Die L`Eroica aus den Augen des Segafredo Campodilina

Auf verschlungenen Wegen erreichte die Redaktion der Bericht des bekannten Amateurs Segafredo Campodilina aus Süddeutschland:

Am Start zu L’Eroica stand ich als blutiger Amateur neben dem bekannten Profi Dieter Kemper, der durch seinen heldenhaften Kampf im Vorjahr meinen tiefsten Respekt erlangt hatte. Auf dem Marktplatz in Gaiole in Chianti wimmelte es um Viertel nach fünf von Typen, wie ich sie tags zuvor im „Museo del Ciclismo Gino Bartali“ gesehen hatte, auf vergilbten Fotografien und in wackeligen Schwarz-Weiß-Filmen. Gut gerüstet und versorgt mit jeder Menge Tipps und Motivationshilfen von der „ESK-Fachberatungsstelle für Strade bianche“ startete ich auf die 200-km-Distanz.

Angesichts der italienischen Übermacht hatten „ESK – RUFA Sport“ und „Bianchi Südbayern“ vereinbart, gemeinsam zu fahren – zumindest auf dem ersten Streckenabschnitt. Dem Umstand, dass die abgesprochene Taktik von den Italienern torpediert wurde, ist dieser Bericht zu verdanken…
Nachdem Dieter Kemper mit seinem gefürchteten „Punch“ das von den Italienern beim Start aufgerissene Loch schnell zugefahren hatte, kam unsere international besetzte Gruppe trotz Nacht und Nebel prima vorwärts – bis zur ersten Schotter-Abfahrt. Während sich Kemper mit der Spitze absetzten konnte, war ich hinter einer Gruppe von Bremsern eingeklemmt, an Überholen war ohne ordentliche Beleuchtung nicht zu denken. Aber ich war mir ja sicher, den erfahrenen Profi an der ersten Verpflegung nochmals wiederzutreffen. Jedoch vertraute ich leider dem ESK-Tipp „Die Italiener wissen schon, wo’s langgeht!“ – aber keine Regel ohne Ausnahme: Bei km 19,1 sind wir falsch abgebogen. An der Stelle kamen wir später (bei km 169,1) nochmal vorbei, deshalb stand da auch ein brauner Pfeil nach rechts. Möglich, dass da in der Frühe noch ein roter Pfeil nach links da war, aber es war ziemlich duster. Jedenfalls bin ich mit dem kompletten Haufen, der gerade zusammen fuhr, nach rechts abgebogen.

Das anschließende Schotterstück war anfangs schön zu fahren, jeder kurbelte still vor sich hin, Nebel lag malerisch in den Weinbergen, ein Käuzchen begrüßte den Tag und ich war mit mir und der Welt im Reinen. Ziemlich bald kamen wir an einem 175-km-Schild vorbei. Weil ich mir am Abend vorher noch die Strecke in der Karte angeschaut hatte und deshalb wußte, dass es ein doppelt zu fahrendes Stück gibt, dachte ich mir nix dabei. Nur kam der danach erwartete Linksabzweig einfach nicht – aber die anderen fuhren auch alle weiter. Erst nach „km 185“ habe ich unter einer Straßenlaterne meine Karte angeschaut und festgestellt, dass wir ganz sicher falsch waren. Also bin ich wieder zurück gefahren, eine Handvoll Italiener habe ich auch zum Zweifeln gebracht. Aber die meisten sind weitergefahren – es werden wohl insgesamt mindestens hundert Fahrer falsch gefahren sein!

