L’Eroica 2008 – Interview mit S. Staub – Teil I

IRN Berlin. Siggi Staub vom Bremer Radsportteam Schröder nahm sich als erster Fahrer und Italien-Rückkeher die Zeit für ein ausgiebiges Interview, geführt von unserem Mann in Berlin: Didi A. Senftenberg.

IRN: Herr Staub, wir danken Ihnen sehr, dass Sie sich die Zeit nehmen um uns aus erster Hand von diesem großen Radsportereignis zu erzählen. Das rare Bildmaterial tut ein übriges, doch es gibt wenig Bilddokumente von der Strecke, so dass wir auf die Leute angewiesen sind, die dabei waren.
Herr Staub, die ersten Stunden der Lèroica liefen für die deutsche Mannschaft recht gut, wie ich selber beobachten durfte. Stelzenacker schoß sogar Fotos. Wie war die Stimmung wirklich und was ging in Ihnen vor?

STAUB: „Eigentlich lief es von Anfang an recht harmonisch. Vor dem Rennen war ich sehr angespannt und als wir dann endlich starten durften, spürte ich so langsam, wie der Druck in meine Beine wanderte und sich auf die Pedale übertrug. Mir ging es von Minute zu Minute besser und ich versuchte das Tempo hochzuhalten. Wir waren ja nicht zum Spaß da. Doch es gab Probleme und wir mussten etwas rausnehmen, weil Kemper langsam erfror.“

IRN: So schlimm, sie übertreiben?

STAUB: „Ich habe noch nie einen Menschen so frieren sehen – und noch nie in so verzweifelte Augen geblickt.
Mir fiel sofort diese kleine Geschichte ein, die ich kurz zuvor auf der Anreise im Mannschaftsbus aus dem Buch eines Radsportlers vorlas:
Der Bericht der Giro-Etappe über den Gavia von 1988, mit dem vielsagenden Titel „Als die harten Männer weinten“.
Sie fuhren dort oben im Schneetreiben und Bob Roll, der Autor des Buches, beschreibt die diversen Phasen der Verzweifelung, die es für Ihn und einen Großteil des Feldes dort oben gab. Unter anderen erwähnt er, wie er auf seinem Weg nach oben ständig schneebedeckte Radsportikonen am Wegesrand kauern sah. Kemper war an diesem Morgen nicht weit davon entfernt – es fehlte lediglich der Schnee.“

IRN: Das klingt ja so, als wenn Kemper kurz davor war, das Rennen aufzugeben.

STAUB: „In der Tat. Ich glaube er war nicht weit davon entfernt, als wir den Abzweig zu unserem Mannschaftsquartier passierten.“

IRN: Konnten Sie ihm nicht helfen?

STAUB: „Stelzenacker und ich taten viel, um Ihm aus diesem kalten Wind zu kriegen. Ich hätte Ihm natürlich auch die Windjacke geben können, die ich entgegen unserer Vereinbarung in meiner Trikottasche mitführte. Aber das hätte er sicher nicht gutgeheißen und es schien mir auch sehr fraglich, ob sie etwas genützt hätte. Die Kälte, an der Kemper litt, kam von sehr weit innen.“

IRN: Wie ging es weiter?

STAUB: „Wir rissen zotige Witze um uns zu wärmen und fuhren weiter durch die Nacht. Kemper ging es nach wie vor sehr schlecht. Er sprach nicht viel und fuhr immer ganz hinten, was in dieser Phase ja auch unserer Teamstrategie entsprach. Meine Aufgabe bestand letztlich darin, die beiden besseren Bergfahrer in dem ersten flacheren Teil bis Kilometer 80 zu unterstützen und sie heile in den ersten längeren Anstieg zu bringen. Zum Teil ging diese Strategie ja dann auch auf.
Dann ging es in die ersten Schotterpassagen und das Rennen begann zu zweiten Mal. Schnell stellte sich heraus, dass wir durch unsere Reifen in den Abfahrten klar im Vorteil waren und wir machten weiter Boden gut.
Alleine Stelzenacker, der normale Reifen fuhr, konnte aufgrund seiner vorzüglichen Radbeherrschung mit uns mithalten. Aber Robert ist auch ein Typ, der ohne Licht auf einer Schotterabfahrt in dunkler Nacht vorne aus der Gruppe rausrollt.

Wie dem auch sei, nach gefühlten Stunden in der Dunkelheit begann es allmählich zu dämmern und ein schöner Tag kündigte sich an. Dann fuhr Stelzenacker auf einer Schotterpassage platt. Eine Katastrophe für die Mannschaft, galt Stelzenacker doch als der beste Bergfahrer im Team.“

IRN: Jetzt entschieden Sie sich, Stelzenacker zurückzulassen und mit Kemper alleine weiter zu fahren?

