Heiliger Bimmbamm (19. Supercup Rhönmarathon)

ESK on the road

Es ist Pfingstsonntag 2008, 3:15Uhr – der Wecker im Handy lärmt. Was zum Teufel soll das? Ich winde mich mühsam aus dem Bett und quäle mich ins Bad. Es werden nicht die letzten Qualen an diesem Tag sein…

Mein Gepäck steht im Flur bereit, das schmale Schwarze Pferdchen ebenso und unten vor dem Haus wartet der alte müde Gaul mit den vier Ringen. Wahrscheinlich das letzte Mal soll er mich heute zu einer Radsportlichen Veranstaltung transportieren. Seine Stunden sind gezählt – meine auch?

Als ob er ein Neuwagen sei, schnurt er brav über die zu dieser frühen Stunde nahezu unbefahrene A66 gen Fulda. Dem Sonnenlicht entgegen meandriert die bundeseigene Schnellfahrbahn mit ihren zwei Asphaltbändern in Richtung Nordost. Um Punkt 500 schlage ich im beschaulichen Bimbach auf – einige von uns wissen nun bereits was in den kommenden Stunden vor mir liegen soll. Ja, ich habe mich nach den 6500 Höhenmetern Vorbereitung beim Harzsturm und dem unfassbar herrlichen Wetter über Pfingsten dazu hinreißen lassen, meine Anmeldung zum Supercup Rhön-Marathon zu bestätigen. Die Idee dazu kam mir spontan Dienstags auf der Arbeit. Es sollte auch ein wenig Gutmachung für das schlechte Wetter während des Harsturms’06 und den verpaßten Start beim Ötztaler’07 sein. Und da ich ja keine Rennen mehr fahren möchte, kam mir die Gelegenheit zur Teilnahme an dieser besonderen Radtouristikfahrt gerade recht.

Mit 210 Kilometern und 3500 Höhenmetern klingt das ganze auch nicht minder imposant als so manche Schinderei für viel Geld in den Alpen. Das Profil empfand ich als recht angenehm, zu Beginn drei fiese Schinken und anschließend tendenziell nur noch bergab…
Von wegen, selten so ein wenig der Realität entsprechendes und geschöntes Profil erlebt! Dazu später mehr…

Doch zurück zum Anfang dieser Leidensgeschichte. Es ist also 500, ich stehe am Sportplatz im Bimbach, hole meine Startunterlagen ab – in diesem Fall nur meine Wertungskarte mit Strecke, „Profil“ und Rückennummer. Es ist saukalt, die Sonne versteckt sich noch hinter den Hügeln der Rhön irgendwo im Osten. Zaghaft erscheint der wolkenlose Himmel im dunklen Blau. In den Talniederungen haben sich Nebelschwaden in Kaltluftseen gesammelt. Mein Tacho zeigt 6°C an.

Tacho

Sonnenaufgang...

Außer meiner kurzen schwarzen ESK-Garnitur hab ich nichts dabei. Doch da im Rucksack liegen noch die Arm- und Knielinge und zum Glück meine dünne Wind- und Regenjacke. Erst um 555 verlasse ich mein wärmendes Automobil und rolle die 10Meter zum Start. Vor mir stehen schon hunderte und scharren mit den Hufen. Eigentlich komisch, handelt es sich doch wirklich um kein Rennen, sondern lediglich um eine touristische Ausfahrt ohne Zeitnahme.

Das Ziel im Rücken...

...den Start vor Augen

Seis drum, ich bin heilfroh als sich die Menge von fast 1000 Fahrern und Fahrerinnen pünktlich in Bewegung setzt. Während vorne gleich richtig Gas gegeben wird, rollt sich die überwiegende Anzahl an Teilnehmern je nach eigenem Ermessen ein. Ich gebe etwas Gas überhole einige und werde auch gleichzeitig überholt. Das übliche Prozedere bei solchen Massenveranstaltungen eben. Im ersten Dörfchen nach Bimbach fällt das Thermometer auf 5°C. Verdammt und das mit kurzen Hosen und Handschuhen…

Nach ein paar Kilometern sehe ich ein paar bekannte Gesichter (Grüße an Anke und Stefan) und fahre mit ihnen ein Stück. Als sich vor uns eine größere Gruppe durch Unachtsamkeit und Geschwätzigkeit unsereins aus unserem negativen Windschatten entfernt, beschließe ich das Loch mit einem weiteren Fahrer zu schließen.

So rollen wir in einem relativ großen Pulk bis zum ersten Kontrollpunkt auf dem Hofgelände des Mineralwasserunternehmens Rhönquelle. Dieser ist gleichzeitig einer der Hauptsponsoren der Veranstaltung und wir werden mit Wasser, Säften, etc. ausreichend versorgt. Aber auch die Verpflegung mit fester Nahrung läßt wirklich keine Wünsche offen. Für die Teilnehmer des Supercups ist ausreichend gesorgt.