Dann habe ich eine Weile gebraucht, um rauszufinden, wo der Fehler lag. Denn mit meiner Straßenkarte, in die ich die Strecke aus der Ausschreibung übertragen hatte, stimmte was nicht. Aber dazu mußte ich die eingezeichnete Strecke erst mal finden und feststellen, dass nicht nur der Pfeil an dem gesuchten Linksabzweig fehlte, sondern auf der eingezeichnete Strecke auch danach nirgends ein Pfeil aufgestellt war. Schließlich konnte ich trotz meiner rudimentären Italienischkenntnisse die auf der Stempelkarte beschriebene Strecke in meiner Straßenkarte nachvollziehen – und musste am Ende feststellen, dass beides überhaupt nicht zusammenpasste. Zwar hatten die Veranstalter auf die Streckenänderung wegen Montalcino hingewiesen – aber dass die untere Streckenhälfte praktisch komplett umgebaut und die Karte dadurch wertlos geworden war, hatte niemand gesagt. Bis wir wieder auf der richtigen Strecke waren, hat es ca. 25 km, mehr als 1,5 Stunden und lange Diskussionen in „Italinglese“ gedauert. Kemper war da natürlich längst über alle Berge.

Auch Kurt und Alberto aus der Schweiz, die mit der Gruppe hinter uns losgefahren sind – und von denen ich geglaubt hatte, dass ich mit ihnen eine Weile würde fahren können, nachdem sie mich eingeholt hätten – waren längst vorbei, ich hab sie erst am nächsten Morgen wiedergesehen. Übrigens: Was ist der einfachste und eleganteste Weg, um mit deutschsprachigen L’Eroica-Teilnehmern ins Gespräch zu kommen? Man lege in der Hotelbar ein celestefarbenes Buch mit dem Titel „Fausto Coppi – 20 Jahre internationaler Radrennsport“ neben sich auf den Tisch!

Den restlichen Tag bin ich dann fast immer alleine gefahren, auch weil mein Fahrstil nicht so recht zu den anderen passte – aber dazu später mehr. Nachdem es hell geworden war (mein Rücklicht hatte sich rechtzeitig zur Dämmerung in den Staub davongemacht) lief es für mich ganz gut. Nur waren es bis zur ersten Verpflegung halt statt 60 jetzt 85 km und ich war echt froh, dass ich mir Kuchenstücke und Traubenzucker (alles 100% historisch korrekt) eingepackt hatte. Wasser konnte ich zum Glück in einer Bar kaufen, denn einen Brunnen hab ich nirgends gesehen. Trotzdem kamen Zweifel auf, auf was ich mich da eingelassen hatte, ob ich die jetzt 225 km schaffen würde, auch noch alleine und ob die Zeit dafür reichen würde.

Aber die erste Verpflegung rückte alles wieder ins Lot: die vielen rustikalen Spezialitäten schmeckten bestens (vor allem das Brot mit Olivenöl und Salz), der Rotwein sorgte für ein wohlig warmes Gefühl im Bauch und ich konnte sehen, dass die anderen teilweise weit mehr zu kämpfen hatten. Die tollen Typen, die da unterwegs waren, zu beobachten, war mit das Beste – im Vorbeifahren konnte man die ja gar nicht so genau studieren, da war man mehr mit sich selber beschäftigt. Ich hätte dem Kommen und Gehen lange zuschauen können, besonders an dieser zweiten Verpflegung bei der Kirche in dem verschlafenen, idyllischen Dorf auf dem Hügel. Ab der zweiten Verpflegung kam auch immer etwas Chianti als „Treibstoffzusatz“ in die Trinkflasche, was erheblich zum entspannten Fahren beitrug und zusammen mit der unvermeidlichen Staubschicht auf dem Mundstück eine äußerst interessante Geschmacksrichtung ergab – ich werde sie vermissen!

