Schaltwerkssterben in Südmecklenburg

Staubis Sicht der Dinge:

Es gibt Tage, da steht man in aller hergottsfrühe auf, natürlich könnte man auch liegen bleiben da ja zufälligerweise Wochenende ist, und fragt sich nach dem Sinn des Lebens. Gestern war so ein Tag und meine erste offizielle Kaderfernfahrt stand wie in Stein gemeißelt auf dem Programm. Ich sage „wie in Stein gemeißelt“, weil ich die erste Kaderfernfahrt aus fadenscheinigen Gründen am Berliner Hauptbahnhof abgebrochen habe und das sehr schlecht für das Selbstbewusstsein ist. Ein zweites Mal durfte so etwas einfach nicht passieren und so war ich an diesem Morgen fest entschlossen, die angestrebten 120 Km nach „alter Väter Sitte“ an Jockels Hinterrad durch die Weiten der Mark zu fahren.
Jetzt, auf dem warmen Sofa sitzend und das erlebte vor dem inneren Auge noch einmal vorbeiziehen zu lassen, frage ich mich, ob ich nicht heute morgen liegen geblieben wäre, hätte ich gewusst, was der Tag so bringt….ich wäre trotzdem gefahren!
Aber zurück zum Bericht. Mit leicht erhöhtem Ruhepuls fand ich mich um 8:30 am Bahnhof Potsdamer Platz ein um auf den angekündigten RE zu warten, der um 8:38 abfahren sollte und in dem sich hoffentlich Husten und Checkb befinden würden. Ein kurzer Blick auf den Plasmaten verriet mir, dass um 8:37 ein RE abfahren würde und ich war im höchsten Maße verunsichert. Scheiße, was machst Du jetzt, dachte ich so bei mir und überlegte, wen ich denn so alles anrufen könnte und ob die Zeit noch reicht, um zum Bahnhof Gesundbrunnen zu fahren und Jockel dort zu treffen. OK, erstmal einen Blick auf diese gelben Fahrpläne werfen, die dann doch gelegentlich herumhängen und übrigens sehr übersichtlich aufgebaut sind. Unverzüglich stellte ich fest, dass das Baby um 8:38 auf Gleis 4 in die richtige Richtung abrauschen würde und ich einfach auf dem falschen Plasma geschaut hatte. Die sind anscheinend den Bahnsteigen zugeordnet und spiegeln kein Bild der globalen (Bahn)-Lage wieder. Aber egal. Zug kommt und ich höre sofort ein Pfeifen und sehe ein bekanntes Trikot. Husten und Checkb sitzen planmäßig im Zug und mein Puls normalisiert sich. Ampel ist der nächste gefolgt von Jockel und Boerge. Die weitere Zugfahrt verläuft kurzweilig. Wichtige Themen des öffentlichen Nah- und Fernverkehrs wurden angeschnitten, es wurde über die neueste Schuhmode diskutiert und nicht zuletzt wurden Pralinen gefuttert. Der edle Stifter wollte der kommenden Parade zum Geburtstag der Republik einen würdigen Rahmen geben und dies ist ihm auch gelungen.
Dannenberg o.ä., die Zielstation dieser Reise und Startpunkt der Fernfahrt. Was soll ich sagen? Kennt jemand den Film „Zwei Banditen“ mit Butch Cassidy (Newman) und Sundance Kid (Redfort) und erinnert sich an den Bahnhof in Bolivien? So in etwa muss sich der geneigte Leser den Bahnhof in Dannenberg vorstellen.
Was folgt ist zügiges Radfahren durch wunderschöne Landschaften. Jockels Strategie den Schnitt hochzuhalten ist sicher nicht ganz verkehrt, dachte ich so bei mir, denn was man hat, dass hat man und vielleicht springt ja auch noch eine Pause dabei raus….
Nach anfänglichen Problemen mit meinem Sattel ging es mir von Kilometer zu Kilometer besser und die Sache fing an, richtig Spaß zu machen. Jockel sorgte für eine abwechslungsreiche Wegführung und auf Passagen, die gut rollten, folgten Strecken wo man sich richtig durchkämpfen musste. Auf einer solchen erwischte es als erstes Checkb. Ein Ast hatte sich mit seinem Schaltwerk angefreundet und ab da lies seine Schaltperformance ein wenig zu wünschen übrig. Ein herannahender Jockel erkannte sofort den Grund in einem überflüssigen Teil an dem Liteville und bot sich an, das betreffende Teil fachgerecht zu entsorgen. Checkb war nicht seiner Meinung….
