Kontrollfreak

Ein fröhliches “Grüezi wohl” in die Runde. Die Zeit vergeht und bevor man sich versieht, befindet man sich im Altenstift und die Reihen der ehemaligen Freunde lichten sich. Wer Glück hat, ist nicht der Letzte. Also in die Hände gespuckt und vermittels dieser Zeilen ein kurzes Lebenszeichen in die Heimat und die Kumpels (…und Kumpelinen) gesandt, auf dass man mich nicht ganz vergessen möge.

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Wie einigen bekannt, betreibt die Tochter seit kurzem Radsport. Und da heutzutage nichts dem Zufall überlassen werden darf, wurde ihr durch ihren Trainer nahegelegt, künftig ihre Trainingsintensität per Pulsuhr bestimmen zu lassen. Nun geht das natürlich nicht, ohne dass der Alte wenigsten ansatzweise mit der Technik vertraut ist. Wenn auch – berufsbedingt – grösstenteils aus der Ferne. Aber immerhin. Bevor nun also das Training der Jugend herzfrequenzgesteuert abläuft, wurden erstmal die Räder des alten Mannes hochgerüstet. Da Geld ein flüchtiges Gut ist und es die Spatzen von den Dächern pfeifen, dass es demnächst ohnehin nichts mehr wert sein wird, wurde ein Teil davon in Bewegung gesetzt und ab sofort bin ich in der Lage, nicht nur jederzeit Auskunft über meine Herzfrequenz zu geben, nein, auch Geschwindigkeit, gefahrene Strecke, verbrauchte Kalorien, und und und… Als besonderer Gag, kann man sich hernach – vermittels GPS Aufzeichnung – ansehen, ob man wieder nach Hause gefunden hat und wenn ja auf welchem Wege. Eine spezielle Software gibt schlussendlich Auskunft, wie viel Energie dabei verbraten wurde und wie viel davon aus körpereigenem Fett gewonnen wurde. Natürlich funktioniert das auch beim Laufen und theoretisch sogar beim Schwimmen und was weiss ich noch. Der Clou kommt aber noch: Man könnte, den ganzen Müll noch im weltweiten Web veröffentlichen und sich mit „Gleichgesinnten“ messen. Aber ich glaube, da muss man dann schon ziemlich hart drauf sein.

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Und dann? Eigentlich nichts weiter. Nach spätestens vier, fünf „Auswertungen“ wird es langweilig. Das mein „Fitnesszustand“ üblicherweise „sehr gut“ ist und mir nach einer langen Nacht bei extrem schwülem Wetter und 600 mg Aspirin im Blut empfohlen wird, lieber mit reduzierten „Zielzonen“ zu „trainieren“, hatte ich schon geahnt, auch wenn es natürlich schmeichelhaft ist, ersteres dunkel- auf hellgrau aus einem extrem spiegelnden Display herauszurätseln. Aber die GPS-Aufzeichnung, die ist doch sicher toll? Ich kann nur für mich sprechen, aber ich empfinde es eher gruselig als toll. Ich selbst weiss doch wo ich war und wen anders sollte das sonst noch interessieren? Ich meine ja nur, die Dinger werden immer kleiner und wäre es nicht interessant zu wissen, wo Eure Freundin gestern Abend genau war. Wer weiss, eventuell habt ihr ja unbemerkt auch schon so ein Ding irgendwo in der Tasche? Seht mal nach. Wobei es wohl besser wäre, man würde das Ding noch da finden…

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Kurz und gut, für einen wie mich ist das irgendwie nichts. Mehr Spass als vorher hat man nicht und die Informationen sind grösstenteils überflüssig, so dass sich für mich persönlich kein erkennbarer Mehrwert ergibt. Klar, bergauf geht die Pumpe. Soll sie ja auch, sonst würde man vielleicht Schiffsmodellbau betreiben oder Halma spielen. Wer sich aber gerne zum Sklaven macht, sich zu den Leistungssportlern zählt, irgendwie zeigefreudig ist oder sein Körpergefühl irgendwo in den Weiten da draussen verloren hat, dem sei solch ein Gerät empfohlen.

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PS: Die Bildchen stehen in keinem zeitlichen Zusammenhang mit dem hier Erzählten. Sie dienen lediglich dazu, diesen Text etwas besser verdaulich zu machen. Wer keine Lust zum Lesen hat, guckt sich die Bildchen an.

