Erstes ESK-Team-Zeitfahren


Erstes ESK-Team-Zeitfahren.

16. April 2010. Der Morgen ist grau, die Sonne scheint nicht, dafür ist es kalt. Die schönen Ausfahrten auf der Sonneninsel Mallorca sind vorbei, viele geben sich der intensiven Vorbereitung auf ein Ereignis im Sommer hin und sind für gemeinsame Ausfahrten kaum noch zu erreichen. Meine Gedanken sind deshalb fast so trüb wie der Morgen.
Es muß doch etwas geben, was mal wieder eine größere Horde zusammenbringt, etwas legendäres mit Spaß.

Und so fanden folgende Worte ihren Weg in einen kleinen Teil des Weltnetzes: „Wenn die Nächte kurz und lau sind, wäre es da nicht schön, sich mal zum abendlichen Sport zu verabreden? Und die geworfenen Fehdehandschuhe der letzten Monate aufzuheben? All die Großsprecher und Zwergpiraten bei der Umsetzung ihrer lauthals verkündeten Mindestanforderungen zu beobachten?

Ich denke an ein Einzelzeitfahren auf Berlins bekanntester Strecke. Der Meile der Poserräder. Dem Laufsteg der Radsportbekleidung von gestern und morgen. Von der Tanke an der Spinnerbrücke die Havelchaussee entlang und den Postfenn hoch. Wenns beliebt auch wieder zurück. Start ab 21:00 oder 22:00, wenn kein Verkehr mehr herrscht. Und danach in Ampels Geburtstag reinfeiern und den Alpenüberfahrern bei den Berichten von Vorfreude und Verdauungsschwierigkeiten lauschen.“

Der Gedanke wurde skeptisch aufgenommen. Und da es schon ein Einzelzeitfahren gibt, wurde ein Zweier-Teamzeitfahren ins Leben gerufen.
Verschiedene Modi wurden ins Spiel gebracht und verworfen, beide zusammen oder nacheinander, mit Zwischenprüfung, geloste Paare etc. Letztendlich hieß es aber: 2 Mann finden sich und fahren zusammen auf knapp19km. Von diesem Gedanken wurde hier und da etwas geplaudert und am Tag vor dem Rennen standen auch schon 5 Paarungen bereit. 5 Paare, knapp 20km, also müssen 2 Kisten Bier besorgt werden.

17. Juni. Der Tag ist lang, hell und warm. Die Vorfreude greifbar. Ich treffe mich mit Boom 2 Stunden vor dem Start im Biergarten am Friedrichshain. Er wählt schadstofffrei, ich ein Alkoholbier. Zu fünft fahren wir zum Grunewald, unterwegs lesen wir ein weiteres Starterpaar auf. An der Havelchaussee erwartet uns schon ein aufgeregter Mob. Leider werden die Planungen für die Streckenposten über den Haufen geworfen, der eine will filmen, der andere erscheint nicht. Doch Meckx und Bo übernehmen die Aufgaben und meistern diese auch grandios.

Schwaden von Testosteron wabern durch die laue Abendluft. Verschiedenste Materialstudien werden an den Start gerollt. Einzelfahrer werden schnell noch zu Teams zusammengeschlossen. Da einige auf schwergewichtiges Blendwerk verzichten wollen, wird auf einen frühen Start gedrängt. Und 21:20 ist es soweit. Boom und ich stehen am Start. Wer soll als erster in die Führung? Wann und wie oft soll gewechselt werden? Und wie schnell sollten wir fahren, um das Ziel lebend aber vielleicht nicht als letzte zu erreichen? Fragen über Fragen, die dringend geklärt werden sollten, doch das Startkommando kommt und es geht los. Noch vor 3 Tagen habe ich die Hälfte der Strecke in 15Minuten 30Sekunden hinter mich gebracht, mit Boom und Adrenalin wären 30 Minuten für die gesamte Strecke eine schöne Sache.

