Der Ötzi. Oder wie man sich selbst besiegen kann.

Wir sitzen im Auto kurz vor Innsbruck und stehen im Stau. Es regnet seit Stunden. Die hohen Berge rund um das Inntal verängstigen. Am liebsten will ich gar nicht aus dem Fenster sehen. Und doch ziehen sie an, diese majestätischen Felstürme. 80 Millionen Jahre alt und noch immer so ein Brocken – die Alpen sind schon ein ganz schön zähes Luder. Staub weisst darauf hin, dass sich geradezu die Berge rund um den Kühtai, den ersten Pass des Ötzaler Radmarathons, ihren Weg durch die Wolken brechen. Mir wird schlecht. Außerdem bin ich schon seit 24 Stunden wach. Kemper und Staub haben mich mit ihrem Renngefasel während der gesamten Autofahrt kein Auge zumachen lassen. Nun, dann bin halt nicht nur vollkommen untrainiert, unvorbereitet, vom Material her aus einem anderen Jahrhundert und total unerfahren, sondern auch noch ohne Ende übermüdet.
Ich schalte mich wieder in die nie endenden Diskussionen ein. Es geht um’s Wetter. Es regnet ja. Ich versuche Staub zu erklären, warum die Vorhersage für den Renntag, also am Vormittag 0.5mm Niederschlag innerhalb von 3 Stunden mit einer 80%igen Wahrscheinlichkeit in der Praxis bedeuten, dass es quasi garnicht regnen wird. Staub fragt zurück, ob das draußen seit Stunden auch „Quasiregen“ sei. Ich schaue stumm aus dem Fenster. Kemper lacht und sagt, er würde sich freuen, wenn am Ende vom Rennen hoch oben auf dem Timmelsjoch Schnee liegen würde. Das würde dem Rennen wenigstens einen epischen Charakter verleihen und seine knallharte Radfahrerseele würde er dann auch im Vorteil wissen.

So ein Tag vor dem großen Rennen ist geprägt von allerlei Aufgeregtheiten. Unterkunft finden, Startnummernausgabe, Essen, taktische Besprechungen und sonstige Philosophiererei. Kemper mit 42:25, Staub und Stelze mit 42:26 Bergübersetzung. Wer nimmt die ’schnelle Flasche‘ mit? Zeitung oder doch Windjacke? Schieben am Kühtei? Wo wird der Angriff platziert?

Angriff? Überleben wollten wir. Und doch gab es für uns noch ein Rennen im Rennen. Auf unseren alten Rennmaschinen startend, waren wir drei von 30 Fahrer aus der Oldtimer-Kategorie. Und somit konnten wir einen unschätzbaren Vorteil genießen: Wir durften 15 Minuten vor allen anderen Startern in das Rennen gehen. Kein Gedränge, kein Geschubste, kein Sicherheitsrisiko (zumal bei den alten Arbeitsgeräten), sondern schnelle Fahrt auf 32km das Ötztal herunter. Ob wir wohl vor den schnellen Leuten aus dem Hauptfeld in Ötz am Kreisel ankommen würden? Egal, Plan war eigentlich ruhig anzugehen und keine Körner zu verschießen. Doch beim Abendessen rief Staub zu Plan A auf. Wenn das Feld der ersten 30 Oldtimerfahrer trödelt sollten wir angreifen, keine Zeit liegen lassen. Von hinten als Dreier-Perlenschnur am Feld vorbeiknallen und am Gashahn drehen. Wenn der Versuch nicht klappt soll sich Stelze an die Spitze des Peletons setzten, Tempo verschleppen und so die Möglichkeit für Kemper (von rechts) und Staub (von links) schaffen von beiden Seiten angreifen und davonfahren zu können. Wenn schon der gesamte Ötztaler für uns weniger ein Rennen um Platzierungen, sondern mehr ums Überleben wird, wollen wir wenigstens auf den ersten 30 Kilometern Wettkampfgefühl aufkommen lassen. Plan B: Mitrollen.
Nachher war es eine Mischung aus beiden. Eine Gruppe von zehn Fahrern konnte sich nach dem Start um 0630 leicht absetzen, immerwieder von Tempoverschärfungen forciert. Schnell gelangte man nach Ötz und in folgender Reihenfolge wurde der Kreisel durchquert und rechts hoch in den Anstieg gestochen: Staub, Stelzenacker, Kemper, der Rest. Ein kleiner Trost für die Qualen die noch folgen sollten.

