L´Eroica 2008 – Interview mit Robert Stelzenacker – Teil II

IRN Berlin. Nach dem recht abrupten Abbruch des ersten Interviews stand Robert Stelzenacker zwei Wochen später abermals zu einer Unterhaltung mit Didi A. Senftenberg im Auftrag des IRN zur Verfügung. Stelzenackers Schilderungen endeten zuletzt bei seinem dritten Reperaturversuch des vorderen Schlauches und seinen Gedanken an die Aufgabe des Rennens bei Kilometer 55. Lesen Sie nun den zweiten und letzten Teil des Interviews. (Das Eingangsbild zeigt eine der wenigen Buntaufnahmen Stelzenackers)

IRN: Stelze, bevor wir zum weiteren Rennverlauf kommen, würde ich gerne auf die neuerlichen Anschuldigungen seitens Didi Turgau zu sprechen kommen. Wie sehen Sie die darin…

Stelzenacker: Ick habe dit Interview mit Turgau nich jelesen, ick werde es nich lesen und ick will nicht wissen, was er da von Stapel lässt. Mich interessiert dit ganze Thema drumherum nicht. Wichtig für mich ist der Sport, das Radfahren. Mir ist egal was Leute erzählen und behaupten. Ich habe mir nichts zu schulden kommen lassen, ich habe niemanden betrogen und ich kann hier nur aufrichtig erzählen was ich „erfahren“ habe. Sie haben jetzt die Wahl, Senftenberg, ob das Interview an dieser Stelle zu Ende ist, oder ob ich noch etwas von meiner L’Eroica erzählen darf.

IRN: Gut.

Stelze: Was?

IRN: Wir waren im ersten Interview bei etwa Kilometer 55 stehengeblieben, so wie Sie mit dem Rad nach einem weiteren Plattfuß kurz hinter der ersten Verpflegung.

Stelze: Meine Gedanken kreisten um die noch kommenden Kilometer und die vielen Platten die ich haben würde. Ich war total enttäuscht. Auch eine ansehnliche Platzierung war jetzt in weiter Ferne. Aber man kann ja nichts anderes machen als weiterfahren. Also fuhr ich weiter.
Und jetzt nehme ich etwas vorneweg: ich hatte auf den ganzen folgenden 150 Kilometern, davon bestimmt noch 90km Schotter, keinen einzigen Platten mehr!

IRN: Unglaublich. Was für ein Pech es gewesen sein muss zu Beginn des Rennens.

Stelze: Pech einerseits, Nachlässigkeit andererseits. Neben den manipulierten Ventilen muss ich zugestehen, zu Beginn zu wenig Luftdruck gefahren zu sein, waren die Platten doch beide Male Durchschläge.

IRN: Wie trug es sich im weiteren Rennverlauf zu?

Stelze: Es folgte eine längere Schotterpassage ohne viel Auf und Ab und ich habe etwas Tempo gemacht. Zunächst hielten sich noch einige Fahrer hinter mir. Dann rissen sie ab, aber einer ging nach vorne und ich hing mich in seinen Windschatten. Mit einem Mordstempo sind wir über die Schotterpiste geprügelt. Das Fahrrad hat gehalten, das gab mir Mut.

Es muss so bei Kilometer 75 sein, wo der erste große Berg bei Bibiano beginnt. Hier konnte man seine Grenzen ausloten, auch der Stelze. In Serpentinen schlängelte sich der Schotterweg ohne Gnade in den Berg. Zwischen einzelnen Rampen immer wieder flacher, wurde man alsbald von dem nächsten Steilstück überrascht. Nach der nicht enden wollenden Passage kam man hoch oben im Ort an die zweite Verpflegung. Hier konnte ich bei der Kontrollstelle meinen Stempelpass nicht mehr finden! Ich war außer mir! Erst das Pech mit den Platten und nun verlier ich meine Stempelkarte!

IRN: Was hat es mit der Karte auf sich?

Stelze: An jeder Kontrollstation muss man auf der Karte abstempeln um zu zeigen, dass man ohne Abkürzung o.ä. den Kurs absolviert hatte. Ohne Karte bist du niemand! Ich fühlte mich als wäre ich niemand! Ich fand die Stempelkarte später zum Glück wieder, sie war nicht in die Trikottasche, sondern beim Einstecken ausversehen unters Trikot gerutscht.


Impressionen von Stelzenackers Rennmaschine.

Stelze: An die folgenden Kilometer kann ich mich nur schemenhaft erinnern. Es lief nicht gut für mich und ich musste meinem hohen Tempo nach dem letzten Plattfuß Tribut zollen. Und dann kam es zu folgender kleinen Zwischengeschichte, Geschichten wie sie nur solche Rennen erzählen. Momente in denen man einerseits gegen sich arbeitet, anderseits man gezwungen ist mit sich zu arbeiten.

