Ich hatte einen Traum…

So oder so ähnlich lautet das Motto einer der härtesten Jedermannveranstaltungen, der Ötztaler Radmarathon, welcher in diesem Jahr seine 26. Austragung feiern sollte. Und ich wollte in diesem Jahr dabei sein, einer von über 4000 Verrückten welche sich der Herausforderung stellen sollten. Die Daten sind nüchtern betrachtet schon der Hammer, 238km mit 5500hm, zu bewältigen sind der Reihe nach so namhafte Pässe wie der Kühtai, Brenner, Jaufen und zum Schluß das Timmelsjoch. Start und Ziel liegen in Sölden/Tirol.

Warum nur wollte ich diese Höllentour durchziehen? Es war irgendwann im Februar auf einer Tour von Strausberg aus, wenn ich mich recht entsinne waren Jockel, Rob, Börge und A.Dent dabei. Trotz Kuchenblechpause erwischte es mich an diesem Tag aufs heftigste, ein völliger Einbruch. Nicht mal das Bier (oder mein Ebbelwoi im Rucksack) wollte ich auf der Heimreise im Zug anrühren. Ich spürte wie hinter vorgehaltener Hand über mein Leistungsniveau getuschelt wurde und schwor mir Besserung.
Ich weiß nicht mehr genau, ob es der Montag danach war, jedenfalls erwischte ich mit Glück einen der heiß begehrten Startplätze. Es war im Büro bei der DB und ich war zunächst echt happy.

Je mehr ich jedoch über dieses Vorhaben nachdachte, um so mehr wurde mir klar – ohne knallharte Vorbereitung werde ich das nicht schaffen. Spätestens nach meiner Rückkehr von Berlin nach Frankfurt begann ich mit der Vorbereitung. Gleich im April legte ich meinen wohl intensivsten Monat des Jahres hin. Ich fuhr nach Freiburg und kämpfte mich mit dem Renner durch teilweise noch Schnee bedeckte Wege auf den Schauinsland (siehe hier). Ein um die andere Tour wurde durchgezogen, Kilometer um Kilometer wurde abgerissen. Meine Rennprogramm wurde im Vergleich zu 2006 deutlich gekürzt, bzw. genau auf den Tag X ausgerichtet.
Das hatte allerdings auch mit meiner schwindenden Lust auf Rennveranstaltungen zu tun, deshalb beschloß ich den 26. August 2007 zu meinem letzten Rennen zu machen. Ein klares Ziel vor Augen macht die Sache manchmal wirklich leichter.
Doch war das auch in diesem Fall so? Meine Gefühlswelt schwankte nahezu täglich zwischen Euphorie und Panik.

Je näher Tag X rückte, um so angespannter wurde ich. Im nachhinein wahrscheinlich einer der Kardinalsfehler die ich machen konnte. Doch dazu später mehr…

Was tat ich alles in diesem Jahr? Da waren die wirklich schönen Tage an Himmelfahrt in Tschechien. Nie werde ich die Tour mit Rob, Muschi und YoGomez vergessen, einfach gewaltig. Dann meine Reise nach Spanien, die höchste Straße Europas über 3400m, einfach genial. Und die ganzen Touren hier in meiner Umgebung, insgesamt kamen so über 7000km zusammen. Die Höhenmeter gehen wohl fast ins sechsstellige… Alles nur Schall und Rauch, wenn man am Tag der Entscheidung nicht fit ist. Und genau so sollte es kommen.

Bereits letzten Montag fühlte ich mich nicht in Ordnung, irgendetwas in mir lief nicht wie gewohnt. Doch was tun, zum Arzt rennen? Ich fürchtete auf Antibiotika gesetzt zu werden, damit wäre 5 Tage vor dem Rennen alles aus. Also Vitamine und alternative Heilmittel nutzen und hoffen das es schon wird. Ich fuhr das Trainingsprogramm runter, lediglich Mittwoch sollte es noch eine kleine Ausfahrt geben. Das naßkalte Wetter des lausigen Sommers 2007 gab mir allerdings den Rest. Nachdem schon das letzte Wochenende recht frisch war, sowohl Samstag als auch die Sonntagstour, fror ich Mittwochs richtig. Ich merkte, es stimmt was nicht.
Meine Glieder an Fingern und Händen schmerzten und ich bekam teilweise Hautausschlag. Als dann am Freitag auch noch mein Hals anfing zu kratzen, war das Abenteuer eigentlich zum Scheitern verurteilt.

