Von der Eroberung des rückwärtigen Raumes…

Thalfang im Sommer 2011. Zum 10jährigen Jubiläum des Erbeskopfmarathons reisen wir zum ersten Mal bereits am Samstag an. Zu viert gehen wir Sonntags an den Start, YoGomez (frisch vermählt) mit Gattin auf der Mitteldistanz sowie Muschifix und meine Wenigkeit auf der langen Runde. Nach zwei Jahren Mitteldistanz will ich endlich wieder den Hammer bezwingen.

Per Bahn reise ich bis zum Bahnhof Türkismühle, an dem mich Muschifix bereits erwartet. Noch gut 30km bis Thalfang und wir begrüßen im Start- und Zielbereich bereits die ersten bekannten Gesichter. Noch ist relativ wenig los, lediglich die vielen Helfer wuseln umher und bereiten den morgigen Event vor. Wir beziehen erstmal unser Quartier im lokalen Feriendorf und warten auf die anderen beiden.

Kurze Zeit später tauchen die beiden auf und im Anschluss an die Übertragung der Tour-Etappe machen wir uns auf den Weg nach unten. Diverse Grillspezialitäten und Pasta „all you can eat“ stärken uns für den nächsten Tag.

Nach erreichen der nötigen Bettschwere geht es flux ins Nachtquartier. Noch einmal schlafen und dann warten wieder endlose Trails, Höhenmeter und Qualen auf uns.

Am nächsten Morgen müssen wir zum ersten Mal nicht um 5:00 Uhr aus dem Bett und den Weg in den Hunsrück antreten – wir sind schon da! Mehr oder weniger ausgeschlafen geht es nach dem Frühstück zum Start. Nach den letzten Vorbereitungen beziehen wir die Startaufstellung. Unsere Taktik heute: Früh abreißen lassen und spät ankommen.

Der erste Teil unserer Taktik geht voll auf. Nach ca. 200m verlieren wir den Kontakt zu den ersten beiden Dritteln des Feldes. Langsam aber stetig orientieren wir uns nach hinten. Die Aussichten sind herrlich, die ersten 40km führen uns meist durch offene Landschaft. Zwischendurch immer wieder knackige Ab- und Auffahrten, mal Trail, mal Autobahn.

Ein Höhepunkt im ersten Teil ist der „Schweineberg“, bis zu 24% Steigung beglücken die Fahrer und sorgen für mächtig dicke Beine. Besondere Ehre wird mir hier zuteil, der Anstieg hat noch einen zweiten Namen, seht selbst:

An einem der nächsten Anstiege verliere ich irgendwie Muschifix aus den Augen. Ich denke er ist nur kurz hinter mir und ich rolle mal langsam weiter. An der zweiten VP warte ich bereits gute 5 Minuten, als mir andere Fahrer berichten, er sei kurz dahinter. Wieder rolle ich weiter und hoffe das er bald wieder aufschließt.

Am dritten Verpflegungspunkt mache ich mir ernsthaft Gedanken, spätestens am 4.VP unterhalb des Erbeskopfes will ich auf ihn warten und lasse das durch die Helfer ausrichten. Dummerweise verfahre ich mich am Ende des Siegfried-Uphills und biege rechts auf die Strecke der 38KM’er. Auch von den eindeutigen blauen Pfeilen lasse ich mich nicht irritieren und erkenne mein Fauxpas erst oben. Spitze, jetzt bin ich oben auf dem Erbeskopf, aber mir fehlen feine Trails.

Also entgegen dem Fahrerfeld der 38KM’er wieder zurück bis an den Abzweig und auf die Originalstrecke. Kurz danach muss Muschifix genau das gleiche passiert sein, wie wir später rekonstruieren konnten. Im Gegensatz zu mir kehrt er aber nicht um, sondern knallt auf der vermeintlichen Verfolgung nach mir, die Skipiste von Rheinland-Pfalz höchster Erhebung runter. Ohne Rücksicht auf die „Achtung, langsam!“-Schilder passiert, was eigentlich nicht passieren darf.

Am Querweg haut es ihn brutal aus dem Sattel und mit spektakulärem Überschlag vom Rad. Angeblich kurz sogar benommen (O-Ton der Sanitäter) rappelt er sich wieder auf und rollt bis zum Verpflegungspunkt Nummer 4. Dort treffen zufällig auch YoGomez und Gretli ein, eine erste Schadensaufnahme wird vorgenommen.

Mittlerweile habe ich meine extra Höhen- und Kilometer auch hinter mich gebracht, begrüße die Helfer an der Streckenzusammenführung mit einem freundlichen „Und zum Zweiten, diesmal aber von der richtigen Seite“ und erklimme die letzten trailigen Meter bis zur Kuppe. Mit gedrosseltem Tempo (meine 9. Abfahrt) fahre ich, ohne vom Missgeschick zu wissen, die Abfahrt mit den nötigen Sicherheitsreserven.

