nordhausen zeigt sich mal wieder das Andreaskreuz, wir folgen dem Weg. Vielleicht zeigen die Bilder die Beschaffenheit des Hauptwanderweges, ich möchte sie trotzdem beschreiben: zwischen zwei Feldern verläuft ein ein Meter breiter Streifen, der nicht gepflügt, dafür aber überwuchert ist. Das ist der Hauptwanderweg! Anders als auf dem Rennsteig ist man hier völlig allein und ungestört. In der Rüdigsdorfer Schweiz sind die Wege grellweiss vom Gips, der hier mal abgebaut wurde, der Steinbruch leuchtet in der Sonne.

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Neustadt im Harz erwartet den Wanderer am Marktplatz mit unzähligen Wander- und Radwanderwegen, die hier losgehen oder durchgehen sollen. Am Ortsausgang findet sich nicht ein Hinweis mehr. Erst später erweist sich der gewählte Weg als Anfängerroute für Radfahrer. Würde es sowas in Berlin geben, die Leute würden protestieren und die Notaufnahmen hätten Ausnahmezustände. Der Weg geht über mehrere Kilometer permanent mit 6-8% nach oben. Oben angekommen, gibts eine kurze Abfahrt, ehe es weiter nach oben geht. Doch bis zum Dreiherrenstein (der vierte oder fünfte auf unserer Fahrt) brauchen wir kaum die Karte, kommen also mal flott voran.

Der Rest ist schnell erzählt. Stiege, eine neue Karte, Harzköhlerei, Treseburg, Thale, noch eine Stunde bis Zugabfahrt, ein großer Eisbecher, Besuch beim Fleischer, Bierkauf am Imbiss, 21:00 in Berlin, noch rasch Bier kaufen und Rifli überraschen. In Zahlen ungefähr 360km und 5700 Hm.

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Fazit: Rennsteig muß ich nicht haben. Der Kammweg von Wernigerode nach Eisenach ist aber eine Herrausforderung, der ich mich nochmal stellen möchte, ließen wir doch diesmal den Kyffhäuser aus.

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5 Antworten auf “Das blaue Andreaskreuz – Kreditkartentour auf dem Kammweg”


  • 21:15 Uhr an der Türe lautes Klingeln. Zwei angetrunkene Landstreicher stehen mit leichter Duftnote laut krakeelend im Flur und der Sohn ist in den nächsten 2h nicht mehr zum schlafen zu bewegen.

    Aber was soll’s. Tourberichte aus der 1. Hand sind nun mal exklusiv und mit der Begeisterung zwei kleiner Jungs erzählt auch sehr amüsant.

    Ich bin so zumindest teilweise dann doch dabei gewesen.

    Danke

  • Schön wars wohl bei Euch, das mit dem Rennsteig kann ich allerdings nicht ganz verstehen. Bei so nem tollen Wetter ist das doch spitze. Ich befuhr verschiedene Teile des Rheinischen Schiefergebirges mit dem Reiserad, eventuell folgen noch ein Worte mit Bildern.

  • sehr schön!
    fandt denn das Plastegeld die notwendige Akzeptanz, oder mussten doch schwere feinbedruckte Baumwolllappen zur Zahlung herhalten?

    msg.Seb.s.

  • Wir waren ja am selben WE am Rennsteig unterwegs und die Gastlichkeit in den Lokalen direkt am Rennsteig hat sehr an die Zeit vor 1990 erinnert.

    Na egal, so ist das eben hier im Osten.
    Dafür fand ich hat der Rennsteig selbst entschädigt auch wenn wir mehr neben ihm unterwegs waren aber man kann sich mit den paar Wanderern ganz gut arangieren.

    Nächste Woche gehts (bei gutem Wetter) wieder hin. Diesmal mit dem Crosser.

    Ich wurde übrigens mehrfach auf mein ungefedertes MTB angesprochen und bewundert wie man mit sowas da fahren kann …. unglaublich was die BIKE alles so bewegen kann.

    Cu Danni

  • Das klingt nach einem großen Spaß …. nur Boerges Rucksack wirkt so, als wäre doch etwas mehr als eine Kreditkarte an Bord gewesen.

    Vielen Dank für den Bericht
    Gruß stw

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