Trotzdem fuhr ich los nach Austria, 530km später schlug ich in Sölden, dem Epizentrum des Radsportes an diesem Wochenende, auf. Klar ist in Hamburg mehr los, allerdings verteilen sich die ganzen Spinner dort auf eine Millionenstadt. Was in Sölden abging, unfassbar! Ich behaupte jetzt mal das 95% der Teilnehmer wirklich fit sind, nicht einfach nur fit, nein, ich meine TOPFIT!!! Das Material alles nur vom feinsten, die Körper durchtrainiert. Ein Mannschaftszug nach dem anderen rauschte durch die Hauptstraße, an jedem dritten Laden gab es Riegel, Gels, etc. von allen bekannten Herstellern. Man beäugte sich und staunte Bauklotz um Bauklotz, zumindest ich. In Anbetracht meiner eigentlichen Ziele, wollte ich jetzt eigentlich nur noch ankommen. Ich fragte mich „Wenn die Topathleten das in 7-8 Stunden schaffen, dann kannst Du mit 11 oder 12 locker zufrieden sein“. Doch das Kratzen im Hals wurde nicht weniger und dazu gesellte sich ab und an ein Fieberschub.

Nachdem ich Freitags Abends noch lecker Käsespätzle essen war, legte ich mich früh schlafen in meiner Pension. Zum Glück hatte ich ein Quartier 10km nördlich, abseits des Trubels gebucht. Außer mir war das Haus von einer Gruppe Altenburger Radsportler belegt. Grüße an dieser Stelle!

Samstags setzte ich mich in mein Auto und wollte mir mal ein wenig die Strecke anschauen. Entgegen des Kurses fuhr ich von Sölden rauf in Richtung Timmelsjoch. 19,-€ waren mir jedoch an der Mautstelle zu viel und so begnügte ich mich mit dem gesehenen in 2100m. Wow, was für Rampen, was für Abfahrten warteten da. Den Rest schenkte ich mir und schaute mir statt dessen den Anstieg zum Rettenbachferner an. Schließlich war der nur wenige Tage zuvor, die Bergankunft der Deutschlandtour 2007. Auweia, war ich froh das keiner unserer Anstiege diese Härte haben sollte. 1300m auf 13km, allerdings kommen auf die ersten 8km warscheinlich schon 1000hm. Selten unter 13%, meistens 15% hat das fiese Teil. Nagut, da müsssen wir ja nicht hoch. Krass war allerdings, wie viele Teilnehmer sich das als Vorbelastung gönnten. Teilweise sind auch welche aufs Timmelsjoch hochgefahren…

Ich fuhr mit dem Auto weiter und wollte mich in einem abgeschiedenen Tal zur Brotzeit auf einer Alm stärken. Dazu mußte ich allerdings noch 300hm laufen, kein Problem, etwas Vorbelastung tut auch mir gut. Richtig urig gabs dann Kaiserschmarn auf der Alm. Ich genoß die Sonne und dachte schon garnicht mehr an den nächsten Tag. Doch ein Anruf von den Kollegen schreckte mich auf: Treffpunkt Pastaparty!

Also ging es zurück zur Pension und einen letzten Check auf dem Rad machen. Ich wählte die Kehren in Richtung Gries, spätestens nach der fünften wußte ich – es geht nicht.

So schwer wie alles war, aber der Puls war am Anschlag (fast 200), die Atmung schmerzhaft, der Husten noch mehr. Wütend und traurig zugleich kehrte ich zur Pension zurück. Danach fuhr ich zur Pastaparty und hatte noch ein Fünkchen Hoffnung. Die zerschlug sich jedoch im Laufe des Abends immer mehr.

Im Anschluß an die Pastaparty mit den Taunusgazellen, besuchte ich noch mit einigen Radlern von der RSG Citybike Darmstadt eine Pizzeria. Die üblichen Vorabendgespäche machten die Runde und man machte sich gegenseitig Mut für die bevorstehenden Qualen. Gegen 2215 war für mich Feierabend und ich fuhr zur Pension und legte mich schlafen. Mein Plan lautete nun: Anfeuern und Eule spielen. Wenigstens anfeuern und Fotos machen, war nur der Plan.

Sonntag morgen 300 war Schluß mit der kurzen Nacht, ich döste noch ein Stündchen, doch gegen 400 stand ich endgültig auf. Ich packte alle Sachen, zumindest so tun als ob wollte ich wenigstens. Doch nicht mal der Plan, es bis auf den Kühtai zu versuchen, klappte. Meine Gesundheit ließ es einfach nicht zu. So stand ich also gegen 625 mit den anderen im hinteren Drittel des 4000köpfigen Starterfeldes. Ich machte Fotos am Streckenrand. Nach und nach setzte sich das Feld in Bewegung, die ersten 30km hinab nach Oetz. Für uns „Supporter“ begann nun das bange Warten. Als die Jungs losrollten kullerte bei mir schon die ein oder andere Träne die Wange runter.

