Vom Radfahrer zum Randonneur oder erste Schritte auf dem Weg nach „Paris – Brest – Paris“ (zweiter Teil)

– zweiter Teil von Staubis Bericht –

Pünktlich um 7:04 erfolgt der scharfe Start von Team Eisenschweinkader I. Zügig nimmt die kleine Perlenkette Fahrt auf und entschwindet in der Dunkelheit. Jetzt heißt es den richtigen Rhythmus zu finden um von Beginn an Boden gut zu machen. Da ich keinen Tacho am Rad habe, fahre ich nach dem Flatter-Geräusch der Windjacken, die wir aufgrund der frischen Morgenluft übergeworfen haben. Schon nach wenigen Kilometern die erste Prüfung für Menis, der an diesem Tage eine besonders schwere Bürde trägt. Die erste obligatorische Elbüberquerung bei Geesthacht.

Er ist der Streckenverantwortliche und wie er mir mehrmals im Vorfeld versicherte, auch bestens vorbereitet. So war er mit mehreren rausgerissenen Seiten eines Shell-Auto-Atlas von 1976 bewaffnet, die er im Laufe des Tages noch so manches Mal gekonnt aus seiner Trikotasche „hervornesteln“ sollte.

Ich zumindest war sehr froh, die Streckenempfehlung des Veranstalters wohl gehütet unter meinem Trikot zu wissen, man weiß ja nie… . Die Fahrt geht weiter auf einer kleinen Landstrasse immer an der Elbe entlang und wir werden langsam warm. Vor uns die Rückleuchten einer anderen Gruppe. Schnell sind wir aufgefahren und reihen uns vorläufig ein. Sofort wird mein „Eddy“ so richtig nervös und ich muss permanent aufpassen und bremsen um nicht in meinen Vordermann reinzurauschen. Dann eine rote Ampel und wir müssen warten. „So kommen wir nie nach Berlin…“ hadere ich mit dem Schicksal, sind doch solche Rhythmuswechsel das reinste Gift für meine Knochen.

Die Ampel springt auf grün und wir jagen der Gruppe erneut hinterher. Schon nach der nächsten Kurve wird die Gruppe bei einer Pinkelpause gestellt…ein kurzer Blickkontakt mit Menis und wir preschen zu zweit davon. Die kleine Strasse führt uns immer an der Elbe entlang durch kleine beschauliche Dörfer in der Morgendämmerung. Jeder hängt seinen Gedanken nach und es wird wenig gesprochen.

Ich genieße diese Phase des Rennens sehr: Um mich herum die norddeutsche Graslandschaft, vor mir Menis in dem vertrautem Trikot, ab und zu gibt die Landschaft einen Blick auf die Elbe frei und mir wird klar, viel besser kann es heute nicht mehr werden. Dazu kommt, und das spielt eine nicht ganz unwesentliche Rolle, wir sind auf Stahlrössern der Schmiede „Merckx“ unterwegs, den besten Rädern der Welt! Bald fahren wir auf einen einsamen Pedaleur auf und nehmen ihn in unsere bescheidene Perlenkette auf.

Das Tempo ist und bleibt trotz des stetigen Windes aus nord-ost ganz anständig und wir kommen gut voran. Es stellt sich heraus, dass unser Begleiter vom AUDAX CLUB Schleswig Holstein (Veranstalter) ist und er die Strecke kennt. Menis fällt ein Stein vom Herzen.

Dann wird es hügelig und wir geben so richtig Gas. Unser Begleiter muss in den Abfahrten aufgrund von Schaltungsproblemen öfter mal abreisen lassen und ich glaube, ihm ist das Tempo auf Dauer etwas zu hoch. Wenige Kilometer weiter entscheidet er sich dann, etwas „ruhiger“ nach Berlin zu fahren und wir sind wieder alleine.

Jetzt ist es wieder an Menis, die richtige Strecke zu finden. In einem schwachen Moment ringt er sich dann dazu durch, mir seine neue Strategie zu erklären: „Weißt Du Staubi, es bringt gar nichts, einfach stumpf in die falsche Richtung zu ballern. Lieber mal anhalten und auf die Karte gucken, wenn man sich unsicher ist. Das spart jede Menge Zeit“. Na dann kann ja nichts mehr schief gehen, denke ich so bei mir.

So langsam nähern wir uns Dömitz, der ersten und einzigen Kontroll- und Verpflegungsstelle bei Kilometer 92!!! Optimistisch gesehen haben wir dann 1/3 der Strecke geschafft. Vorher müssen wir allerdings noch ein paar wenige Kilometer auf diesem Scheissdeich bei vollem Gegenwind bestehen. Hier habe ich das erste Mal eine Ahnung von den Dingen bekommen, die noch kommen sollten. Kurz vor Dömitz gibt es ein paar Unklarheiten bezüglich der Wegeführung und es kommt mein großer Moment. Feierlich zücke ich meine Streckenbeschreibung aus dem Trikot und reiche sie dem großen Meister.

Seine Begeisterung hält sich in Grenzen, aber wir können dem Dokument die entscheidende Information abringen und erreichen wenig später den Kontrollpunkt. Der Empfang ist herzlich und sehr familiär. Es gibt diverse Köstlichkeiten, wie Kekse und „Kraftbällchen“ und lecker Stullen. Wir halten uns vorerst an die Stullen. Auch eine Banane findet als Ballast den Weg in meine Trikotasche….