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Mit besten Grüssen aus Zürich, Jockel.

17 Antworten auf “Kontrollfreak”


  • “Wer keine Lust zum Lesen hat, guckt sich die Bildchen an.”

    Na toll, das steht da nun ganz am Ende, wo ich mich schon komplett durch den Technikkram gequält habe.

  • Zum Glück fange ich immer mit den Kommentaren (wenn vorhanden) an. Bild 3 ist mein Favorit, welche Bergkette ist im Hintergrund zu sehen?

  • Soll ich ehrlich sein. Ich hatte bis eben keine Ahnung. Irgendwelche schneebedeckten Geröllhalden. Aber was tut man nicht alles für seine treuen Leser. Ich habe die Blickrichtung mittels Google Earth verlängert und demnach müsste es sich um die “Glarner Alpen” handeln. Egal, da werde ich nie hinkommen.

  • Wie, Du willst nicht bis auf den Tödi hoch? Wo bleibt Dein Entdeckergeist?

  • Vielleicht wäre das ja ein schöner Punkt, um den GPS-Kram liegenzulassen und sich befreit wieder dem eigentlichen Radfahren zu widmen? ;)

  • Auch auf meinem PC verschimmelt weit unten irgendein alter Lederkoffer, gefüllt mit einigen feuchten Aufzeichnungen von Kurven, Profilen und gefährlich hohen Pulswerten – für mein Alter. Jedenfalls kann ich bestätigen, dass diese Kurven eher entzaubern, denn motivieren, oder gar strukturieren. Wirklich frei ist man doch erst, wenn nicht einmal ein lästiger kleiner Pfeil im Display die sinkende Durchschnittsgeschwindigkeit anmerkt, ja, wenn nicht einmal die stille Beschwerde der niedrigen Geschwindigkeit den Fahrspaß – offiziell – tübt.

    Für mich waren jedoch der Teil deines Artikels besonders interessant, der sich mit dem Sport der Tochter beschäftigte: Wie steht es denn gerade dort? Gab es bereits ein erstes Rennen? Ist die Lizenz endlich ausgefüllt? Treffen wir uns bald am Rand der einer verzweifelt eintönigen Strecke in irgendeinem Nazinest in Brandenburg? Hier erbitte ich weitere Informationen.

    Beste Grüße… D.K.

  • Für mich waren jedoch der Teil deines Artikels besonders interessant, der sich mit dem Sport der Tochter beschäftigte: …

    Ja, die ersten Rennen sind vorüber. Nachdem sie im ersten Rennen (einem Kriterium in Baumschulenweg) hinten raus gefallen ist, wollte sie den Sport an den Nagel hängen. Am letzten Wochenende hat sie sich aber trotzdem noch mal getraut und ist beim Rollbergrennen gestartet. Da ist sie, trotzdem sie aus dem Feld gefallen war, tapfer durchgefahren und hat sich gerade mal einen Rückstand von 400m auf das Feld eingefangen. Fazit: Die Leistung passt schon ganz gut, der Schneid, sich im Feld durchzusetzen kommt sicher noch. Aber egal, sie hat einen riesen Spass am Radfahren oder was kann man sonst davon halten, wenn sie weder Wetter noch Unfälle vom Rad fahren abhalten. Neulich ist sie sogar nachts um drei aufgestanden, um endlich auch mal im dunklen Wald zu radeln.

  • Ach!

    Uff Rollberg war B. aus S. vom RCKM auch gemeldet, jedoch gingen diesem Termin acht harte Tage im Trainingslager des Brandenburger Kaders (mit klarem Schwerpunkt auf dem Wort “lager”) vorraus und der Landestrainer hat für Sonntag statt Rennen zu fahren, Regeneration angeordnet. Nun wird er sich im Rahmen der KidsTour am Freitag (EZF in Lehnitz), am Sonnabend (Rundstreckenrennen in Moorlake) und am Sonntag (Kriterium auf dem KuDamm) zeigen dürfen.

    Aber nun bin ich sicher, dass wir uns bald an der Strecke sehen und ich würde lügen, wenn ich leugnen würde, mich darüber wie Bolle zu freuen. Ich sach ma “Nen Pils und ne Wurscht!”. Bis bald… D.K.

