In jedem verdammten Frühjahr – Göttingen, mein Göttingen

Vielleicht liegen die besten Jahre hinter mir. Aber ich werde weiter in die Pedale treten solange das alte Herz noch pumpt.

Nachdem ich die Laufräder eingebaut hatte, drehte ich eine Proberunde auf meiner Maschine. Ich fühlte mich unsicher, obwohl wir zusammen so viele Stunden schon geritten waren. Seit 1997 waren wir ein Team. Ein Satz neue Laufräder, ab und an neues Lenkerband, ein Sattel, viele Ketten und ein paar Ritzelpakete, das sind die Änderungen, die ich vorgenommen hatte. Vater Chronos schickte Narben: Tiefe Kratzer und Schläge im empfindlichen Nasslack des Rades – aber auch auf der Haut und, mehr noch, der Seele des Reiters.
In dieser Zeit hatte ich oft 4, vielleicht auch 5 Tage in der Woche auf diesem Rad gesessen. In diesem Jahr aber war es die Premiere. Und es war eine Stunde vor dem Rennstart zur diesjährigen Tour d´ Energie in Göttingen.

Meine Vorbereitung? Ein bisschen Joggen, Fußballspielen und seit drei Wochen ein paar Radtouren auf dem Mountainbike. Dazu ein chronisches Nebenhöhlenleiden, dass mich im Winter dreimal eingeholt hatte.

Wenigstens die Handgriffe saßen, acht bar auf den Schläuchen, zwei gut gefüllte Flaschen, eine mit Wasser, eine mit Zaubertrank, etwas zu Naschen und Flickzeug in den Taschen.

Der Start erfolgte aus einem der hinteren Blöcke, war ich doch in den Vorjahren nur auf der Kurzstrecke aktiv gewesen. Ich war nicht nervös, eher empfand ich die Anspannung des Patienten vor einer Magenspiegelung. Es würde harmlos, aber unangenehm werden. Wir waren zu dritt und wollten vor allem zusammen durchkommen. Neben meinem ewigen Begleiter Kreuzpeilung war da noch T., der jedes Jahr ein bisschen mehr Lust auf Radsport hatte und nach seiner Premiere im Vorjahr dieses Mal richtig hungrig war.

Ich nehme mir nicht die Zeit, euch mit Details zu nerven. Die erste Steigung war bestimmt von unseren Wunsch, zu dritt zu fahren und so ging es relativ entspannt bergan, wer vorbei wollte (es wollten viele vorbei), den ließen wir vorbei. Es war abartig heiß und so blieb es auch!

In der zweiten Steigung waren Kreuzpeilung und ich plötzlich nur noch zu zweit. In der langen Abfahrt nach Hann Münden ließen wir es rollen und bremsten sogar, um T. wieder herankommen zu lassen. Leider lagen in einigen Kurven erste Opfer der Tour – einen Radler sah ich auf einem Acker, gute zehn Meter von der Straße entfernt. Muss irgendwie nicht mitbekommen haben, dass da eine Kurve kam. In der nächsten Linkskurve wieder ein Opfer. Hoffentlich blieb es bei ein paar Prellungen….

Auf dem Weg zum Bramwald, wir hatten erkannt, dass unser Team nicht mehr zusammenfinden würde, offenbarte mein Mitstreiter mir seinen Harndrang. Wir einigten uns, dass ich langsam den langen Anstieg hochfahren würde und bei der Verpflegungsstelle warten würde. Außerdem kam es zu folgendem Dialog, der trotz seiner Einfachheit einen tiefen Blick auf unseren Zustand zulässt:

„…bin jetzt schon platt.“
„Ich auch. … keine Ahnung, wie ich noch die Berge hochkommen soll.“
„Tritt für Tritt!“

Ungeschminkte Erschöpfung, gepaart mit Fatalismus.
So fuhren wir auch in den Berg, fanden unseren Tritt und schraubten uns auf der sechs Kilometer langen Steigung langsam nach oben. Ich hatte einen Moment nur die Bremse meines Vordermannes angestiert als ich plötzlich realisierte, dass K. mit dickem Gang losgefahren war, schon lagen 20 Meter zwischen uns. Und er gab richtig Gas, mit jeder Umdrehung war er weiter weg. Keine Chance da ranzukommen, ohne über die Grenze des in dieser Phase sinnvollen hinauszugehen. War ich frustriert!
Aber halt, er wollte doch mal austreten. Sicher würde er an der nächsten Biegung stehen….

Keine Spur mehr von ihm. Auch nicht an der Verpflegung. Sicher hatte es ihn gepackt und er wollte es doch wissen. Man, ich war also richtig mies, hatte ihn nur aufgehalten.

Hilft nix, weiterkeulen!

Ich suchte mir ein Hinterrad und freute mich, dass diese Pfeifen, die mit mir zusammen unterwegs waren, davon sprachen, dass sie in diesem Jahr schon auf Malle „im Trainingslager“ gewesen waren. Und dann eierten sie auf ihren Lightweightfasern bei mir rum, bei Häuptling Kalte Hose? Na ja, Klasse kannste nich kaufen. Meine Laune besserte sich. Nochmehr tat sie dies, als sich Mitfahrer darüber austauschten, ob der Anstieg, den wir zusammen hochlullerten der Hohe Hagen sei. „Nee, Jungs, wenn ihr am Hagen seid, werdet ihr es sicher wissen, der tut weh!“ Jetzt hatte ich echt gute Laune! Die hielt auch an, bis ich tatsächlich am Hagen war. Das Ding ist echt anstrengend und machte mir klar, das starke Hüften und schwache Beine keine gute Kombi sind.

