L’Eroica – Tag 3 & 4

Freitag
Der Chronist des Tages zwei unserer kleinen Genussreise erwähnte zum Ende des Berichtes etwas von Absackern, Dorfkneipe und eigener Geschichte. Fürwahr, eine solche ließe sich hier erzählen. Allerdings verschwinden bedeutende Teile des Erlebten im Nebel von Rotwein und Grappa des Kneipenbesitzers „K’chlaus“, welcher sich 1-2 x in der Woche mit seinen Gästen betrinkt. (Man versuche das K’ch auszusprechen, als ob man eine Gräte verschluckt hätte und diese nun aushusten möchte)
Da ich, in meiner neuen Position als Reiseleiter, mich auch für das leibliche Wohl der sich mir Anvertrauenden zuständig fühlte, brach ich zu fortgeschrittener Stunde mit einem Einheimischen Namens „Putti der Hirte“ auf, um einen „K’chas“ zu holen. Mit diesem Herren unterhielt ich mich schon eine Weile und verstand, im Gegensatz zu den Mitreisenden, ungefähr 50% des von Putti gesprochenen Wortes. Der Mann lebt im Sommer auf der Alm, versorgt und melkt die „Viacher“ und macht dort oben einen Rohmilch-“K’chas“. Um an diesen zu gelangen, nehme ich nicht abzuschätzende Gefahren auf mich und wanke mit Putti und seinem bauchnabelhohen Hütehund durch die Nacht. – Ja ich lebe noch! Außer dem Obulus für den, im übrigen vorzüglichen „K’chas“, musste ich keine weiteren Opfer erbringen. Einzig die mangelnde Fürsorge meiner Mitreisenden, welche sich nicht mehr im Lokal befanden, stimmte mich ein wenig nachdenklich. Diese trüben Gedanken wurden aber durch zwei weitere Grappa auf Kosten von K’chlaus beseitigt.



Der nächste Morgen bricht unweigerlich an und Gedankenspiele über die Unsportlichkeit der Unterstützung von Acetylsalicylsäure beim Bekämpfen von Kopfschmerz durch Wein- und Grappakonsum sind, zumindest für mich, nur theoretischer Natur. Den Fahrdienst muß am Morgen der, vom Wein- und Grappakonsum durch Verzicht ungezeichnete, Boverhannes übernehmen.

Die Fahrt gestaltet sich humorig und angesichts der gefühlten 8000 Km Poebene wird ein neuer Wettkampf geboren: „finde die zehn der Poebene ähnlichsten Landschaften in Europa“. Aber auch die Poebene endet irgendwann, der Appenin wird erreicht und bald auch die Toskana. Kurzfristig wird beschlossen, nicht gleich ins Hotel zu fahren, sondern zuerst nach Gaiole um sich dort umzutun und nach Rob und dem Sachsen zu schauen. Die Cikagobude hat ihren Verkaufstresen bereits aufgestellt und harrt der Dinge. Auf dem Markt bieten noch weitere Händler ihre Wahre feil und testen schon einmal, was preislich so gehen könnte. Ein Ledersturzring für 100,- Euro – Chappeau! Wir fahren weiter in Richtung (?) Hotel und finden dieses, trotz der verwirrenden Wegbeschreibung durch den Reiseveranstalter und des Fehlens von gedrucktem Kartenmaterial.

Ein pittoreskes Kleinod toskanischer Landbaukunst bietet sich dar, eingebettet in Weinberge liegt die „Villa Castelvecchio“ auf einem ziemlich steilen Hügel und ein wenig außerhalb von Radda. Ein Restaurant gibt es auch, dieses aber wird hier nicht weiter erwähnt, da es die Stimmung nachdrücklich vermiesen zu vermochte.

Sonnabend

Der Vormittag wird genutzt, um erste Erfahrungen mit den Strade bianchi zu sammeln und für den großen Tag gerüstet zu sein. Das angebotene Exemplar erscheint uns wild und gefährlich und Staub äußert sich nicht wirklich und brabbelt was von Kategorie 4 bei 5 möglichen.

Vorbei führt unser Weg, an großen Suhlen für glücklich aussehendes Borstenvieh mit gegenüberliegender riesiger Picknickanlage inklusiver großer Feuerstelle. Wann wird geschlachtet?

Irgendwann wird ein pittoreskes Örtchen erreicht und erste Auflösungserscheinungen der mächtigen ESK-Formation treten auf. Es wird sich darauf geeinigt, erstmal in die Bar zu gehen und einen Café zu trinken. Wer die Strandpromenade in El Arenal und den Auftrieb an Posern samst dazugehörigem Material kennt, weiss um die magische Anziehungskraft der Sitzgelegenheiten. Aus einem Café wurden vier und bei deren Genuß mußten vorbeifahrende italienische Radsportler kenntnisreich kommentiert werden. Zusammenfassend lässt sich das folgendermaßen beschreiben: teuer muss es sein, Campa aber lieber nicht.

