Angermünde – Strausberg

Offensichtlich gehören momentan Dinge wie „Zeitfahren“ oder „zwei Runden auf der Havelchaussee“ zu den bevorzugten Spielarten des Kaders. Dies beunruhigt mich zwar nicht wirklich (jeder soll halt seinen Neigungen freien Lauf lassen), verstehen muss ich es aber trotzdem nicht.

Unter anderem diese Strömungen haben mich mein Rennrad Mitte Juli für dieses Jahr an die Wand hängen lassen und vor dem nächsten Frühjahr werde ich es nicht wieder abnehmen. Denn es gibt viel Schöneres!

Uckermark
Blick in die Uckermark

Wenn man sich auf die Suche zu den Wurzeln des ESK macht, wird man leicht feststellen, dass hier mitnichten das Fahren auf schmalen Reifen auf Bundestraßen geschichtlich verankert ist. Nein, vielmehr ist das Erleben der Natur der wichtigste Pfeiler unserer kleinen Gemeinschaft. Und genau dieses Erleben, das kann man schwerlich auf Asphalt – und wer etwas anderes behauptet, lügt.

Und genau auf diesen angesprochenen Pfeiler sollten wir uns wieder vermehrt stützen.

Ich habe in den letzten Wochen die eine oder andere Tour gefahren, auch einige der ganz klassischen waren dabei. Wunderbare Erinnerungen an alte Zeiten. Schön, diese wieder an Ort und Stelle aufleben zu lassen. Erkennen, dass das Rennrad niemals auch nur annähernd den Spaß und das Abenteuer eines Mountainbikes bereit stellen kann.

Gestern in aller Frühe, die Stadt schlief noch, fuhr ich mit dem RegionalExpress nach Angermünde. Gegen halb neun verließ ich dort den Zug und machte mich auf den Weg. Die Tour sollte mich an diesem Tag nach Strausberg bringen. Was Luftlinie gerade mal gut 55 Kilometer sind, wird auf dem Landwege meist um einiges länger.

In Angermünde waren sonntags um diese Zeit die meisten Menschen noch mit Träumen beschäftigt, so konnte ich die Stadt in aller Ruhe verlassen und über weite Felder nach Neukünkendorf vordringen. Leider hat Uckermärker an sich wohl eine andere Vorstellung vom dem, was in der Karte als Feldweg ausgewiesen wird:

Feldweg auf uckermärkisch
Feldweg auf uckermärkisch

Nachdem ich diese Passage (welche immerhin einen guten halben Kilometer lang war) schiebenderweise hinter mich gebracht habe, ging es vorbei an allerlei Riesenventilatoren nach Neukünkendorf, begleitet nur vom Wind und einem Vogelschwarm, der einen in seiner schieren Masse schon ein Gefühl von Respekt abringen konnte:

Hitchcock?
Hitchcock?

Von Neukünkenberg ging es einmal mehr über Feldwege mit viel Ausblick nach Bölkendorf. Hier waren die ersten Landwirte bereits an ihren Maschinen zu Gange, zur Zeit werden die Felder nachbearbeitet, Maisstoppeln umgepflügt usw.

Der Parsteiner See war nun nicht mehr weit, man konnte die Wassernähe schon förmlich riechen. Am Ufer ging es auf einem ruhigen Trail entlang, bis das Grauen vor mir auftauchte: Ein Zeltplatz, gefüllt mit deutschen Dauercampern, welche jetzt um diese Zeit ihre Betten verließen. Es war einfach nur widerlich. Ekelhaft. In solchen Momenten kommt in mir ein Zero-Tolerance-Gefühl auf und ich möchte einfach nur noch ausrasten.