Am späten Nachmittag des Tages vor dem Rennen gab es noch eine kleine Präsentation aller Oldtimerrennfahrer in der großen Sporthalle von Sölden. Sicher würde ich gefragt werden, wie ich trainiert hätte und welche Zeit ich mir vorstellte. Garnicht, wäre Antwort 1 und Antwort 2 ginge in die Richtung, dass Ankommen für mich so unvorstellbar sei, dass ich mir darüber keine Gedanken gemacht hätte, ich aber wüsste, dass das Zeitlimit am Jaufenpass bei 15:30 läge.
Nun, vor mir wurden einem echten Mehlauge genau die selben Fragen gestellt und er sagte zum seiner Zeitvorstellung etwas von 13 Stunden. Sollte ich tatsächlich schlechter sein als diese Plinse? Und schon hatte ich das Mikro vor den Lippen. Wie lange ich wohl brauchen würde? „Ja, ähm, so zwölf Stunden vielleicht“, entglitt es mir. Und wieviel ich trainiert hätte? Nunja, dieses Jahr, ähm, eigentlich, also, vielleicht so tausend Kilometer.“ Ein lautes, erschrecktes Raunen geht durch die volle Turnhalle. Vereinzeltes, bemittleidendes Klattschen. Pause. Dann wurde mir noch viel Glück gewünscht. Die dümmsten Bauern haben die dicksten Kartoffeln, fällt mir da schlussendlich nur zu ein.

So begaben wir uns Heim und gingen zu schon angesprochenem Abendessen. Da unsere Herberge direkt im Beginn des Anstiegs zum Kühtai lag, konnten wir uns den Spass nicht nehmen lassen, die gute erste Hälfte mit dem Auto hinaufzufahren. Ein steileres Stück folgte auf das nächste. Nach der heftigsten Rampe hatten wir genug und drehten um. Auch mein Magen, beinahe. Jetzt konnten wir uns endlich unserer Räder widmen und letzte medizinische Vorkehrungen treffen. Ich ging mit viel Unbehagen ins Bett. Was würde dieser Wahnsinn wohl bringen? Doch auch eine leicht naive Vorfreude auf die ersten Serpentinen am Kühtai stellten sich ein. War es nicht das, wovon ich beim Schauen der Tour de France immer geträumte hätte: Mit dickem Gang die Pässe erklimmen, sich Serpentine um Serpentinen hinaufschrauben, der Blick auf die Berge, Erschöpfung und Hochgefühl, halsbrecherische Abfahrten. Ja schon! Aber ich wollte doch trotzdem nicht schon am 29. August 2010 sterben. 240 Kilometer und 5500 Höhenmeter, eine Distanz die ich noch nicht ansatzweise in meinem Leben gefahren bin.

So sehr kalt war es am Start nicht. Da waren wir schon anderes gewohnt. So konnten wir die WIndjacken erstmal in der Trikottasche lassen. Bis Ötz lief es wie geschildert sehr gut. Auf den ersten Metern im Anstieg hinauf zum Kühtai wurde aber der Schalter umgelegt: vorne klein, hinten groß. Doch was war das verdammt? Im größten Ritzel schien das Schaltwerk in den Speichen zu hängen. Es ratterte und ratterte mit jeder Umdrehung. Muss wohl beim Transport zum Start passiert sein, mein Rad lag ganz unten im Fahrzeug. Das kann ja heiter werden. Und so musste ich also den ganzen Tag und in allen Anstiegen das 26er Ritzel unbenutzt lassen und mit 42:24 die Passhöhen erklimmen. Idiotie!