Mit der Freundin eines Darmstädters machte ich dann noch ne locker Tour bei herrlichem Wetter. Aprospos Wetter, es war wohl mit das schönste und perfekteste Wetter, welches je herschte. Das kommt so schnell nicht wieder…

Als dann gegen 1330 die ersten Fahrer ins Ziel kamen, lief es mir eiskalt den Rücken runter. Es wurde mit jedem Fahrer schlimmer, ein dicker Kloß steckte in meinem Hals (im wahrsten Sinne des Wortes). Als es dann in meine angepeilten Zeitbereiche ging und die mir bekannten Gesichter erschöpft, aber sichtlich glücklich eintrafen – da mußte ich kurz mal weg.

Als alle da waren, besuchten wir zunächst die Pastaparty und Finisher-Trikots abholen. Als ich meinen unbenutzen Transponder zurück gab, fragte mich die Dame „Finisher – ja oder nein?“ Tja, sollte ich für meine 65,-€ wenigstens ein Trikot nehmen? Ich konnte kaum was sagen, so schlimm war der Augenblick. Ich antwortete „ich will einfach nur meine 10,-€ Pfand…“ Das Ding hätte ich so oder so niemals anziehen können, allenfalls bei Ebay an irgendwelche Spinner verticken.

Abends gingen ich dann noch mit den Darmstädtern in die Pizzeria zur internen „Siegesfeier“. Allerdings verließ ich den Abend dann doch als erster und fuhr zur Pension zurück.

Heute Morgen fuhr ich dann zeitig zurück nach Frankfurt, um direkt zum Arzt zu gehen. Meine innere Stimme hat ihr gutes getan – eine bakterielle Infektion im fortgeschrittenen Stadium wurde diagnostiziert. Der Arzt beglückwünschte mich zu meiner Entscheidung es nicht fahren. „Sie hätten Tod sein können, mindestens aber für die nächsten 3-6Monate schwere gesundheitliche Schädigungen davon getragen“, so die Aussage eines Mediziners der schon Triathleten betreute. Jetzt bin ich die nächsten Tage erstmal dick auf Antibiotika und Sportpause.

Meine Gefühlslage schwankt noch immer zwischen grenzenloser Enttäuschung und großem Stolz der Versuchung widerstanden zu haben. Ich möchte mich mal an dieser Stelle bei allen bedanken, die mich in den letzten Monaten bei diesem Projekt unterstützt haben. Besonders bei meinen Trainings- und Tourenpartnern, bei Claudia und Holger (Taunusgazellen) und allen Darmstädter Citybikern für die tröstenden Worte vor Ort (DANKE CHRISTIAN!!!) und natürlich bei allen die zu Hause an mich gedacht und mir die Daumen gedrückt haben. Es hat nicht sollen sein.

Mein Traum ist aus!!!

12 Antworten auf “Ich hatte einen Traum…”


  • Mensch Eule – da steigen mir wirklich die Tränen in die Augen! Was für eine harte Entscheidung, aber ich bin ganz sicher, dass Du sie richtig gefällt hast! Manchmal passen die Dinge eben nicht zusammen. Im nächsten Jahr wird Dir sicher keine Infektion in die Quere kommen! Danke für die bewegenden Zeilen und gute Besserung! Liebe Grüße… menis

  • Du Armer! Ich kann Deine Trauer nachfühlen, aber es war die härtere (also auch eisenschweinischere) Entscheidung, nach monatelanger Vorbereitung und einer langen Anreise auf Deinen Körper zu hören! Du wirst im nächsten Jahr Deinen Traum wahr werden lassen und bis dahin eine gesunde Eule sein. Glückwunsch zu diner Vernunft!

  • Was soll man dazu sagen – verdammte Scheiße. Trotzdem die bessere Entscheidung, bei all der Versuchung, all der Vorbereitung, das Rennen nicht zu fahren.

    Lieber gesund und traurig als gott wer weiß was …

  • Was ist los Darki? Willst Du auf den Arm? Druff jeschissen, aber gescheit! Wie es das tapfere Eisenschwein üblicherweise sagt. Nächstes Jahr ist wieder ein Ätztaler und übernächstes Jahr auch und überübernächstes wieder usw. usf.

    Die können froh sein, dass Du die diesjährige Austragung nicht aufgemischt hast. Dann könnten sie nächstes Jahr nämlich einpacken. Also: Kopf hoch und weiter machen Soldat! Du bist trotzdem eine coole Sau.

