Erbeskopfmarathon 2009 – Schlammschlacht im Hunsrück

Nach einem verheißungsvollen Frühling, ein paar angenehmen Tagen zu Anfang des Sommers, scheint der Hochsommer ins Wasser zu fallen. Die Tage vor, während und nach dem Marathontermin sind durch zahlreiche Schauer und Gewitter geprägt. Für das Rennen also perfektes ESK-Wetter und Terrain. Niemand anderes als der berühmt-berüchtigte R. Stelzenacker sollte in diesem Jahr der einzige ESK-Teilnehmer auf der langen Strecke sein.

Die Fahrt von Frankenfurt nach Thalfang zum Startplatz gestaltet sich zu einer Tour in den Regen. Der Himmel wird immer grauer, kurz nach Bingen fallen die ersten Tropfen auf die Windschutzscheibe. Nach dem Abzweig Flugplatz Hahn wird daraus lautes plätschern, ein kräftiger Regenschauer. In Thalfang angekommen läßt der Regen aber nach und tatsächlich pünktlich um 900 zum Start hat es aufgehört zu regnen.

Das übliche Startprozedere hinter sich gebracht, bringt Eule und sein Betreuerstab den noch müden Stelzenacker in den Startblock. Eigentlich gibt sein Erscheinungsbild Anlass zur Hoffnung, ein Jahr zuvor war er zur gleichen Zeit deutlich fahler im Gesicht. Selbst lacheln geht:

Der Startblock ist gefüllt wie selten zuvor, fast 250 Fahrer und Fahrerinnen stehen am Start der Langdistanz über 110km und 3000 Höhenmeter. Viele unter ihnen stammen aus einer flachen Provinz westlich des Rheins. Ihre Autos haben überwiegend gelbe Kennzeichen mit schwarzen Buchstaben.

Das soll Stelze nicht davon abhalten eine gute Vorstellung abzuliefern. Allenfalls an seiner technischen Ausrüstung kann man Kritik äußern…
Der weiche Untergrund sollte für einen leichten Bergfloh wie ihn von Vorteil sein. Leichte Nervosität war trotzdem bei ihm zu spüren.

Peng! Punkt 900 fällt der Startschuss zur 8. Auflage des Hunsrückklassikers. Eher in der zweiten Hälfte befindet sich der Berliner Altmeister, als es aus Thalfang auf die „Einführungsrunde“ geht. Diese führt ca. 5km rund um den Ort, ehe es auf die Zielschleife rund um den Dorfteich geht. Abbiegen ins Ziel ist später, zunächst verläuft der Weg über eine nasse Wiese raus aus Thalfang.

Am Ende des Gras-Schlamm-Stücks teilt sich der Weg, die 110er nach rechts, der Rest nach links. Der Autor dieser Zeilen hat nun anderes im Sinn, es heißt selbst fertigmachen für die Mitteldistanz. Zum erst zweiten Mal nach 2004 heißt es für D. Turgau alias Darkdesigner Teilnahme auf der mittleren Runde mit 65km und 1700hm. Hintergrund ist nicht mangelnde Vorbereitung, sondern ein im Ziel abgegebenes Versprechen aus dem Vorjahr.

Um 1000 fällt dann der Startschuss für über 400 Teilnehmer der Mittelstrecke. Die Einführungsrunde ist identisch, kurz vor der „Teichrunde“ geht es zur Belustigung der Zuschauer einen steilen Hang runter. Unten wartet ein großes Schlammloch, nach einigen hundert Teilnehmern ist dieses entsprechend tief und die Fahrspur im Wald schön ausgefahren. Ein mutiger vor mir probiert trotzdem die Ideallinie, sein Face-to-Soil Kontakt ein wahres Highlight unter dem Gejohle der Zuschauer…

Für seinen verschlammten Oberkörper gibt es Abzüge in der B-Note!

Mein Auftrag lautet das sichere Erreichen des Zieles zur Sicherung der Siegprämie (Juniorinnen). Ich halte mich zurück und versuche meine Partnerin so gut es geht aus allen Scharmützeln und Unwägbarkeiten der Strecke rauszuhalten.

Nachdem passieren der Streckenteilung dauert es nicht lange, ehe wir wieder mit der Langstrecke zusammentreffen. Genau in einem langen, steilen Uphill-trail ist das der Fall. Da wir uns eher im hinteren Drittel des Feldes befinden, sind zahlreiche „Künstler“ am schieben. Selbst die Spitze der Langstrecke wird auf der engen Passage dazu gezwungen. Im Laufschritt überholen uns die ersten 10 Marathonis.

Mit etwas Glück müsste also auch bald Stelze an uns vorbeifliegen. Doch das Feld zieht sich ewig in die Länge und es dauert noch ein paar Kilometer. Erst nach der Straßenüberquerung oben am Wasserhaus schließt er zu uns auf und wir wechseln kurz ein paar Worte und die Kamera.

Wir lassen ihn ziehen und kümmern uns um die eigene Strecke. Die letzten Meter sind endlich mal leicht erholsam auf Schotter. Nach den schweren 15km ab Start eine Wohltat. Doch nur kurz hält die Freude an, als nächstes wartet eine Wurzelpassage berghoch. Ein herrlicher Trail führt anschließend auch wieder bergab.

In diesem Teil des Feldes hält sich die Begeisterung über die schwere Strecke jedoch in Grenzen. Jeder kämpft für sich leise im Stillen und hofft bald mit dem Gipfel des Erbeskopfes das schlimmste hinter sich zu haben.