Kemper und Staub liess ich sofort ziehen. Ich musste meinen eigenen Rhythmus finden. Einen sehr langsamen. Im Wiegetritt stampfte ich den dicken Gang, hier und da ein Plausch mit einem Leidensgenossen, der Blick nach vorne in die Bergkulisse und kein Gedanke an das was heute noch bevorsteht. Erst nach ein paar Kilometern im Anstieg wurde ich von den ersten schnellen Gruppen der regulären Fahrer überholt. Wir hatten früher damit gerechnet. Den als nicht klein zu bezeichnenden, psychologischen Nachteil, dass ich ab hier den ganzen Tag nur und ausschließlich überholt werden würde, münzte ich in meinen Vorteil um. Im Wiegetritt nach unten starrend lächelte ich bei jedem Blick auf die Übersetzungen der mich Überholenden: Pussies, Weicheier, Saunauntensitzer. 39er Kettenblätter, Dreifachkurbeln, Mountainbike-Kassetten. Das hohe Gespindel im Sitzen betrachtete ich als stillos. Ob sie es wohl als arrogant ansehen, wenn sie bemerken, dass ich nichteinmal mein größtes Ritzel benutze, schoss es mir immer wieder durch den Kopf. Wahrscheinlich denken sie nur ich sei doof. Garnicht so unrecht – aber wenigstens mit Stil.

Die Serpentinen nahm ich mit Freude, am steilsten Stück biss ich die Arschbacken zusammen, weiter oben genoss ich die geistige Leere im Kopf. Und dann kam der Moment, an dem ich dachte, dass ich es vielleicht doch schaffen, das Ziel erreichen könnte. Ohrwürmer sind nicht unerheblich bei langen Radtouren, ein Guter kann die Laune durchaus nachhaltig heben. Und da stand er, der Red Bull Truck mit DJ und dickem Soundsystem, in der Kurve vor dem Ortseingang. Und er spielte einen Partykracher schlechthin. Ein Lied (Link in neuem Tab öffnen), das mich an einen der besten Partymomente in Berlin erinnerte. Gott habe ich innerlich gefeiert. Leider hat der DJ nicht hergeschaut, ich hätte ihm gerne zu verstehen gegeben, was für eine coole Sau er ist und das er mir wahrscheinlich den Tag gerettet hat.

Fast oben in Kühtai.

Zurück im Hier und Jetzt. Ein letzter, gemeiner Stich und ich erreichte ich Verpflegung am höchsten Punkt in Kühtai. Hunger hatte ich. Bananen wären gut, sagte Kemper auf meine Frage, was man denn so essen sollte an den Verpflegungen. Ich verdrückte vier Bananen und drei Cornyriegel, ein paar Käsestullen und ließ mir noch eine Plastiktüte geben, die ich für die Abfahrt vorne unter das Trikot steckte, wegen des kalten Zugwindes. Ich hatte keine Lust meine Windjacke anzuziehen.
Hilfe, was habe ich gefrohren bergab! Meine Furcht auf noch regennasser Fahrbahn gepaart mit unablässigen Zitterns aufgrund der Kälte. Ich fuhr so langsam, dass ich Angst hatte, jederzeit von hinten überrollt zu werden. Im Tal angekommen fühlte ich mich elend und schwach, alle Kraft schien mir der Wind auf der Abfahrt aus den Muskeln geblasen zu haben. In der Endabrechung verlor ich auf diesen 15 Kilometer Abfahrt sagenhafte 400 Plätze!

Durch Innsbruck wurde mir zwar wieder warm, aber auf den ersten Metern hinaus aus dem Ort schien das Rennen für mich vorbei. Ausgepumpt und kraftlos, die schlechte Abfahrt, mit Krämpfen im ersten Anstieg. In der Stadt verlor ich meine volle Trinkflasche und musste mich mit der zweiten, fast leeren begnügen. Die flache Brennerstraße hinauf bekam ich Sitzbeschwerden und Taubheitsgefühle an einer Stelle, an der Mann auf keinen Fall nie nicht welche haben sollte. Wie eine Schildkröte fuhr ich die recht flache Brennerstraße hinauf. In keine Gruppe konnte ich reinspringen oder mich ziehen lassen. Ich war total am Ende und desillusioniert. Ich wusste zwar schon vorher, dass dies die erste Phase im Rennen sein würde, wo ich sicher Probleme haben könnte, so nach 100 Kilometer. Aber das die Probleme so grundlegend und allumfassend sein würden, darauf war ich nicht vorbereitet.