Weiter gings und Checkb hatte erst mal ein wenig schlechte Laune, obwohl sein Pony noch ganz gut mithielt. Nur das Krachen beim Gangwechsel störte die Waldesruh geringfügig. Jockel wäre nicht Jockel, wenn wenn er nicht sofort um Abhilfe bemüht wäre. Das Wohl der Truppe steht bei Ihm immer ganz oben und so versuchte er Checkb ein wenig aufzuheitern und versprach Reparaturmaßnahmen während der kommenden Pause. Ich glaube Checkb war sich nicht sicher, ob ihn das weiterbringen würde…
Was dann folgte, war für mich schon ein wenig hart. Auf einem harmlosen Forstweg in Marschgeschwindigkeit kam mein Kriegspony ins straucheln, ein klitzekleiner Ast muß die Ursache gewesen sein, und brach sich den Hinterlauf. Ich erkannte sofort das Ausmaß der Verletzung und wusste, das war’s dann für heute. Die Schaltung samt Teilen des Schaltungsauges hingen irgendwo in den Speichen des Hinterrades. Supergau. Wo bin ich hier und was mache ich hier mitten im Wald?
Mir war natürlich sofort klar, das ich mich von nun an alleine durchschlagen musste, befanden wir uns doch auf einer Kaderfernfahrt „nach alter Väter Sitte“ und wer nicht mehr weiter kann, kann eben nicht mehr weiter.
Der Abschied war kurz und herzlich, Jockel gab mir noch eine kurze Wegbeschreibung und ein Kettenschloss, dann schossen die Reiter der Apokalypse davon und ich war alleine.
Na schön, dachte ich so bei mir, es könnte schlimmer sein und begann die Reste meiner Kette zusammenzufügen. Ohne Jockels Kettenschloss hätte ich das übrigens nie geschafft. Die Kette war nun wieder ganz, aber zu lang und so entschloss ich mich auf gut Glück vorne auf das große Blatt zu schalten. Ging ein bischen schwer, aber jetzt war die Kette richtig stramm und vielleicht 2-3 Glieder zu kurz. Was soll’s, ich wollte mich nicht ewig aufhalten und möglichst schnell raus aus diesem Wald. Also fuhr ich testweise mal los. Ich konnte kaum treten, aber es lief. Die Geräusche von Kette und Antrieb waren beängstigend, aber es ging, nur eben mit größter Kraftanstrengung. Mehrmals versuchte ich, die Kette auf ein kleineres Ritzel zu bekommen oder vorne auf das mittlere Blatt zu schalten, aber da war gar nicht dran zu denken. Und erneutes aufnieten wollte ich nun wirklich nicht riskieren.
Also weiter und nach ein paar hundert Metern stand da mitten auf dem Weg eine Schachtel Pralinen. Checkb der treue Freund opferte seinen letzten Proviant und ich musste bei mir denken: „Der Weg der Gerechten ist (manchmal) gesäumt von Pralinen“. Danke Checkb, die Pralinen haben mir in großer Not wirklich weiter geholfen.
Die nächsten Kilometer ackerte ich mich durch den Wald, natürlich immer zweifelnd, ob mein Weg der Richtige ist. Schliesslich kann sich auch ein Jockel mal vertuen. Ein Kilometer kam mir vor wie zehn, aber ich fuhr stur geradeaus und keine Menschenseele weit und breit.
Dann endlich ein Zaun und die von Jockel angekündigte Schule. Ich war aus dem gröbsten raus und dankte innerlich dem Freund, das er sich in der Gegend so gut auskennt. Bis Neustrelitz war es dann nicht mehr weit, aber aufgrund der Schwergängigkeit meines Antriebes sehr schweißtreibend und ich war wirklich am Ende meiner Kräfte, als ich endlich am Bahnhof war. Ein Zug stand schon bereit und ich fragte einen Mann mit Uniform, ob er mich nach Berlin bringen könnte. Er bejahte und ich stieg sofort ein und wenige Minuten später fuhr er los. Glück gehabt. Der Uniformierte hatte uns morgens schon kontrolliert und fragte mich dann nach dem Rest der Truppe. Ich erzählte ihm die Geschichte und gab ihm mein restliches Geld für das Ticket. Leider nicht genug. Sofort setzte ich den Konter und bot ihm Pralinen an. Das wirkte und er hatte erbarmen mit einem Gestrandeten. Fazit: Die Bahn ist nicht so schlecht wie Ihr Ruf. Die weitere Fahrt war sehr angenehm und ich teilte die restlichen Pralinen mit zwei älteren Damen, die gerade von Dänemark nach Berlin unterwegs waren. Trotz allem ein lohnenswerter Tag und ich freue mich auf die nächste Kaderfernfahrt. Vielleicht habe ich da ja mehr Glück….

