Die 1. Adolf-Huschke-Gedenkausfahrt

IRN Berlin Didi A. Senftenberg exclusiv für IRN Berlin
Adolf Huschke war in den 10er und 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts einer der erfolgreichsten Radfahrer Deutschlands und sicher ein großer Held. Er fuhr eine Vielzahl prominenter Siege ein, doch sein Ehrgeiz wurde ihm zum Verhängnis. Die Gabel eines Bahnrades an seiner konsequent überoptimierten Rennmaschine brach auf einer Kopfsteinpflasterstraße und er verlor sein Leben. Am Ortsrand von Oranienburg, nördlich von Berlin, erinnert das einzige Radfahrerdenkmal Deutschlands an diesen großen Fahrer.

EISENSCHWEINKADER | Die 1. Adolf Huschke Gedenkausfahrt huschkeK Die 1. Adolf Huschke Gedenkausfahrt
Das 100-jährige Jubiläum seines Sieges beim Rennen Rund-um-Berlin im Jahr 1911 nahm am ersten Septmeberwochenende 2011 der ESK zum Anlass, um die erste Adolf-Huschke-Gedenkausfahrt an jenem einmaligen Denkmal zu starten.
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Der Zeitpunkt der Gedenkfahrt war aus einem weiteren Grund gut gewählt, steht doch Anfang Oktober das alljährliche Traditionsrennen L’Eroica in der Toskana ins Haus. Ein fester Termin für jeden Meisterfahrer in der Radsportszene. IRN Berlin berichtete in den vergangenen Jahren ausführlich. Die Ausfahrt sollte ein erster Härtetest für Mensch und Material darstellen. Nach kurzer Einrollphase und Huldigung der Radsportlegende Huschke, sollte der Radsportler auf der langen Ausfahrt immer wieder abseits des Teeres auf Kopfsteinpflaster, Naturstraßen, Feld- und Sandwegen sein Können unter Beweis stellen. Als begleitender Reporter war es mir, A.D. Senftenberg, vergönnt, diesem heroischen Spektakel beizuwohnen.

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An dieser Stelle sei noch einmal auf die L’Eroica in Italien verwiesen. Diese Veranstaltung hat den Hintergedanken, durch das Befahren von vielen nicht asphaltierten Naturstraßen für den Erhalt dieser ortstypischen und für diese tolle Landschaft charakteristischen Schotterstraße zu werben. Mittel zum Zweck und auch eine gewisse Ehrerbietung an die wahrhaft heroischen Zeiten des Radsports ist es, nur Fahrräder zuzulassen, die älter als 25 Jahre sind. Gerne kleiden sich natürlich auch die Fahrer im Stil dieser Zeit.

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Auch der ESK hat schon lange den Gedanken, die landschaftlichen Eigenheiten der Mark Brandenburg hervorzuheben. Abseits von Bundesstraßen, asphaltierten Fahrradrouten und Qualitätswegen, wollen sie die Ursprünglichkeit dieser Region hervorheben. Und natürlich die Herausforderungen, die sich einem ambitionierten Radfahrer stellen, wenn er seine Rennmaschine auf einhundertjahre altem, unverändertem Straßenbelag fortbewegt – also Schotter, Pflaster oder Sandpisten. Allein in Anlehnung an die L’Eroica, aber auch um die Verwendung modernen und durchaus überlegenen Materials nicht zu sehr zu bevorteilen, wollte sich der ESK ebenfalls größtenteils auf alte Radsportgeräte beschränken.

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Nach dem scharfen Start der Gedenkfahrt am Huschke-Denkmal, dienten die ersten 40 Kilometer dem Einfahren auf den alten Stahlrössern. Bei schönstem Sonnenschein gleitete die Gruppe in flotter Fahrt auf Flüsterasphalt dahin. Ortsschilder wurden ersprintet und die Fahrer genossen das leise Gleiten auf geteerten Wegen. Ehe das erste Pavé die polierten Flachprofilfelgen erschütterte, gab es einen allgemeinen Pinkelstop.

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Bereits die ersten beiden Kopfsteinpflasterpassagen brachten die Fahrer an ihre Grenzen. Uralte Wege mit Katzenköppen, Rüttelpisten, Stein an Stein mit daumendicken Lücken, schrägestellt und aufgewellt. Jeder Muskel am Körper wurde gefordert, die Geschwindigkeit sank mitunter auf Schritt und die zuvor harmonische Gruppe zerfiel in viele Einzelkämpfer – der Mann, die Maschine und das Pflaster. Immer wieder erforderten tiefe Löcher und sandige Zwischenstücke hohe Konzentration und gute Radbeherrschung. Der Wechsel von einer auf die andere Fahrspur wurde Boverhannes (auf Peugeot) zum Verhängnis. Während Boverhannes mit den Folgen des Sturzes rang, wartete der Rest der Truppe im nächsten Ort und teilte sich ein Bier auf die überstandenen und bevorstehenden Strapazen.