Da ich so gerne im Wiegetritt bergan stampfe, wusste ich, an welcher Stelle die Entscheidung des Tages auf mich warten sollte. Das letzte Stück hinauf zum Brenner wird nochmal steil, bis zu 12%. Wenn ich hier deutliche Probleme haben würde, dann könnte ich das Rennen am Brenner beenden. Sollte ich aber die letzte Steigung gut hinaufklettern, könnte ich zuversichtlicher den Rest versuchen anzugehen. Und so war es auch. Im Wiegetritt nahm ich die letzten Meter hoch zum Brenner und war zum ersten Mal nicht langsamer als der Rest. Oben angelangt wurden die Energiespeicher aufgefüllt. Ich ließ mir Zeit, das starke Gedränge ließ aber Eile auch nicht wirklich zu. Auf der Abfahrt nach Sterzing konnte ich Tempo machen, das machte Spass und ließ die Qualen vergessen. Im Ebenen angekommen nahm ich Geschwindigkeit raus und bereitete mich gedanklich auf den Jaufenpass vor.

Die Steigung war angenehm und ich fand schnell mein Tempo. Die meditative Monotonie des Rennradfahrens im Berg hatte mich in ihren Bann gezogen. Mit dem Ohrwurm im Kopf ging es durch den schönen Wald bergauf. Hier und da halfen ermunternde oder respektzollende Wort einiger der vielen Überholenden und steigerten die Motivation zusätzlich. Die Einschätzung einer Mitfahrerin, ich „sähe noch gut aus, dafür das ich so bergauf führe“, nahm ich als positives Zeichen. In der einen Ortschaft die wir durchquerten stülpte ein Fahrer am Wegesrand seinen Mageninhalt nach außen. „Lieber will ich tot vom Rad fallen, als so am Straßenrand zu stehen“, dachte ich zu mir und wog das Rad weiter von links nach rechts.
Oft starrte ich minutenlang im Wiegetritt stampfend nur auf meine Vorderradnabe, wo sich die Campagnolo Record-Gravur langsam drehte, der Asphalt unter dem Rad wegglitt und die Gabel von einer Seite zur anderen schwankte. Ein Zustand tiefer Sturrheit, abwesend und leer und doch so angenehm. So wie fast das gesamte Rennen fuhr ich nie am Limit, immer nur kontrolliert darunter, langsamer Puls, kein Schweiß, ruhige Atmung und Geistesabwesenheit. So habe ich mir das vorgstellt. Anders mag ich nicht bergauf fahren.

Und doch habe ich mich gefragt, wie bescheuert ich eigentlich sein kann. Die ganze Zeit so auf Kraft zu fahren, wo man sie doch eigentlich gar nicht haben kann, musste sich rächen. Wann kommt nur der Mann mit dem Hammer? Wenn ich oben am Jaufenpass bin, so rechnete ich zusammen, werde ich die meisten Höhenmeter am Stück bisher überhaupt gefahren sein. Und dann kommen noch 2000 weitere! Unglaublich bescheuert, hier einfach blindlings mitzufahren.

Nach der Verpflegung ging es noch ein Stück bergauf, ehe die Passhöhe überwunden wurde und ich mich in die Abfahrt stürzen konnte. Diesmal aber mit Windjacke, die ich der Zeitersparnis willen schon an der Verpflegung angelegt hatte.
Im Gegensatz zum Kühtai war die Abfahrt ein Traum. Unerschütterlich stürzte ich mich auf dem Asphaltband bergab. Mich überholte bis ins Tal nur ein Fahrer, ich selber kassierte locker 50 andere. Hart links fahrend rauschte ich an vielen vorbei. Vor und in den Serpentinen überholte ich dank späten Bremspunktes und guter Kurvenlage gerne ein halbes Dutzend Mitfahrer und aus den Kehren heraus gab ich richtig Vollgas. Ich hatte noch Kempers Wort von der Hinfahrt im Ohr: Bei einem Kriterium muss man nach den Kurven richtig reinhacken, dann hat man es auf der Geraden einfacher. Nun, es ging zwar bergab und nicht um Positionskämpfe, aber warum nicht trotzdem die Abfahrt auskosten und alles geben?
Vielleicht weil ich dadurch im Tal angekommen von dem schnellen Gekurbel krämpfe bekam. Nach den 1300 Höhenmetern bergab waren meine Muskel sauer, die Beine schwer und dicht und auf den ersten ebenen Metern machte der Muskel zu und Stieg erstmal ab, um meine Windjacke auszuziehen. Es war warm in St. Leonhard. Noch 2000 Höhenmeter lagen vor mir. Das Timmelsjoch zu erreichen lag vollkommen außerhalb meiner Vorstellungskraft. Ich war zwar nicht kaputt, aber wie sollte ich oben ankommen, wenn ich hier schon von Krämpfen geplagt wurde? Ich musste es drauf ankommen lassen.