An der VP sehe ich die anderen und erkenne was passiert ist. Sieht nicht gut aus, gar nicht gut! Nach ein paar Minuten können die Helfer, Sanitäter und ich unseren Kameraden davon überzeugen, das ein Weiterfahren nicht die beste Idee ist. Für Muschifix heißt das nach 70km Krankenhaus und Rennende. Schade, aber auch in Anbetracht von Mensch und Maschine die beste Alternative.


Helm schützt Kopf und Leben!!!

Ich rolle weiter und spüre nach der etwas längeren Pause ein heftiges Zwicken im Oberschenkel. Erst rechts, dann links, und ab dann immer im Wechsel. Nö, nicht schon wieder, habe ich doch extra Magnesium die letzten Wochen gefuttert. Es hilft nichts, noch liegen knappe 1000 Höhenmeter und fast 45KM vor mir.

Irgenwann bin ich einfach nur noch fertig, der Akku ist leer. Ein Gel, ein Iso-Gummibärchensaft-Gemisch später und ich fühle mich zumindest im Kopf wieder so weit, dass ich Rob einen Wunsch erfüllen kann. Ich kämpfe mich bis zum 6. VP und es liegen nur noch 13km vor mir.

Die Jungs von der Freiwilligen Feuerwehr versuche ich kurz zu überreden, mal „wegzuschauen“ am Abzweig. Aber außer einem Lacher ernte ich nur mitleidige Blicke. Die Einheimischen wissen, was Immerter Qual bedeutet! Ich auch…

Lieber ROB, ja, ich habe an Dich gedacht, aber die verspochenen Kräfte wurden nicht freigesetzt. Du kannst froh sein, das die Bilder ohne Ton sind. Ich hoffe DU quälst Dich im nächsten Jahr wieder selbst über die Wurzeln, Steine und Wiesen des Hunsrücks. Das obligatorische Beweisfoto nur für Dich:


Man, war ich da grau…

Aber auch diese Qualen gehen vorbei. In Immert und Bäsch sitzen die Leute zusammen und grillen, obwohl es mittlerweile immer stärker regnet. Seit dem Erbeskopf begleiten mich mehr oder weniger heftige Schauer. Die Abkühlung tut unglaublich gut und stört nicht im geringsten.

Endlich geht es über die letzte Kuppe und Thalfang liegt in Sichtweite. Die Wiese runter und ab auf die Zielgerade im Park. Und da sehe ich doch glatt wieder YoGomez und Gretli vor mir. Gemeinsam fahren wir über die Ziellinie. Schön war es mal wieder, DANKE!!!

Im Ziel wartet bereits Muschifix nach einem Besuch bei Dr.Röntgen in Hermeskeil auf uns. Alles noch dran und heil, Glück im Unglück! Ein gemeinsames Zielbild, Umtrunk und Verpflegung müssen noch sein, bevor wir uns langsam gen Heimat aufmachen.

Ich habe es bereits oft erwähnt und mache es trotzdem immer wieder gerne: Der Erbeskopfmarathon ist ein absolutes Muss. Die Strecke, die Landschaft und vor allem auch die Leute lohnen immer wieder einen Besuch. Ihr seid so unglaublich engagiert, lasst euch nicht von Sponsoren „kaufen“ – immer freundlich und hilfsbereit!!!

Hoffentlich habe ich den anderen Kadern ein wenig Appetit gemacht, wir haben sogar im Start- und Zielbereich unsere eigene „Box“:

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13 Antworten auf “Von der Eroberung des rückwärtigen Raumes…”


  • Danke für den Bericht Eule!
    Ich muss sagen ich hatte 70km lang fast sowas wie Spass. Danke nochmal an die Leute von der Orga für das geniale Rennen, die Sanitäter, die mich ins Krankenhaus gefahren haben, nochmals an die Jungs von der Orga, die mich wieder abgeholt haben und an alle die dabei waren.
    Ich werde das Rennen und die Schmerzen wohl noch ein paar Tage in deutlicher Erinnerung behalten, vor allem beim Duschen.
    Ich habe meine Bilder einfach mit in das Album eingefügt:
    http://bildarchiv.eisenschweinkader.org/v/specials/Erbeskopf2011/

    Bis bald!

  • Auch ich muss sagen: wieder eine extrem coole Veranstaltung! Nicht nur superfreundliche und hilfsbereite Leute an allen Ecken und Enden, sondern auch eine absolut gelungene Organisation und ein Team-Schild für uns neben den ganzen Ständen von Rotwild etc. – das spricht schon Bände! Das Rezept für den Buttermilchkuchen der letzten Verpflegungsstation hätte ich übrigens gerne… :-)

    War ich vor etlichen Jahren doch schonmal am Start (es gab noch gravierte Hefegläser als Trophäe), so startete ich diesmal unter etwas anderen Voraussetzungen: Mein geschaltetes Rad hat sich auf der letzten Tour kurz vorher verabschiedet (ein kleines Zweiglein reichte, um das Downhill-Schaltwerk abzureißen und in diverse Dimensionen zu verbiegen), beschloss ich auf dem ollen Singlespeed zu fahren und unsere Debütantin auf Ihrem ersten Rennen zu supporten. Man kann übrigens selbst als so mittel fitter Fahrer die Mitteldistanz ohne Schaltung und ohne Federung überleben – ich kann es jetzt aus erster Hand berichten! Die gelungene Eroberung des letzten Platzes spiegelt nicht annähernd die reale Fahrzeit wieder, hätten wir doch zweimal fast abgebrochen. Einmal wegen akuter Lustprobleme und einmal wegen akuter Luftprobleme, die sich aber zum Glück als nicht ernst erwiesen. Je länger wir fuhren, desto besser wurde ihre Stimmung, umgekehrt zu Eule… Aber was ein Timing, den gemeinsamen Zieleinlauf aller verbleibenden aktiven Teilnehmer hinzubekommen!