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Weiter ging es, mal auf Asphalt, mal auf Naturstraßen, durch liebvolle Land- und Ortschaften der Mark Brandenburg. Hier zeigten sich des Öfteren die beiden Berliner Meister Rob und Twobeers an der Spitze der Gruppe.

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Nach der Hälfte der Fahrt konnten die Fahrer bei einem Kaffee-, Kuchen- und Bierstop ihre Kräfte sammeln, standen doch die meisten Passagen mit Naturstraßen noch bevor. Hierbei wurden auch Ideen zu weiteren Auflagen dieser Gedenkausfahrt besprochen. Dies würde, so die einhellige Meinung, nicht die letzte Veranstaltung dieser Art sein.

Zum Glück mussten keine gröberen Schäden verzeichnet werden, aber mehrere Male war die Gruppe gezwungen wegen Reifenpannen anzuhalten. Die geeignete Reifenwahl stellt hier und heute wie auch damals ein wichtiges Kriterium bezüglich Sieg und Niederlage dar. Schlauch- oder Drahtreifen? Schmale Straßenpneus ohne Traktion im Gelände oder schwere dicke Komfortbereifung? Profilierte Crossreifen oder schnelle glatte Pellen? Alles hat seine Vor- und Nachteile und die Verschiedenheit des Untergrundes lässt eine klare Aussage nicht zu. Doch hat sich gezeigt, dass das Rennen gerade in den schwer fahrbaren Passagen entschieden wird. Und hier gab es so einige Defekte. Es gab Durchstiche von scharfen Steinen und Durchschläge auf Pflaster bei den schmalbereiften Fahrern, aber auch Staub hatte mit seinem Allzweckreifen einen Schaden zu verzeichnen. Schlauchreifen mit Profil und wenig Druck erlaubten Komfort und höhere Geschwindigkeiten auf rauen Straßen, im Falle eines Defektes wären aber zeitaufwendige Reperaturen nötig. So gab in dem Fahrerfeld selbst nach der Ausfahrt geteilte Meinungen.

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Die vielen Passagen abseits von Teerstraßen waren mühevoll. Dennoch oder gerade wegen der Strapazen, ergab es sich, dass auf diesen Wegstücken mit viel Kraft und Ausdauer hohes Tempo gefahren wurde. Immer wieder zerpilzte das Fahrerfeld. Einige Radsportler attackierten gerade auf diesen Teilstücken, andere hatten mit dem Untergrund, ihrem Rad oder ihrer Kondition zu kämpfen. Trotz der unbarmherzigen Härte der Straßenverhältnisse oder der angeschlagenen Geschwindigkeit, wurde später immer wieder aufeinander gewartet und die Sicherheit der Gruppe gesucht. Die Fahrer nutzten die kurzen Pausen von Defekten oder Nachzöglingen für einen kurzen Plausch, Trinken oder Essen. Der Sitz der Rennkappe, die Ausrichtung des Sattels konnten korrigiert oder die noch bevorstehnden Wegstrecke diskutiert werden.

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Ein Moment blieb mir in Erinnerung und wähnte mich Jahrzehnte zurück direkt hinein in eine Radsportgeschichten, die man nur vom Hörensagen kennt. Der Siegerfahrer Staub hatte Rückenprobleme. Ein Wunder, dass der überhaupt am Start stand. Er musste um den Anschluss an die Gruppe kämpfen und nur Ritzelflitzer war noch hinten, um ihm Windschatten zu spenden, damit die beiden an das Feld heranfahren konnten. Der Schutz der Gruppe bot beiden die Möglichkeit kurz zu entspannen. Das Tempo auf Aspahlt war hier nicht sehr hoch. Vor den beiden nestelte Rob an seiner Trikottasche und holte ein mit reichlich Mettwurst und rohen Zwiebeln belegtes Brötchen hervor. Freihändig genoss er drei große Bissen, ehe er das Brötchen dem neben ihm fahrenden Boom reichte. Der nahm einen Happen, gab es zurück und Rob reichte das Brötchen weiter nach hinten zu Staub. Im Angesicht der Anstrengung und der Schmerzen war dieses Mettbrötchens für Staub wie das Streicheln seiner Seele mit einer Schwanenfeder. Und so stärkten die Fahrer Muskeln wie Nerven, gaben sich gegenseitig die notwendige Motivation die Strapazen durchzustehen. Radsport wie er leibt und lebt.