Das Fahren auf dem Schotter lief mit der Zeit immer besser. Am Ende fühlte ich mich auf dem Bianchi schon fast so sicher wie auf meinem letzten Stahlross, das vor zwei Jahren den Unfalltod starb. Besonders dieses lange Schotterstück vor der zweiten Verpflegung, das sich über nicht so steile Hügel dahinschlängelte, war erste Sahne. Mit den Tufos machte es auf dem Schotter viel mehr Spaß als auf Asphalt (und mir kam der Teer-Anteil dadurch wohl mehr als 50% vor). Mit der Zeit hatte ich die Strade bianche richtig gut „lesen“ gelernt und fand die schnellste und sicherste Spur fast schon wie im Schlaf. Man musste nur den „Waschbrettern“ ausweichen, im lockeren Kies konnte ich (wenn es nur einigermaßen geradeaus ging) ganz gut „surfen“ und die seltenen tiefen Quer-Rinnen hab ich sooft es ging übersprungen, was mit den dicken Tufos ja viel besser und weicher geht als mit den schmalen Drahtreifen! Obwohl mich auf der ganzen Strecke bergab nur ein einziger Fahrer überholt hat, fühlte ich mich nie unsicher. Die Bremsen habe ich so wenig wie möglich benutzt – wegen der recht geringen Wirkung, dem durch den Staub erhöhten Verschleiß und der Angst, die aufgeklebten Reifen könnten sich von einer erhitzten Felge lösen. Inzwischen ist mir auch klar, wie Coppi und Co. mit ihren noch älteren Mühlen sogar Pässe wie das Stilfserjoch runtergekommen sind – die Jungs haben es einfach laufen lassen, sie hatten ja keine andere Wahl. Und ein bisschen Rotwein (oder Doping) zum Lockerwerden und Ruhigstellen der Nerven werden sie wohl auch genommen haben…

Bergauf hatte ich dagegen mit meinen 42/23 erwartungsgemäß mehr Probleme. So ungefähr zehnmal bin ich abgestiegen und hab geschoben – das erste Mal allerdings unfreiwillig: ich wollte nicht wahrhaben, dass der Grip im Wiegetritt irgendwann mit zunehmender Steigung doch eine Grenze hat, vorher war mit kurzen Rutschern immer alles gutgegangen. Aber nachdem das Hinterrad dann einmal doch nur noch durchdrehte, bin ich im unvermeidlichen Stillstand einfach nach links umgekippt – denn ich hatte die Riemen leider nicht aufgemacht. Danach bin ich lieber früher und freiwillig abgestiegen, besonders oft an den steilen Rampen nach der dritten Verpflegung, an denen die Fotografen standen.

Wegen meiner Bergauf-Schwäche hatte ich mir übrigens speziell für die leicht hügeligen Abschnitte eine besondere Taktik zurechtgelegt: am Hügel oben jeweils den dicken Gang auflegen (auch damit die Kette nicht so auf die Strebe schlägt) und es bergab voll laufen lassen. Sobald die Gegensteigung in Sicht war, nochmal richtig reintreten (schon gigantisch, wie sicher man mit genug kinetischer Energie durch losen Kies pflügen kann!) und solange es geht mit hoher Drehzahl weiterkurbeln. Nachdem ich nach hektischer Schalterei im kleinsten Gang angekommen war, gings im Wiegetritt weiter, oft nur noch im Kriechgang. Freunde habe ich mir mit dieser „digitalen“ Fahrweise wenige gemacht, denn die Fahrer, an denen ich bergab vorbeigeflogen bin, haben mich bergauf oft wieder überholt, wenn die Steigung zu lang war. Richtig geflucht haben aber nur wenige, sonst hätte ich mir nicht einen solchen, langen „Positionskampf“ mit einem Fahrer geliefert, von dem ich erst eine halbe Stunde später am nächsten Brunnen festgestellt habe, dass er ein Landsmann war!

Aber zu Reden gab es unterwegs spätestens nach der Hälfte sowieso nicht mehr viel. Irgendwann nach der dritten Verpflegung habe ich voll auf „Notlauf“ geschaltet und selbst die grandiose Landschaft nur noch sporadisch wahrgenommen. Ich wollte nur noch rechtzeitig ankommen und vor dieser verflixten Schotterpiste, die ich in der Nacht schonmal (falsch) gefahren war, hatte ich auch Angst. Aber anstatt mich da wie in der Dunkelheit über das Waschbrett im Wiegetritt hochzuquälen, konnte ich dort auf der „glatten Spur“ dann sogar im Sitzen hochfahren. Und als ich oben ankam und zufällig auf mein Hinterrad schaute, mußte ich (allein auf weiter Flur) lauthals lachen – denn ich war da sogar im zweiten Gang locker hochgefahren! Irgendwie wird mit der Zeit alles relativ…