Ich sah mit einem Mal diese Kilometerschilder, auf denen die nächsten Ortschaften und Punkte des Rennkurses zur Orientierung aufgetragen waren. Vorher waren sie mir nicht aufgefallen. Als unterstes Stand dort „Asciano 50km“. Ich dachte mir wenig dabei und schleppte mich weiter über kleine Schotterstraßen und auch einmal auf einer breiteren Landstraße schwerfällig dahin, die meiste Zeit allein im Wind. Wenig später kam das Schild wieder, diemal mit der Aufschrift „Asciano 40km“ ganz unten. Und da kam mir der Blitzgedanke: Na klar, Asciano heisst auf deutsch mit Sicherheit „Ziel“. Mir schoss Erleichtung durch die Beine. ‚Hossa‘, dacht ich bei mir, ’nur noch 40 Kilometer! Und 165 hast du schon jeschafft. Na Stelze, biste ja ooch schon janz schön kaputt. Aber die letzten 40 km, die kannste ooch noch uff der letzten Pelle abschleifen. Koste es, was es wolle.‘ Doch nur eine Sekunde später bemerkte ich meinen kapitalen Irrtum, stand doch ganz oben auf dem Schild die aktuelle Kilometerzahl. Und die zeigte „105“. ich musste also noch ganze 100 Kilometer fahren und hatte gerademal die Hälfte der Strecke geschafft!
Innerlich sackte ich zusammen. Das war ein Moment des kompletten, psychischen Zerfalls. Ich kroch auf der letzten Rille, meine Motivation war unterm Keller. Am liebsten wäre ich abgestiegen und hatte mich zum Sterben in den Straßengraben gelegt.

IRN: Wie konnten Sie für die zweite Hälfte der Strecke neuen Mut und neue Kraft finden?

Stelze: Erstmal garnicht! Bei KM 120 kam die dritte Verpflegungsstation. Natürlich war von Turgau und dem Amerikaner hier nichts zu sehen, zu groß war mein Rückstand. Ich schlug mir den Magen voll. Die Suppe war großartig, doch bei dem Gedanken an weitere 85 Kilometer bis zum Ziel wurde mir so schlecht, dass ich nichts mehr Essen konnte. Ich exxte zwei kleine Gläser Wein und begab mich mit zu Stein verfestigtem Gesicht aufs Rad. Ich muss so leer ausgesehen haben, wie ich mich fühlte. Ohne Emotionen kann man keine Radrennen fahren. So vergingen die folgenden Kilometer wenig aufsehenerregend. Die Landschaft war leicht wellig und unspannend.

Erst bei KM 145 kam ich wieder zu mir. Hier war die nächste Verpflegung ich erfuhr von einem anderen deutschen Rennfahrer, der mir nicht bekannt ist, dass Turgau hier vor 10 Minuten abgefahren sei. Die Verpflegung war gut, der Wein ebenso. Ich fühlte mich besser und wusste beim Losfahren, dass ich etwa 20 min auf Trugau und den Ammi aufholen musste. Jemand an der Station warnte noch, dass es jetzt ersteinmal steil hoch ginge.

Gleich nach der Pause kam also eine steile Rampe. Sie war nur kurz und ich musste in mich hineinlachen, was manche hier als Herausforderung ansehen. Doch das Lachen sollte mir schnell vergehen. Die folgenden Kilometer waren mit die anstregendsten der ganzen Rundfahrt. Später nannten wir diesen Abschnitt nurnoch ehrfurchtsvoll die „Big Waves“. Eine Rampe folgte der nächsten, zwsichenduch knackige Abfahrten die viel Fahrkönnen abverlangten. Bergauf war ich immer an der Grenze des Machbaren, der Fahrbaren. Aber ich machte auch Plätze gut und das motivierte. Es mutet wiedersprüchlich an, aber ausgerechnet an den Big Waves kam ich zu neuen Kräften und erlangte Zuversicht was den Ausgang des Rennens betraf.

IRN: Wie kann man sich diesen letzten Streckenabschnitt vorstellen?

Stelze: Ich fuhr nurnoch wie in einem Tunnel. Ich weiß nicht mehr an was ich auf diesen Kilometern dachte. Es gab nur eines: das Ziel. Keine Gedanken mehr an die Strecke, an Krafteinteilung oder Taktik. Ich wollte nurnoch ins Ziel.

IRN: Konnten Sie Didi Turgau und den Amerikaner noch einholen?