Es geht vom Start weg erstmal etwas aufwärts. Trotzdem schiebt sich die Kette wie von Zauberhand auf immer kleinere Ritzel.
Boom fährt kompakt und deshalb noch kleinere Ritzel als ich. Beide haben wir auf Bergkassetten verzichtet und fahren zeitfahrtypische 11-21er Ritzel. Schon nach wenigen hundert Metern rudern Booms Ellenbogen, soll ich jetzt etwa in den Wind?
Na gut, ich versuchs mal. Allerdings sind wir uns uneinig (auch das haben wir vergessen zu besprechen), wie der Führungswechsel ablaufen soll. Läßt man sich links oder rechts zurückfallen? Nach mehreren Versuchen pendelt es sich ein, daß links überholt wird.
Es geht sanft bergab, die Lunge fängt an ihr rasselndes Lied zu singen, die Tachonadel führt die polizeilich angeordnete Tempobegrenzung ad absurdum. Flach gehts am Ufer entlang, da uns Autos entgegen kommen, werden die Laternen angeknipst.
Kurz vorm Willi bitte ich Boom etwas rauszunehmen, damit wir bei der Auffahrt nicht verrecken. Er fährt auf dem großen Blatt in den Hang, ich kette 39-12. Und erstaunlich leicht geht’s bergauf. Tempo 30 kann ich allerdings nicht lange halten, doch eigentlich soll der aus dem bergigen Thüringen stammende Boom hier das Tempo machen. Doch undefinierbare Geräusche in meinem Rücken und ein kleiner werdender Lichtkegel lassen mich weiter rausnehmen. Gut so, gleich gehts mir wieder besser. Boom ist wieder dran, es kann wieder stärker Fahrt aufgenommen werden. Oben stehen Sprotte und Oldboy, frenetisch jubelnd. Den Willi runter, ein Schluck aus der Pulle und in den linksgeschwungenen Gegenhang mit 53-12.
Heijeijei, das schmerzt doch gleich ist’s vorbei und es rollt sanft auf den Postfenn zu. Bo steht in der Kurve, kaum zu erkennen, da er die Warnweste aus Angst vor der Polizei ausgelassen hat. Und dann durch die Kurve gekratzt und in den Postfenn.
Mal sehen, wie lange ich durchhalte. Die Farben ringsum werden fahler, Lichtblitze zucken. Noch ein paar hundert Meter. Gleich müsste Meckx zu sehen sein. Wo ist der nur? Sitzt im Auto. Ich will lauf pfeifen, doch die Lippen sind zu trocken. Ich will rufen, doch ich habe keine Luft. Doch er sieht uns und springt als Wendemarke auf die Straße. Endlich eine längere Strecke bergab. Warum nicht einfach ducken und rollen lassen? Das Leben könnte doch schön sein.

Was ist das? Wir nehmen gerade wieder Fahrt auf, als Menis und Staubi uns schon entgegen kommen! Das ist weniger als die Minute Abstand beim Start! Also wieder rein isn Pedal getreten. Am Fuße des Postfenn kommen uns gleich mehrere Teams entgegen. Und alle geben alles.
Am Schildhorn wartet Boverhannes auf uns, um unsere schmerzverzerrten Visagen auch noch für die Nachfahren auf Zelluloid zu bannen. Während wir keuchend alles geben, fährt er locker und einhändig nebenher und filmt uns! Arschkrampe! Wo ist eine ordentliche Rahmenpumpe, wenn man sie braucht?
Und schon wieder den Willi hoch. Geht schon besser als beim ersten Mal, vielleicht weil ? Ja warum? Klare Gedanken gehen nicht mehr. Sprotte und Oldboy jubeln immer noch. Auf der Abfahrt vom Willi fahren wir auf ein Auto auf. Boom will in der ersten Kurve überholen, überlegt es sich aber Gott sei Dank anders. Und der Autofahrer spielt Spielchen mit uns. Bleibt immer kurz vor uns, egal wie wir fahren. Immer deutlich über 40 Stuckies. Die letzte Welle, S. rollt Richtung Ziel und feuert uns nochmal an. Die Kurve und damit das Ziel sind in Sicht, ein letztes Flackern im Maschinenraum, eine verzweifelte Kette wandert ein letztes Mal nach rechts. Geschafft! Nicht eingeholt worden! Zeit? Deutlich unter einer halben Stunde!
Zufriedener kann man nicht sein.

Als die Beine langsam aufhören zu zittern und das warme Bier seine beruhigende Wirkung zeigt, steigt wohliges Lehnstuhlbehagen auf. Die Euphorie ist allen ins Gesicht geschrieben, eine Wiederholung fürs nächste Jahr fest eingeplant.

Mein Glückwunsch an die Sieger, wegen Euch in den Alpen ist mir nicht Bange. Zwock behauptet weiterhin, er sei Sieger. Alle anderen hätten wegen Geschwindigkeitsübertretungen disqualifiziert werden müssen.

Twobeers

Danke Boverhannes, für das wirklich coole Video!

4 Antworten auf “Erstes ESK-Team-Zeitfahren”


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