Zu dem Zeitpunkt war ich schon lange ganz alleine unterwegs, nur noch vereinzelt sah man andere Fahrer. Dadurch verstärkte sich mein Eindruck, dass ich schon ganz am Ende des Feldes und viel zu spät dran war. Irgendwie hatte meine durch die endlose Fahrerei angegriffene Psyche nämlich das Zeitlimit von 19.30 Uhr auf 18.30 Uhr vorverlegt. Ich weiß nicht warum, aber ich hab die ganze Zeit nur noch mit 18.30 gerechnet. Bei 150 km hatte ich noch 2,5 Stunden Reserve – also musste ich einen 20er Schnitt fahren, um diese Flasche Wein zu kriegen. Nach jedem 5-Kilometer-Schild habe ich dann wieder gerechnet (Bruchrechnen schwach, deshalb war ich von den körperlichen Strapazen immer wieder eine Weile abgelenkt…). Ich habe tatsächlich aufgeholt, bei km 190 war ich bei einem 15er Schnitt für die Reststrecke. Wenn ich so weiterfahre, dann muß ich die letzten 5 km nur noch einen 10er fahren und dann schaff ich das in jedem Fall, habe ich mir gedacht. Wäre auch so gewesen, aber erst am 195-km-Schild ist mir aufgefallen, dass da „Gaiole 10 km“ draufstand! Es waren also nicht 200, sondern 205 km und aus den 10 km/h waren plötzlich wieder 20 geworden! Wenn es jetzt nochmal richtig bergauf ginge, dann konnte ich die Flasche Wein vergessen. Natürlich ging es nochmal kräftig bergauf…

Ich kam mir ähnlich vor wie Fausto Coppi bei seinem Stundenweltrekord anno 1942, als ein Betreuer durch das Läuten einer Glocke ständig den Rückstand hinter dem bestehenden Rekord anzeigte (das war die letzte Stelle in dem Buch, die ich in der Nacht zuvor noch gelesen hatte)! 5 km vor dem Ziel war ich bei einem 30er Schnitt angekommen. Aber wenn es jetzt nur noch bergab ginge, dann wäre das in den 10 Minuten doch noch zu schaffen. Zwar ging es zuerst bergab, wechselte dann aber von Asphalt auf das letzte Schotterstück. Ich bin trotzdem volle Kanne runtergebrezelt, schon unter Ausschaltung der letzten Sicherungen. Hinterher hab ich mich gefragt, wie ich auf der üblen Waschbrettpiste dieses Auto überhaupt hatte überholen können. Statt des Lenkers hatte ich einen Presslufthammer in der Hand – wie durch ein Wunder bin ich auf der schmalen Spur zwischen Blech und Graben durchgekommen. Danach kamen noch ein paar „Dicker-Gang-Wellen“ und ich lag gefühlsmäßig über dem 30er Schnitt. Aber als ich die letzte Steigung sah, war’s vorbei. Da hätte ich wirklich Faustos Beine gebraucht, aber leider bin ich kein Coppi. Mental völlig ausgelaugt quälte ich mich die letzten Meter hoch. Nachdem für mich klar war, dass ich das Zeitlimit für die Flasche Wein zwar knapp, aber endgültig verpassen würde, schaltete ich einen Gang runter (psychisch, denn technisch gings nicht mehr) und fuhr die letzte Asphaltabfahrt auf Nummer sicher. Das war gut so, denn den Rechtsabzeig in Gaiole am Ende der Abfahrt habe ich trotzdem nur mit Mühe geschafft. Als ich da später nochmal vorbeikam, ist ein Italiener laut schreiend (was „Bahn frei“ auf italienisch heißt, weiß ich leider nicht…) geradeaus weitergeschossen. Ich habe ihm die Daumen gedrückt…