    Und Mischi: ich bin so froh, dass Dir nichts ernstes passiert ist! Helme retten echt Leben, das steht fest. Und überholen in der Luft funktioniert nicht, das lernen wir auch…

  • …und nen Fotobericht von nem Langstreckenrennen als Teilnehmer muss man auch erstmal bringen! :-)

  • Und nun gibt es einen Muschi-Gedenk-Downhill auch noch.
    Schöner Bericht und nun glaub ich es wirklich – das muss ein feiner Marathon sein.
    Vielleicht ….

  • … und Muschi, schminken ist einfacher um Böse auszusehen. Alter Schalter, Gute Besserung

  • Schminken kann aber jeder, Gesichtsbremsen muss schon gekonnt sein (sonst wird das nur gefährlich.

  • Vielleicht eher die Mischi-Fix-Pistenquerung oder so… :-)
    Aber Respekt auch dem Gewinner für einen 24er Schnitt – das ist mal echt ne Hausnummer!

  • Schöner Bericht, danke Darki.

    @yo gomez: Das Rezept vom Buttermilchkuchen besorge ich Dir. Den hat meine Tante (Elke aus Deuselbach) gebacken. Hätte die gewusst, dass ihr auf Hochzeits-Tour seit, hätte die euch einen eigenen Hochzeits-Kuchen gebacken. Die backt für ihr Leben gerne (und gut) !!

    Gruß aus Thalfang.

  • Ich dachte, hier geht es um Straßenrennen. Aber egal, hört sich spannend an und macht auf jeden Fall Lust auf mehr. ESK-Box, Eule-Gedenk-Trampelpfad – da könnte man sich ja glatt vorstellen, nächstes Jahr…
    Muschi, gute Besserung! Aber wie ich lese, hast Du Dir zumindest kein Ohr abgerissen.

  • Nachtrag: Hier noch das Rezept vom Deuselbacher Buttermilchkuchen

    Teig:

    2 Eier, 2 Tassen Zucker, 2 Tassen Buttermilch, 4 Tassen Mehl, 1 PK Backpulver.

    Alle Zutaten mit dem Rührgerät zu einem glatten Teig verarbeiten.
    Ein 4 eckiges Backblech mit Backpapier auslegen.
    Teig darauf geben und gleichmäßig verstreichen.

    Belag und Guß:

    1 Tasse Zucker, 1 Tasse Kokosraspel, 1 Tasse gehackte Mandeln, 1 Becher flüssige Sahne(200g)

    Backofen auf 200° vorheizen.

    Zucker, Kokosraspel und Mandeln verrühren und auf dem Teig verteilen.
    Den Kuchen auf der mittleren Schiene ca. 30 min. backen.
    Dann herausnehmen und sofort die Sahne über den Kuchen verteilen.
    Auf einem Kuchengitter auskühlen lassen.

    Alternativ:

    Nur 2 Tassen Kokosraspel oder nur 2 Tassen gehackte und gemahlene Mandeln nehmen

  • Na, denn schauen wir doch mal, ob der Kuchen auch ohne 60km Geländequalen genau so lecker schmeckt! :-)
    Vielen Dank für den Service – eine Hochzeitstorte hätte aber wahrscheinlich der Zielankunft massiv entgegengewirkt, auch wenn das Angebot natürlich sehr verführerisch geklungen hätte…

  • na klar ging der sturz gut aus, an/in muschis kopf kann ja nicht so viel kaputt gehen… und überholen in der luft ist bei dem wiesendownhill schon eine gute idee, nur müsste man die landung besser planen.

    darki, ich danke dir für das foto. vlt haben dir meine worte ja an der immerter qual etwas geholfen. aber wahrscheinlich hast du mich eher verflucht.
    danke für deinen bericht. ich will es ernsthaft versuchen kommenden jahr wieder dabei zu sein. ich will auch versuchen mehr radzufahren. du weisst ja wie das manchmal endet.

    grüße nach thalfang!

    rb

  • So, das Wochenende EBK 2012 steht bevor und die Teilnehmerschar des ESK ist riesig. Bin wirklich enttäuscht, jedes Jahr die gleichen Sprüche und dann kommt doch niemand. Zugegeben es ist wirklich ein weiter Weg von Berlin in den Hunsrück. Aber es lohnt sich und man kann ja noch weitere schöne Tage z. B. in der Pfalz, dem Elsass oder noch weiter im Süden dran hängen.

    Für 2013 hat ein gewisser Rob sich ja schon mächtig aus dem Fenster gelehnt, ich bin gespannt!

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