Stelze: Ja! Es war in einer Ortschaft etwa bei Kilometer 190. Ich drückte mit voller Kraft bergan, bog im Ort rechts, legte einen großen Gang auf und gab Gas bergab. Da standen die beiden auf einmal am Straßenrand. Mit vollem Tempo rauscht ich bergab, schrie den beiden zu sie sollen hinterherfahren und war schon vorbei.

IRN: Man sagt, es gab später im Ziel einen heftigen Disput zwsichen Turgau und ihnen, weil Sie nicht angehalten haben.

Stelze: Turgau schrie im Ziel auf mich ein, warum ich nicht stehen geblieben bin. Schließlich müsste man anhalten, wenn Teamkollegen am Rand stehen, da es ja sein könnte, sie würden Hilfe benötigen. Doch Anhalten kam für mich in diesem Moment nicht in Frage. Ich fuhr wie gedankenlos, wie in einem Tunnel. Um keinen Preis der Welt wollte ich anhalten. Hätten die beiden einen Defekt gehabt, hätte ich gestoppt. Aber danach sah es nicht aus. Sie standen da und schauten auf den Fahrtenplan. Und ich wollte nurnoch fahren und ins Ziel. Also fuhr ich durch. Jeder ehrliche Rennfahrer hätte nach den vorherigen Strapazen in dieser Situation genauso gehandelt.

IRN: Wie erging es Ihnen auf den letzten Kilometern?

Stelze: Das war hart! Zum letzten Etappenort, nach Radda, ging es nocheinmal auf asphaltierter Straße gut bergan, was ich nicht erwartet hatte. Hier musste man die letzten Kräfte mobilisieren. Doch ich wollte unbedingt vor Turgau ins Ziel kommen und gab alles was möglich war. Ich dachte, dass es hinter Radda nurnoch bergab gehen würde nach Gaiole ins Ziel. Doch es wurde ein kleiner Schlenker eingebaut, sodass man noch zwei kleine aber zu dem Rennzeitpunkt sehr kräftezehrende Anstiege bewältigen musste.
Zum Schluss ging es steil nach Gaiole hinab ins Ziel.

IRN: Hier haben wir eine photografische Aufnahme ihrer Zieleinfahrt.

Stelze: Im Ziel war der totale Trubel und ich schoss mit voller Geschwindigkeit hinein. Unter den vielen Zuschauern entdeckte ich sofort meine Bekannten und Freunde und winkte ihnen zu.

IRN: Auf diesen Bild wirken Sie bekannt hochnäsig.

Stelze: Das ist vielleicht Ihre Meinung, Senftenberg. Ich war froh angekommen zu sein, erleichtert. Und irgendwie fühlt man sich wie ein Sieger, wenn man die L’Eroica geschafft hat, egal welche Platzierung letztendlich heraus springt.
Die L’Eroica ist mit den 205 Kilometer körperlich ungemein anstregend. Aber irgendwann ist es nurnoch Kopfsache. Man muss die richtige Einstellung finden. Dann ist man zu allem fähig. Ein Dank geht aber auch und gerade an die italienischen Veranstalter, die hier ein ganz besonderes Rennen auf initiert haben. Eine großartige Erfahrung, ein einmaliges Erlebnis.

IRN: Wird es bei dem einmaligen Erlebnis bleiben, oder wird man Stelzenacker auch im nächsten Jahr bei der L’Eroica am Start stehen sehen?

Stelze: Zunächst müssen ersteinmal die Geschehnisse innerhalb der deutschen Mannschaft analysiert werden.

IRN: Turgau hat hier den Anfang gemacht. Er…

Stelze: Was Turgau geschrieben hat, ist für mich nicht ausschlaggebend. Der redet viel, wenn der Tag lang ist. Wir werden schon wieder auf einen gemeinsamen Nenner kommen. Von meiner Seite steht einem Start im kommenden Jahr jedoch nichts im Wege.
Sagen Sie Senftenberg, es wurde doch im Ziel ein kurzes Interview von mir auf Film aufgenommen. Gibt es das auch einmal zu sehen?

IRN: Die IRN ist im Besitz dieses kurzen Filmmaterials und wird es beizeiten veröffentlichen. Vorher müssen jedoch noch die technischen und rechtlichen Umstände geklärt werden.
Stelze, ich bedanke mich für das Interview und die spannende Darstellung des Renngeschehens aus Ihren Augen.

Didi A. Senftenberg für © IRN Berlin (Investigated Racing News Berlin)

5 Antworten auf “L´Eroica 2008 – Interview mit Robert Stelzenacker – Teil II”


Hinterlasse eine Nachricht