Die L`Eroica 2006 (1)

– Teil eins –

Auch 2006 sollte Gaiole in Chianti wieder zum Mekka des internationalen Radsports werden. Die Veranstalter hatten ihr Möglichstes getan, um für internationale Aufmerksamkeit dieses großen Ereignisses zu sorgen. So wurde sogar Ende August diesen Jahres in einer Nacht- und Nebelaktion, auf der entsprechenden Webpage „2005“ gegen „2006“ ausgetauscht. Damit war dem Marketing und der gesamten Projektkommunikation genüge getan und man rechnete mit großem Andrang unterschiedlicher Fahrer aus allen Nationen.

Auch die auf internationalem Paket bekannte und durch viele Mythen, Sagen und Siege bekannte Radsportvereinigung ESK, mit ihrem Stammsitz in Berlin, sollte eine Nationalmannschaft entsenden, die dann im Rahmen dieser hochrangigen Veranstaltung für das Ansehen des deutschen Radsports auf staubigen Pisten kämpfen sollte. Zur Auswahl standen prominente Namen, wie der für Eddy Merckx fahrende ostdeutsche Pistenspezialist Jockelsdorf, oder der russische Hüne Petr Hustinovkov, sogar der Belgische Bergfloh van Ackegrim stand bereit. Letztendlich jedoch wurde nur der westdeutsche Fahrer Dieter Kemper aufgestellt, der seit Jahren durch geschickte Positionskämpfe in schnellen Feldern auffiel und dem eher das wellige Profil lag, als dass er seine stattliche Statur, mit einem Kampfgewicht jenseits der 80kg, über die Riesen der Bergwelt zu schwingen je in der Lage gewesen wäre.

Trotz seiner verheerenden Niederlage des Vorjahres, konnte er seine Mannschaftsleitung durch ein großen Kämpferherz und dem unbedingten Willen das Ansehen des deutschen Radsports auf internationaler Ebene wieder herzustellen, nachhaltig überzeugen. Unmittelbar nach Kempers Nominierung wurden die Verträge mit der Kölner Meisterrahmenschmiede unterzeichnet die dann erneut ihr Topmodell namens RUFA-SPORT zur Verfügung stellten.


(Bilder sind per „Klick“ zu vergrößern)

Zunächst galt es diejenigen Details zu ändern, die Kemper in der Vergangenheit große Schwierigkeiten bereiteten. Da wäre zunächst die hochmoderne, für Rennen in Niedersachsen bestens geeignete Halfstep-Übersetzung zu nennen. Kemper montierte in enger Abstimmung mit den Konstrukteuren des italienischen Herstellers „Campagnolo“ eine 177.5mm lange Kurbel aus reißfestem Leichtmetall. Dieses Wunderwerk der Schmiedekunst trieb vorn ein 42er Kettenblatt an, welches im Zusammenspiel mit dem 27er Ritzel des 5-fach abgestuften Getriebes für eine entsprechend leichte Bergübersetzung sorgen sollte.

Weiterhin wurde der Trinkbehälter von der üblichen Lenkerposition entfernt und griffgünstig am Unterrohr montiert. Dieser Kniff sollte sich im engen Renngeschehen als sinnvoll erweisen, da die Metallflasche so deutlich fester untergebracht werden konnte und der Verlust des Trinkvorrats in der staubigen Hitze der italienischen Sonne einen spürbaren Nachteil für den durstenden Fahrer bedeutet hätte. Weiterhin wurde auf Kempers ausdrücklichen Wunsch ein zweiter Ersatzschlauchreifen am Unterrohr und eine sorgfältig zusammengestellte Werkzeugtasche um Oberrohr befestigt. Nun war das RUFA-SPORT auf alle Eventualitäten vorbereitet und Kemper konnte sich vollends seiner körperlichen Verfassung widmen.

Erst am Freitag vor dem Rennen starteten Material und Mannschaft und machtem sich auf den weiten Weg nach Italien. Mit nur einer Übernachtung in einer vortrefflichen Pension, wenige Kilometer südlich von Innsbruck, wurde die Toskana bei leichter Bewölkung und angenehmen 24Grad Lufttemperatur erreicht.

