Die Vielfalt eines Landes

Die Termperaturanzeige an einer Strassenecke in der Neustadt Quito’s zeigte bei meinem kleinen Stadtbummel heute sonnig-laue 27ºC an. Und da nun, im September, hier so langsam der Sommer beginnt einzuziehen, kann es einem glatt etwas leid tun, in vier Tagen schon abzureisen. Aber zu gross ist die Freude meinerseits, nun doch endlich wieder nach Berlin zu kommen, als das mich das allzusehr betrueben koennte.
Eine Menge hat sich ereignet in den letzten Wochen, kreuz die quer sind wir durch Ecuador getingelt, haben hier mal gerastet, sind dort durchgerast oder haben an jenem Ort verweilt. Besonders angetan hat es mir dabei die Kueste Ecuadors am Pazifik sowie die grossen Staedte Quito, Guayaquil und Cuenca. Aber auch die Berge und Vulkane sind beeindruckend – in keinem Land der Erde findet man wohl auf so wenig Raum soviel verschiedenste Landschaften und Menschenschlaege. Aber fangen wir mal von vorne an, ich versuch mich kurz zu halten :)

Die gute Woche die wir, der Rest der Exkursiongruppe der ich mich anschloss, auf der kleinen Insel Muisne verbrachten, war die reinste Wohltat. Wie angenehm ist es doch ein paar Tage lang nur vor folgende die Qual der Wahl gestellt zu sein: Baden oder in der Haengematte liegen? Tischtennis oder Karten spielen? Lesen oder Essen? Bier oder Schnaps?… Aber auch diese Zeit ging vorbei und unser Grueppchen zerteilte sich; zwei nach Peru, einer nach Hause, eine in den Dschungel – und Peter, Christian und ich auf’n Berg!
Nach kurzem Zwischenstopp in Quito hatten wir geplant den Illiniza Norte, einen schneefreien 5126m hohen Vulkanrest zu besteigen. Das machte aber zunaechst eine Akklimitation, eine Gewoehnung an die Hoehe und die duenne Luft noetig. Also fuhren wir nach Quilotoa. Das ist ein kleines Doerfchen auf ca. 3600m Hoehe, welches direkt neben dem gleichnamigen Kratersee liegt. Diesen herrlich durch die Reste eines alten Vulkans umflanken See konnte man umwandern, was wir auch taten. Fuenf Stunden dauerte diese recht anstrengende aber sehr schoene Wanderung. Nun, nach zwei Tagen in diesem Oertchen kristalisierte sich heraus, dass Christian keinen Bock mehr hatte aufn Berg zu gehen und Peter sich krank fuehlte. Also die ganze Sache abgeblasen und zurueck nach Quito. Na was soll man sich in der Hoehe quaelen, wenn es doch auch andere Sachen zu machen gibt…

So hingen wir ein paar Tage traege in Quito rum. Einen dieser Tage verbrachten wir fast vollkommen auf der Dachterrasse des Hostels (Hoehepunkt: Klogang), einen anderen fuhren wir zu einer heissen Quelle. Diese war eine nette Freiluftanlage mit vielen, verschieden temperierten Becken. Darunter eines mit locker ueber 50ºC, in dem man sich keine Sekunde aufhalten konnte. Daneben eines mit eiskaltem Bergwasser, in dem man sich ebenfalls keine Sekunde aufhalten konnte. Der Clue war aber nun, zwischen beiden hin und her zu springen und siehe da, im kalten konnte man bequem 5sek hocken und wenn man dananch in schweineheisse ging, vermochte man auch dort glatt ne Weile drin zu sitzen – bewegungsstarr und voller Angst, die Haut wuerde am lebendigen Leibe verkochen. Aber wir sind trotzdem unzaehlige Male hin und her gesprungen.