  • Ich kann Dich gut verstehen. Seinerzeit musste ich auch unbedingt solch eine Fitfucker-Rolex haben, weil ja die großen Helden im Fernsehen auch mit derlei Gerätschaft am Rade unterwegs sind. Nun hat sich so entwickelt, dass ich diese schmucke Uhr immer noch trage, sie jedoch lediglich ihren Dasein als Kilometer zählender Tacho fristen darf. Aber – Fortschritt sei Dank – “managed” sie gleich 3 Velos gleichzeitig!
    Grüß mir Züri! Ich habe den Eidgenossen gesagt, dass ich lieber doch nicht komme. Und Du bist auch ein klein wenig Schuld daran.

  • na denn seid doch mal froh das ihr die Uhr nur zum schmuck tragt. Irgendwann kommt der zeitpunkt da lässt euch euer arzt nicht ohne auf den bock. Und mit jedem pulsschlag über limmit kullern die goldtaler von eurem konto runter auf das der gesundheitskasse. schöne neue welt.
    Nachts um 0300 ? da hol ich mir ne jogurette aber kein ratt zum nachtfahren ;-)

  • Jockel, toll mal wieder was von Dir zu lesen ! Für verlassene Landstriche kann ich das Saarland und das Gebiet an der französischen Grenze sehr empfehlen. Viele Grüße aus Saarbrücken, Rookie !

  • Viele Grüße aus Saarbrücken…

    Da hat es Dich ja auch ein ganzes Stück verschlagen. Halt die Ohren steif…

  • Jockel, das ist Teufelszeug! Der Trainer hat keine Ahnung! Ich werde dir ein paar Weisheiten auf den Weg geben, die du ihm entgegen halten kannst! Wer schnell fahren will, muss schnell fahren! Vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt! Am Ende entscheidet die Tempohärte! Ohne Mannschaft gewinnt niemand ein Rennen! Wenn man so einen Computer braucht, wie hat dann Eddy Merckx seine Rennen gewonnen, na? Sportler werden im Winter gemacht! Der Zweite ist der erste Verlierer! Wenn man nicht aus der Nase blutet, hat man nicht alles gegeben! Nach dem Training Rotwein und Schinken, das macht den Unterschied! Wer sich nicht verausgaben will, soll segelfliegen! Gegen die Schmerzen kann man was nehmen! Den Krampf bekämpft man mit der Sicherheitsnadel! Man muss sich immer dranhängen, hinten fahren tut genauso weh, wie vorne! Ist Tom Simpson etwa mit Pulsmesser zum Helden geworden?

    Wenn ihn das nicht überzeugt, rede ich mal Tacheles mit ihm!

  • Schmerz ist Schwäche die den Körper verlässt.
    Lieber vorne sterben als hinten nichts gewinnen
    Wir fahren heute ruhig
    Kette rechts
    Zeit steht Schmerz vergeht

  • “PS: Die Bildchen stehen in keinem zeitlichen Zusammenhang mit dem hier Erzählten.”

    als ich den hinweis zu den bildern las, freute ich mich schon auf den kommenden text, machte das “p.s.” doch den eindruck, als rundete es lediglich die einleitung des beitrages ab. ich rechnete fest mit einem epischen rundumschlag, doch auf einmal war da schon das ende. jockel, da brodelt doch noch so einiges mehr in deiner brust, der belag auf dem herzen ist viel dicker. deine schönen zeilen dort oben sind doch nur ein kleiner abriss, ein teaser in neudeutsch, dessen, was es alles richtigzustellen gibt. ist das literarische gesamtwerk bereits in arbeit? wann gibt es den nächsten auszug?

    in heller vorfreude, rob

  • “Lieber vorne sterben als hinten nichts gewinnen”

    großartig! :]

  • …deine schönen zeilen dort oben sind doch nur ein kleiner abriss, ein teaser in neudeutsch, dessen, was es alles richtigzustellen gibt. ist das literarische gesamtwerk bereits in arbeit?

    Lass mich doch erst mal warm werden. Schliesslich bin ich etwas aus der Übung aber das wird sich sicher wieder ändern und dann…

    Ansonsten vielen Dank für die vielen wohlwollenden Hinweise. Ich habe meiner Tochter die wichtigsten Trainingstipps bereits ausgedruckt und auf den Vorbau geklebt. Morgen ist wieder Training, mal sehen, was sie davon umsetzen kann.

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