Staubi

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14 Antworten auf “Schaltwerkssterben in Südmecklenburg”


  • Schön dass Ihr ohne weitere Verluste durchgekommen seit. Meine Sicht der Dinge habe ich unter dem Touraufruf abgelegt. Die Pralinen waren wirklich großes Kino und ich mußte laut lachen!

    Staubi

  • Schön, dass es immer wieder Neulinge gibt, die unter Schmerzen lernen müssen, dass eine Tour mit Euch Narben auf der Seele und auf dem Rad hinterlassen kann. Ich werde mein erstes Mal nie vergessen und Checkb bestimmt auch nicht… :-)

  • Staubi,
    ich habe mir erlaubt, Deinen Beitrag hinten anzuhängen. Er kann auf Seite 2 nachgelesen werden. Deinen Kommentar zur Tourankündigung habe ich gelöscht.

  • Fein fein. Die Tour klingt sehr interessant, zumal ich die eine oder andere Ecke der Route bereits in diesem Jahr befahren habe.

    Schoen, dass die Kranken wieder auf dem Damm sind!

  • Schöner Bericht hört sich wie immer nach viel schinderei und trotzem ner Menge spaß an. Checkb es tut mir ehrlich leid das ick dir nich helfen konnte (wollte) die Meute mit dir hinten ein wenig zu bremsen. Und so für Lullerrundentempo zu sorgen. Aber da du dem Klapspaten ja entkomen bist scheint deine Leistung ja doch befridigent gewasen zu sein. (wen ick mir das so recht überleg zum glück war ick nich dabei so wie Checkb mich am Wurmberg stehen gelassen hat.

    Ick hab mich heut auch wieder ein großes Stück weiter entwickelt leider aber in die andere Richtung, flug Stunden mit Dr. Worm.:D.
    Aber schnelle Fahrer ham wa ja genuch, ick werd uns, wen es dan so weit is, auch abwärts gut aussehen lassen.

  • …zumal ich die eine oder andere Ecke der Route bereits in diesem Jahr befahren habe.

    Und warum sieht man den großen Meister nicht mal wieder an unserer Seite? Wäre schon schön gewesen. So mag man es kaum glauben, dass Du wieder auf dem Rad sitzt.

  • Onkel, ick werde mein erstes Mal auch nicht vergessen, war im Gegensatz zu Gestern ne Kaffeefahrt nur ein bisschen weiter. Ick denke VooDoo ist die Ursache für Leid und Schmerz, die böse Fratze ist zu neuen Leben erweckt und verbreitet wieder Angst und Schrecken.

    checkb

    PS: DER ESK IST GANZ DOLL LIEB. ;-)

  • PS: DER ESK IST GANZ DOLL LIEB. ;-)

    Du sollst hier nicht rumschwadronieren, sondern die gestern heimlich aufgenommenen Bilder irgendwo reinstellen, damit ich meinen Roman bebildern kann.