Die ersten Meter waren schwer, aber als es steiler wurde und ich aus dem Sattel gehen konnte, ging es besser. Keine Krämpfe. Ich fuhr stur vor mich und wollte ersteinmal den Ort Moos erreichen. Hier war ich schonmal mit Rikman auf einer unserer Singlespeed-Alpentouren. Es war hart, aber ich spulte einfach das Programm ab. Hinterm Ort dann der Schock: steil schlängelten sich einige Serpentinen rechts den Hang hinauf. Schwer trat ich bergauf. Trat und trat. Das rechte Bein „fallen lassen“, dabei nach vorne lehnen und hinten treten, den Kraftbogen aufbauen, das Rad nach links wiegen. Dann das linke Bein fallen lassen, wieder nach vorne lehnen, treten, das Rad nach rechts wiegen. Pedalumdrehung für Pedalumdrehung, wie man es vom Singlespeedfahren kennt, nur in Slowmotion. Dann der nächste Schock. In reichlich Entfernung in Blickrichtung Timmelsjoch eine riesige, hohe Felswand, an der sich Serpentinen in den Himmel zu schlängeln scheinen. Um Gottes willen! Das kommt alles noch!

Auf dem Weg zum Timmelsjoch.

Es wurde erstmal flacher. An der letzten richtigen Verpflegungstation gab es Kraftbrühe. Ich traf Staub, herrje, was ist dem nur passiert? Er hatte drei Plattfüße, hat schwer gelitten. Er habe sich auf eine Leitplanke gesetzt und nicht mehr weitergewusst. Auf den Brustwarzen sei er bergauf gekrochen. Doch er schien mir guter Dinge. Er fuhr schon voraus und ich wusste, dass ich ihn sicher nicht einholen werden würde. Später machte auch ich los, nichtsahnend was noch kommt, steckte mir mein letztes Powergel unter die Radhose am Oberschenkel, um es im richtigen Moment zünden zu können und füllte mir erstmals etwas Red Bull Gedöns in die Trinkflasche.
Dann ging es in den finalen Teil des Anstiegs. Langsam und ruhig, ohne Eile. Ich war froh, bis hierher gekommen zu sein, dieses Alpenpanorama erleben zu dürfen, mitlerweile mit vielen Mitfahrern mithalten und weiter meinen Gang treten zu können. Wenn es etwas „flacher“ wurde setzte ich mich kurz hin und fuhr ein paar Meter hauptsächlich an den Pedalen ziehend etwas schneller bergan. Dann wieder, wie fast die ganze Zeit, im Wiegetritt. Die Serpentinen machten Spass, ich schlängelte mich bergan, Kurve für Kurve. Immer wieder schaute ich den Hang hinab und auf die Berge drumherum. Grossartig. Ich dachte an die vielen Wochenenden, an dehnen ich mir die Nächte um die Ohren gehauen habe, getrunken und geraucht, an denen ich tagsüber verkatert rumlag und sicher nicht radfahren wollte. An die vielen Ausreden, die ich parat hatte. Und das es einfach nicht gerecht ist, hier so die Berge hochzufahren, mit dieser unterirdischen „Vorbereitung“. Eigentlich sollte ich vom Rad fallen und eines besseren belehrt sein. Aber ich fuhr und ich fand es toll. Ich mochte die Anstrengung, vorangetrieben vom Hochgefühl eines Ausdauersportlers. Manchmal hat man das auch nach stundenlangem Tanzens, aber nur wenn die Musik stimmt. Hier stimmten die Berge. Und wenigstens der Ohrwurm. Bei einem besonderen Zustand: bestimmt nicht schwerelos, aber gedankenlos, weit weg von Rationalität, einfach nur etwas wahnsinnig. Gott, war das ein gutes Gefühl. Am letzten Tunnel, von wo aus es nurnoch kurz flacher zum Timmelsjoch hoch ging angekommen, war ich fast traurig, dass der Anstieg nun zu Ende ist. Die letzte Passhöhe nahm ich ohne große Gefühlsregung, hielt an, erleichterte die Blase, zog die Jacke an und stürzte mich in die Abfahrt. Berauschend!

