L`Eroica 2006 (2)

– Teil zwei –

Doch auch bei den Assen der italienischen Mannschaft glänzten nicht nur die Antriebsteile! Hellblau leuchteten die Nickis und unerschrocken begegneten sie der deutschen Hoffnung, hatten sie ja die letztmalige Niederlage des nordischen Flachlandfahrers noch lebendig vor Augen.

(Edit: Um Robsen im Ausland das Laden der schweren Bilder des ersten Teils zu ersparen, habe ich den Teil 2 als „neuen Bericht“ eingestellt.)


(Bilder sind per “Klick” zu vergrößern)

Kemper zeigte den Offiziellen seine gelbe Eintageslizenz, die jedem Fahrer der langen Strecke gegen Vorlage des heimischen Lizenzausweises ausgestellt wurde. Nur mit diesem Dokument waren die Schiedsrichter gewillt, die ordnungsgemäße Zeitnahme eines jeden Rennfahrers vorzunehmen. Zusätzlich führte jeder Fahrer die bekannte, abzustempelnde Karte mit sich, die eine regelkonforme Bewältigung der unmenschlichen Strecke belegte.

Auffallend war die Professionalisierung, mit der die Organisationskräfte dem zunehmenden Ansturm der Teilnehmer begegneten. Dieses Phänomen war jedoch vergessen und vergeben, nachdem es auf die Strecke ging. Die Dunkelheit umschloss das aus vielen Fahrern bestehende große Feld und leise surrend rollte es auf der leicht abfallenden Landstrasse 408 in Richtung Siena. Kühl umwehte die Morgenluft die gestählten Beine der Athleten und erst als ein wenig Ruhe einkehrte, konnten genaue Beobachtungen angestellt werden.

Das Feld bestand weitgehend aus Italienern. Nur ein süddeutscher Amateur namens Segafredo Barbarossa, auf einem wunderschönen Bianchi, zeigte sich neben Kemper und es entstand der Plan, die Fahrt zunächst gemeinsam fortzusetzen. Doch das Rennen entwickelte sich überraschend: Die italienischen Asse zogen vorne mächtig an und trotz der vorherrschenden Dunkelheit wurde das Feld regelrecht auseinander gefahren. Kemper erkannte, dass es sich hier um eine klare Strategie handelte; sich des Vorteils der Ortskenntnis bewusst, planten einige der Akteure eine frühzeitige Flucht, um so die Meute der Fahrer den Nachteil der komplizierten Streckenführung spüren zu lassen.

Rasant wurde in die erste Steigung gefahren und hart krachend sprang dem überraschten Kemper die Kette über das unsauber geschaltete Getriebe. Sofort griffen die Italiener an und während Kemper die Kette neu auflegte und im Hang zu starten versuchte, tat sich schnell eine Lücke auf. Doch einmal im Sattel konnte Kemper dem Feld wieder auffahren, bemerkte dabei aber einen nicht zu bändigenden Blasendruck. Die Tatsache, dass bereits das Zufahren einer verhältnismäßig kleinen Lücke Körner gekostet hatte und noch keine 20 Kilometer zurück gelegt worden waren, brachte Kemper dazu, den steigenden Innendruck zunächst zu ignorieren.

So ging es hinein in den erwachenden Tag. Es schien, als ob sich die Straße einige Kilometer sanft geschwungen fortsetzen würde. Diese Chance wurde genutzt, um dem Bedürfnis endlich nachzugehen. Minuten vergingen, ehe Kemper die Aufholjagt beginnen konnte. Im Frühnebel der zauberhaften Landschaft beugte sich Kemper tief über den Bügel und während die Kette fast lautlos über die Ritzel sauste, lief der erste Schweiß in Strömen. Einige Fahrer wurden überholt, doch handelte es sich um früher gestartete, nicht zu der Gruppe der Angreifer gehörende, Touristen. Endlich waren die etwa 15 Rücken auf der Hügelkuppe direkt vor Kemper zu sehen und wenig später konnte er sich im Windschatten der Gruppe erholen.

Der Tag kehrte ein und mit ihm stiegen langsam die Temperaturen. Kemper musterte nun seine unmittelbaren Mitstreiter. Segafredo hatte die Tempoverschärfung wohl nicht mitgehen können, er war nicht mehr dabei. Aber den Mann mit der Rückennummer „254“ erkannte Kemper als einen der Mitausreißer des letzten Jahres. Auf ihn sollte ein Augenmerk gelegt werden, da seine leichte Statur Gefahr am Berg vermuten ließ! Direkt vor Kemper fuhr ein kleinerer, stämmiger Mann mit glänzenden, wohl ausgeformten Beinen. Auf 30 Jahre etwa schätze ihn Kemper. Kraftvoll trat er einen dicken Gang und konnte am Berg das Feld ins Zittern bringen. Erst auf einem sehr steilen Anstieg griff er zur Schaltung und – wie vorher Kemper –sprang ihm die Kette von den Zähnen. Doch routiniert ließ er sich nach links aus der Gruppe fallen, rollte ein kurzes Stück bergab, um sein Getriebe schadlos zu sortieren, und reihte sich dann, ohne auch nur einen Pedalriemen zu lösen, wieder hinten ins Feld ein!