Zum letzten Teil: KLICK

Suchbegriffe

12 Antworten auf “Vom Radfahrer zum Randonneur oder erste Schritte auf dem Weg nach „Paris – Brest – Paris“ (zweiter Teil)”


  • Herlich wozu habt ihr den überhaupt Karten mit genom. Mit der Beschreibung hättet ihr, wäret ihr durchgefahren, dat bestimt geschaft pünktlich in Malle an zu landen.
    Ansonsten danke für die feine Gute Nacht Geschichte.

  • Als die Zeit für die Streckenbeschreibung reif war, da machte Staubi sein „Unschuldslamm“-Gesicht, öffnete sein Trikot und zottelte einen klatschnassen Zettel aus der Funktionsunterwäsche. „Bitte…“, sagte er und reichte mir das dampfende, halbkompostierte Fragment einer DinA4-Seite.

    Staubi, das Schlimme ist, dass dein Bericht in allen Details stimmt. Trotzdem freue ich mich schon sehr auf Teil 3, auch wenn ich mir dann eventuell das Recht auf eine strenge Zensur einräumen werde… menis

  • Und ich sage noch, Navigation ist wenn man trotzdem ankommt! Oder auch Umwege erhöhen die Ortskenntnis. Bin gespannt, auf welchem Weg Ihr Berlin erreichen werdet.

  • „Er ist der Streckenverantwortliche und wie er mir mehrmals im Vorfeld versicherte, auch bestens vorbereitet.“

    – Staubi, bei diesem Satz schwant mir böses! Ist dir denn das Maydellsche Syndrom nicht bekannt? Mein Gott Staubi, ich bin so froh das du diese Zeilen schreiben kannst und ich dich auch leibhaftig schon wieder gesehen hast, ansonsten müsste ich glauben, du wärest in den weiten der Mark oder sogar noch in Niedersachsen verschollen. Aber ich vermute trotzdem im letzten Teil noch schlimme Verirrungsabenteuer bis ihr in Berlin ankommt.

  • Darf ich höfflichst darauf hinweisen, dass ich mich bereits während der L´Eroica auf direktem Weg vom Start- in das Zielgebiet begeben habe!? Ebenso gründlich wurde HH-B vorbereitet und – ja, ich war nervös! Aber bitte legt Staubi jetzt nichts in den Mund. Staubi, ES war eine gemeinsame Entscheidung! Bis später… menis

  • Lieber Menis, du hast den einheimischen Scout auf deiner Italienfahrt unterschlagen…
    Und jetzt warst du mit einem Bremer Wahlberliner unterwegs… – gut, dass du nach Hause gefunden hast! ;-)
    Schöner Bericht! Staubi, wir wollen die Wahrheit, nichts als die Wahrheit!

  • Jaaa, der Wind, der Wind.
    Das himmlische Kind. Ich kenn den Motivationskiller, der dazu beiträgt, dass die Deiche pro Jahr 1,30m durch Abrieb verlieren.
    Ich leide nochmal mit euch

  • Staubi, Staubi, aus dir wird nochmal ne richtige Schwucke. An die Elbuferstraße zwischen Neu Darchau und Dömnitz habe ich noch beste Erinnerungen aus der Zeit, als die Tour de Wendland noch eine richtige Tour war. Immerhin galt es damals die hügelige Straße 5 mal zu befahren und am nächsten Tag auf den Deichen das EZF zu bestereiten…ich hasse es…
    Ich habe an dem Tag wirklich mit euch gelitten, war mir bei der Geländetour mit Acke, Ampel, J-Coop und Börge im Wald schon fürchterlich kalt und der Wind so gräßlich. Brrr….
    Weiter weiter!

  • Staubi! Du siehst so dermaßen professionell aus. Die Sufe „Talent“ scheinst Du jedenfalls schon mal übersprungen zu haben, Du tendierst zur Zeit fast schon zum „Guter“. Einfach nicht zu glauben. Sind die Fotos vom deutschen Pressedienst oder vom Betreuer aus dem Teamfahrzeug?

    Auch die Prosa* ist lesenswert. Danke.

    * Ich arbeite zur Zeit an einem Rührstück zur Teilnahme am 14. Harz-MTBO, aber irgendwie ist mir die Tinte eingetrocknet…

  • Staubi, den dritten Teil können wir ja nach dem ersten Teil des HH-B 2008-Berichts einstellen, ok? Das gibt dir etwas mehr Zeit und – ich meine – was soll immer der Stress?! Na denn, die Welt wurde auch nicht in einem Tag erschaffen und – wir reden hier über zweihundertundzweiundachtzig Kilometer! Das ist nicht in drei Sätze zu fassen, hörma… menis

  • ….bald ist Weihnachten…..
    Ich glaube die Luft ist raus. Schade eigentlich.

    S.

  • Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie oft ich allein HEUTE schon outlook auf neue Eingänge geprüft habe – immer in der Hoffnung, dass sich dort Teil 3 befindet… menis

Hinterlasse eine Nachricht