Nun, irgendwann musste Christian gen Dtl fliegen und Peter und ich beschlossen, nach reiflichem Abgewaege, es doch nochmal mit dem Illiniza Norte zu versuchen.
Am naechsten Tag fuhren wir nach El Chaupi, einem kleinen Dorf unterhalb des wolkenverhangenen 5000er. Es war kurz vor Mittag und wir beschlossen, noch an diesem Tage hinauf zur Berghuette auf 4650m zu fahren / wandern. Aber vorher was essen: Es fand sich eine kleine Essstube und wir bestellten. Doch Schock schwere Not, es gab nur Fisch und schon stand das Filet vor mir auf dem Tisch. Sollte es das erste Mal in meinem Leben sein, dass ich Fisch esse(n muss)? Nun gut, es gab keinen Ausweg, ich probierte und es schmeckte tatsaechlich. Aber nochmal passiert mir das nicht! Denn obwohl es wirklich gut schmeckte, uebermannte mich am naechsten Tag der Eckel, als ich daran dachte, dort eventuell nochmal Fisch essen zu muessen. Unerklaerrlich, aber so ist’s nunmal…
In dem Ort El Chaupi nahmen wir uns einen Taxi und liessen uns an den Bergfuss auf 3900m Hoehe fahren. Von dort an hiess es wandern. Der z.T. sehr sandige Weg fuehrte uns unter recht grossen Anstrengungen in 2,5 Stunden von 3900 auf 4650m Hoehe. Das Laufen war schon echt schwer, wir jappsten nach Luft. An der kleinen Huette angekommen daemmerte es schon. Drinnen sassen bereits zwei Russen und zwei Franzosen jeweils mit Berfuehrer. Die Huette war enorm spartanisch, die Waende schimmelten und es war kalt. Es standen dort je zwei Drei- und Vierfachstockbetten, Peter und ich machten es uns aber auf einem Vorsprung unterm Dach gemuetlich. Langsam begannen bei mir die gefuerchteten Kopfschmerzen. Sie hielten zwar die ganze Zeit an, waren aber eher lau, wir konnten sogar etwas Schlafen.
Ohne viel zu Essen begaben wir uns am naechsten Tag auf den Weg bergauf. Fuer die rund 500hm zum Gipfel waren drei Stunden veranschlagt. Relativ bald nach der Huette mussten wir mit Kraxeln anfangen. Der Weg war gut kenntlich, aber echt schwierig. Bei mir ging es ganz gut, aber Peter war recht wackelig auf den Beinen und, da wir immer hart auf dem Grat kraxelten, von Hoehenangst geplagt. Auf ca. 4850m beschlossen wir umzukehren. Wir genossen noch etwas die Aussicht wenn hin und wieder die Wolken aufrissen, die uns umgaben und gingen schliesslich zurueck zur Huette. Diesmal war der Berg staerker, vielleicht beim naechsten Versuch irgendwann einmal. Noch am selben Tag sind wir zurueck nach Quito. Beim Abstieg von der Huette zum Dorf schwor ich mir uebrigens, niemals, ja niemals mehr bergab zu wandern – ich hasse es , es macht mir keinen Spass.