KP 1 - Rhönquelle

Rhönquelle Verpflegung

Pinkelpause

Alleine mache ich mich auf den weiteren Weg, kurz nach dem Kontrollpunkt 1 geht es in den ersten Anstieg. Nach ein paar Metern kreuzen wir einen Radweg, welcher mir in unangenehmer Erinnerung war. Einst im Sommer’05 befuhr ich diesen mit YoGomez am zweiten Tag unserer 5-X-Transmittelgebirgstour rund um Frankfurt. Es war die zweite Etappe zwischen Vogelsberg und Rhön und just auf diesem Abschnitt verzweifelte ich an jenem Tage beinahe…

Doch heute war alles anders, es ist der erste wirklich harte Berg von vielen und ich fühle mich frisch und stark. Nach wenigen hundert Metern ist mir warm und ich ziehe meine Jacke aus, verstaue sie im Trikot und knipse ein paar Bilder von den Mitstreitern.

Anstieg Ebersburg

Nochmal Ebersburg

Weiter gehts den Berg hoch, es handelt sich um eine wirklich fiese Rampe mit teilweise Steigungen von bis zu 18%. Nicht nur kurz, nein auch gerne mal ein wenig länger. OK, ich versuche irgendwie die Kurbel rund zu treten. Manch anderer hat da mehr Probleme und schlingert nur so den Berg hoch. Oben übergeben sich die ersten…

Mir ist trotz einstelliger Temperaturen so warm, dass ich auf die Jacke verzichte und mich so in die Abfahrt stürze. Lang geht es eh nicht runter denke ich mir, denn gleich in Poppenhausen wartet der lange Anstieg rauf zur Wasserkuppe. Diesen Teil der Strecke kenne ich bestens, bin ich ihn sowohl alleine, als auch an Himmelfahrt’06 mit ein paar von Euch schon hoch. Am Abzweig in Abtsroda kommen die schönen Erinnerungen hoch und ich halte erneut für Bilder an.

Abtsroda Abzweig Dietges/Wasserkuppe

Schattenspiele

Anstieg Kuppe

Dietges zur linken liegend schrauben wir uns in einer langgezogenen Perlenkette von Rennradlern den Berg empor. Ich lass es ganz gediegen angehen und trete entspannt nach oben. Es ist genau 800 als ich die Kuppe erreiche. Bereits jetzt sind zahllose Touris und Segelflieger hier oben unterwegs. Mir bleibt die Zeit während des fahrens ein paar Bilder auf Hessens höchstem Berg zu schießen, bevor die Abfahrt wartet.

Wasserkuppe 1

Wasserkuppe 2

Wasserkuppe 3

Diese ist echt der Hammer, mit knapp 80 Stuckis schießen wir die kilometerlange Strecke runter nach Gersfeld. Dort geht es sofort links und wieder rein in den Anstieg zum Schwedenwall. Ich merke die bereits geleistete Arbeit und haue mich mit ein paar anderen ans Hinterrad eines äußerst frisch wirkenden Triathleten. Der labbert zwar Stuss ohne Ende, aber so lenkt er uns wenigstens ab. Den anderen und mir ist nicht zum schwätzen und wir kurbeln amüsiert, aber still hinter ihm und seinem Monolog den Berg hoch. Am Schwedenwall wartet der 2. Kontrollpunkt mit leckerem Essen.

KP 2 - Schwedenwall

Riegelparty

Am Schwedenwall

Nach dem Profil müsste nun das schlimmste hinter uns liegen, aber es soll ganz anders kommen. Gestärkt trete ich die Abfahrt an, es geht vom Schwedenwall runter in Richtung Bischofsheim. Das erste aber nicht das letzte Mal an diesem Tag wird ein Ländergrenze überfahren. Es geht von Hessen nach Bayern. Natürlich verfahre ich mich gleich mal in dem Nest und anstatt links, biege ich rechts ab. Erst nach einem guten Kilometer und einigen Höhenmetern bemerke ich die fehlende Ausschilderung und die leeren Straßen. Also wieder zurück, prompt treffe ich auch schon wieder auf einzelne Rennradler mit Rückennummer.

Die nächsten Kilometer fahre ich mit einem Berliner Kurierfahrer, welcher weder den ESK noch vernünftiges Windschattenfahren kennt. Jeweils zwei, drei Kilometer im vollen Gegenwind zu fahren ist recht ermüdend. Schneller Wechseln möchte er scheinbar nicht und so nehme ich einfach raus. Er natürlich auch und wir warten auf eine größere Gruppe hinter uns. Ich reihe mich in fünfter Position ein und lass die Jungs vor mir mal machen. Drei Leute aus einem Verein/Team mit Continental Grand Prix 4000-Trikot fahren voll im Wind und dahinter eine große Gruppe. Jedesmal wenn ich versuche nach vorne zu fahren um die Jungs zu entlasten, macht mir einer die Tür zu. Na gut, dann eben nicht, mir solls ja recht sein.