Nachdem ich dann ziemlich enttäuscht unter dem „Traguardo“-Band durchgerollt war, stand auf der Stempelkarte schließlich 18.36 Uhr. Und was noch schlimmer war: Vor dem Zielstempel klaffte eine Lücke von vier leeren Feldern! Offenbar musste ich nach der letzten Kontrolle in Vagliagli, die im Streckenplan nicht vermerkt war, weitere „geheime“ Stempelkontrollen verpasst haben!! Denn nachdem die uns immer wieder von Gaiole weg auf eine weitere Schleife geschickt hatten, hatte ich fest mit solchen Kontrollen gerechnet – auch, weil ich Orientierungsfahrten für Autos bzw. Oldtimer veranstalte, bei denen die Überprüfung der gefahrenen Strecke durch geheime Kontrollen ganz selbstverständlich dazu gehört. Aber weil ich am Ende voll am Anschlag gefahren bin, war ich mir jetzt sicher, dass ich doch an diesen Kontrollen vorbeigefahren sein musste. Da waren auch mal Leute vor einer Bar gesessen, die mir was zugerufen hatten, vielleicht war das eine Kontrolle gewesen? Oder ich hatte schon früher mal nicht aufgepasst? Jedenfalls war ich völlig fertig. Ich dachte wirklich, ich hätte nicht nur die Flasche Wein verpasst, sondern dieses wunderschöne Rennen sogar „unehrenhaft“ beendet. Denn nun sah es ja voll so aus, als hätte ich am Schluß einfach abgekürzt…

Da saß ich also zitternd auf dem Oberrohr von meinem treuen Bianchi (völlig eingestaubt, aber keine Schraube locker, kein Defekt – was kann man mehr erwarten?) und suchte in der Liste mit den Orten nach den fehlenden Kontrollen. Dabei dämmerte mir irgendwann, dass das Zeitlimit doch bei 19.30 Uhr lag – ich hatte also völlig unnötig Hektik gemacht! Plötzlich durchzuckte mein Hirn die irre Idee, ich könnte in den noch übrigen 40 Minuten ja nochmal eine Runde drehen und die fehlenden Kontrollstellen suchen – aber für den Fall kündigten die Muskeln schon mal einen Streik an. Ich war wegen der Jagd nach dem falschen Zeitlimit völlig fertig, da ging nichts mehr…

Irgendwann ist der Ärger über mich selbst in Ärger auf den Veranstalter umgeschlagen – wie konnten diese Deppen nur Kontrollen nicht in die Marschtabelle reinschreiben, so dass man sie übersehen konnte!? Fertig mit mir, der Welt und der Veranstaltung verstaute ich mein Zeug im Auto. Nachdem ich mich dabei etwas beruhigt hatte, wollte ich den Veranstaltern doch noch meine Meinung zu dem Thema sagen. Als die Leute in der Turnhalle dann sagten, dass doch alle Stempel auf der Karte wären, hat mich fast der Schlag getroffen! Freuen konnte ich mich da aber nicht mehr so recht, da war alles schon zu weit weg. Später am Abend und auf der Heimfahrt hat sich natürlich doch noch ein tiefes Gefühl der Zufriedenheit darüber eingestellt, dass ich sogar 230 km in 13 1/4 Stunden geschafft habe – das hätte ich unter diesen Bedingungen (die doch etwas schlimmer waren als gedacht) nie für machbar gehalten. Aber dieses spontane Glücksgefühl, das sich sonst beim Überqueren der Ziellinie oder Erreichen der Passhöhe einstellt, hat mir ausgerechnet bei dieser Veranstaltung leider gefehlt.