STAUB: „Wir mussten uns schnell entscheiden, schließlich war uns halb Italien im Nacken. Mit Stelzenacker verloren wir zwar gerade unseren besten Bergfahrer, aber wenn Kemper wieder auftauen sollte, dann würde er seinen Beitrag zu leisten wissen, so dachte ich.

IRN: Haben Sie zu diesem Zeitpunkt schon an Manipulation gedacht?

STAUB: „In keinster Weise. Ja, es gab ein paar Ungereimheiten im Vorfeld. Unsere Ventile waren lose, aber wir haben uns nichts dabei gedacht. Mehr kann ich dazu im Moment nicht sagen.

IRN: Nun gut, auch in diesem Punkt wird es sicherlich schonungslose Aufklärung geben. Was geschah weiter?

STAUB: „Ich brachte Kemper heile, gesund und aufgetaut in den ersten richtigen Berg und rief ihm hinterher: „Jetzt bist Du dran! Fahr das Ding nach Hause!“

7 Antworten auf “L’Eroica 2008 – Interview mit S. Staub – Teil I”


  • sehr geil…ich kann gar nicht aufhören zu lesen. ich will auch gar nicht :-)

  • Oh Gott: ein erfrorener Kemper, Stelzenacker leidet unter dem Richard-Flitzenfeld-Syndrom und Siggi Staub teilt beinah seinen Mantel – äh die Windjacke. Wo soll das alles noch hinführen?

  • Die ganze Zeit überlege ich, was an der Geschichte nicht stimmen kann. Ein erfrierender Kemper, klar, kann vorkommen. Aber ein Rennfahrerkollege der derart eloquent den Ablauf der Dinge schildert, noch dazu einer, der offensichtlich die taktischen Anweisungen der Mannschaftsleitung nicht nur anzuwenden weiß sondern sie auch noch versteht. Nein, dass habe ich bisher kaum erlebt. Ich denke, wir sitzen hier einem Ghostwriter auf. Dennoch oder gerade deswegen, sehr schön geschrieben. Ich fiebere den hoffentlich noch zahlreichen Veröffentlichungen entgegen.

  • Didi A. Senftenberg

    Auf meine Frage hin, wie das Wetter bei der L`Eroica 2008 gewesen ist, sagte ein wortkarger, schmallippiger und blau gefrorener Dieter Kemper: „Wenn es geregnet hätte, hätte es geschneit.“

  • war auf jeden Fall eine beeindruckende veranstaltung.

  • > in dem ersten flacheren Teil bis Kilometer 80 < Ihr seid verdammte Maschinen...

  • „Als die harten Männer weinten“… Pah! Diese wehleidigen Amis hatten am Gavia 1988 ja alle Pudelmützen und Fausthandschuhe an! Wie alle seine Landmänner übertreibt dieser Bobke da natürlich maßlos…

    Ich sag nur Monte Bondone 1956! Das war wirklich ein Inferno. Mein Nonno (Opa) war dabei, bevor er mit Famiglia und Eismaschine ins kalte Germania abgewandert ist. Damals haben sie sich schon an den Pässen vor dem Schlussanstieg einen abgefroren, nicht mal die Hälfte hat das Ziel erreicht. Und Charly Gaul vorne weg – im Gegensatz zu den Italienern hat ihn am Bondone keiner hochgeschoben, weil er nur auf französisch drum gebettelt hat! Da musste er sich natürlich beeilen, um als erster an den Schüsseln mit dem heißen Wasser zu sein. Ich hab ein Bild, da heben sie ihn gerade vom Rad runter – nachdem sie seine festgefrorenen Hände und Füße mit der Lötlampe aufgetaut hatten!

    Oder erst Milano-Sanremo 1910! Eugene Christophe kam als erster von nur vier Fahrern ins Ziel. Am Turchino hat er so elendig gefroren, dass er zwei Jahre gebraucht hat, bis die Frostbeulen auskuriert waren! Aber er war als Erster oben auf dem Pass. Auf der Abfahrt ist er immer wieder in tiefen Schneewehen steckengeblieben und irgendwann zusammengebrochen, nur durch Zufall haben sie ihn entdeckt, bevor er eingeschneit werden konnte. Dann haben sie den guten Christophe in einer Wirtschaft wieder aufgetaut. Da kamen zwei andere Fahrer dazu, die haben ihre Hände zum Auftauen einfach ins prasselnde Kaminfeuer gehalten! Das lässt die angeberischen Memoiren dieses Amis zur Beschreibung einer Kaffeefahrt verblassen.

    Gegen die Schilderung der Leistungen bei L’Eroica ist dagegen nichts einzuwenden. Denn schließlich ist die Toscana ja auch als „Italienisch Sibirien“ bekannt… ;-)

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