Irgendwie ging es drüber, irgendwie fand ich eine gute Gruppe. Allerdings bekam ich erstmals Krämpfe. Also in den Windschatten gehängt und gelutscht wie Popeye an seiner Pfeife. Die Laune stieg wieder. Und so wurde ich übermütig. Es ging mir nicht schnell genug. Höchstselbst animierte ich meine Mitstreiter und machte dann die Lokomotive. So weit so gut. Nach einer Weile ging ich raus und als ich mich gerade wieder einreihen wollte machten die Jungs vorne ernst. Ich ging aus dem Sattel und…. Krampf links, Krampf rechts, Adé Gruppe! Also war ich allein auf weiter Flur. Sammelte zwei andere ein, die aber nichts vom Kreiseln hielten, sondern lieber alleine nach vorne fuhren.

Die nächste Gruppe, kurz beschleunigt und rein in den D-Zug. Die anderen beiden wurden auch eingesackt. Ich erholte mich, bekam wieder Luft, fühlte mich stark, fuhr in den Wind ließ mich zurücksacken und nach der nächsten Verschärfung flog ich wieder raus.

Wieder allein im Wind, die nächste kleine Gruppe konnte ich gar nicht erst erhaschen, nachdem die ersten Krämpfe jeweils die Quadrizepse lahmgelegt hatten, machten nacheinander nun der linke Biceps und der Musculus gastrocnemius in der rechten Wade zu.

Also nahm ich wieder raus, fuhr ein paar Minuten locker und die nächste Gruppe erwischte ich wieder. Die Hitze hatte mich völlig dulle gemacht und vor meinen Augen erschienen schwarze Punkte. Das ist alles kein Alarmsignal, sondern zeigt, dass du deinen Körper effektiv belastest, sagte ich mir. Und ließ mich vom D-Zug ins Ziel schleppen, kein Sprint mehr. War froh, dass ich irgendwie dranbleiben konnte.

Etwas später nach mir kam K, der doch gepinkelt hatte und mir den Rest des Tages vorwarf, dass ich nicht gewartet hatte. T. kam wieder später und war glücklich.

Und ich? Aß zwei Teller Nudeln, trank ein Bier und meldete mich am nächsten Tag zum nächsten Rennen an. Scheiß Form, Scheiß Zeit, aber es macht wieder Spaß!

8 Antworten auf “In jedem verdammten Frühjahr – Göttingen, mein Göttingen”


  • Ach Onkel, schöne Erinnerungen habe ich an dieses schöne Rennen. In diesem Jahr war es mir leider nicht vergönnt daran teilzunehmen. Aber im nächsten Jahr fahre ich gerne für Dich. Die Form hört sich ganz nach meiner an…

  • Egal, für mich bist Du der Größte. Schon allein um solch schöne Geschichten zu lesen, lohnt es sich, Dich bei derlei „Rennen“ zu verheizen. Weiter so mein Freund.

  • Ja, so schmeckt der Sieg des einsamen Wolfes. Wie oft hofft man auf einen erlösenden Kettenriss, oder wenigstens einen Plattfuss. Wie oft denkt man an ein frühes und doch rühmliches Ende. Einfach ausrollen, sich in die Sonne setzen, das Feld an sich vorbei stampfen sehen – es wäre so schön. Doch dann pocht diese elende Bestie in einem. „Weiter, du Flasche!“ flüstert sie einem zum, „Du bis gut! Du bist sehr gut! Die anderen trainieren viel härter, ernähren sich alkoholfrei, fahren teureres Material – sind jünger!“.

    Und so quält sich die halbtote Made über alle Hindernisse, bis schliesslich die Digitaluhr mit gelben Ziffern die Erlösung bringt. Und dann schüttet der Körper alle Endorfine und Morfine aus, die er überhaupt zu produzieren in der Lage ist. Die Glückseeligkeit des ehemaligen Heroinsüchtigen am Metadonbus stellt sich ein – und schon ist die Meldung für das nächste Massacker unterschrieben. Onkel, hut ab für die Leistung… menis

  • Endlich habe ich es geschafft den Bericht zu lesen, danke dafür!
    Ich muss ja feststellen, dass die Zeit so manchen Berg in der Erinnerung zu einem Hügel herunterstuft.
    Sehr schönes Rennen und ein sehr passender Bericht.
    Bis bald.

  • Menis, ich weiß natürlich, dass du in meinem Alter deine Karriere noch gar nicht begonnen hattest, deshalb hoffe ich natürlich, dass mein Gejammere über die alten Zeiten nicht mehr ist als bloße Koketterie.
    Mischi, du bist drahtig und hattest bei deinem Start noch kräftig THC im Blut. Dass die Steigungen dir damals dein Dauergrinsen nicht nehmen konnten ist ja wohl klar! ;-)
    Eule: Oder ich fahre für dich. Würde mich jedenfalls freuen, wenn wir gemeinsam den Teet mit unserem Schweiß tränken würden.
    Jockel: darüber Schreiben kann man natürlich auch, wenn man nie auf dem Rad sitzt. Karl May war ja auch nicht im Wilden Westen. D.h., das war nicht meine letzte Geschichte!

  • Sehr schöner Bericht! :-)
    Ich freue mich im übrigen sehr, dass es euch immer wieder mit diesem Event zu eurem alten Club führt!
    Weiter so: und viel Spass beim Keulen!

  • Verdammt gute Geschichte, Onkel, mein Onkel! :-)

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