Während ich mir ausmalte, wie man also solche Zeltplätze am leichtesten von der Landkarte tilgen könnte, hatte ich die Örtlichkeit schon hinter mir gelassen und es ging zum ersten Mal heute so richtig in den Wald. Über mörderische Feldsteinpflasterstraßen kam ich nach einigen Kilometern in Niederfinow raus. Genauer gesagt am Schiffshebewerk, welches den Höhenunterschied von immerhin 36 Meter am östlichen Ende des Oder-Havel-Kanals überwindet:

Schiffshebewerk Niederfinow
Schiffshebewerk Niederfinow

Nach einem kurzen Abstecher an den oberen Teil des Kanals ging es kurz durch Niederfinow und von dort durch das Niederoderbruch nach Bralitz. Bralitz liegt an der Kante der Neuenhagener Insel und dort geht es von fast Meeresspiegelniveau (2 – 3 m ü. NN) hoch auf bis zu 90 m ü. NN. Bei Schiffmühle wurden die eben erfahrenen Höhenmeter in Windeseile wieder vollständig in kinetische Energie umgewandelt und es ging erneut durch das Oderbruch direkt nach Bad Freienwalde. Nach einer Durchquerung der Stadt auf direktem Wege erwartete mich der berüchtigte Siebenhügelweg.

Nach einer kurzen Pause an der Kapelle ging es also über so ziemlich jede Erhebung, die es auf der Strecke von Bad Freienwalde nach Rädekow gibt. Unterwegs konnte ich mich nun endlich auch davon überzeugen, dass der Baasee nicht mehr gefroren ist.

Vom Baasee wieder hoch auf die Gipfel des Freienwalder Massivs musste ich mit Entsetzen feststellen, dass es wohl heutzutage zum guten Ton gehört mit Baggern und Radladern die Wege zu „zermoschen“. Die Befürchtung, dass nun auch der Siebenhügelweg auf Betreiben des ADFCs und sonstiger Organisationen sowie der lokalen Politik zum Opfer fällt und demnächst mit einer 3,50 Meter breiten Asphaltdecke daher kommt, konnte jockel noch gestern abend zerstreuen. Laut Aussage seines Verbindungsmannes in dieser Gegend checkb soll dort wohl „nur“ eine historische Feldsteinpflasterpassage rekonstruiert werden. Warum man da aber einen Unterbau wie bei einer sechsspurigen Autobahn braucht, bleibt mir weiterhin ein Rätsel.

In Rädekow verließ ich das Freienwalder Massiv wieder und machte mich auf den Weg nach Sternebeck-Harnekop. Hier geschah es dann: kurz hinter Harnekop, ich hatte gerade eine kurze Pause eingelegt und einen wunderbar schmeckenden Apfel von den hier reichlich am Wegesrand herum stehenden Bäumen geerntet, war der Vorderreifen platt. Zum Glück hat der Fahrradfahrer von heute immer einen Ersatzschlauch dabei und innerhalb von wenigen Minuten war ich wieder fahrbereit. Ursächlich für den Platten war übrigens ein Akaziendorn, der den Reifen mühelos durchstochen hatte.

Kaum einen Kilometer weiter schwamm das Fahrrad plötzlich hinten: Auch der Hinterreifen war nun platt. Geschichte wiederholt sich. Zum Glück hat der Fahrradfahrer von heute immer Flickzeug dabei und innerhalb von wenigen Minuten war ich wieder fahrbereit. Ursache auch diesmal: ein Akaziendorn im Reifen. Na ja, eigentlich waren es fünf oder sechs. Von denen war aber nur einer durch den Schlauch durch gekommen.

Akaziendorn
Denkste!

Denkste. Wiederum nur einen knappen Kilometer weiter (nun am Ortseingang von Sternebeck) war das Hinterrad erneut platt. Offenbar hatten die anderen Dornen den Schlauch vorhin soweit bearbeitet, dass die Löcher bei Belastung nach und nach so groß wurden, dass Luft entweichen konnte. Also wieder flicken. Wir zählen mit: drei Platten bisher.

Bei Sternebeck wollte ich mir eine alte NVA-Liegenschaft anschauen: dort gab es damals eine Flugabwehrstellung im Wald. Heute wird diese aber nur noch für Paintballspielereien benutzt, es gab hier also nichts mehr zu sehen. Schade.