Weiter gings ohne Pause: sogar noch am selben Abend nahmen wir in Quito einen Nachtbus, welcher uns zum naechsten Ziel brachte: Kueste, Strand, Wellen, Wasser, Meer – bloss keine Berge. Wir fuhren nach Puerto López. Der eigentliche Plan, auf die Isla de la Plata (Galapagos fuer Arme) zu fahren und dort ein paar Tage zu zelten musste verworfen werden, da das Campen dort neuerdings verboten ist. Also beschlossen wir einen Strandbereich eine halbe Stunde noerdlich von P.L. in Beschlag zu nehmen, nicht aber ohne das Oeffnen des oertlichen Supermarktes abzuwarten. Wir wollten etwas Wein bunkern fuer die Tage am Strand. Da selbiger noch geschlossen hatte machten wir es uns gegenueber in einer Essbude bequem, bestellten kaltes Bier und spielten Karten. Aber nicht das ihr denkt, morgens um neun Uhr schon Bier zu trinken waere in Ecuador eine auffaellige Besonderheit – wir passten uns damit nur den landesueblichen Sitten an. Um uns herum trank man auch Bier und ass lecker Reis mit Huehnchen zum Fruehstueck. Nach etlichen Runden Kartenspielens und zwei Bier fuer jeden erfuhren wir, dass der Supermarkt heute nicht aufmacht. Nungut, also zur naechsten Verkaufsstelle, vier Kartons des billigsten Weines eingesteckt und ab zum Bus, ab zum Strand.
Dort campten wir dann zwei Naechte und verbrachten die Zeit mit, jaaaa mit, oehm, Rumsitzen, Karten, Fussball, Lesen (hatte mir eigens nen Waelzer von Stefan Zweig in Quito ausgeliehen), Rumsitzen, Fussball, Lesen, Karten, Lesen, Karten, Rumsitzen – und der Wein wurde auch alle. Fuer den dritten Tag fassten wir den Entschluss zurueck nach Puerto Lopez zu fahren und so eine Wal-Beobachtungstour mitzumachen, wie sie dort angeboten werden.
Tags darauf bestiegen wir ein kleines Boetchen und fuhren mit ca. 15 anderen Touris raus auf’n Ozean. Und der Stille Ozean war garnicht so still, jedenfalls wurde das Boot von den Wellen ganz gut herumgeschaukelt. Nach einer Stunde erreichten wir eine Gruppe von ca. vier Walen. Bisher, bei voller Fahrt ging es noch ganz gut und ich konnte meine Seekrankheit durch stete Konzentration unterdruecken. Aber nun stand das Boot und wuerde umso heftiger von den eigentlich garnicht sooo grossen Wellen hin und hergeschaukelt. Die schlimmste Stunde meines Lebens folgte! ja wirklich, hoert sich heftig an, war aber auch so. Ich habe sowas noch nicht erlebt! Waehrend um uns herum die Wale wie toll mit den Hinterflossen patschten und grossartig in der Luft umhersprangen, ging es mir immer dreckiger. Nach ein paar Minuten war es soweit, meine fuenf Erdbeermarmeladenbroetchen vom Fruehstueck wurden in Fischfutter verwandelt. Und dann ueberkam mich ein bisher ungeahntes Koerpergefuehl: Ihr kennt das bestimmt, wenn euch ein Fuss einschlaeft, dieses unangenehm picksige, taube Kribbeln. Davon waren meine kompletten Beine, die Arme bis hoch zu den Schulter und meine Kopfhaut erfasst. Mein Kreislauf war kurz vorm Kollpas glaub ich. Es war kaum zum Aushalten. Ich konnte mich nicht bewegen, geschweige denn aufstehen und hang wie gelaehmt ueber dem Bootsrand. „Vamos, vamos“, stammelte ich vormich hin, ich konnte nichts anderes reden, nicht denken, nichts, wollte ur zurueck. Die Zeit dauerte eine Ewigkeit und die Wale sprangen und die Touris fotografierten. Irgendwann ging es dann doch zurueck, noch eine Stunde bis zum rettenden Strand, ich blieb ueberm Bootsrand bewegungslos haengen, das Wasser spritze mich komplett nass, ich muss ne echt elendige Figur abgegeben haben. Dann nochmal Fischfutter verteilen. Doch – seelige Erloesung – wir kamen an, ich schwankte vom Boot und mit einem Mal war alles wieder klar, alles wieder gut. Eiligst gingen wir zu unserem Lieblingsimbiss und ich bestellte lecker Rindfleisch mit Pommes und eine Stunde spaeter sassen wir im Bus auf dem Weg nach Guayaquil. Aber eins zwei Wale hab ich trotzdem fotographieren koennen – keine Angst.

Nach sechs Stunden Busfahrt mit Umstieg in dem Ort mit dem lustigen Namen Jipijapa erreichten wir die groesste (2,5Mio Einw.), wirtschaftsstaerkste und ehemals auch gefaehrlichste Stadt Ecuadors – Guayaquil. Aber viel Zeit blieb uns nicht, den Vormittag bummelten wir so durch die Stadt, die uns echt gefallen hat, erklommen den Hausberg mit tollem Blick und dem einmalig schoenen, teilrestaurierten Viertel Las Peñas. Schon am Mittag aber eilten wir zum Busbahnhof und fuhren wieder zurueck ins Hochland, nach Riobamba.
Die Attraktivitaet von Riobamba ist neben seiner schoenen Lage mit Blick auf drei oder vier vergletscherte Vulkanriesen eine alte Eisenbahn, welche von dort aus gen Sueden faehrt. Eigentlich mochte ich nicht damit fahren, wurde die Bahn doch nurnoch betrieben, damit Touristen, auf den Daechern der Wagen sitzend, rumgegondelt werden konnten. Ein ganz kuenstliche Sache also, was ich nicht so mag. Aber die Zugfahrt auf dem Dach der Bahn war schon sehr beeindruckend. Sechs Stunden dauerte die Fahrt und die ungewohnte Position ermoeglichte einen ganz anderen (Aus)Blick auf Landschaft und Doerfer. Am Morgen durch den Fahrtwind eiskalt, stieg die Tempertaur mit den ersten Sonnenstrahlen und am Mittag war es schon erdrueckend heiss unter der Tropensonne auf dem Blechdach des Zuges. An einer Stelle faehrt der Zug uebrigens im Zick-Zack den Berg hinunter – sehr spannend. Wir erreichten am spaeten Mittag das Staedtchen Alausi und nahmen von dort einen Bus nach Cuenca, vier Stunden weiter im Sueden und drittgroesste Stadt des Landes.