Zunächst geht es wieder bergab bevor die 2. Verpflegung im Hohltriefbachtal erreicht wird. Schier endlos kommt mir die Fahrt bis an den Fuß der höchsten Erhebung Rheinland-Pfalz an diesem Sonntag vor. Die Teilnehmer der Langstrecke haben da schon die Hälfte hinter sich – entsprechend still sind einige von ihnen.

Wir starken uns mit Waffeln und Schokokuchen, ehe der lange Anstieg in Angriff genommen wird. Im Steilstück auf der Wiese krampfen die ersten Waden, zum Glück nicht meine. Zum Ärger meiner Gefährtin kann ich noch kein Erbeskopf-Gipfel-Foto schießen, es geht über den üblichen Wurzel-Stein-Trail und dann die Zwischenabfahrt runter.

Ein Teilnehmer muss sich zwischen uns „klemmen“, irgendwie kommt er aber nicht mit meiner Linie klar. Wir haben extra den rechten Teil gewählt, damit die schnellen Leute uns überholen kennen. Er übersieht scheinbar die mitten in den Weg ragenden Äste und Zweige und legt einen feinen Salto-Vorwärts hin.

O-Ton vom Streckenposten: „Manoman, so blöd kann man doch gar nicht sein…“ Er hat die Lacher auf jeden Fall auf seiner Seite ;-)

Endlich unten geht es über die Schotterpiste in den finalen Anstieg zur höchsten rechtsrheinischen Erhebung auf Bundesgebiet. Wir liefern uns schon seit einigen Kilometern ein spannendes Duell mit einem Trio aus den Niederlanden. Mal sind die drei schneller, mal wir, am Erbeskopfgipfel haben wir das Nachsehen, aber nicht im Ziel…

Der Verpflegungspunkt ist diesmal nicht auf dem Plateau, sondern unten am Ausgang der Skipiste. Auf der heißt es wie eh und je „Laufen lassen“, die Zuschauer applaudieren und werden mit dem ein oder anderen Sprung belohnt. An der VP treffen wir zum zweiten Mal auf Stelzenacker, kurz nach uns hat er die Buckelpiste mit ohne Federgabel bewältigt.

Wir plaudern ein wenig, machen ein gemeinsames Bild und stürzen uns in den Rest der Strecke. Mittlerweile ist das Feld doch weit auseinander gezogen, es bleibt Zeit für ruhige und einsame Momente in den Hochwäldern des Hunsrücks.

Nach einer langen Abfahrt sind wir Bereich des Eisenbahnviaduktes, die Bachdurchfahrt ist beim heutigen Wasserstand ein frisches Erlebnis. Aber spätestens die folgenden Anstiege wärmen den Körper auf. An trockene Socken ist heute eh nicht zu denken, allenfalls an Fangopackungen.

Ein letztes Mal heißt es Verpflegung aufnehmen (die 4.VP hab ich kaum wahrgenommen…) an VP5. Von dort sind es am heutigen Tag zum Glück nur noch wenige Kilometer bis ins Ziel. Ich freue mich am Abzweig der Langstrecke runter nach Immert wie ein Schneekönig. Und spüre schon jetzt die Angst vor dem nächsten Jahr…

Für uns heißt es nur noch hoch, über die Brücke und runter nach Thalfang. Ein letztes Mal durch schlammige Wiesen, die am Morgen noch rutschigen Holzbrücken sind mittlerweile abgetrocknet. Nach gut fünfeinhalb Stunden sind wir im Ziel, meine Gefährtin erhält die Siegprämie und wir erholen uns beim Weizenbier. Stelze, der alte Haudegen, hat nur ein paar Minuten nach uns das Ziel erreicht und stößt mit uns an. Seine Zeit vom letzten Jahr konnte wegen des tiefen Geläufs leider nicht unterboten werden. Aber 6h38min ist aller Ehren wert, da muss ich selbst im trockenen dran knabbern. Mit Platz 63 von gut 200 Startern kann er sehr zufrieden sein!

Erbeskopfmarathon 2010 – Wir sind dabei!!!

Dann hoffentlich wieder mit einem größeren Team, @Muschifix: Man hat Dich vermisst und nach Dir gefragt!!

Suchbegriffe

3 Antworten auf “Erbeskopfmarathon 2009 – Schlammschlacht im Hunsrück”


  • Mein lieber Turgau, der beiläufige Satz über die Siegprämie deiner Gefährtin könntest du ruhig ein bisschen exklusiver und heroischer Dastellen. Ich hätte es beinahe überlesen. Das gibt Abzüge in der B-Note.

  • Nochmal Glückwunsch an Darki’s Begleitung, nicht zu der Prämie ;] sondern insbesondere zum Erreichen des Vorgenommenen. 65km und 1700hm gegen auch nicht spurlos an einem vorbei, also die Lust aufs Radfahren wird bestimmt wiederkommen :D

    mischi, genau, man hat uns am start gefragt, wo denn der kaputte sei mit dem singlespeeder. nächstes jahr machst du wieder mit bütte.

    rb

  • Eule, ich glaube in diesem Jahr hätte nichtmal Lorenzo mich ins Ziel retten können, erst recht nicht ohne die geliebte Schaltung.
    Aber vielen Dank für den Bericht, wir haben hier herrlich mitgefiebert.
    Sehr schön geschrieben, Glückwunsch an Karen, gradiose Leistung.
    Ach ja: „so gut es geht aus allen Scharmützeln und Unwägbarkeiten der Strecke rauszuhalten“
    Heißt für mich, du hast sie über die Drecklöcher getragen? Schön!

Hinterlasse eine Nachricht