Irgendwann bricht der Brauführer in die gegenüberliegende Gasse auf um Francobollos zu erstehen. Aufgeregt kommt er zurück und nimm zerrt mich hinter sich her. DEN Laden müsse ich sehen. Wir erreichen einen Fleischer, DEN Fleischer. Dario Cecchini, der Papst des Bistecca Fiorentina. Beschrieben wird er im Buch eines amerikanischen Journalisten (Bill Bufford, Hitze), welcher mal professionell kochen lernen wollte. Im Laden ein Haufen Leute, junge Damen reichen Rotwein und dick mit Thymianschmalz bestrichenes Weißbrot. Porchetta liegt auf dem Brett. Phantastico! Wenn man Gelesenes allerdings mit Erlebten vergleicht, wird einem einiges über US-amerikanische Küchenliteratur klar. Im Buch wird der Toskaner als Mensch beschrieben, welcher in dunklen Steinhäusern in Tälern und Hügeln hockt. Cecchini wird als irrer, blutverschmierter Typ dargestellt, dem die Fleischbatzen noch aus dem Mund hängen. Nun, Panzano ist eine Touristenhölle und Dario ein zivilisierter Mensch mit modischer Brille und schicker Frisur im strahlend weissen Kittel.

Man verzeihe mir meinen erneuten Exkurs ins kulinarische.

Ob der fortgeschrittenen Stunde geht es über Teerstraßen zurück ins Hotel, schließlich ist noch großes zu tun, Einschreiben in Gaiole! Wenig später tritt die ESK-Abordnung das erste Mal in den neuen Wollhemden in Erscheinung – ein großes Bild! Nach dem Interesse der Fotografen zu urteilen, könnte gesamte ESK vom Vertrieb der Wollhemden leben. Auf dem Teilemarkt werden noch diverse Dinge gekauft, unter Anderem kann Rifli seine Füße jetzt richtig fixieren. Die Einschreibestelle wird erreicht und dort gibt’s ein liebevoll zusammengestelltes Startpaket mit Umhängetasche, Startnummer, Stempelkarte und L’Eroica-Cappelino. Fein! Wann geht es eigentlich los?!

Nach weiterem Stöbern, Cafétrinken und Eisessen fahren wir nach Radda um dort Pizzen von gigantischen Ausmaßen zu verzehren.

Nervosität breitet sich langsam aus. Im Hotel werden Vorbereitungen für den nächsten „Morgen“ getroffen und sich auf die gemeinsame Frühstückszeit von 03:45 Uhr (!) geeinigt. Anvisierte Startzeit: 05:00 in Gaiole. Pünktlich! Gut das ich die Bialetti samst Gaskocher mitgenommen habe, das Hotel bietet Frühstück ab Acht feil und ohne Riesencafé in den Tag starten erscheint mir unmöglich. Wein gibt’s nicht, so muss ein jeder für sich in den Schlaf finden oder die Zeit bis zum Morgen totschlagen.

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9 Antworten auf “L’Eroica – Tag 3 & 4”


  • Cherrito, wie sehr habe ich deine Zeilen genossen!

  • Tolle Geschichten und herrliche Fotos! Beim Foto der Strade bianchi kann man sich richtig vorstellen, wie der Staub auf den Lippen klebt und man sich nach einem Schluck Rotwein sehnt. Bin auf die Rennberichte gespannt!

  • Danke Euch schon jetzt für die schönen Geschichten. Freue mich sehr auf den nächsten Teil, ich vertraue da durchaus schon des aufgesetzten Textes von 2Bier :-)

  • Ich bleibe dabei. Ihr seid verkackte Pissnelken. Aber: Tolle Schilderung! Freue mich auf die Beschreibung des Rennes. Laut Siggi müsst ihr ja gelitten haben wie die Hunde… . Oh Mann – ich Vollidiot! Wäre ich nur dabei gewesen! Nun denn – auf jetzt und lasst endlich die Tasten klimpern. Ich will wissen wie schlecht es euch nun wirklich ging! Bis bald… D.K.

  • Sehr schön, ich versuche mich gerade am aushusten der Gräte!

    Es scheint eine perfekte herbstreise gewesen zu sein.

  • Grosses Geschreibsel liebster Boom,wess gar nich was Rob,der ewige Nörgler,schon wieder hat.
    Is doch mal was anderes,das erlebte aus der Sichtweise von mehreren Kollegen geschildert zu bekommen.
    Isch finds gut,Danke!!!

  • Eine schöne Beschreibung eines wenig hektischen Tages vor dem großen Rennen. So langsam steigt die Spannung.
    Aber sag mal, wurde innerhalb der Mannschaft nicht über das Rennen gesprochen? Oder wurde die Aufregung darüber stillschweigend hinuntergeschluckt? Sicher gab es doch taktische Besprechungen, wurden ‚was wäre wenn-Situationen‘ durchgesprochen, sicher hat man sich bezüglich der medizinischen Vorbereitungen ausgetauscht. Wo bleiben die brisanten Details.

  • @Menis:Wie sehr wir gelitten haben kann ich nur so ungefähr in Worte fassen:
    Ich bin bestimmt auch nich der härteste,aber das! war mit das schlimmste was ich jemals auf dem Rad erlebt habe!!!Dabei dachte ich dass ich halbwegs fit wäre…ein Scheissdreck!!!

  • Ja, so muß das.
    Mit Kulinarischem und Hochprozentigem durchsetzte
    Kegelausflugbeschreibungen schmerbäuchiger
    Fliegerbrillenträger im Partner-Look.

    Danke,
    Weitermachen!

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