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Die Adolf-Huscke-Gedenkausfahrt fand ihr Ende nach unzähligen Kilometern am Ausgangspunkt, dem Bahnhof in Oranienburg. Hier gönnten sich die Mitstreiter ihr wohlverdientes Zielbier. Die Regeneration des geschundenen Körpers fand inmitten des heimischen Berlins rund um einen Biertisch statt. Hier wurden die ganz eigenen Erlebnisse ausgetauscht, Ideen für die Zukunft gesponnen, Erfahrungen der Fahrt auf die bevorstehende L’Eroica umgemünzt.
Auch wenn Adolf Huschke das, was an diesem Tag geschah, würde er im Grabe davon erfahren, wahrscheinlich kaum nachvollziehen könnte, so erhofften sich doch die Mitstreiter dieser Ausfahrt, wenigstens im Ansatz nachvollziehen zu können, was Radsportler jener Tage, vor hundert Jahren, über sich ergehen ließen oder ergehen lassen mussten. Abseits von glatt asphaltieren Qualitätswegen und -straßen, abseits von Komfortsätteln, Dual-Pivot-Bremszangen und Elffach-Schaltbremskombinationen konnten die Radsportler im Ansatz erfühlen, welche großen Heldentaten die Radsportler um Huschke damals vollbrachten und welche kleinen Heldentaten man sich heutzutage gönnen kann, wenn man auf die absolute Sicherheit und Perfektion verzichtet.
Und mit diesem Gefühl verabschiede ich die Rennfahrer dieser Gedenkausfahrt in die L’Eroica und in die womöglich zweite Adolf-Huscke-Gedenkausfahrt im kommenden Jahr – in das eigene kleine Heldenerlebnis.

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5 Antworten auf “Die 1. Adolf-Huschke-Gedenkausfahrt”


  • Liebe Radsportgruppe,

    nur aus der Ferne konnte ich diese denkwürdige Veranstaltung erleben. Ein graues Jahr liegt hinter mir. Nach den Auseinandersetzungen mit RuFa und den Differenzen um den Tschechischen Reifenherstellen Challenge war es mir unmöglich in kurzer Frist und, um ehrlich zu sein, auch ohne durchschlagende Rennerfolge, eine neue Mannschaft zu finden. Der professionelle Radsport auf internationalem Paket ist in den letzten Jahren zunehmens härter geworden. Erbarmungslose Machenschaften, geheime Trainingsgruppen und medizinische Raffinesse gehören heute ebenso zum Alltag, wie unerschwinglichen Kosten für Material und Kleidung. Nun – ich muss gestehen dass mir gerade diese Schilderung der Huschke-Fahrt doch einen rechten Motivationschub gab und so die Umstände es denn ermöglichen werde ich versuchen im folgendem Jahr die beiden Rennen unter die Pneus zu nehmen. Vielen Dank für die Berichterstattung und bis bald… Kemper

  • Tränen der Rührung vermischen sich mit Schweiß und hinterlassen Rinnsale in der Staubkruste, welche sich über rasierte Waden, gegerbte Gesichter und kratzige Wolltrikots gelegt hat. Ausgemergelt und entkräftet, kaum noch in der Lage, die Last eines kleinen Glases mit einem Arm zu heben, so möchte ich doch auf diesen Tag, die Mitfahrer und Huschke anstoßen.

    Meine Herren, es war mir ein Fest.

  • Nächstes Jahr muss Stahlgeröhr herbei, nict dass ich wieder wie ein Kanarienvogel unter Albatrossen dahin flattere.

    Toni

  • Eine schöne Idee, eine Ausfahrt zu Ehren eines großen Radfahrers auszurichten!

    Das Denkmal in Oranienburg lag auch schon mal auf meiner Strecke. Im Kurpark von Bad Schmiedeberg steht ebenfall ein einziges Radfahrerdenkmal Deutschlands. Ich hatte hier mal berichtet: http://www.mtb-news.de/forum/showpost.php?p=7991921&postcount=124

    Ein weiteres einziges Radfahrerdenkmal Deutschlands steht in Fröndenberg/Ruhr. Ich bin überzeugt, dass es in Deutschland von Einzigartigkeiten nur so wimmelt. ;)

    • Was lernen wir daraus? Das Wort “einzig” muss steigerungsfähig sein. Ich entlehne hier mal aus 1984 und mache folgenden Vorschlag:

      - einzig
      - doppelteinzig
      - doppeltpluseinzig

      Wer schliesst sich an?

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