Wie auch im letzten Jahr, konnte die reizvolle Landschaft und die seidene Luft, mit ihren unbekannten Aromen, restlos begeistern. Die Verantwortlichen des ESK hatten keine Mühen gescheut und so wurden Kemper und seine Gefährten in einer grandiosen Unterkunft einquartiert. Nur wenige Kilometer von Gaiole entfernt und auf dem Gipfel eines Hügels gelegen, befanden sich drei typisch toskanische Bauernhäuser, die, eingebettet in Olivenhaine, Weinfelder und Feigenbaumgärten, trotz ihres historischen Hintergrunds mit allen Bequemlichkeiten der modernen Baukunst aufzuwarten wussten.

Die mitgebrachten Kinder konnten sich auf dem großen Areal frei bewegen und nach Herzenslust die zahlreich vorhandenen Eidechsen quälten.

Für die Entspannung nach dem Rennen war gesorgt; Kemper bestand darauf, dass eine gewisse Lebensqualität auch unter harten Rennbedingungen eingehalten werden konnte.

Dieses Bild zeigt zunächst unbekannte Früchte, die, nach späteren Angaben der mitreisenden argentinischen Ärztin, Seniora Julia Fuentis, süßlich schmeckten, dann aber mit Lähmungserscheinungen zunächst der Lippen, später der Zunge und schließlich des gesamten Körpers, nicht unerhebliche Nebenwirkungen hatten. Doch als Rennfahrer war Kemper an derartige Umstände längst gewöhnt und steckte sich, in enger Abstimmung mit Seniora Fuentis, einige dieser bunten Perlen in die Trikottaschen, um eventuell auftretende Schmerzen auch unterwegs erfolgreich behandeln zu können.

Doch zurück zum eigentlichen Geschehen: Im Vorfeld der Veranstaltung wurden in Gaiole die Maschinen ehemaliger Helden der Landstraßen ausgestellt; es wurden deren Trikots gezeigt und die Öffentlichkeit konnte die unmenschlichen Anstrengungen der Altvorderen nachvollziehen, die, auch wenn das oft in Vergessenheit gerät, letztendlich den Geist, die Moral und die Kultur des heute existierenden realen Radsports, prägten.

Kemper überdenkt seine Trinkflaschenmontage, entschließt sich aber doch für die unkonventionelle Anbringung am Unterrohr.

Trikot der spanischen IDEOR Mannschaft von 1944, in dem viele von Kempers Jugendidolen starteten.

Giro-Held der vergangen Tage und Idol von heute – der Mitbegründer der L´Eroica!

Nicht nur Moral und Kampfeslust gehörten zu der diesjährigen L`Eroica, sondern auch der Weg in eine breitere Vermarktung deutete sich bereits hier und dort an. Es bleibt zu hoffen, dass diese einmalige Veranstaltung nicht den schnellen Abstieg in die Tiefen des schnöden Mammons nehmen wird, sondern sich seine Einzigartigkeit und Originalität auch für nachfolgende Generationen weiterhin erhalten kann!

Bianchi-Renner von 1953 (die Verbindung der Bremszüge über dem Vorbau entzückte Kemper besonders). Fahrräder wie dieses, wechselten für erhebliches Geld den Besitzer. Ein bedenkliche Steigerung der Preise war zu verzeichnen und dem unbedarften Einsteiger konnte es passieren, dass er für ein ordentliches Monatsgehalt einen schweren, lieblos erstellten und nachlässig montierten Renner erhielt, der bereits auf der ersten Ausfahrt die Ohren mit knarrenden Tretlagerkeilen und die Seele mit untauglichen Bremsen verwöhnte.

Ein weiterer Beweis dafür, dass nur dem Kenner der Kauf eines sinnvollen Objekts gelingen konnte.

Vor den Augen des Publikums, wurden einzeln die Fahrer aufgerufen und ihnen analog zu den jeweiligen Ergebnissen des Vorjahres die Startnummer überreicht. Zum Dank richtete Dieter Kemper einige lobende Worte an die italienische Öffentlichkeit, in der er sich über die Fairness der italienischen Fußballnationalmannschaft äußerte.

Direkt nach der Fahrerpräsentation zog sich die Mannschaft zurück in ihr Quartier. Noch einmal wurde die Strategie durchgegangen und unterschiedliche Pläne für die nicht vorhersehbaren Rennsituationen diskutiert.

Schließlich widmete man sich ein letztes Mal der optimalen Vorbereitung des Materials: Es wurde die neue Startnummer am RUFA-SPORT befestigt, die Kette sorgfältig geschmiert, die Reifen auf Luftdruck kontrolliert, die Züge nachgestellt und das Lenkkopflager überprüft.