Schier endlos geht es in Wellen und Wind gen Osten. Ich bin heilfroh über den Windschatten und genieße neben der erhöhten Aufmerksamkeit (bedingt durch das Windschattenfahren) die Landschaft. Bei steigenden Temperaturen läßt die Sonne unsere Schatten auf dem Asphalt langsam aber stetig kleiner werden. Irgendwann geht es links ab und wir stehen wieder vor einem längeren Anstieg. Die Conti-Jungs sind platt und der Rest zieht an ihnen vorbei.

An diesem Anstieg merke ich zum ersten Mal deutlich die bereits verbrauchten Kräfte. Doch auch dieser Berg ist irgendwann vorbei und die schnelle Abfahrt entschädigt für vieles. Kurz danach ist auch der dritte Kontrollpunkt erreicht.

KP 3 - Fladungen

Gequältes lächeln....

Neben mir höre ich jemanden sagen „Und jetzt gehts ans eingemachte…“, hm, was soll ich darüber denken? Auf meinem Profil sieht alles so harmlos aus, aber es folgt eine Rampe nach der anderen. Mittlerweile brennt die Sonne gnadenlos, aus den frostigen Morgentemperaturen sind nun hochsommerliche Werte geworden. An den südöstlich exponierten Hängen der Ostrhön zeigt das Thermometer über 30°C an. Bis Hilders kann ich bei einer langen Abfahrt mit einer kleinen Gruppe mitfahren, doch am Anstieg ins dritte Bundesland an diesem Tag platze ich auf.

ESK-Pension und sterben?

Weiter quälen?

Zweifel

Pause

Weiter!

Ich beschließe kurz Pause zu machen und eines meiner selbst mitgeführten Brötchen zu essen. An der Jugendherberge in Hilders genieße ich den Schatten und philosophiere über den ganzen Sinn meines Tuns. Es werden verschieden Szenarien durchgespielt, unehrenhafter Ausstieg bei KM 123, umfallen bei KM 125, still und heimlich mit dem Bus nach Fulda zurück und keinem was erzählen, oder aus reinem Mute der Verzweifelung weiter fahren.

Das Brötchen und die an mir vorbeifahrenden, mindestens genauso fertigen Gesichter motivieren mich schließlich zum weiterfahren. Noch sind auch die drei Conti-Fahrer nicht an mir vorrüber und ich nehme den Kampf wieder auf. Irgendwann ist es dann tatsächlich vorbei und wir befinden uns auf einer Art Hochplateau. Ich sehe ein Schild „Parkplatz Schwarzes Moor“. Aus meiner Erinnerung heraus irgendwo im Grenzland zwischen Hessen und Bayern in der Nähe des Heidelstein.

Landschaft

so weit

das Auge

reicht

Die zweite Landesgrenze von Bayern nach Thüringen wurde überfahren, oder aber schon wieder Hessen, glaub ich zumindest. Ich fange an zu singen, dieses Kopfradio läuft bei mir immer dann, wenn ich mich auf dem Weg in den Tunnel befinde. Ja, er kommt immer näher, oder bin ich nicht schon lange drinn? Mitfahrer raten mir von dem leckeren Nudelteller am Kontrollpunkt 4 in Kaltensundheim eindringlich ab. Spätestens an der darauffolgenden Rampe kommt der wieder hoch – ich glaube ihnen aufs Wort.

Ich begnüge mich mit einem Powerriegel und Kuchen. Entgegen meiner sonstigen (schlechten) Angewohnheiten trinke ich große Mengen. Zwischen jedem Kontrollpunkt leere ich heute mindestens eine Flasche. Ich mische mir wild Iso-Grapefruit, Apfelschorle, Leitungswasser, Mineralwasser und Redbull in meine beiden Trinkflaschen. Die Mischung aus Mineralien, Iso und Zucker sollte sich später noch als goldrichtig rausstellen.

Nun nach der vierten Kontrolle kommt sie also, die böse Rampe von der viele hinter versteckter Hand sprachen. Ein Anstieg in der Mittagshitze, die pralle Sonne knallt auf den Hang, die Beine sind müde und mein Kopf leer. Ich versuche einfach an garnichts mehr zu denken und trete im „Tunnel“ vor mich her. Überholte und überholende registriere ich nahezu nicht mehr.

heißer Anstieg

Blick zurück

Eigentlich ist mir das egal, ich will nur noch ankommen und das Ding bezwingen. Klar ist mir allerdings auch, dass noch etliche Täler und Kämme dazwischen liegen. Plötzlich werde ich am Straßenrand von einem Schild „Landkreis Wartburg“ empfangen, nun also erst oder wieder in Thüringen?! Eins der Nester ist mir ein Begriff, Kaltennordheim und der dortige, zufällig an Pfingsten stattfindende Heiratsmarkt. Aber ich muss weiter, keine Zeit für so etwas.