Andererseits hatten die „Fehlschaltungen“ ja auch was Positives, denn dadurch – auch wenn das Happyend leider sehr spät kam – wurde die Sache für mich ja erst zu einem spannenden und irgendwie doch richtig geilen Abenteuer! Mein Respekt vor der Veranstaltung und vor den Leistungen der „alten“ Rennfahrer ist jedenfalls enorm gestiegen. Jetzt tun mir nur noch vereinzelte Knochen weh und das taube Gefühl in den Händen ist auch verschwunden – unglaublich, wie Coppi und Co. solche Strapazen während der großen Rundfahrten Tag für Tag aushalten konnten! Aber auch für mich wird L’Eroica vermutlich nie mehr so schön, brutal, neu, extrem, verrückt, genial wie bei dieser Premiere sein.

Mit der einen oder anderen Veränderung lässt sich der „besondere Kick“ aber bestimmt wiederholen. Mein alter Herr hätte da ja noch ein Miele-Tandem von vorm Krieg rumstehen (so um die 40 Kilo schwer, mit nur einem Gang, Stempelbremse, aber wenigstens mit Freilauf), mit dem dürften schon die 75 km zum Abenteuer werden – falls ich einen Copiloten finde, der verrückt genug ist, sich darauf einzulassen! Und die tolle Volksfest-Atmosphäre dieser grandiosen „Schinderei mit Stil“ könnte man so sicher auch etwas besser genießen…

Zum Schluß nochmals herzlichen Dank, Menis. Mit deinem Bericht von 2005 und mit deinen Tipps hast Du mir den letzten „Kick“ für L’Eroica (und für die 200 km im besonderen) gegeben – und ich habe nichts bereut. Dies ist eins der letzten Abenteuer auf zwei Rädern, das unser Planet zu bieten hat!

Segafredo Campodilina

(immer noch auf Wolke 7…)

– Der ESK dankt dem Gastautor für seine lebendige Schilderung –

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8 Antworten auf “Die L`Eroica aus den Augen des Segafredo Campodilina”


  • Segafredo, ich habe mitgelitten und wie: feuchte Finger, Wut im Bauch sogar Muskelkrämpfe konnte ich beim Lesen spüren. Danke das wir auch mal an den realen Eindrücken eines ungedopten Radsportlers teilhaben durften. Bisher dachte ich die L’Eroica ist ein Rennen abseits befestigter Wege, danke das du mir die Augen geöffnet hast. Ich wäre sonst glatt mal mitgefahren….

    Ritzelflitzer

  • Eine virtuelle Verbeugung unbekannterweise für Segafreda, prima Bericht in jedem Fall! Dürfen wir jetzt vielleicht auch noch in den Genuß von Herrn Boggis Erlebnissen werden?

  • Segafredo – eben habe ich deinen Bericht zum x-ten Male gelesen. Deine Erfahrungen erinnern mich sehr an meine 2005er Teilnahme. Das Rennen ist einfach überraschend hart und zieht den Fahrern sämtliche Energiereserven aus dem Körper. Besonder die fette Schleife, die du anfangs gedreht hast, wirkt sich hinten heraus natürlich fatal aus. Ich finde es super, dass du die lange Strecke trotzdem zuende gefahren hast und wünsche dir viel Spaß mit der Pulle Chianti. Die von 2005 habe ich übrigens erst eine Woche vor der diesjährigen Veranstaltung gekillt. Bis bald und liebe Grüße… menis

  • Danke, Menis – ohne deine motivierenden Schilderungen (Zitat: “Vergiss die 137! Schöpfe es aus! Ziehe es durch! Am Ende kriechen alle!“) hätte ich die große Runde bestimmt nicht in Angriff genommen, jedenfalls nicht mehr nach der Extratour.
    Dass es hart wird, war mir wegen des hohen Schotteranteils schon klar, aber es war dann doch gefühlsmäßig fast doppelt so schwer wie die “Nove Colli”, die auf dem Papier praktisch denselben Schwierigkeitsgrad aufweist – nur hat die eben 100% Asphalt.
    Den L’Eroica-Chianti werde ich sicher schon früher opfern: für einen “Werbe-Abend” im Kreise ausgewählter Freunde, denen ich zutraue, dass sie 2007 auch ihren Spaß an dieser Schinderei hätten…

  • @ Ritzelflitzer und Ackebua: Danke für Euer Lob, auch wenn diese Zeilen gegenüber Kempers großartigen Memoiren natürlich weit zurückfallen, so wie der Amateur hinter den Profi.