Dort trennten sich die Wege von Peter und mir. Peter wollte unbedingt nochmal hinunter in den Osten, in die Regenwaldtieflaender, bevor er einen Abstecher zu seiner Freundin nach Brasilien unternimmt (welche dort gerade ein Praktikum macht). Ich hingegen bin am naechsten Abend mit dem Nachtbus wieder nach Quito, von wo ich euch gerade schreibe. Meine letzten Tage werde ich mich hier noch herumschlagen, nen Ausflug nach Otavalo machen (Haengematte kaufen), am Sonntag vlt etwas Radfahren in den Bergen, am Montag das Rad auseinanderbauen und verpacken und dann, Dienstagmorgen auf zum Flughafen.

So finden ueber sechseinhalb Monate in Suedamerika ihr Ende. Am Strand an der Kueste hatte ich mal in einem stillem Moment, dass unablaessige Rauschen der Wellen im Ohr und die Weite des daemmrigen Horizontes hinterm Ozean im Auge meinen Reisepass durchgeblaettert und dabei kam mir das zurueckliegende, halbe Jahr so unglaublich unrealistisch vor, wie ein Traum, wie die Geschichte eines Anderen. Ich glaube, mir wird das alles erst wieder wirklich vorkommen, wenn ich mir zuhause, eingeschlossen in meinem Zimmer, zum ersten Mal meine verkorksten Dias anschaue.

Bis in ein paar Tagen auf heimischem Boden, Rob

4 Antworten auf “Die Vielfalt eines Landes”


  • Ach Rob, jetzt hab ich auch ne kleine Träne wegdrücken müssen, schöne Geschichte!!! Besonders gelacht habe ich bei der Fischfutterstory, sorry ;-)))

    Komm gut nach Hause und ick freu mir uff die Bilder, Dia-Abend bei Onkel Rob…(mit Fisch und Erdbeermarmelade)

  • Ja, Rob, der letzte Bericht war noch mal ein aufregender Mix. Apropos Seekrankheit: Vor vielen Jahren hat die Brufsberatung in Köpenick für Dich das Studienziel Meeresbiologe als zu Deinen Voraussetzugnen passend eruiert…..
    Alle sind ganz in Erwartung auf Dich – Gruß aus dem Waldschützpfad

  • mein gott rob! du schaukelst dir da aber auch die e… seele! mensch – mit dem gehirn ist es wie mit den muskeln, wenn die nichts zu tun haben, dann schrumpfen sie. demnach ist es unsicher, ob du uns überhaupt noch erkennst. naja – warten wir es ab. bis bald… menis

  • ha, menis, das mit dem hirn ist nur ein regionales, hoehenbedingtes phaenomen (einige tage auch auf meereshoehe anhaltend). keine sorge, wenn ich wieder nach berlin komme, wird es mit der zeit seinen normalen, mitteldeutschen luftgehalt annehmen, so wie es bei euch flachzangen auch der fall ist…

    interessante sache gestern in der zeitung:

    in ecuador besassen im juni2005 ueber 4,6mio menschen einen mobilfunktelefon, das macht ca. 30% der gesamtbevoelkerung aus – ganz schoen viel fuer ein entwicklungsland. nur ca. 1/3 dieser zahl (1,5mio) verfuegen ueber festnetztelefon. die steigerungsrate der handybesitzer zum vorjahr betrug glatte 66%!
    auch in ecuador wird fleissig fuer die opfer des hurrikans in den usa gespendet. mir ist es unverstaendlich wie man, gerade in einem eher armen land wie ecu, auch nur ein pfennig, aehh centavo an ein land spenden kann, das jaehrlich weit ueber 200mrd (!) us-dollar fuer kriegs- und verteidigungsmittel ausgibt…

    sodenn, am dienstag werde ich waehrend meines rueckfluges diesem mal wieder einen kurzbesuch abstatten und in miami im atlantik planschen. :)

    gruesse

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