Beeindruckt drehte sich Kemper um und schaute dem erfahrenen Athleten ins Gesicht. Fast hätte es Kemper aus dem Sattel geworfen! Der Mann war uralt und lächelte den Deutschen breit an, wobei ihm noch drei krumme, einzeln hervorstehende Zähne im Mund standen! Unfassbar, aber die Dynamik und Geschicklichkeit, sowie die schlanke, glatte Figur ließen nicht die leiseste Vermutung zu, dass dieser Fahrer bereits von biblischem Alter war.

Es waren wohl etwa 60 Kilometer gefahren und Kemper musste, ob seiner studentischen Blasenschwäche, noch zwei weitere Male von Rad, als die Länge der Steigungen spürbar zunahm. Auch der Italiener mit der „254“ war nun weiter vorn in der Gruppe zu finden und Kemper vermutete einen zeitnahen Angriff dieses verschmitzt aussehenden Rennfahrers. Und tatsächlich, kaum hatte sich Kemper neben diesem Mann eingefunden, trat er an einer mörderischen Steigung brutal an. Natürlich setzte Kemper alles daran, den Mann an dieser Schlüsselstelle nicht zu verlieren. Das gnadenlose Trainingsprogramm der Eisenschweinkaderschmiede zahlte sich aus und so erreichten die beiden gemeinsam den Gipfel, drehten sich um und sahen sich an. „Avanti“, sagte die „254“ und so griffen die Hände nach den unteren Lenkerenden und es wurde schwer in die Pedale getreten.

Schon bald waren die 13 restlichen Fahrer der Gruppe außer Sicht und die beiden Ausreißer fuhren in stillem Einvernehmen und innerem Verständnis ein konstantes Rennen. Die „254“ hieß Andrea Boggi. Er sprach kein Wort Englisch und kein Wort Deutsch. Dieter Kemper wiederum sprach kein Wort Italienisch. Trotzdem herrschte das stille Verständnis untereinander, wie es nur wirklich harmonisch miteinander fahrende Radfahrer kennen. Es bedarf keiner Worte, um sich perfekt aufeinander abzustimmen. In schneller, teils rasanter Fahrt ging es durch die Weiten der Toskana.

Irgendwann liefen Boggi und Kemper auf die Starter der 75 km Runde von hinten auf. Stoisch wurden diese überholt und trugen, sicher ungewollt, enorm zur Motivation bei. Sobald ein 75er am Horizont erschien, konnte eine deutliche Tempoverschärfung in der Zweiergruppe verzeichnet werden. Schließlich, nach etwa 140 Kilometern, erreichten Boggi und Kemper die vorletzte Verpflegungsstation.

Hungrig und durstig stiegen die beiden von den Maschinen und genossen das reichhaltige Angebot an Speisen und Getränken.

Im Hintergrund befinden sich die Rennkommissare, die bei Vorlage der Stempelkarte ihre Unterschrift leisteten und somit das ordnungsgemäße Einhalten der Streckenführung garantierten.

Dieses Fräulein bereitete die typische Gemüsesuppe zu, die warm die strapazierten Mägen füllte und dem ansteigenden Weinkonsum ein wenig Paroli bot.

Auch Dieter Kemper genoss den Chianti, der dem schwindenden Optimismus wieder auf die Beine verhalf.

Italienisch-Deutsche Freundschaft: Boggi und Kemper

Das oben stehende Bild kennzeichnet die wortlose Verständigung der beiden Fahrer. Ein Blick, ein Nicken und schon wurde die staubige Piste wieder unter die schmalen Pneus genommen. Deutlich zu sehen ist, dass der Italiener bereits nach der Hälfte der Strecke seine Trinkflasche verlor. So waren Kemper und Boggi darauf angewiesen, den knappen Vorrat aus Kempers Flasche fair zu teilen. Auch wenn auf den schlechten Wegstücken etwa die Kette absprang, oder kurze Schwächeperioden mal den einen, mal den anderen zu etwas verhaltener Fahrweise zwangen, wurde wie selbstverständlich aufeinander Rücksicht genommen.

Boggi und Kemper waren sich einig und konnten so ihren Abstand zu der jagenden Meute konstant vergrößern.

Auf geteerten Wegstücken wurde die Unterlenkerhaltung allenfalls am Berg aufgegeben, doch meistens verharrten die beiden Fahrer in dieser aerodynamischen Haltung, um dem spürbaren Wind möglichst geringe Angriffsfläche zu bieten.