  • hey t°bi, meinen herzlichen glückwunsch zu dieser unpopulären aber guten entscheidung. wenn du nach 15 stunden qual im ziel und für die nächsten drei monate im sack gewesen wärest, dann hättest du dir wohl erst recht und mit recht richtig in den a gebissen.

    es scheint das jahr der verhinderten träume zu sein. ein kollega hier hat sich 3 wochen vor dem ironman in roth das schlüsselbein auf einer trainingsfahrt gebrochen.

    das schwierigste ist, die mental schon bereit gestellte energie sinnvoll abzubauen bzw. ein geeignetes ventil zu finden …

    kopf oben lassen!

  • Moin Tobi,

    wow, bewegender Text.
    Ich kann es nachfühlen, das ganze Training auf den EINEN Tag ausgerichtet und dann sowas! Ein Jammer.
    Aber: Glückwunsch zu der (bestimmt schweren) Entscheidung nicht gestartet zu sein.
    Und: Du bist ja noch ein „Greenhorn“, die nächste Gelegenheit wird kommen, mit dem „perfekten Wetter“ wird es da vielleicht schwieriger :-)
    Fazit: Kopf hoch, du bist trotzdem, oder gerade deswegen ein Hero!

    Gruß

    Andreas (Cruiser)

  • Alex. "Anke`s Schwester"

    Hi Tobi,

    Mensch, das war echt ein Gänsehaut-Bericht…
    du hast dich 100% richtig entschieden, nun kannst du den Ötzi 2008 angehen und das gesund !
    Wie der Doc schon sagte, die Folgen wären fatal gewesen und hätten mit Sicherheit das sportliche AUS sein können. Kopf hoch mein Lieber, Lebbe geht weiter ;0)))
    Hoffentlich sehen wir uns mal bald wieder zu einer „Gemütlichen Ausfahrt“.

    Die Berge rufen…

    Liebe Grüße Alex.

  • aufgeschoben ist nur aufgehoben;)

    Die Gesundheit geht vor, du hast richtig entschieden.
    Dafür wird der Ötzi 2008 um so schöner!

  • Hallo Tobias,

    scheiss drauf, hast doch dieses Jahr genug Highlights gehabt – wird dann halt eines in 2008.

    Bin gerade von „unserer“ TdF (Biarritz-Freiburg) zurueckgekehrt – nur 3 von 7 kamen komplett durch – ich „natuerlich“ auch.

    Gruss,
    dein Onkel Wolfgang

  • Man-o-man,
    wenn man sich in so nem Maße vorbereitet und dann alles für die Katz gewesen sein soll dann gehen dem stärksten Mann die Gefühle durch. Das kenne ich nur zu gut und dabei gings bei mir nur um 2-3 Monate extreme Vorbereitung. Mich hatte ein Tag zuvor eine Wespe in Auge gestochen. Als Insekten-Allergiker erste Garde ist mir natürlich binnen Stunden das Auge zugeschwollen und mit dem anderen hab ich nur verschwommen gesehen. Das wollte dann auch 4 Tage nicht wieder weg gehen. Ich weiß noch genau was ich damals gefühlt habe. Die Entäuschung in so einem Moment ist einfach so unbarmherzig und so niederschmetternd (so – Schluss jetzt mit dem Geheule) Ich weiß so ein Erlebnis sitzt sicher ziemlich tief – aber mit der Entscheidung nicht zu fahren hast du dir viel höheren Respekt verdient.

    Mach weiter so – 2007 hast du es eben nicht geschafft. Dafür ist ein Traum geblieben und Träume im Leben zu haben ist unheimlich wichtig!

    Gruß Georg

  • Hallo darkdesigner,
    habe deinen Bericht letztes Jahr kurz nach dem ötzi zufällig entdeckt und gelesen.

    Nachdem ich mich durch meinen ersten ötztaler 2007 in über zwölf Stunden regelrecht durchgequält hatte, wollte ich es dieses Jahr eigentlich etwas besser vorbereitet angehen. Daraus wird wegen eines Bandscheibenvorfalls allerdings nichts. Meine Saison ist gelaufen.

    Ironischerweise habe ich aber einen Startplatz ergattert, den ich einem wackeren Eisenschwein kostenneutral abgeben könnte, wenn du denn nochmal starten willst. Melde dich mal.

    Gruss didiundstulle

  • Vielen Dank, dass ist wirklich nett von Dir, aber mir fehlt in diesem Jahr die nötige Zeit für eine ordentliche Vorbereitung. Außerdem ist mir der Druck zu groß, nachher geht wieder irgendwas schief… Im übrigen schleppe ich den Infekt immer noch mit mir rum, echt krass. Bin mittlerweile wirklich nur noch froh, nicht an den Start gegangen zu sein!!!

    Vielleicht fahre ich das Ding 2009 mit ein paar Freunden mal zum Spaß, einfach so mit Begleitfahrzeug und ohne Wettkampfstress.

    Danke,
    dd

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