Zur Mautstation sollte es die letzten 200 Höhenmeter bergan geben. Ich beschloss das nahe Ende des Rennens als Anlass zu nehmen, um einmal bergauf 100% zu fahren. Ich beschleunigte und überholte gegnerische Fahrer. Der Puls raste zum ersten Mal an diesem Tag den Hals hinauf, so wie ich es vom Mountainbike kenne, wenn man mit dem Singlespeeder einen Anstieg volle Kanne hochprügelt. Keine Flachatmung mehr, ich schnappte nach Luft und gab Gas. War das herrlich! Jetzt noch Tempo machen zu können. Und da war auch schon die Mautstation, jetzt nurnoch hinunter ins Tal.
Nach Sölden hinein ließ ich es halbwegs gemütlich ausrollen. Und im Ziel angekommen, kam mir schon Staub entgegen, der eine Viertelstunde vor mir angekommen war. Ich fragte ihn, ob wir nicht noch wie gestern vereinbart, zum Rettenbachferner hochfahren, um die epische 6000 voll zu machen. Hielt das aber im selben Moment doch nicht für die beste Idee des Tages. Dann kam Kemper, wir beglückwünschten uns herzlich und schon gab jeder seine Geschichte des Tages von sich. Das witzigste Detail dabei: ich habe mit 11h:54min knapp 12 Stunden gebraucht, so wie am Vortag in der Sporthalle naiverweise behauptet.

Als wir im Auto saßen um zur Herberge zu fahren, merkten wir erst, wie kaputt wir eigentlich waren. Eine Art körperloser Schwebezustand. Ganz und gar unerklärlich. Am Abend dann Duschen, Bierchen, Schnaps mit der Vermieterin, Essen fahren und alsbald ins Bett. Aber mein Körper war zu kaputt um richtig Schlafen zu können.
Am nächsten Morgen dauerte es eine Weile, bis ich in die Gänge kam. Zwei Kaffee von Staub taten aber ihr übriges. Die Schmerzen hielten sich in Grenzen und wir labten uns noch ein wenig an den Erinnerungen das Vortages. Was für ein Erlebnis. Rennradfahren in den Alpen, ich bin wohl infiziert. Ein Glück sind die Alpen so weit weg. Ich würde sonst vielleicht noch zum Sportler werden. Aber auch und gerade und eigentlich hauptsächlich der Faktor, diese wenige Zeit Seite an Seite mit Staub und Kemper erlebt zu haben, war die beste Erfahrung dieser Tage. Ich würde nicht die richtigen Worte finden, um das zu beschreiben, also lass ich es hier und jetzt.

Es tat mir Leid, Kemper und Staub zurück zu lassen. Sicher wären beide gerne mitgekommen, anstatt mit dem Auto wieder nach Berlin düsen zu müssen. Und ich hätte nicht alleine aufbrechen müssen. Aber wie es an diesem Montag nach dem Rennen mit dem Rad weiterging, mit dem Hahntenjoch bei Sturm und Schneegraupel und den verschneiten und verregneten 140 Kilometern am Dienstag bis nach Lindau an den Bodensee, dass muss in einer weiteren Geschichte erzählt werden. Dann auch mit ein paar eigenen, tollen Bilddokumenten.

Die letzten steilen Kehren zum Joch.

rb

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20 Antworten auf “Der Ötzi. Oder wie man sich selbst besiegen kann.”


  • Rob, du bist so’ne harte Sau!!! Endkrass, endgeil, endunglaublich!