Doch sah die Streckenführung im letzten Drittel die härtesten Prüfungen vor. Es folgte auf jede gnadenlose Schottersteigung eine knüppelharte Abfahrt, die den Fahrern fast den Lenker aus der Hand schlug. Mehrfach musste Boggi an den Steigungen vom Gerät, da ihm die Haftung des Hinterreifens verloren ging. Kemper erinnerte sich daran, dass ihn eben jene zahllosen, zwar kurzen, jedoch extrem steilen Anstiege, im letzten Jahr fast in die Ohnmacht getrieben hatten. Hier konnte er die Vorteile seiner kurzen Übersetzung ausspielen und wieder einmal zahlte sich die akribische Vorbereitung der deutschen Mannschaft aus.

Gezeichnet vom letzten Abschnitt des Rennens und von der erbarmungslosen Mittagssonne gebeutelt, rollten Boggi und Kemper in einen typisch toskanischen Ort ein. Die Strecke verlief dabei direkt durch die kleinen Strassen und Gassen und es war spürbar, auf welchen Rückhalt dieser Sport bei der italienischen Bevölkerung traf. Da Kemper Teile der Strecke dunkel zu erinnern vermochte, gelang es ihm etwas besser, seine Kräfte angemessen einzuteilen und er wusste, dass diese Ortschaft mit einer weiteren, jedoch der letzten Verpflegung vor dem Ziel aufwartete.

– Ende Teil zwei –

Zum dritten und letzten Teil: KLICK

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10 Antworten auf “L`Eroica 2006 (2)”


  • Boah und dazu diese wundervollen, sicher sündteuren“ Farbfotographien“! Teil Drei, aber sofort!

  • Onkel, du weißt doch, die Presse steht an jeder Ecke und Profis, wie Kemper, werden doch von mindestens ein, zwei Betreuerfahrzeugen begleitet. Das ist doch bei der TdF nicht anders. Kemper wurde ausserdem an jeder Verpflegungsstelle von Seniora Dr. Julia Fuentis erwartet, die sich sorgfälltig um seine Verfassung kümmerte. Der Einbruch des letzten Jahres steckte ihm doch noch immer arg in den Knochen… menis

  • Ach Menis,

    ich weiß wo ich im nächsten Jahr den Einheitstag, bzw. die Woche um den 3.Oktober 2007 verbringe. Definitiv nicht in Tschechien!!!

    Auch Dein Bericht begeistert mich mit Wort und Bild. Das mit der Aufgabe des Schlammwühlens muß ich mir noch überlegen. Jetzt nach dem harten Tschechei-Training hab ich meine lokalen Jungs vom feinsten abgeledert ;-)

    Bin gespannt wie es weitergeht,
    eule

  • Ich sage nur eins: Ich habe feuchte Finger und rutsche immer von der Maus ab beim Lesen.

  • Gehe ich recht in der Annahme, dass vor Boggi und Kemper keine weiteren Fahrer des selben Starterfeldes mehr zu finden waren?
    Dann aber jetzt schnell Teil 3, sonst muß ich heute den ganzen Tag vorm Computer sitzen und auf aktualisieren drücken.

  • Betreuerfahrzeuge, Dr. hc. epo. steroid. Julia Fuentes, Nationalmannschaft – das ist noch lange nicht alles!

    Mir ist obendrein zu Ohren gekommen, das eine gewisser betagter, leicht zerstreut wirkender Mann mit markanter Sehhilfe, den sie wie einen heimischen, nachtaktiven Raubvogel benennen, sich rührend um unseren Kemper gekümmert hat. Nicht nur die nachbereitende Massage der geschundenen Gliedmaßen oder das Reinwaschen der beißenden Wunden übernahm dieses Urgestein Deutscher Radsportkultur, nein, auch als mentale Stütze hielt er treu an seinem Schützling Kemper fest. Legendär soll später der mir von einem Informanten übermittelte Auspruch Kempers im Beisein dieses Jemands in die Analen der L’Eroica eingehen:
    „Een Zweiundvierzijer Schnitt! Weeßte eijentlich, wie schlecht dit is?“

    Nochmal: Irre Bilder und fantastischer Bericht. Los, weiter!!!

  • Und ich dachte immer, dass sich der alte Spruch „wer will schon reden?“ nur auf Männlein+Weiblein im Nachthemd bezog und nicht auf Männlein+Männlein im Wolltrikot ;-)

    MEHR, bitte, bitte, bitte MEHR!

  • Jen – wir haben die Strecke nicht verlassen! Ich schwöre… Kemper

  • sehr geil! super bilder! fetter respekt!
    mehr davon …

    p.s.: hiess der süddeutsche etwa peter und kam aus schwabach (nürnberg)?

  • Nö – ich bin von weiter südlich. Und auf dem zweiten Bild drauf! Mit der gelben Windjacke und dem Reflektorband am linken Knöchel, gleich hinter Ex-Weltmeister Kemper. Weil mein Aufzug zu dieser frühen Tageszeit aber nicht ganz dem heroischen Geist der Veranstaltung entsprach (es war verdammt kalt!), hat mich der Fotograf dezent in den Hintergrund gerückt…

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