    Mangels Bilder – die Fotografen hingen wieder mal wie die Kletten an den Profis, am Ende des Gruppettos existierst Du für die Presse nicht! – vermittelt die Buchstabenwüste wenigstens einen guten Eindruck von dem nichtendenwollenden Ritt. Mehr als 9 Stunden war ich vorher ja nie im Sattel – schon gar nicht mit einer nur auf Wasser, Schinkenbrot und Chianti basierenden Ernährung. Irgendwann kommt der Punkt, da zerfließen Zeit und Raum, Du fährst nur noch so vor dich hin, die Wahrnehmung reduziert sich auf ein paar Meter Schotter vor dir, deine Beine kurbeln irgendwie selbständig vor sich hin, die Hirnfunktion wird auf das zum Überleben nötige Minimum runtergefahren – und dann passieren solche merkwürdigen Dinge…

    Meine Psyche war jedenfalls voll am Limit. Die physische Anstrengung hielt sich dagegen (bis kurz vor Schluß) in Grenzen. Immerhin hatte ich keine Krämpfe, obwohl ich dafür anfällig bin. Der Stelvio z.B. oder der Mortirolo sind physisch schon anstrengender – O.K. der Mortirolo auch psychisch ;-).
    Noch zum “Rennen abseits befestigter Wege“: Die Intention von L’Eroica ist ja kein Querfeldein-Rennen, sondern die Erinnerung an die “heroische” Zeit des Straßenradsports, die von Coppi und Bartali, als zum Teil noch auf Schotter gefahren wurde (vor allem auf den Pässen). Und das kommt hin: die Schotter-Hälfte der Strecke war bestimmt damals auch nicht schlechter im Zustand. Jedenfalls sollte man vor dem Start seine Zahnplomben checken lassen und mir taten noch Tage danach alle Knochen weh. Noch härter muss wirklich nicht sein…

  • Hallo,
    bin schon vom geschriebenen total begeistert. In 2007 bin ich auch dabei. Nun eine Frage: Fahre Schlauchreifen auf GP4-Felgen auf meiner alten Stahl-Colnago. Welche Reifen sind am besten geeignet???.
    Danke Wolfgang

  • Tja Wolfgang, Menis hat das Thema Reifen mal als unerschöpflich bezeichnet und einen „besten Reifen“ gibt es wohl nicht, eher einen vernünftigen Kompromiss.

    Wir hatten beide die gleichen Schlauchreifen drauf, nämlich den Tufo D28, einen 28 mm breiten Cross-Reifen mit fein geriffeltem Profil. Der schaut allerdings auf meinen 21 mm breiten Mavic-Felgen etwas heftig aus und bei L’Eroica fuhren die meisten auf schmaleren Pneus. Aber Coppi und Bartali fuhren damals ja auch noch auf ähnlich dicken Brummern rum (wenn auch auf breiteren Felgen). Außerdem haben mir die Tufos nur Freude bereitet (s.o.).

    Ein K.O.-Kriterium für die Reifenwahl könnte der Freigang an Rahmen und Bremsen sein. In den 70er Jahren waren ja nur noch die schmalen Größen üblich (an meinem Bianchi hätte aber sogar ein 32er reingepasst). Also unbedingt vorher mal vermessen!

  • Hab gerade nochmal nachgemessen: die Tufos sind sogar gut 29 mm breit und gut 30 mm hoch!

    Übrigens, Ackebua, deine Frage ist echt interessant… ich stell mir gerade vor, wie Boggi auf der Internet-Site seiner ‚G.C. Monsummanese San Giacomo‘ schreibt: „Beim Abschied rutschte dem lange schweigsamen Riesen ein feierliches ‚Santa Maria !‘ über die Lippen.“ ;-))

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