Besondere Hingabe war beim Fetten der Sitzlederfläche notwendig. Kemper setzte dafür auf die extra für diesen Zweck vom ESK zur Verfügung gestellte und über alle Grenzen hinaus bekannte Schuhwichse namens „Eule“. Früh schickte man dann Kemper zu Bett, denn der Start war bereits für 05.15 Uhr angepeilt. Es war der deutschen Mannschaft zu Ohren gekommen, dass die Elite der Italiener bereits zu dieser Zeit Gaiole zu verlassen gedenkt. Da Kempers Orientierungslosigkeit schon mehrfach zu ungünstigen Rennverläufen führte, musste er sich der Ortkenntnis und der schnellen Aufnahmefähigkeit geographischer Gegebenheiten der italienischen Konkurrenten anvertrauen. Kemper nahm sich vor, trotz dieses offensichtlichen Makels, ein entschlossenes und angriffslustiges Gesicht zu ziehen und so von vornherein den ärgsten Widersachern Paroli zu bieten!

Bestens vorbereitet und moralisch vortrefflich eingestellt erschien Kemper dann am Renntag gegen 05.00 Uhr, um sich ein weiteres Mal den Unwägbarkeiten der toskanischen Schotterpisten zu stellen.

– Ende Teil eins –

Zum zweiten Teil: KLICK

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11 Antworten auf “Die L`Eroica 2006 (1)”


  • Du fieses Schwein – eine Fortsetzungsgeschichte – sowas gemeines kann nur von Dieter Kemper kommen.
    Mir gefällt besonders, wie du versuchst dem toten Sitzleder Leben einzuhauchen….

    Los mach hinne, ich will mehr lesen!!!!

  • Dieter, Du bist der Größte! Ich brenne schon darauf, mich an der ausführlichen Schilderung deiner Leiden zu weiden! Beeil dich!

  • Grandios! Der Schreibstil, die Bilder – Herr Kemper, nach dem Ende Ihrer Karriere als Radrennfahrer sollten Sie unbedingt ein Buch über Ihre aktiven Jahre schreiben!

  • ja ja, mein Bruder, der Dieter! Ich kann Euch sagen, denn der Dieter hat mich vorab am Fernsprecher in groben Zügen informiert: Macht Euch auf spannende Lektüre gefasst!

  • Sprachlos….

    Aber ich weiß schon ein wenig mehr!

  • eine fortsetzungegeschichte: ohhh man, jetzt muss ich ja noch mehr zeit in namenlosen internetcafes verbingen. aber ich bin so gespannt. dieter: gib der tastatur die spore, so wie du sie deinem rufa-gaul hoffentlich gegeben hast!

    rb

  • Herr kemper…nu aber rann..ich will mehr lesen …..

  • Gaanz großes Kino!! Und ich bin sicher, dass diesmal die Fortsetzung sogar noch besser wird – im Gegensatz zu Hollywoods Gesetzmäßigkeiten…

  • Bellissima, Dieter!
    Ich hatte die Ehre, mit dem großen Kemper zu fahren – natürlich schob ich mein Vorderrad aus tiefem Respekt nie vor seins! Nach nur gut 10 Kilometer war’s allerdings vorbei, dann fiel ich beinahe den Tricks einer Übermacht italienischer „Gregari“ zum Opfer. Trotz Handicap konnte ich das Rennen dennoch abgeschlagen im Gruppetto beenden. Die dramatischen Ereignisse in der Spitzengruppe kenne ich daher leider nur in groben Zügen – aus dem „Corriere della Siena“ und aus einem kurzen Ferngespräch mit Dieter Kemper. Die Welt dürstet nach mehr Details über Kempers heldenhaften Kampf !
    Forza Campione!
    Barbarossa alias „Segafredo“

  • Segafredo, lieber Kamerad! Im Anschluss an die Ausführungen wird selbstverständlich auch dein Bericht seinen Ehrenplatz finden! Ich finde er spiegelt in perfekter Weise die Höhen und Tiefen dieses gnadenlosen Rennens wieder. Bis bald und beste Grüße… D.Kemper

  • Wie wahr, Dieter: ich hab eher die Tiefen kennengelernt… Aber auch die waren ein grandioses Erlebnis!
    S. Campodilina

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