Irgendwie kommt mir das nächste Nest auch bekannt vor, Diedorf. Dort hin hatte ich 1993 mal einen Ausflug von Tann aus unternommen. Und selbst in dieser durchzechten Nacht anno 93 dachte ich „um Himmels willen hier nicht mit dem Rad hoch“. Doch es geht wie zu vermuten genau da hoch in Richtung Tann und zurück nach Hessen.

Mittlerweile ist mir alles egal, bergauf ist die Hitze kaum zum aushalten – ich kurbel auf dem letzten Ritzel, die anderen sind auch nicht schneller, bergab halte ich lediglich den Lenker gerade – bremsen wird ignoriert. Auf jeder Kuppe schaue ich nach unten und suche einen Talausgang, doch jedesmal sehe ich rundherum nur wieder höhere Hügel. Oft kann man auf der anderen Seite kleine Punkte erkennen, welche sich wieder langsam nach oben bewegen. Hier und da hab ich aber trotzdem noch die Zeit für ein paar schöne Landschaftseindrücke.

Seitenblicke

Milseburg?

Ich glaube die Milseburg zu erkennen, aber es handelt sich um irgendeinen anderen erloschenen Vulkanschlot. Von mir aus könnte so ein Ding heute auch ausbrechen, hauptsache nur kein Rad mehr fahren… Beinahe belustigt freue ich mich auf das nächste Tal ohne Ausgang und suche immer nach der schwierigsten und auch wahrscheinlichsten Auffahrt. Dann sind wir plötzlich wieder im Landkreis Wartburg, ich will schon resignieren als wir mit Spahl den Getränkeservicepunkt ansteuern.

Nur ganz kurz halte ich und fahre nach dem Auffüllen der Flaschen weiter. Kurz danach erreichen wir letztmalig eine Ländergrenze und die Kilometerangaben nach Fulda werden kleiner auf den gelben Schildern am Straßenrand. In Margretenhaun vor den Toren Fuldas ist der letzte Kontrollpunkt erreicht, KP 5 – ich habe es fast geschafft. Erst zum zweiten Mal an diesem Tag nach Hilders und meinem Tief schaue ich auf den Kilometerzähler. 190km zeigt er an und „noch 23km bis Bimbach“ steht auf einem Schild neben der Verpflegung.

KP 5 - Margretenhaun

23km...

Ich warte auf einen armen Tropf der irgendwo vor der Verpflegung einen Platten hatte. Ich gab ihm meinen Schlauch und meine Pumpe, letztere wollte er mir an der Kontrollstelle zurückgeben. Nach kurzem Aufenthalt kam er auch schon an und gab mir das Model Wesemann zurück. Ich kann an dieser Stelle nur den Kopf schütteln, über die Sportskameraden, welche achtlos vor mir an ihm vorbei knallten. Auch auf das Risiko, dass ich noch einen Platten bis ins Ziel bekommen könnte, gab ich meinen einzigen Reserveschlauch sofort ab. Ich wünsche mir diese Hilfe ebenso, falls es mich mal trifft.

Zuversichtlich...

Die letzten Kilometer also nun in Richtung Bimbach, einer faselt etwas von noch 700hm, andere meinten soviel wären es zwar nicht, aber Rampen würden noch kommen. Wirklich lang und steil wurde es zum Glück nicht, aber die kurzen Stiche taten bei KM 200 einfach nur weh. Endlich kommt auch das von mir so sehnlich erhoffte Tal zwischen Lüdermünd und Bimbach. Ich genieße tatsächlich noch einmal am Ende die Natur an diesem traumhaftschönen Tag.

Dann ist Bimbach erreicht, 213km mit 3400 Höhenmetern zeigt mein Tacho an. Eine Nettofahrzeit von 8:07h, brutto waren es etwa 8:45h. Schwankungen zwischen 5° und 34°C waren zu verkraften, drei Bundesländer, endlose Anstiege und Abfahrten wurden berollt und eines ist mir auch klar: Keine Rennen – wenn dann sowas, einfach nur zum „Spaß“.

Eule im Ziel

Bikemesse, Partyzelt und anderes

Zum Schluß noch ein kleiner Vergleich zwischen dem Höhenprofil des Veranstalters und dem auf meinem Tacho:

Wertungskarte

Profil

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