  • Frisch aus der Toskana zurück, stolpere ich hier direkt in diese sehr lesenswerte Lektüre. Wunderbar – auch die Geschicht mit den Pralinen ist erste Klasse. Zwar wundere ich mich über den Verbleib der zwei Stunden zwischen 1530 und 1730, aber Schwamm drüber, es war sicher eine harte Tour und gern hätte ich euch begleitet. Bis bald… menis

  • Gerne wäre ich auch wieder durch die nördlichen lande mit euch geritten, aber es sollte nicht sein. Hoffe auf eine wiederholung bzw. auf die 3. Kaderfernfahrt, bei der ich mich von herrn j. aus B. durchs brandenburgische treiben lassen will.

  • Ein Touraufruf von Jockel zur Kaderfernfahrt nach alter Väter Sitte! Mir war klar, wenn ich das überstehe haben die Ärzte, die in mein Wadenbein eine Titanplatte implantierten, wirklich gute Arbeit geleistet;)
    Es war eine geile Tour durch die herbstliche Natur und ich habe wieder einige neue ESK Geheimnisse erfahren dürfen. War da doch der See, an dem plötzlich ein Biker während einer ESK Tour „verloren“ ging, worauf der bis dahin wunderschöne See plötzlich umkippte. Sehr interessant war auch die Theorie des Raum-Zeit-Kontinuums
    die dazu führt, dass man auf einem Teil der Strecke nicht rechts abbiegen kann. Diese Theorie konnte aber durch einen Praxistest widerlegt werden.
    Es hat wieder richtig Laune gemacht mit tollen Leuten durch den Wald zu bügeln.
    Ampel

  • hat mich da irgendwer BÖSE FRATZE genannt?
    das ist ja noch übler als DEFEKTHEXE !
    Um mir die schlechte Idee (die-ersten-10-minuten-hinterherkeuchen-bevor-sie-am-horizont-verschwinden, ich möchte das wort mitfahren hier nicht bemühen….) endgültig auszutreiben, hab ich Samstag früh noch kurz entschlossen aber wirkungsvoll einen Zeh an der Bettkante geopfert.

    Checkb, wir klären das morgen abend beim buffet!

    ach ja: aus offensichtlich mehrfach gegebenem Anlass:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Stampede

    ich wurde beim lesen v.a. HIER schmerzvoll an den N.Ride „GrünerPfeil“ erinnert und werde mich daher auf direktem weg zurück in meine Ecke verziehen und weiter fürchten:

    „Eine große Stampede ist in der Lage, alles in ihrem Weg zu zerstören. Bei Nutztieren versuchen die Halter, die sich bewegende Herde hinter sich selbst herlaufen zu lassen, so dass die Tiere sich lediglich im Kreis bewegen, anstatt dass sie sich selbst gefährden oder gar töten, z.B. durch das Laufen über eine Klippe oder in einen Fluss. Auch Menschen, Eigentum und Siedlungen können so geschützt werden.“

  • Hmm…
    Sagen wir es mal so: Es war ein grandioses Comeback für mich. 120 angekündigte Kilometer hatten schon meinen Respekt. Das es dann nochmal Zwanzig mehr werden würden – nagut, passiert schon mal, das der Oberst in solchen Zahlenhöhen die arithmetische Orientierung verliert – sollte man denken. Jeder, der den Oberst kennenlernen durfte, wird jedoch beschwören können, dass unter der schroffen Borke ein aufrichtiges, hartes und gerechtes Edelholz zu finden ist. Wenn es also eine Entfernungsabweichung in den Berechnungen des Oberst gab, so kann diese nur auf die Falschmessung seiner ihm zur Verfügung stehenden Messinstrumente zurück zu führen sein.
    Ich habe deshalb ein Spendenkonto eingerichtet, welches zur Anschaffung Hodometers herhalten soll, welches seiner Reputation würdig ist.
    Der Gedanke ist mir einfach unerträglich, ihn in Gewalt eines ungeeichten, fernasiatischen Schrittzählers zu wissen.
    Interessenten lasse ich die Bankverbindung natürlich gerne zukommen.

    Weitere Erkenntnisse des Tages: Grossartige Typen – ALLE!

  • ihr seid ja alle ein paar kranke hirsche! grossartige sache.

    aber eines zeigen die defekte wieder: es liegt kein segen auf schaltwerken!

    schoenen tag noch, rob

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