  • ….niemand gibt uns eine Chance
    doch wir können siegen
    für immer und immer
    und wir sind dann Helden
    für einen Tag….

  • Rob, in Ehrfurcht erstarre ich vor dir. Als wir uns am Freitag im Laden traffen, war mir nicht klar, was ihr da vorhattet. Am geilsten finde ich, die Bilder mit der sichtbaren schlechteren Kettenlinie der anderen Muschies hinter dir. Psychisch sind die an dir nie vorbeigekommen.

  • Herrlich!
    Großartig!
    Danke!

  • Mensch Rob, beim Lesen deiner Zeilen kam ich mir vor als wäre ich dabei. Wunderbarer Bericht!
    Auf dem letzten Bild bist du aber schon fast so weiß wie dein Leibchen – das war scheinbar schon körperloses Schweben.

  • danke freunde!

    j-coop, das licht war wohl etwas ungünstig an dieser stelle. ich habe noch versucht etwas an den farben zu drehen, hatte aber gestern nacht um drei keine lust mehr die richtige funktion bei diesem blöden gimp zu suchen.

  • Gestern noch in den Treskowstuben beim kühlen Blonden und `ner Fluppe – Heute Bezwinger des Ötzi. rob, ganz großes Kino. Grandioses Rennen – grandioser Bericht. Danke!

  • Vielen Dank für den schönen Bericht, Rob! Jajaja, mein Sohn, auch du wirst bald den Schwund der Reserven immer deutlicher diagnostizieren! Glaube nicht, dass du weiterhin ungeschoren davon kommst. Dafür ist Radsport zu ehrlich, zu hart und mit langem Tanzen in euren finsterverqualmten Drogentempeltechnoschuppen hat er (der Radsport) rein garnicht zu tun! Also radel nochmal schnell 2, 3 Mal ummen Block, damit die Beine in Italien nicht krum werden. Freue mich auf Dich und Staub… Kemper

  • Früher lauschten wir andächtig den Geschichten um die Recken Ilja Muromez, Dobrynja Nikititsch und Aljoscha Popowitsch. Und nach dem Lied:
    „lja Muromez steh auf
    Gib deinem tapferen Herzen Ruhm
    Richte deine Schultern auf
    Lass deine Beine nicht mehr ruh´n“

    fahren auch unsere Recken Ruhm ein, daß die alten Geschichten verblassen.

  • Ey Rob, da kommt immer der gleiche Song bei den Links, hängt wohl die Schallplatte…

  • Wahnsinn! Nein, ich beneide dich nicht, aber ich finde, dass du eine eisenharte Sau bist, Respekt!

  • Ich kann deine Qualen so gut nachvollziehen und beim lesen fangen meine Beine auch gleich wieder an zu brennen und zu schmerzen ! Für dein Durchhalten und Kämpfen ziehe ich den Hut vor dir. Respekt meiner lieber Robsen !

    S.

  • rob, du bist ein eisenschwein! ganz großer radsport!

  • Tolles Erlebnis & mitreißender Bericht. Das ist schon eine grandiose Landschaft da am Timmelsjoch. Ich hoffe, deine Knie haben das stundenlange Gewürge im Wiegetritt schadlos überstanden. (Was ihr nur an diesen ollen Stahlgurken so toll findet?!)

  • Grandiose Leistung, Stelze – sowohl sportlich als auch literarisch. Ich zieh meine Bianchi-Kappe und den Sturzring dazu! Mit 42:23 hab ich mich über meine erste L’Eroica gequält. Damit in den Alpen zu fahren, ist ein Maso-Trip, den ich mir selber nicht antun könnte.
    Höchst erfreut entnehme ich den Worten des von mir hoch verehrten Kemper, dass die bewährte ESK-Mannschaft wieder fürs Finale in der Toskana nominiert wurde. Wir sehn uns in Gaiole!
    Segafredo

  • Bravo!
    Und auch schön, daß es noch Menschen gibt, die beinahe durchgängig unsere alten Kommaregeln zur Anwendung bringen.

  • alter, der tv report ist ja geil!
    gratulation den eisenschweinen! der jung aus hamburg ist aber auch die härte auf rädern.

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