Die offiziellen Berichte zur HEW Cyclassic 2005

von Husten

In meinen bunten Reigen drolliger Erlebnisse (bzw. Ergebnisse) bei den diesjährigen Schwuppettoveranstaltungen kann ich nun mit Fug und Recht behaupten, das Kronjuwel der Blödheit eingefügt zu haben.
Die Geschenisse nahmen ihren Lauf bereits mit einer strategischen Fehlentscheidung, die da lautete: Körner sparen, damit ich es nicht wieder mit der Mutter aller Krämpfe zu tun bekomme. Die fährt halt immer hinter mir her. Veranlagung, schätze ich. Es liegt sicher an meiner insgesammt sehr verkrampften Art, dass ich schneller als andere krampfe. Körner sparen, dachte ich, heißt, nicht gleich zu Anfang um jeden Meter zu kämpfen. War zu Anfang auch zum Glück nicht nötig, da aufgrund der sehr sinnvollen neuen Regelung (erster im Ziel ist erster des Rennens) zunächst regelrecht getrödelt wurde. So gondelten wir mit gemütlichen 37km/h gen Süden. Wegen meiner Körnerspartaktik legte ich keinen verstärkten Wert darauf immer in unmittelbarer Nähe von Acke/Rifli/menis zu sein.
Und so kam es wie es kommen musste: Kurz nachdem endlich Tempo ins Feld gekommen war, überbremste mein Vordermann als Reaktion auf einen dieser idiotischen Zieharmonika-Effekte, die oftgenug ohne jeden Grund entstehen, kugelte sich recht geschickt auf den Asphalt und zwang mich zum Ausweichen ins Gras neben der Strasse, wo sich zum Glück kein Graben befand. Bis ich wieder in die Pedalen geklickt hatte und mit viel zu großem Gang Fahrt aufgenommen hatte war es da.
Das Loch.
Die Leiden begannen irgendwann dannach. Nur noch kleine Grüppchen, ständig im Wind, Wind von links aber der, der führt, fährt ganz rechts. Aus Doofheit oder Gemeinheit, wer kann das schon wissen. Fazit: Körnersparen führte zur Körnerverschwendung. Gewinnen kann in Hamburg nur der, der investiert. Sparen bringt bei diesem Profil nichts. Von Bergen keine Spur. Nur ein Hauch von Hügelchen.
Egal – mit ein paar Leistungsträgern aus dem B-Block, die zum Endspurt ansetzten, wurde ich wieder in eine recht große Gruppe von 155km-Fahren gespült. Mit denen ging es in die Stadt rein und schon bald sah ich die riesen Schilder und hörte die Lautsprecheransage:FELDERTRENNUNG! 155 KM BITTE RECHTS FAHREN, 100 KM BITTE LINKS FAHREN. Oder so ähnlich.
Ich schaue nach vorne und sehe auf der linken Fahrbahnseite eine große Gruppe mit 2er Startnummern (die waren alle auf der 100er-Runde) in der Strassenmitte fährt niemand und direkt vor mir, ja überall um mich herum lauter Hechte mit 3er-Nummern (die nur die 155er-Fahrer hatten). Mein Spatzengehirn meint also alles Paletti und widmet sich wieder ganz dem schnellen Niederdrücken der Pedalen. Aufeinmal schwenkt die ganze Meute an der Binnenalster entlang und ich denke: hmmmm – komisch. Allerdings: Waaaahnsinnsstimmung, tausende von Zuschauern, Lärm bis die Ohren abfallen, Adrenalinpegel steigt. Als wie auf die Zielgerade der Möckebergstrasse schwenken ahne ich fürchterliches. Das kann ja wohl nicht stimmen.
Die letzten Schnecken der 55km Strecke versuchen gerade taumelnd ein paar Meter freihändig zu fahren, um ihrer Zielankunft den nötigen pittoresk-profihaften Anschein zu verleihen, als Sie von (wie ich inzwischen erfuhr..) über 60 kopflosen, fürchterlich eiligen und langsam in Panik ausbrechenden Rüpeln rüde Aufgemischt werden und auf wenig höfliche Art zum Platzmachen aufgefordert werden.
Immer noch sucht mein adrenalingeschwängertes Hirn krampfhaft nach Indizien, dass alles stimmt. Dass alles gut wird und die Veranstalter tatsächlich alles so gewollt haben.
Ich sehe ein kleines Schild mit Pfeil und einer 155km darunter. Weil ich unterbewusst so gerne möchte, dass dieses Schild mich auf den richtigen Weg bringt, lesen meine Augen nicht das Wort „Transponderrückgabe“, welches sich ebenfalls darauf befindet. Oder sie lesen es, aber mein Hirn zensiert wunschgemäß die Bedeutung.
Erst als ich umringt von Fahrern der 55km-Strecke am Ende der Transponder-Rückgabeschlange anstehe, bin ich bereit die Wahrheit zu akzeptieren:
Falschgefahren.
Rumstehen. Lautes Rufen und hecktisches Zeigefingergefuchtel. Wo? Da? Nein da! Die Diskussion mit einigen der anderen Blindfüchse ergibt: Man ist sich einig wir werden bestimmt aus dem Rennen genommen (dem ist nicht so wie sich später herausstellt; O-Ton U. Vahrenkamp: die Leute von der Zeitnahme haben sich ganz schön gewundert…). Die wenigsten wollen weiterfahren. Ich und ein anderer Typ klettern über eine Absperrung und überqueren die Strecke, gondeln (inzwischen schicksalsergeben und deswegen wieder etwas klar denkend) durch die Gegend, bis wir Höhe Kennedybrücke die Orientierung gewonnen haben und machen uns auf den richtigen Weg. Er entscheidet sich aber doch anders. Wir wechseln noch ein paar Worte und ich fahre weiter. Soll ich nun oder nicht? Da rollt so ein braungebrannter, eingeölter Leistungsträger an mir vorbei. Den hatte ich vorher an der Binnenalster (als wir auf dem Holzweg waren) neben mir wahrgenommen. Ich hinterher. Zusammen fahren wir ein Stück, aber er ist auch unentschlossen und als endlich ein schnelles Feld aus dem c-Block zur Mitfahrt einläd, dreht er doch um aber ich hänge mich dran.
Die Beine gehen gut, ich schlängel mich hier und dort ganz elegant durch, am Ende geht es mit einer flotten und mittlerweile ziemlich dezimierten Gruppe in die Innenstadt und schon ist das Rennen zu ende.
Das Wetter, die Stimmung, die unglaublichen Zuschauermassen in Wedel oder Buchholz und natürlich die sagenhafte Mönckebergstrasse, was für ein Kick! Schnell Radfahren am Limit, jede Menge Idioten aber auch jede Menge, faire, pfeilschnelle, fitte und rücksichtsvolle Fahrer und Fahrerinnen!
Welch ein Erlebnis.
Und hinterher die glücklichen Gesichter der Eisenschweine und ihrer bezaubernden Begleitungen. In meinem „eigenen“ Rennen habe ich am Ende 161 km und einen Schnitt von 40kommabisschen auf der Uhr. Damit und mit dem tollen Erlebnis versöhne ich mich schnell und habe die idiotische Episode mittlerweile nicht mehr unter Rubrik „Scheizzze“ sondern unter „sowaspassiertundeswargeil“ abgelegt.
Danke an alle, besonders an die Ladies! Und Norbert. Und Eule (der einen 157%-stimmigen Wetterbericht vor dem Rennen abgeliefert hat. Anscheinend eines von Eules vielen verborgenen Talenten)

bis denn

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