Kurz vor der Försterei Blumenthal dann – ihr wisst es schon – der vierte (!) Platten an diesem Tag. Erneut öffnete sich eine Stelle im Schlauch, die vorher vorsichtig durch einen Dorn bearbeitet worden war. Da ich gleich noch einen potenziellen Kandidaten für einen Platten entdeckte, flickte ich gleich an zwei Stellen. Der Schauch sah nun schon recht interessant aus.

Von Blumenthal ist die Strecke eigentlich nicht weiter spektakulär, an den Ufern von Lattsee und Ihlandsee vorbei ging es über die Friedrich-Schillerhöhe zum Uferweg des Fängersees. Hier merkte man bereits, dass man in unmittelbarer Stadtnähe war: Eine Menge Spaziergänger machten das Fahren zu einem einzigen Abbrems- und Beschleunigungsvorgang.

Circa anderthalb Kilometer vor dem Ziel, begann das Hinterrad schon wieder zu eiern. Das war jetzt der fünfte Platten an diesem Tag. Ich beschloss allerdings jetzt weiter zu fahren und erreichte tatsächlich mit nun fast luftleerem Reifen den Bahnhof Strausberg.

Auf den Stress gönnte ich mir dort erst mal ein kaltes Bier aus der Flasche und ließ die 15 Minuten bis zur S-Bahn in der Sonne verstreichen. Jetzt war alles wieder gut und der Ärger mit den Platten schon wieder fast vergessen.

Ich blickte auf eine schöne und lange Tour zurück und freute mich, dass ich heute wunderbare Landschaften meist abseits von lärmenden und stinkenden Straßen genießen konnte.

Die Daten: 105 Kilometer, 5:44 Stunden Fahrzeit, 850 Höhenmeter

Bilder von der Tour

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8 Antworten auf “Angermünde – Strausberg”


  • Jaja, sie finden alle wieder auf den Pfad der Gerechten. Die Einen früher, die Anderen später. Die Asphalterrosion hat eingesetzt und ist nun nicht mehr aufzuhalten.

  • „Nein, vielmehr ist das Erleben der Natur der wichtigste Pfeiler unserer kleinen Gemeinschaft.“ Applaus, Applaus!! :-)

  • rikki iss back ;-) das ick dit nochma erleben darf.

  • Gerade fällt mir auf, dass sich der feine Herr Rikman eine neue kleine Knipse besorgt hat. Dabei hat er so etwas wie Markenbewußtsein gezeigt. Ist er auch zufrieden?

    Ach eins noch: Kann man denn jetzt hoffen, dass man mal wieder gemeinsam Richtung Horizant reitet? Also ich wär da offen.

  • Gerade fällt mir auf, dass sich der feine Herr Rikman eine neue kleine Knipse besorgt hat. Dabei hat er so etwas wie Markenbewußtsein gezeigt. Ist er auch zufrieden?

    Die Knipse von dem Frau ihre. Sie ist sehr zufrieden damit, mir fehlen so Dinge wie manuelle Vorwahl der Belichtungsparameter usw. Ist halt eine waschechte Knipse. Aber im Grossen und Ganzen macht das Ding schicke Bilder und ist verdammt klein.

    Ach eins noch: Kann man denn jetzt hoffen, dass man mal wieder gemeinsam Richtung Horizant reitet? Also ich wär da offen.

    Ich habe am Samstag nicht zum Spass in der PN gefragt ;)

  • Rik-Dude, so is richtisch! Wenn man schon mal den Arsh vor die Tür schwingt, dann sollten wenigstens die Statuten des ESK dabei gefestigt werden. Ein schöne Tour hast du da zusammen gestochert, aber am besten gefallen mir die „Wasserzeichen“ in deinen Fotos. Die fallen irgendwie garnicht auf und trotzdem weiss jeder, aus welchem Haus die Bilder stammen. Ne, ist dezent, wirklich. Im Ernst – schön dass du wieder dabei bist, altes Haus! Bis bald… menis

  • Rikman, ich dacht eigentlich auch, dass Du nicht nur die Asphaltsäge an den Nagel gehängt hast sondern deinen anderen Räder ebenso. Umso schöner, dass Du jetzt tolerant und offen für alles und jeden Dich unserer Wurzeln besinnst.

    bis denn

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